April 2008

Die Oberkirche in Arnstadt muss dringend restauriert werden

Der Anblick täuscht

Es tut eigentlich in der Seele weh. Zwar gibt es viele Kirchen im Land, die in einem erbärmlichen Zustand sind und mit schweren statischen Problemen zu kämpfen haben. Dass man aber bei der Oberkirche in Arnstadt, seit dem 16. Jahrhundert die Hauptkirche des thüringischen Ortes, besonders tief seufzt, hat viele Gründe. Der schmerzlichste ist, dass der baufälligen Kirche anzumerken ist, wie sehr sich die Gemeinde und die Arnstädter Bürger um das frühgotische Gotteshaus bemühen und wie viele kreative Ideen vorhanden sind, aus der Oberkirche wieder einen lebendigen Ort des Glaubens und der Begegnung zu machen. Doch das Bauwerk hat so schwerwiegende Schäden, dass jeder gute Wille auf halbem Weg zu erlahmen droht. Erst muss eine dringend notwendige Sanierung des gesamten Kirchenbaus durchgeführt werden - und dafür reichen die finanziellen Mittel nicht aus.

Noch heute ist die Oberkirche als Teil eines ehemaligen Franziskanerklosters zu erkennen.  
© ML Preiss
Noch heute ist die Oberkirche als Teil eines ehemaligen Franziskanerklosters zu erkennen.

Die Oberkirche in Arnstadt ist alt und groß. Die rund 60 Meter lange, schlichte und einst turmlose Kirche gehörte zu einem Franziskanerkloster, das nach 1246 von Bettelmönchen aus Gotha gegründet wurde und die für ihre gemeindeoffene Tätigkeit ein geräumiges Gotteshaus benötigten. Bis zur Reformation lebten und wirkten die Brüder in der Stadt, dann mussten sie 1533 das Kloster - unter "großem Zorn" - verlassen. Mit der Reformation schloss sich für das Klosterensemble eine weitere Blütezeit als Schule an. Zunächst war es von 1540 bis 1561 Erziehungsanstalt des Grafen Günther des Streitbaren von Schwarzburg. Er überließ es als Alterswohnsitz seinem Oberst Leo von Packmor, der das Kloster nach dem großen Stadtbrand von 1581 als Notunterkunft zur Verfügung stellte. Von 1589 bis 1911 nutzten verschiedene Schulen die im Laufe der Zeit stark umgebauten Gebäude, die heute das evangelische Gemeindezentrum mit Kindergarten und Seniorenbegegnungsstätte beherbergen.

Seit jener Zeit ist das Gotteshaus Arnstadts "gute Stube" und die Predigtkirche der Superintendenten. In ihr wurde geheiratet, getauft und der Verstorbenen gedacht. Sie wurde reich mit zweigeschossigen Emporen, Fürsten- und Grafenständen aus der Renaissance sowie im 17. Jahrhundert mit Hochaltar, Kanzel und Taufe ausgestattet, die der Arnstädter Bildschnitzer Burkhardt Röhl schuf. Dennoch musste sie 1977 gesperrt werden, zu schlecht war ihr baulicher Zustand.

Nicht nur die Nordwand der Kirche, sondern auch die des ehemaligen Kreuzgangs droht wegzubrechen.  
© ML Preiss
Nicht nur die Nordwand der Kirche, sondern auch die des ehemaligen Kreuzgangs droht wegzubrechen.

Wie alle ihre Klöster hatten die Franziskaner auch dieses im Hinblick auf die Versorgung an günstiger Stelle am Stadtrand errichtet. Eine Lage, die sich jetzt topografisch und geologisch wohl als kritisch erweist: An der Nordseite der Kirche liegt ein heute trockengelegter Laufbrunnen aus dem Mittelalter. Aufgrund dieses Brunnens vermutet der zuständige Architekt Rüdiger Lehrmann unterirdische Wasserläufe in der Nähe der Kirche, die allmählich den Boden unterspülen und aufweichen, so dass die Nordwand des Gebäudes wegkippt. Bereits 1461 hatte man an die nördliche Chorseite einen Turm angefügt, um den Kirchenbau zu stabilisieren. Diese allmähliche Bauverformung ist der Grund allen Übels und droht, das Schicksal der Oberkirche zu besiegeln. Denn das hübsche Städtchen Arnstadt ist wahrlich nicht arm an bedeutenden Gotteshäusern. Da gibt es die Bachkirche, in der der 18-jährige Johann Sebastian von 1703 bis 1707 als Organist wirkte, dann die Liebfrauenkirche, Arnstadts älteste Kirche, die in ihren spätromanischen und frühgotischen Stilformen zusammen mit dem Naumburger Dom zu den qualitätvollsten Sakralbauten in Mitteldeutschland zählt, und als Dritte im Bunde die Oberkirche - alle drei waren dringend restaurierungsbedürftig. Die beiden anderen Kirchen sind inzwischen erfolgreich saniert. Nun steht die Oberkirche an, die den Herzen der Arnstädter so nahe ist. Ihre Rettung aber erfordert eine große gemeinsame Anstrengung.

