Interviews und Statements

Interview mit Niels Gormsen

Die Freilegung der Leipziger Mühlgräben

Über die wenig bekannten Fließgewässer in der Leipzger Innenstadt, die nach und nach wieder freigelegt werden sollen

Mit neuen Ufermauern, Treppen und Brücken zeigt sich der Pleißemühlgraben gegenüber der Thomaskirche.  
© Roland Rossner
Mit neuen Ufermauern, Treppen und Brücken zeigt sich der Pleißemühlgraben gegenüber der Thomaskirche.

MO: In dem Beitrag "Mit vielen Wassern gewaschen" erfahren unsere Leser von den Umständen, die in den 1950er und 1960er Jahren zur Kanalisierung und teilweisen Trockenlegung des Elstermühlgrabens und des Pleißemühlgrabens geführt haben. Damals hat die Stadt Leipzig ihre beiden wichtigsten zentrumsnahen Fließgewässer verloren. Wie sind die Mühlgräben entstanden und welche Funktion hatten sie im Laufe der Geschichte?

Niels Gormsen: Die Leipziger Mühlgräben der Pleiße und der Weißen Elster wurden vor etwa 1.000 Jahren angelegt, um mehrere Mühlen betreiben zu können, da Pleiße und Weiße Elster in der breiten flachen Aue, verursacht durch häufige Hochwasser, immer wieder ihren Verlauf änderten. Der Pleißemühlgraben wurde auch zur Wasserversorgung und zur Füllung des Stadtgrabens genutzt. Seit dem 18. Jahrhundert diente er auch zu Freizeitvergnügen, wie Bootsfahrten oder Eislauf und dem Wassersport. Weil sich die städtische Bebauung über die Mühlgräben ausdehnte, wurden diese im 19. Jahrhundert mit Natursteinmauern eingefasst und zu wichtigen Bestandteilen des Stadtbildes. Das Wasser wurde allerdings seit den 1940er Jahren durch Abwasser der petrochemischen Industrie im Süden Leipzigs immer stärker belastet. Als der starke Geruch durch phenolhaltige Schaumkronen in der Stadt nicht mehr erträglich war, wurden die Mühlgräben ab ca. 1950 überwölbt und zugeschüttet. Mit dem Gestank ging auch das Wasser - die Pleiße war aus dem Stadtbild und dem Bewusstsein der Leipziger verschwunden.

MO: Welche Initiativen führten dazu, dass in den vergangenen Jahren nach und nach Teile der Mühlgräben freigelegt werden konnten, und welche Abschnitte sind inzwischen wieder offen?

Niels Gormsen: In der ehemaligen DDR haben sich bereits in den späten 1980er Jahren vor allem christliche Umweltgruppen für eine Verbesserung der Wasserqualität und die Freilegung der Pleiße eingesetzt - ein Pleiße-Gedenkmarsch wurde noch am 5. Juni 1989 von der Polizei aufgelöst. Nach dem Fall der Mauer haben einige Künstler und Architekten unter dem Motto "Pleiße ans Licht" die Öffnung der Mühlgräben gefordert. Dieser Appell fand im Stadtrat Gehör und führte 1992 zu einem entsprechenden Grundsatzbeschluss. Aus dieser Bürgerinitiative ist 1996 der Förderverein NEUE UFER e.V. hervorgegangen. Im gleichen Jahr wurde mit der Realisierung des Projekts begonnen. Seither wurden in fünf Bauabschnitten etwa 1.000 Meter der verrohrten Pleiße und etwa 300 Meter des Elstermühlgrabens freigelegt.

MO: Ein aktuelles Projekt ist die Öffnung von Teilen des Pleißemühlgrabens im Leipziger Musikerviertel, einem bedeutenden kulturhistorischen Ensemble, das ab 1870 entstand und wichtige Baudenkmale besitzt. Durch die "Verrohrung" des Fließgewässers wurde ein relevanter Bestandteil seines einstigen Charakters zerstört. Wie wird sich der öffentliche Raum durch die Rekultivierungsmaßnahme verändern und welche Bedeutung hat sie für die Stadt Leipzig?

