Kurioses Interieur Material April 2007

Das Prunkbett in Schloss Moritzburg

Vollbad für eine Million Federn

Alle Welt spricht vom Bernsteinzimmer in St. Petersburg. Doch auch Schloss Moritzburg bei Dresden hat ein kostbares Interieur zu bieten, und dies sogar im Original: das Federzimmer von Kurfürst August dem Starken. Nach über 30 Jahren unter Verschluss kann das Zimmer mit dem königlichen Paradebett seit April 2003 wieder besichtigt werden. 1723 hatte es der sächsische Kurfürst für das Japanische Palais in Dresden erworben, 1830 wurde das Federzimmer nach Schloss Moritzburg verlegt.

Der Baldachinhimmel sieht wie ein weicher Teppich aus. 
© Schloss Moritzburg/J. Karpinski
Der Baldachinhimmel sieht wie ein weicher Teppich aus.

Auf den ersten Blick scheinen Bett und Wandbehänge mit edelster Seidenstickerei verziert zu sein. Tatsächlich aber besteht der Schmuck aus "allerhand bunten natürlichen und gemahlten Federn". Verschiedene Vogelarten wie Hühner, Enten, Eichelhäher, Pfauen und Fasane mussten für die Verzierung des Prachtbettes ihre Federn lassen. Sie schmücken den Baldachinhimmel, die Gesimsteile, die Bekrönungsvasen sowie die Zierzargen am Bettgestell und die Wandteppiche. Allein für die zahlreichen Quasten wurden über 50.000 Federn verarbeitet. Der Schöpfer dieser flauschigen Kostbarkeit war ein in London lebender Franzose, ein gewisser Monsieur Le Normand. Er bot 1720 in der Pariser Zeitschrift "Le Nouveau Mercure" das Paradebett zum Kauf an. Nach der barocken Hofetikette war ein solches Prunkstück ein Muss für jeden Herrscher. Kaum erworben, ließ der Kurfürst die Bettvorhänge abtrennen und zu Wandbehängen umarbeiten, was dem Raum später den Namen Federzimmer verlieh.

Ziegeldachartig sind die Vogelfedern eingewebt. 
© Schloss Moritzburg/J. Karpinski
Ziegeldachartig sind die Vogelfedern eingewebt.

Nicht nur das Material war außergewöhnlich, sondern auch die Technik des Plumassiers, des Federschmückers Le Normand. Die vergessene, von den Restauratorinnen mittlerweile wiederentdeckte Technik erweist sich noch heute als genial: Die Federn wurden nicht - wie sonst gebräuchlich - aufgeleimt oder verknüpft, sondern am Webstuhl als Schussfaden in das Gewebe eingearbeitet. 1972 musste das Federzimmer wegen seines gefährdeten Zustandes abgebaut und ins Magazin verbannt werden. Schwammbefall an den Holztäfelungen und 250 Jahre ungefiltertes Licht hatten großen Schaden angerichtet, Spinnen hatten sich häuslich eingerichtet, Staub, Insekten und Feuchtigkeit ihre Spuren am Gefieder hinterlassen. Eigentlich hielt man eine Restaurierung für unmöglich. Dennoch wurden 1984 die Restauratoren des Stadtmuseums Dresden beauftragt. Und tatsächlich fanden sie eine im Prinzip einfache, aber in der Umsetzung aufwendige Methode heraus: Nur ein Vollbad in Wasser könne dem Federschmuck helfen. So kamen die Federn erst vier Wochen in eine Stickstoffkammer, dann in ein spezielles Wasserbad. Damit sie nicht verklebt erstarrten und abbrachen, mussten sie einzeln mit Pinzetten angehoben und in einem starken, kalten Luftstrom gefönt werden.

Auf insgesamt 40 Quadratmetern Fläche wurden auf diese Weise über eine Million zerbrechlicher Federn 19 Jahre lang restauriert, wobei auf Nachfärbungen und Ergänzungen an dem kunsthandwerklichen Kleinod verzichtet wurde. Die Mühen haben sich gelohnt: Im Juni 2004 erhielt das Moritzburger Federzimmer in der Kategorie Erhaltung/Restaurierung den Europäischen Preis zur Erhaltung und Aufwertung des kulturellen Erbes, den Europa Nostra Award. Nach so vielen Jahren behutsamer Feinstarbeit verwundert es niemanden, dass das kostbare Federzimmer Augusts des Starken heute nur durch eine große Glaswand zu bestaunen ist.

Das Federzimmer mit dem Prunkbett. 
© Schloss Moritzburg/J. Karpinski
Das Federzimmer mit dem Prunkbett.

Christiane Rossner

Weitere Infos im WWW:

www.schloss-moritzburg.de