Warum St. Johannis auf der Insel Föhr dringend Hilfe braucht

Beim Klopfen klingt es hohl

Urlaubsstimmung stellt sich ein, auch bei uns, die wir zur Arbeit auf die Nordseeinsel Föhr gekommen sind: Die Sonne strahlt von einem wolkenlosen Himmel, Gaststätten und Cafés locken Spaziergänger und Radfahrer an, reetgedeckte Häuser ducken sich unter hohen Bäumen. Manche sind weiß gestrichen, schmücken sich mit blau-weißen Fenstern und Türen, andere zeigen den roten Backstein der Region. Alles hier in Nieblum ist liebevoll gepflegt: die Häuschen und die Gärten mit den duftenden Blumen ebenso wie die Straßen und Wege. Alles scheint wohlgeordnet, atmet Ruhe und Geborgenheit.

Idyllisch und doch bedürftig: die Kirche in Nieblum auf Föhr, die Johannes dem Täufer geweiht ist. Großbildansicht 
© ML Preiss
Idyllisch und doch bedürftig: die Kirche in Nieblum auf Föhr, die Johannes dem Täufer geweiht ist. Großbildansicht

Auch der weitläufige Friedhof am nördlichen Rande des Dorfes ist gut besucht. Alte reichverzierte Grabsteine künden von der Geschichte Nieblums, brachen doch von hier einst Seefahrer und Walfänger zur Fahrt über die Weltmeere auf. Mittendrin erhebt sich die mächtige, Johannes dem Täufer geweihte Kirche. Einladend steht sie für jedermann offen. Doch plötzlich durchbricht das laute Kreischen eines elektrischen Werkzeugs die friedliche Stille des Ortes, Arbeiter kratzen Putz aus den Fugen an der Fassade des Langhauses. Rot-weiße Bänder trennen den Bereich um das Gerüst ab.

Die Kirche ist das größte der drei mittelalterlichen Gotteshäuser der Insel und wird deshalb gern "Friesendom" genannt. Auf den Mauern eines romanischen Vorgängerbaus, der im späten 12. Jahrhundert aus Granitquadern und Tuffstein errichtet worden war und von dem noch Reste im Langhaus und an den Chorwänden zu finden sind, entstand im 13. Jahrhundert die heutige, größere Kirche. An den spätromanischen Chor mit der halbrunden Apsis schließt sich das frühgotische Querhaus mit dem reich gegliederten Südgiebel an. Während Chor und Querhaus im Inneren Rippengewölbe zeigen, hat das Langhaus eine flache Holzbalkendecke. Im Westen erhebt sich der quadratische Turm mit dem in dieser Gegend üblichen Satteldach. Ecklisenen, Friese und Blendbogen bilden seine frühgotische Zier.

Wie ihr Dorf haben die Nieblumer auch ihre Kirche, die wegen der exponierten Lage auf einer leichten Anhöhe den rauen Nordseestürmen ausgesetzt ist, stets gepflegt. Doch sparsam, wie sie waren, nahmen sie immer die Backsteine, die sie gerade zur Verfügung hatten. So findet man heute im Mauerwerk eine bunte Mischung von etwa 30 Steinarten, die sich in Format und Festigkeit unterscheiden.

Der Innenraum – hier das südliche Querschiff – zeigt deutliche Schäden.  
© ML Preiss
Der Innenraum – hier das südliche Querschiff – zeigt deutliche Schäden.

Doch nun muss seit einiger Zeit wieder an der Fassade gearbeitet werden. Obwohl die Backsteinkirche auf den ersten Blick recht unversehrt wirkt, ist sie mehr denn je in großer Not - auch wenn in den vergangenen zwei Jahren schon einiges geschafft wurde. Die vermutlich aus dem 19. Jahrhundert stammende Schieferdeckung des Daches war von der feuchten, salzhaltigen Luft so geschädigt worden, dass der Dachstuhl ständig der Nässe ausgesetzt war und, vom Schwamm befallen, dringend saniert werden musste. Trotz der hohen Kosten entschloss man sich, nach dem Turmdach auch Langhaus und Chor wieder - wie ursprünglich - mit wesentlich langlebigerem Blei einzudecken.

Auch die Fassaden hatten unter der ständigen Feuchtigkeit gelitten. Besonders erschreckend aber sind die Schäden an den Mauern, die in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg instand gesetzt worden sind. Denn hier hat man zum Teil Beton eingebracht und Fugenmörtel aus Zement verwendet, was die natürliche Entwässerung der Fassaden massiv beeinträchtigt. Das führte zur Zerstörung von Steinen, aber auch dazu, dass sich bei großen Flächen die einzelnen Mauerschichten voneinander gelöst haben. Nun werden die Fassaden nach und nach saniert - eine äußerst mühselige Arbeit, müssen doch Zementmörtel und Beton vollständig beseitigt und oftmals ganze Bereiche neu aufgemauert werden. Anschließend werden die Fugen mit einem hellen Kalkmörtel versehen. Trotz der bunten Vielfalt an Steinen entsteht dadurch ein einheitliches, lebendiges Bild.

