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Nur wenige Kioske überlebten die 50er Jahre

Milch vom Fliegenpilz

Die Signalwirkung ist ihm nicht abzusprechen: Schon kleine Kinder lernen schnell, im Wald einen Fliegenpilz zu erkennen und sich tunlichst von ihm fernzuhalten. Dass ausgerechnet einer der giftigsten Vertreter seiner Art in den fünfziger Jahren zum Konsum gesunder Milchprodukte anregen sollte, war kein Widerspruch.

Geschäftsidee mit Zukunft: der Bregenzer Milchpilz in den fünfziger Jahren 
© Hermann Waldner GmbH & Co. KG, Wangen im Allgäu
Geschäftsidee mit Zukunft: der Bregenzer Milchpilz in den fünfziger Jahren

Das "Design" der Natur hatte Amanita muscaria, so die botanische Bezeichnung, längst populär gemacht. Aus Märchen- und anderen Kinderbüchern war der Pilz mit dem charakteristischen roten Tupfenhut als Wohnstatt liebenswerter Wichtel, Elfen und Blumenkinder wohlvertraut. Auch gilt er gemeinhin als Glückssymbol.


Diese Tradition aufgreifend, entwickelte die Hermann Waldner KG aus Wangen im Allgäu einen Kiosk in Form eines Fliegenpilzes und brachte ihn 1952 erstmals auf einer Tagung des Verbandes großstädtischer Milchversorgungsbetriebe in Bayreuth zum Einsatz. "Der Milchpilz als Milchverbrauchswerber" - so lautete der sperrige Slogan, der die Geschäftswelt von der neuen Einnahmequelle überzeugen sollte. Der Pilz wurde fertig montiert geliefert, die notwendigen Geräte wie Einbaukühlschrank, Schlagsahnezapfer oder die Eismaschine "Rapidchen" konnte man beim Hersteller gleich mitbestellen. Die Fabrik für Molkereigeräte hatte sich mittlerweile auf komplette Einrichtungen für Milchgaststätten spezialisiert.

Werbeplakat für die fertig montierte Milchbar 
© Hermann Waldner GmbH & Co. KG, Wangen im Allgäu
Werbeplakat für die fertig montierte Milchbar

Die Idee kam gerade recht in einer Zeit, in der die Milchbar en vogue wurde und auch in Deutschland immer mehr Eisdielen öffneten. Milch, Eis und Sahne, lange genug Mangelware, bezeugten jetzt den wiedergewonnenen Wohlstand. Mit Bananenmilch oder Capri-Becher holte man sich die große, weite Welt ins Land. Besonders unter jungen Leuten, denen Alkohol bis zum 21. Lebensjahr verwehrt war, galt es als schick, sich in der Milchbar zu treffen. Sie wurde in Schlagern besungen, fand Eingang in Literatur und Filme. "Ja, dies ist die Liebe in der Milchbar - jede Maid trifft sich heut' mit ihrem Knilch da!", reimte man im Studenten-Kabarett.

Rolf Gutbrod hatte 1950 für die Deutsche Gartenschau auf dem Stuttgarter Killesberg einen dynamisch-leichten Milchbar-Pavillon entworfen, der den Anschluss der deutschen Nachkriegsarchitektur an den internationalen Stil dokumentierte. Dagegen bediente das getupfte Häuschen der Firma Waldner ein naheliegendes Bedürfnis nach Farbe und Fröhlichkeit: Der Glückspilz wurde zu einer Zeit in die Städte gepflanzt, als man die Trümmerlandschaften noch allzu gut vor Augen hatte.

Der Kiosk in der Regensburger Fürst-Anselm-Allee steht unter Denkmalschutz. 
© Wikimediacommons 2008
Der Kiosk in der Regensburger Fürst-Anselm-Allee steht unter Denkmalschutz.

Kein Wunder, dass sich der ungewöhnliche Kiosk großer Beliebtheit erfreute. Etwa 50 Milchpilze lieferte die Firma insgesamt aus. Sie schmückten nicht nur deutsche Plätze, sondern wurden auch in andere Länder exportiert. Die Holz-Fertigbauweise ermöglichte einen unkomplizierten Auf- und Abbau. Der Prototyp wurde nach der Bayreuther Tagung in Regensburg aufgestellt, wo er noch immer zu finden ist.

Bis heute wirken die Erfrischungskioske in Form eines Fliegenpilzes sehr viel einladender als die gängigen Container und Bretterbuden. Einige wenige Exemplare haben überlebt, so etwa in Wangen, Lindau und Bregenz - das stark frequentierte Kultobjekt am österreichischen Bodenseeufer dient sogar ganz authentisch als Milchbar.

Dennoch ist diese Gattung der urbanisierten Waldbewohner bedroht. Der Abriss des Regensburger Pilzes konnte immerhin abgewendet werden. 2003 kam das "Milchschwammerl" auf die Bayerische Denkmalliste. Letztlich dokumentieren die erhaltenen Verkaufshäuschen auch den Wandel des Konsumverhaltens: Das Angebot umfasst heute mitunter Bratwurst und Döner.

Dr. Bettina Vaupel

Weitere Infos im WWW:

www.waldner.de