Herrscher, Künstler, Architekten

Bayerns Könige Teil I: Vom Fürstentum zum Königreich

"Der gute Max"

In diesen Tagen wird in München wieder gefeiert. Wie jedes Jahr strömen Menschenmassen zum weltberühmten Oktoberfest auf die Theresienwiese. Mit vielen "Maß Helles, Hendln und Musi" wollen sie "a Mordsgaudi" haben. Die wenigsten wissen, dass das 16-tägige Volksfest ein Kind des bayerischen Königshauses ist: Am 12. Oktober 1810 heiratete Kronprinz Ludwig Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen. Da auch Bayerns Bürger an der Hochzeit teilhaben sollten, lud Maximilian I. Joseph, von seinen Untertanen König Max genannt, sie vor die Tore Münchens ein. Höhepunkt war ein Pferderennen, das alle so begeisterte, dass König Max beschloss, das Volksfest zu wiederholen. Die Festwiese heißt seither Theresienwiese, und das Oktoberfest war geboren.

König Maximilian I. Joseph, 1824 gemalt vom Münchner Hofmaler Joseph Stieler 
© akg-images Berlin
König Maximilian I. Joseph, 1824 gemalt vom Münchner Hofmaler Joseph Stieler

Das Volksfest spiegelt das wider, was die meisten mit Bayerns eigenwilliger Seele verbinden - pralle Lebenslust und Patriotismus. Nur ganze 112 Jahre - von 1806 bis 1918 - war Bayern Königreich. Diese Zeit aber reichte aus, um das Land zu prägen. Besagter Max, Bayerns erster König, war auf der einen Seite ein umgänglicher, volksnaher Monarch, auf der anderen aber nüchterner Taktierer, dem es gelang, die Grundlage des heutigen Freistaates zu schaffen. So konnten seine Nachfolger auf dem Königsthron, allen voran Ludwig I. und Ludwig II., mit ihrem Sinn für Kunst, Architektur und Genuss dem von der Natur verwöhnten Alpenland die königliche Pracht verleihen, die es mit der beeindruckenden Residenzstadt München und den grandiosen Königsschlössern heute noch präsentiert. Ein Wermutstropfen allerdings trübt den Bayernstolz über die Monarchie. Trotz Widerlegungsversuchen haftet dem Königreich Bayern der Makel einer "Krone von Napoleons Gnaden" an. König Max bezeichnete es selbst als "Sauglück", dass er bei der schwierigen Erbfolge innerhalb der Wittelsbacher-Linien überhaupt Kurfürst von Bayern geworden war. Unmittelbar dazu beigetragen hatte, dass sein protestantischer Vater, Pfalzgraf Friedrich Michael von Birkenfeld-Zweibrücken aus der pfälzischen Linie der Wittelsbacher, 1746 klugerweise zum katholischen Glauben übergetreten war. Denn nur ein Katholik durfte Bayern regieren. Zudem konnte der pfälzische Kurfürst Karl Theodor 1777 die Kurwürde seines Fürstentums mit der Bayerns vereinen. Weil er kinderlos blieb und Maxens erbberechtigter älterer Bruder starb, wurde der 43-Jährige 1799 Kurfürst Maximilian IV. Joseph von Bayern.

Zu dem Zeitpunkt hatte dieser schon bewegte Jahre hinter sich. 1756 in Mannheim geboren, war ihm die militärische Laufbahn bestimmt. Da sein Vater früh starb und seine Mutter ob ihres "losen" Lebenswandels verstoßen wurde, kam Max in die Obhut seines Onkels Herzog Christian von Zweibrücken. Dieser erzog ihn im französischen Geist, der ihn nie mehr verließ. Der Gönner des Onkels, König Ludwig XVI., ernannte Max mit 20 Jahren zum Kommandeur seines Regiments Royal Alsace in Straßburg. 1785 heiratete Max die Prinzessin Auguste Wilhelmine von Hessen-Darmstadt. Den kurz darauf geborenen Stammhalter nannten sie dem französischen König zu Ehren Ludwig. Ironie des Schicksals: Gerade dieser spätere König Ludwig I. von Bayern entwickelte sich schon in jungen Jahren zum ausgeprägten Franzosenhasser. Kein Wunder, denn 1794 musste Max mit seiner Familie vor den französischen Revolutionstruppen fliehen. 1796 endete die Vertreibung im Exil in Ansbach. Es traf ihn schwer, dass innerhalb eines Jahres sein Bruder Karl August und 1796 seine lungenkranke Frau starben.