Besonders deutlich sind die Schäden noch am Chor und am Turm zu erkennen, lediglich dessen Ostwand über dem Langhausdach wurde bereits im Zuge der Dachdeckung restauriert. Aber auch die äußerlich intakten Fassaden bergen unangenehme Überraschungen, wie der Architekt Dietrich Fröhler bei unserem Besuch demonstriert: Beim Klopfen klingt es an einigen Stellen deutlich hohl. Salzspuren zeigen, dass hier wegen des eingebrachten Betons kein natürlicher Wasseraustausch möglich ist.

Die spätgotische Johannesfigur ist eine außergewöhnliche Bildfindung.  
© ML Preiss
Die spätgotische Johannesfigur ist eine außergewöhnliche Bildfindung.

Die Feuchtigkeit in den Wänden führt zu gravierenden Schäden im Inneren. Dort kristallisieren Salze aus, lösen sich Putzflächen und Anstriche ab. Das ist umso schmerzlicher, denn der Friesendom ist reich ausgestattet: Das älteste Stück ist die Granittaufe aus dem 12. Jahrhundert, deren Relief von der Bedrohung der Menschen durch Drachen und Löwen erzählt (siehe Kopfgrafik links). Der vermutlich Ende des 15. Jahrhunderts in einer lübschen Werkstatt entstandene Schnitzaltar zeigt die Krönung Mariens sowie Johannes den Täufer und Papst Silvester, umgeben von den zwölf Aposteln, bei denen leider einige Attribute abhanden gekommen sind.

Ebenfalls bedeutend sind die 1618 nach Einführung der Reformation gestiftete Kanzel und die überlebensgroße Holzstatue Johannes des Täufers mit dem Lamm - möglicherweise aus dem 15. Jahrhundert - in der Südostecke des Chores. Johannes steht auf einer Figur, die wohl ursprünglich König Herodes darstellen sollte: Auf dessen Geheiß wurde Johannes einst umgebracht, dennoch hat der Vorläufer Jesu letztlich über ihn triumphiert. Pastor Holger Asmussen findet auch eine Erklärung dafür, dass die Herodes-Figur mit einer Jakobsmuschel am Hut als Pilger umgedeutet wurde: Vielleicht wollte man dem dänischen König als möglichem Geldgeber der Kirche die Darstellung eines unterlegenen Königs nicht zumuten.

Während wir uns in der Kirche aufhalten, gehen ständig Touristen ein und aus. Sie äußern sich bedauernd über den schlechten Gesamtzustand, interessieren sich für den Fortgang der Arbeiten. Schließlich haben einige bereits eines der regelmäßigen Konzerte besucht oder Fernsehbeiträge über Kirche und Friedhof gesehen. Doch erst, wenn die Probleme der Fassaden gelöst sind, kann man das Innere sanieren.

Der zum Besuch einladende Kirchenraum St. Johannis wartet auf die Sanierung. 
© ML Preiss
Der zum Besuch einladende Kirchenraum St. Johannis wartet auf die Sanierung.

Der Kirchengemeinde fehlt aber inzwischen das Geld. Die bisherigen Arbeiten konnten vor allem dank des 2003 gegründeten Fördervereins St. Johanniskirche e. V. vorangetrieben werden. Ihm gelang es, zahlreiche Spender zu gewinnen und mehrere Fördertöpfe - auch von der Europäischen Union - anzuzapfen. Mittel kamen außerdem von der Nordelbischen Kirche, vom Kirchenkreis Südtondern und von der KiBa, der Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler in Deutschland. Etwa eine Million Euro konnten so bisher eingesetzt werden, aber mindestens noch einmal so viel ist notwendig, um die schlimmsten Schäden an der Fassade und im Inneren beheben zu können. "Alle Anstrengungen wären vertan, wenn nun die Restaurierung nicht zu einem guten Abschluss gebracht werden könnte", umschreibt Pastor Asmussen seine gegenwärtigen Sorgen.

Deshalb möchte die Deutsche Stiftung Denkmalschutz die Kirchengemeinde unterstützen. Dazu benötigen wir Ihre Hilfe, liebe Leserinnen und Leser! Soll die alte, stolze Kirche der Nieblumer doch auch weiterhin ein Anziehungspunkt für die zahlreichen Gäste der Insel und ein würdiger Rahmen für die Gottesdienste und die jährlichen Sommerkonzerte bleiben.

Dr. Dorothee Reimann

Informationen über die Sommerkonzerte 2008, darunter zwei Konzerte des Schleswig-Holstein-Musikfestivals: Birgit Wildeman, Tel. 04683/45 39, birgitwildeman@t-online.de

Kopfgrafik - Bild links: Der mittelalterliche Taufstein ist aus einem Granitblock gehauen.

Weitere Infos im WWW:

www.friesendom.de