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Bruno Taut ließ "das Volk" schöner wohnen

Nomen est omen

Als Hanna Dippner 1962 ihr neues Haus in Dahlewitz südlich von Berlin bezog, wusste sie zwar, dass das oft mit einer Käseecke verglichene Gebäude 1926 von Bruno Taut errichtet worden war. Von der für den Architekten so typischen Farbgestaltung der einzelnen Räume und der Fassaden konnte sie allerdings nichts mehr erkennen. Das ehemalige Wohnhaus des Architekten war damals in einem beklagenswerten Zustand und die Räume mit Blümchentapeten verunstaltet. Also beseitigte sie erst einmal die gröbsten Schäden und strich die Wände weiß.

Das Wohnhaus von Bruno Taut in Dahlewitz 
© ML Preiss
Das Wohnhaus von Bruno Taut in Dahlewitz

Je mehr sich Hanna Dippner aber mit dem berühmten Architekten ihres Hauses in der Wiesenstraße 13 beschäftigte, desto größer wurde ihr Wunsch, es wieder in den Orginalzustand von 1926 zurückzuversetzen. So begann sie, das Wohnzimmer in den von Taut vorgegebenen Farben grau und rot zu streichen. Nach und nach ließ sie auch die anderen Zimmer restaurieren. Sie wurde dabei finanziell unter anderem von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz unterstützt, und so konnte auch die runde, zur Straße gewandte Fassade wieder ihre schwarze Originalfarbe erhalten.

Als Taut 1926 mit seiner Familie nach Dahlewitz zog, arbeitete er als leitender Architekt für die Berliner GEHAG, der Gemeinnützigen Heimstätten AG, und entwarf in mehreren Bezirken Berlins Siedlungen des sozialen Wohnungsbaus. Die markanteste unter ihnen, die sogenannte Hufeisensiedlung in Britz, war 1926 gerade im Bau. Schlichte, dreigeschossige Häuser, die in Form eines Hufeisens aneinandergereiht sind, bilden das Zentrum der Anlage. Sie umschließen eine ausgedehnte Grünfläche mit einem damals schon vorhandenen Teich, den Taut ganz bewusst in seine Planungen miteinbezogen hat. Obwohl die Großsiedlung aus mehr als 2.000 Wohnungen besteht, hat sie durch die vielen Grünflächen fast ländlichen Charakter.

Die Hufeisensiedlung in Berlin-Britz 
© GEHAG
Die Hufeisensiedlung in Berlin-Britz

Die 1928 bis 1930 entstandene Siedlung Carl Legien im Bezirk Prenzlauer Berg gilt als Tauts Meisterwerk. Gerade hier machte er seinem Namen alle Ehre, denn das litauische Wort Taut bedeutet auf deutsch "Volk". Und Taut entwarf für das "Volk" preiswerte und freundliche Wohnungen. Obwohl der sozial engagierte Architekt auf knappem Areal eine große Wohndichte erzielen musste, legte er zwischen den Wohnblöcken der Siedlung Carl Legien großzügige, begrünte Innenhöfe an. Die Siedlungshäuser sind zu DDR-Zeiten teilweise saniert worden, wobei sie aber ihre lebensfrohe, originale Farbigkeit verloren. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz unterstützte daher 1991 ein Sanierungsgutachten mit 100.000 Mark, nach dessen Ergebnis die Fassaden mit ihren mehrfarbigen Fensterrahmen in der Trachtenbrodtstraße wiederhergestellt werden konnten. Die Stiftung beteiligte sich ebenfalls an der Sanierung von Taut-Häusern in der Trierer Straße, deren Farbfassung auf einen Vorschlag des Malers Karl Schmitt-Rottluff zurückgehen soll.

Die Mieter haben sich in den Tautschen Siedlungen von Anfang an wohlgefühlt. Die eigenwillige Farbgestaltung der Gebäudefassaden stieß allerdings in den zwanziger und dreißiger Jahren in bürgerlichen Kreisen auf Ablehnung. In Magdeburg, wo Taut von 1921 bis 1924 Stadtbaurat war, ging der Spottvers um: "Schaut, schaut, was da wird gebaut, / ist denn keiner, der sich's traut / und Taut den Pinsel klaut?". Die Siedlung Falkenberg in Berlin wurde in "Kolonie Tuschkasten" umbenannt. Noch immer bezeichnen manche Berliner die Carl-Legien-Siedlung als "Papageien-Viertel".

Die Farbgestaltung seines Wohnhauses in Dahlewitz beschrieb Taut in dem Buch "Ein Wohnhaus". 
© ML Preiss
Die Farbgestaltung seines Wohnhauses in Dahlewitz beschrieb Taut in dem Buch "Ein Wohnhaus".

Bruno Taut baute insgesamt etwa 10.000 Wohnungen für die GEHAG. 1929, während der Weltwirtschaftskrise, kam der soziale Wohnungsbau fast vollkommen zum Erliegen. Taut suchte sich ein neues Betätigungsfeld in der Sowjetunion, von wo er aber 1933 nach Deutschland zurückkehrte. Einer Verhaftung durch die Nationalsozialisten entging er durch Emigration nach Japan. Von dort übersiedelte er 1936 in die Türkei, wo er unter anderem den Katafalk für Kemal Atatürk entwarf. Sein Wohnhaus in Dahlewitz hat Bruno Taut, der mit nur 58 Jahren an Heiligabend 1938 in Ankara starb, nicht mehr wiedergesehen. Hanna Dippner, die sich mittlerweile ganz und gar mit ihrem eigenwillig gestalteten Haus identifiziert, will das Andenken an den großen Architekten des sozialen Wohnungsbaus weiterhin bewahren.

Carola Nathan

Literatur:
Bettina Zöller-Stock: Bruno Taut. Die Innenraumentwürfe des Berliner Architekten. Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart 1993. ISBN 3-421-03034-0.

Bruno Taut 1880-1938. Architekt zwischen Tradition und Avantgarde. Hrsg.: Winfried Nerdinger und Manfred Speidel, Kristiana Hartmann, Matthias Schirren. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart München 2001. ISBN 3-421-03284-X, 440 S., 128 Euro.