In Karlsruhe entflammte Maximilian für Karoline Friederike, Tochter des ebenfalls geflüchteten Erbprinzen Karl Ludwig von Baden. "J'en suis fou", schrieb er "verrückt vor Liebe" den skeptischen Schwiegereltern in spe. Auch die um 20 Jahre jüngere Karoline war von dem heimat- und mittellosen Witwer mit den fünf Kindern angetan. Bevor man 1797 zum Altar schritt, wurde vereinbart, dass die Braut protestantisch bleiben durfte, auch wenn gemeinsame Kinder katholisch erzogen werden sollten. Damit eröffnete Karoline den Reigen der evangelischen Königinnen auf dem Bayernthron. Weitere acht Kinder waren dem Paar beschert, vornehmlich Töchter, die Max vorteilhaft in die französischen, deutschen und österreichischen Königs- und Kaiserhäuser verheiratete. Beim Einzug in seine zukünftige Residenzstadt München 1799 ließen ihn die Bürger begeistert hochleben. Diese Nähe zum Volk lag dem kontaktfreudigen, in seinem Wesen bodenständigen Kurfürsten.

Bayerns Minister Montgelas, sitzend auf dem Podest zwischen dem französischen Diplomaten Talleyrand (l.) und dem Vorsitzenden des Wiener Kongresses, Fürst von Metternich (r.), dahinter Fürst von Hardenberg (M.) und Metternichs Berater von Gentz 
© akg-images Berlin
Bayerns Minister Montgelas, sitzend auf dem Podest zwischen dem französischen Diplomaten Talleyrand (l.) und dem Vorsitzenden des Wiener Kongresses, Fürst von Metternich (r.), dahinter Fürst von Hardenberg (M.) und Metternichs Berater von Gentz

Max besaß politischen Instinkt, aber keine Regierungserfahrung. Zu seinem Glück hatte er seit den Ansbacher Zeiten Maximilian von Montgelas (1759-1838) an seiner Seite. Der Münchner Halbfranzose war unter Karl Theodor Minister gewesen, musste aber 1785 fliehen, als der geheime Illuminaten-Orden, dem er angehörte, verboten wurde. Als ausgefuchster Diplomat und Politiker war er für Max ab 1799 Gold wert. Mit Montgelas als leitendem Minister war es ihm möglich, 20 Jahre lang in den unruhigen Zeiten der Napoleonischen Kriege so geschickt zu taktieren, dass Bayern zum größten deutschen Mittelstaat heranwuchs. Beim Reichsdeputationshauptschluss von 1803, einem umwälzenden Entschädigungsgeschäft für die Reichsfürsten aufgrund des Verlustes der linksrheinischen Gebiete an die Franzosen, gehörte Bayern durch die Aufhebung zahlreicher geistlicher Territorien zu den großen Gewinnern.