Dem Besucher fällt es zunächst schwer, in dem langen tonnengewölbten Raum einen geweihten Kirchensaal zu erkennen. Eine Trennwand aus Spanplatten schließt den Altarraum ab. An der Südseite verläuft die zweigeschossige Empore, deren Böden zum Teil herausgenommen sind, darunter ist ordentlich allerlei Baumaterial gestapelt. An der Nordwand steht das recht trostlose Gerippe der Kanzel von 1624. Ein Schild weist darauf hin, dass sich Kanzelkorb und -treppe bei Restauratoren befinden. An der Trennwand lehnt ein großes Kruzifix, das der Bildhauer Röhl um 1640 schuf.

Auch die Arno und Oswald Herzer-Stiftung, die von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz treuhänderisch verwaltet wird, bemüht sich um die Rettung der Oberkirche.  
© ML Preiss
Auch die Arno und Oswald Herzer-Stiftung, die von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz treuhänderisch verwaltet wird, bemüht sich um die Rettung der Oberkirche.

Erst hinter der Trennwand offenbart sich ein eindrucksvoller Altarraum. Doch im Gegensatz zu der weiten Leere des Kirchensaals wirkt dieser fast beengt: Der dreigeschossige Hochaltar von 1642 verdeckt die drei lanzettförmigen Chorfenster. Daneben gesellen sich mächtige Epitaphien, teilweise von Planen überdeckt, und es reihen sich Grabsteine aus dem 14. bis 18. Jahrhundert wie ein Schmucksockel an den Wänden entlang. Daran schließen sich die 1715 eingebauten prächtigen Kirchstühle an, reichverziert und verglast die einen, Fragmente die anderen. Die pompöse Taufe mit Baldachin von 1639 und die Kirchenbänke haben auch noch Platz gefunden. Vor lauter Ausstattung geht fast die Qualität der einzelnen Kunstwerke unter.

Doch die Trennwand, die in den 1990er Jahren eingezogen wurde, hat ihren Sinn. Dachstuhl und Dach waren so weit gesichert, dass man den Altarraum wieder für Gottesdienste nutzen konnte. Da man den Kirchgängern ein geborgeneres Gefühl vermitteln wollte, baute die Kirchengemeinde die Wand ein. Tatsächlich ließen und lassen sich viele Arnstädter dort wieder trauen und ihre Kinder taufen - auch wenn es nur in einem Provisorium geschieht.

Blick durch das Langhaus auf die Westempore mit Orgel und Chortribüne.  
© ML Preiss
Blick durch das Langhaus auf die Westempore mit Orgel und Chortribüne.

Und das ist das Besondere: Der Wille, die Kirche zu retten, ist nach wie vor ungebrochen. Seit letztem Jahr wird der Gemeindekirchenrat von dem neugegründeten Verein Oberkirche Arnstadt e.V. tatkräftig unterstützt. Die frühgotische Oberkirche bietet beste Voraussetzungen für eine sowohl kirchliche als auch kulturelle Nutzung. Ideen gibt es viele, denn der tonnengewölbte Kirchenraum ist nicht nur groß, er hat darüber hinaus eine fabelhafte Akustik. Und weil das Gotteshaus auch in seinem hinfälligen Zustand ein beeindruckendes und anrührendes touristisches Ziel ist, halten es Vereinsmitglieder an jedem Wochenende offen - ein Angebot, das in den letzten acht Monaten über 3.000 Besucher angezogen hat. Ende März wird ein wichtiger Schritt getan: Um in der Oberkirche die kirchlichen und weltlichen Aktivitäten wieder zu verbinden, wird die störende Trennwand abgebaut. Dann können die Gemeinde und die Gäste den großzügigen Kirchenraum wieder in seiner ganzen, leider noch zerbrechlichen Schönheit erleben. Bitte helfen auch Sie mit Ihrer Spende, dass die bedrohte Oberkirche wieder zur vertrauten "guten Stube" für die Bürger von Arnstadt wird.

Christiane Rossner

Weitere Infos im WWW:

www.oberkirche-arnstadt.de