Kurioses Ikonographie Februar 2009

Die Wilden Menschen der Pirnaer Marienkirche

Der Teufel steckt im Detail

Wer hat nicht das Bild von Tarzan im Kopf, wie er sich nach einem markerschütternden Schrei an ­einer Liane durch den Dschungel schwingt? Der wilde, aber gutmütige Mann im Lendenschurz, der erst nach und nach das Sprechen von seiner Freundin Jane erlernt, ist für viele der Inbegriff des Urmenschen. Er lebt in der Natur und befindet sich in einem paradiesisch-unschuldigen Gemütszustand.

Sehr lange waren der Wilde Mann (unten) und die Wilde Frau verblasst und fielen in der Marienkirche, die so viele Schätze birgt, kaum auf. Seitdem sie 2004 ihre originale grüne Farbe zurückerhielten, entdecken die Besucher die zwei Gestalten wieder. 
© Herbert Boswank
Sehr lange waren der Wilde Mann (unten) und die Wilde Frau verblasst und fielen in der Marienkirche, die so viele Schätze birgt, kaum auf. Seitdem sie 2004 ihre originale grüne Farbe zurückerhielten, entdecken die Besucher die zwei Gestalten wieder.

Im sächsischen Pirna treffen wir auf das Motiv weit jenseits des Regenwalds. Dort klammern sich in der Marienkirche zwei Gestalten unerschrocken an freischwebende Äste - für ein Gotteshaus eine ganz ungewöhnliche Szenerie. Die unbekleideten Wesen können sich aber nicht leichtfüßig bewegen, sondern sie sind auf Ewigkeit an ihre Astrippen gefesselt, die vom Netzgewölbe der Hallenkirche herunterhängen. Es sind gewagte Arbeiten eines unbekannten Steinmetzen aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Die Forscher finden für ihre Erscheinung im Chor zwar keine Erklärung, äußern aber großes Staunen. Das grüne, buschige Fell, das nur die Fingerspitzen, die Zehen und Gesichter ausspart, weist die Gestalten als Wildmenschen aus. Es handelt sich um einen Wilden Mann mit grauem wallenden Haar und Bart und eine langmähnige blonde Wilde Frau, beide von kräftig-gedrungenem Wuchs und beeindruckender Muskelkraft.

2004 brachte man sie während der Restaurierung der Kirche, die von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz unterstützt wurde, als einer der vielen verblassten Schätze zum Leuchten. Die Wildmenschen bekamen ihre historische, intensive Farbigkeit zurück. Auf den knapp vier Meter langen Ästen, die lianengleich aus dem Gewölbe wachsen statt sich als fein behauene Rippen feierlich zu Sternen zu formen, verfolgt ein Marder einen Vogel bis unter das Dach und lugt ein hockendes Äffchen hinter dem Baum hervor. Die knorrigen Äste, die Tiere und Wildmenschen zetteln eine optische Revolte gegen das strenge System der geometrischen Gotik an. Mit ihnen siegt - zumindestens formal - das Urwüchsige und Natürliche über die abstrakte Ordnung.

Überbordende Gotik: Phantasievolle Gewölbeformen sind das eine, Malereien und realistische Tiergestalten das andere, an dem man sich in Pirna kaum sattsehen kann. 
© Herbert Boswank
Überbordende Gotik: Phantasievolle Gewölbeformen sind das eine, Malereien und realistische Tiergestalten das andere, an dem man sich in Pirna kaum sattsehen kann.

Wilde Frauen und Wilde Männer sind in der Kunst des Mittelalters und in der Renaissance keine seltenen Erscheinungen. Heute ist schwer zu begreifen, dass sie zur Wirklichkeit gehörten, "Realitäten" waren wie der Teufel. Mythische Vorstellungen von halbmenschlichen Waldbewohnern sind in nahezu jeder Kultur verbreitet, doch als Figuren im Chor einer Kirche stellen sie eine absolute Seltenheit dar. Im Volksglauben des germanischen und slawischen Sprach­raums kommen sie in Epen, Sagen und Märchen vor, gelten als Bergwerksdämonen oder Glücksbringer, schmücken Wandteppiche, Minnekästchen, Chorgestühle, Reliquien, Glasmalereien, Kartenspiele und als Sinnbild der Fruchtbarkeit und Stärke Wappenbilder adeliger Familien. Mit ihnen wurde der Glaube an alte germanische Götter oder antike Figuren tradiert, an den griechischen Waldgott Pan, die Satyrn, Sirenen und Nymphen. Wilde Männer stellten Gegenfiguren zum wohlanständigen edlen Ritter dar, weil sie als sinnenfreudig und zupackend angesehen wurden.

Der Wilde Mann ist darüber hinaus aber auch ein komplexes religionsphilosophisches Konstrukt. In ihm zeigt sich der scharfe Dualismus einer mittelalterlichen Weltauffassung, nach der sich alle Geschöpfe in zwei Extreme spalten: in die Wilden und die Zahmen. Sie drücken den großen, ewigen Gegensatz aus, den Kampf der niederen gegen die höheren Kräfte, der Barbarei gegen die Kultur, der Rohheit gegen die Sitte, des Lasters gegen die Tugend.

Tauchen Wildmenschen wie in Pirna im Allerheiligsten einer Kirche über dem Altar auf, könnten sie das Böse verkörpern oder das Tragische, weil sie jenseits der zivilisierten Gesellschaft leben und nach mittelalterlicher Ansicht dem Teufel ausgeliefert sind. Blickt man in ihre Gesichter und auf ihre Körperhaltung, wirken die zwei recht gelassen und einfältig, ähneln eher Natur­menschen als Dämonen. Hier steckt der Teufel nicht im Wilden Mann, sondern im Detail. Denn möchte man Klarheit in die Deutung bringen, entziehen sich die Wildmenschen der rationalen Welt. Wilde Männer und Wilde Frauen sind von Natur aus widersprüchlich und rätselhaft.

Christiane Schillig