Napoleon unterstützte Kurfürst Max nach Kräften, weil er großes Interesse an einem aktiven Puffer zwischen Österreich und Frankreich hatte. Der größte Coup gelang, als Bayern vor Napoleons Sieg in der Schlacht von Austerlitz 1805 im von Montgelas ausgehandelten Geheimvertrag von Bogenhausen offen auf die französische Seite wechselte. Napoleon belohnte Bayern dafür mit der Königskrone. Da dem Korsen sehr daran gelegen war, in den Kreis der europäischen Dynastien aufzusteigen, bestand er darauf, dass die älteste Tochter des Wittelsbachers, Auguste Amalia, mit seinem Stiefsohn Eugène de Beauharnais verheiratet wurde. Max und Montgelas hatten mit diesem Ansinnen keine Probleme, doch Auguste, durch Kronprinz Ludwig aufgehetzt, weigerte sich rundweg. Aber wie die Liebe so spielt, als sie Eugène sah - gerade vom Schlachtfeld kommend, mit wirren Locken und unrasiert - war sie wie verzaubert. Eugène de Beauharnais erwies sich als ein kluger und angenehmer Mensch, und die Ehe der beiden galt als eine der glücklichsten in der Familie. Die Königsproklamation am Neujahrstag 1806, die Max mit den Worten "Wir bleiben die Alten!" kommentierte, wurde mit Glockengeläut, Paraden und Illuminationen gefeiert. Eine Krönung ließen die politischen Umstände nicht zu. Die in Paris angefertigten Insignien wie Krone, Zepter und Reichsapfel ruhen seither in der Schatzkammer der Münchner Residenz.

Ziviltrauung des Prinzen Eugène de Beauharnais und der Prinzessin Auguste Amalie von Bayern in der Münchner Residenz, gemalt 1808 von François-Guillaume Ménageot. Links sitzen Napoleon I. und Josephine, rechts daneben König Max und Karoline. 
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Ziviltrauung des Prinzen Eugène de Beauharnais und der Prinzessin Auguste Amalie von Bayern in der Münchner Residenz, gemalt 1808 von François-Guillaume Ménageot. Links sitzen Napoleon I. und Josephine, rechts daneben König Max und Karoline.

Ein weiterer strategischer Schachzug gelang Bayern 1813, als es kurz vor der Völkerschlacht bei Leipzig wieder auf die Seite Österreichs, Russlands und Preußens zurückwechselte und aktiv gegen Frankreich kämpfte. Dies brachte ihm beim Wiener Kongress abermals beträchtliche Vorteile. Es erstaunt fast, dass sich in diesen schweren Kriegszeiten mit drückenden Staatsschulden, militärischen Einsätzen, wirtschaftlichen Sanktionen und ständigen Gebietsänderungen die umfassendste Staatsreform vollzog, die Bayern je sah. Schöpfer dieses Staatsgebildes war Montgelas. Schon im Exil hatte er Max sein im aufgeklärten Geist niedergeschriebenes Verfassungskonzept unterbreitet. Nach dem Motto "Alles für die Bürger, nichts durch die Bürger" wurden zahlreiche Reformen durchgeführt. Es entstand ein zentralistisch gegliederter Beamtenstaat, der viel für die Menschen tat, aber auch vehement in ihr Leben eingriff. Höhepunkt war eine Verfassung, die 1818 in der konstitutionellen Monarchie mündete - der ersten in den deutschen Staaten. Die Aufgabe, die Erwerbungen in Franken und Schwaben mit Altbayern zu verschmelzen, löste Montgelas mit rigorosem Vorgehen. Damit machte er sich immer mehr Feinde, was 1817 zu seinem Sturz führte - maßgeblich forciert von Kronprinz Ludwig. Hofarchitekt Leo Klenze war Zeuge der Entlassung. Zu König und Kronprinz beordert, rief Ludwig "mit einem Freudensprung: 'Klenze, der Minister Montgelas ist ...' schweigt und macht einen Fußtritt in die Luft, 'fortgejagt, soeben hat der König unterschrieben! Bis 12 Uhr war es ein Staatsgeheimniß.'" Bestürzt notierte Klenze in seinen Memoiren: "Merkt euch das, ihr Fürstendiener!"

Seitdem König Max 1817 das ehemalige Benediktinerkloster Tegernsee zum Sommersitz erhob, floriert der Tourismus im "bayerischsten" aller Täler. 
© Tegernseer Tal Tourismus GmbH
Seitdem König Max 1817 das ehemalige Benediktinerkloster Tegernsee zum Sommersitz erhob, floriert der Tourismus im "bayerischsten" aller Täler.