Modernes Wohnen direkt am Wasser: Das Areal der ehemaligen Buntgarnfabrik in Plagwitz entlang der Weißen Elster  
© Roland Rossner
Modernes Wohnen direkt am Wasser: Das Areal der ehemaligen Buntgarnfabrik in Plagwitz entlang der Weißen Elster

Niels Gormsen: Durch die jeweilige städtebauliche Umgebung bedingt, haben alle Abschnitte der Mühlgräben ihren eigenen Charakter. Im Musikerviertel konnte zum Beispiel hinter dem großen Plattenbau-Wohnblock Grassistraße ein großzügiger Spielplatz am Wasser angelegt werden, weil hier mehr Platz zur Verfügung stand. Dagegen muss sich die Pleiße zwischen der Simson- und der Lampestraße in die historische Situation einfügen. Der 10 Meter breite Mühlgraben mit seinen Sandsteinwänden - begleitet von einer Baumallee zwischen den beiden Straßen mit ihren hochwertigen denkmalgeschützten Gründerzeithäusern - verspricht die vielleicht schönste Straße Leipzigs zu werden. Weil hier nicht nur die Pleiße freigelegt werden muss, sondern auch die angrenzenden Straßen saniert werden, ist dieser Bereich auch der teuerste Abschnitt.

MO: Welche Hürden mussten überwunden werden, bis die Flussabschnitte endgültig der Bevölkerung zurückgegeben werden konnten und wie werden die umfangreichen Revitalisierungsmaßnahmen finanziert?

Niels Gormsen: Das Hauptproblem des gesamten Projekts mit all seinen Bauabschnitten war und ist die Finanzierung. Denn die Stadt war nie bereit, die gesamten Kosten allein zu tragen. Das bedeutet, dass der Förderverein sich immer wieder um Mitfinanzierer bemühen musste und muss. Darunter waren zum Beispiel die Deutsche Bundesstiftung Umwelt, die Allianz Umweltstiftung und der Bund im Zusammenhang mit der Öffnung des Mühlgrabens vor dem Bundesverwaltungsgericht. Auch mehrere Banken waren beteiligt, wenn sie etwa am Pleißemühlgraben selbst gebaut haben. Für den Bauabschnitt Simson-/Lampestraße steht die Finanzierung noch nicht: Hier hoffen wir auf die Beteiligung der Anlieger.

MO: Werden die aufwendigen Projekte von der Leipziger Bevölkerung unterstützt oder stoßen sie eher auf Unverständnis?

Niels Gormsen: Anfänglich gab es eher Unverständnis dafür, die Pleiße freizulegen, wo es doch viele andere Probleme zu lösen galt. Als aber die ersten Abschnitte fertig waren, wurden sie sehr schnell von den Bürgern angenommen, die jetzt gern die Fuß- und Radwege an ihren Ufern abseits des Straßenverkehrs nutzen. Beim Wohnblock Grassistraße gab es zuerst große Bedenken - man befürchtete Gestank, Mücken und Ratten, was aber nach der Freilegung nicht eingetreten ist. Nun erfreuen sich die Bewohner an den schön gestalteten Grünanlagen und dem neuen Spielplatz.

Der Pleißemühlgraben am Dittrich-Ring  
© Roland Rossner
Der Pleißemühlgraben am Dittrich-Ring

Zur Person: Niels Gormsen, Jahrgang 1927, Vorsitzender des Fördervereins NEUE UFER Leipzig e.V., studierte Architektur in Stuttgart und Stockholm. 1962-1972 war er Stadtplaner in Bietigheim und 1973-1988 Baudezernent der Stadt Mannheim. Als Stadtbaurat in Leipzig war Niels Gormsen 1990-1995 tätig und ist seither vielfältig ehrenamtlich engagiert, unter anderem als Ortskurator der Deutschen Stiftung Denkmalschutz.

Das Interview führte Julia Ricker

Mehr Informationen zum Förderverein "Neue Ufer e. V." finden Sie hier: 

www.neue-ufer.de

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