Landschaften, Parks und Friedhöfe Gärten August 2008 I

Im Altjeßnitzer Park kann man sich verlaufen

Irren ist menschlich

Ein kaum zu beschreibendes Gejuchze und Gelächter erklingt aus dem Irrgarten von Altjeßnitz. An diesem herrlichen Frühlingstag flitzen viele Kinder zwischen den Hainbuchenhecken umher, um den richtigen Weg zum Zentrum des Irrgartens zu finden. 200 Möglichkeiten gibt es insgesamt, und wer gleich den mit 400 Metern kürzesten Weg aufspürt, erreicht sein Ziel in wenigen Minuten.

Wer den richtigen Weg findet, ist in wenigen Minuten am Ziel.  
© R. Rossner
Wer den richtigen Weg findet, ist in wenigen Minuten am Ziel.

Eine Besucherin, die nicht das erste Mal in Altjeßnitz ist, gibt etwas beschämt zu, dass sie ein halbes Jahr zuvor zwei Stunden benötigt habe. Doch an diesem Tag ist sie kaum an der Ceres-Statue vorbeigehuscht, als sie uns auch schon erleichtert von dem hölzernen Podest im Mittelpunkt des Irrgartens zuwinkt.


Hans Adam Freiherr von Ende hatte 1694 ein Rittergut in Altjeßnitz erworben und es in den folgenden Jahren zu einem eleganten Landsitz ausbauen lassen. Das Schloss wurde im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt und 1975 abgerissen. Heute erinnern nur noch die ehemaligen Wirtschaftsgebäude, ein Glockenturm und der 3,1 Hektar große Park mit wertvollem alten Baumbestand an die einstige Pracht.

Zu diesem Park gehört auch der mit 2.600 Quadratmetern größte historische Irrgarten Deutschlands. Er wurde um die Mitte des 18. Jahrhunderts angelegt, als der Zeitvertreib des sich Verirrens und Suchens in Mode gekommen war und man die Irrgärten des Kardinals Ippolito II. d'Este in Tivoli bei Rom kopierte. Wie im Park der Villa d'Este entstand das Labyrinth in Altjeßnitz auf quadratischem Grundriss. Später wurden Heckenreihen ergänzt, so dass der Irrgarten heute rechteckig ist. Außerdem verlegten die Freiherren von Ende, die das Gut bis zur Enteignung 1945 besaßen, den Eingang von der Süd- auf die Westseite.

Der Eingang des Irrgartens wird durch eine Skulptur der Göttin Ceres bewacht.  
© R. Rossner
Der Eingang des Irrgartens wird durch eine Skulptur der Göttin Ceres bewacht.

Der Park ist Teil des Projekts "Gartenträume - Historische Parks in Sachsen-Anhalt". Dieses Netzwerk erhält und erforscht 40 Parks und Gärten, sorgt für eine kulturelle und wirtschaftliche Nutzung und unterstützt ihre Sanierung. Man half auch bei der Wiederherstellung des Irrgartens von Altjeßnitz. Dabei wurden die Schäden an den 2,50 Meter hohen Hecken, die im Laufe der Jahre niedergedrückt worden waren, beseitigt und Pflanzen, die dort nicht hingehörten, gerodet. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz stellte für diese Maßnahmen und für Arbeiten im Park rund 90.000 Euro bereit.

Damit die Besucher während der Sanierung dennoch auf ihre Kosten kamen, hatte sich der Tourismusverein Altjeßnitz etwas ganz Besonderes einfallen lassen: den weltgrößten Irrgarten aus Getränkekästen. Viele Helfer aus der Gemeinde und der Region schafften es in gut einer Stunde, 16.776 Kästen zu stapeln - 1.776 mehr als bei einem 1999 im hessischen Heppenheim aufgestellten Rekord.

Doch die Zeiten, als der Weg zum Ziel durch Kunststoff führte, sind inzwischen vorbei. Die Ceres-Statue, die ebenfalls restauriert wurde und den Eingang zum Irrgarten bewacht, lädt die Besucher wieder ein, im natürlichen Heckentheater nach dem rechten Weg zu suchen.

Carola Nathan

Öffnungszeiten:
Der Irrgarten ist vom 2. Märzwochenende bis 31. Oktober geöffnet:
Mo-Fr von 8 bis 20 Uhr; Sa, So und an Feiertagen von 10 bis 20 Uhr.
Letzter Einlass ist um 18 Uhr.