In den letzten acht Regierungsjahren Maximilians erstarkten Adel und Kirche wieder, ein Teil der Reformen wurde zurückgenommen, und die bayerischen Staatsbürger wurden wieder zu Untertanen. Im Grunde seines Herzens war König Max nämlich konservativ. Der 1814 nach München berufene Klenze war daher froh, dass Kronprinz Ludwig ihn für seine hochfliegenden Architekturpläne einspannte. Denn Max konnte sich nie wirklich für Bildende Kunst und Architektur erwärmen, ebenso wenig für die Jagd oder genussvolles Essen und Trinken. Sein Tag verlief diszipliniert, Familie und Staatsangelegenheiten kamen zu ihrem Recht. Den Sommer verbrachte er regelmäßig an seinem geliebten Tegernsee, wo er sich das aufgelöste Kloster zur Sommerresidenz hatte umbauen lassen.


So legte er auch auf die Gestaltung der Residenzstadt München keinen großen Wert. Ohne rechte Überzeugung ließ er die Stadtmauern schleifen und beauftragte den Landschaftsarchitekten Friedrich Ludwig von Sckell mit der Planung der sogenannten Maxvorstadt. Ganz im Sinne der vernunftgeprägten Aufklärung legte dieser sie in einem rechtwinkligen Raster an, dessen Ausgangspunkt die Residenz war. Napoleons Gemahlin Josephine notierte bei ihrer Ankunft im Dezember 1805: "Die Residenz ähnelt mehr einer Stadt als einem Schloss. Wie viele Innenhöfe - sieben? Es gibt acht Galerien und sogar ein Museum, wie man mir erzählte. Es ist ein Irrgarten, jede Suite ist in einer anderen Stilepoche eingerichtet: Renaissance, Barock. Meine ist verschwenderisches Rokoko."

Das Denkmal für König Max vor dem Münchner Nationaltheater wurde 1825 posthum von Christian Daniel Rauch ausgeführt. Entworfen hatten es 1823 Kronprinz Ludwig und Baumeister Klenze. 
© Roland Rossner Bonn
Das Denkmal für König Max vor dem Münchner Nationaltheater wurde 1825 posthum von Christian Daniel Rauch ausgeführt. Entworfen hatten es 1823 Kronprinz Ludwig und Baumeister Klenze.

Die Münchner Residenz, weitläufig und prachtvoll ausgestattet wie sie war, sagte Max durchaus zu. Er fand am Empire Gefallen, also ließ er sich den Zopf abschneiden, die Mode anpassen und seine Privatgemächer im französischen Stil einrichten. Ihm, der so gerne spazieren ging, sich mit Vorliebe unter das Volk - bei dem er sehr populär war - mischte und harmlose Plaudereien schätzte, war es hingegen wichtig, seine Landeskinder zu beschenken. So ließ er den Botanischen Garten - für dessen Eingangstor Goethe höchstselbst die Inschrift entwarf - anlegen und erlaubte, dass seine mineralischen Sammlungen besichtigt werden konnten. Auch wenn er selbst nicht aktiv war, förderte er engagiert das kulturelle und wissenschaftliche Leben in München. Zwei Liebhabereien hegte er allerdings doch: Er mochte die Frauen und das Theater. Als im Januar 1823 das kaum fünf Jahre alte Hof- und Nationaltheater brannte, war das Löschwasser gefroren. Beherzt, aber erfolglos versuchten die Münchner, es mit Bier aus der nahen Brauerei zu löschen. Der "gute König Max" stand so hoch in ihrem Ansehen, dass sie unmittelbar nach dem Brand begannen, Spenden zu sammeln. Ein Jahr später, kurz vor seinem Tod 1825, durfte er erfreut den Neubau einweihen, der als Europas letztes großes Opernhaus im klassischen Stil gilt. In seinen 26 Regierungsjahren schuf König Max mit seinem Minister Montgelas den bayerischen Staat. Seinen Nachfolgern oblag es nun, ihn zu bewahren und in königlicher Pracht zu gestalten. Was Kunst und Architektur anbetrafen, hatte Maxens Nachfolger König Ludwig I. bereits als Kronprinz seine wahre Berufung entdeckt.


Christiane Rossner


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