Interieur April 2007 K

Eine kleine Kulturgeschichte des Kachelofens

Viel Spiel ums Feuer

Der Merseburger Stiftsbaumeister Johann Wilhelm Chryselius veröffentlichte 1790 eine "Anweisung, holzersparende Oefen, Pfannen-, Brat-, Kessel- und Küchenfeuerungen nach richtigen Grundsätzen und Erfahrungen anzulegen". In seiner weitverbreiteten Schrift schmähte er die großen Öfen vergangener Epochen nicht nur als unrentabel, sondern vor allem als hässlich: "Man ist gewohnt, unter dem Namen Kachelofen einen schlechten ungestalteten Ofen sich zu denken; und die meisten sind es auch wirklich; denn es giebt ganz außerordentlich große und plumpe Arten, gewöhnlich werden die Kacheln zu groß gemacht, und wunderbar verziert, z. B. in jeder Kachel ein geharnischter Mann, ein Fisch oder anderes Thier."

Öfen aus dem 18. Jahrhundert im Ofen- und Keramikmuseum in Velten bei Berlin. 
© R. Rossner
Öfen aus dem 18. Jahrhundert im Ofen- und Keramikmuseum in Velten bei Berlin.

Tatsächlich war der mit Holz befeuerte Kachelofen, der in Mitteleuropa das raue Klima ertragen half, jahrhundertelang das beherrschende Element in beheizbaren Räumen. Erst im 18. Jahrhundert wurde er als ein Teil der Innenausstattung begriffen und seine Gestalt bewusst auf die übrige Ausstattung des Zimmers abgestimmt.Frühmittelalterliche Vorläufer dieser so dominanten wie beliebten Wärmespender waren einfache Lehm- oder Steinöfen, in die einzelne, meist becherförmig gewölbte Kacheln eingelassen wurden. Diese sollten die Oberfläche vergrößern und damit die Wärmeabstrahlung steigern. Wohl im 14. Jahrhundert wurde der vollausgebildete Kachelofen entwickelt: Mit farbig glasierten und plastisch ausgebildeten Kacheln geriet er schnell zum Objekt künstlerischer Gestaltung. Im Alpengebiet entstanden, hatte sich diese Form der Heizung weiter nach Norden und Osten verbreitet.

Österreichische Kachel mit Tapetenmuster aus dem 16. Jahrhundert. 
© Ofen- und Keramikmusem Velten
Österreichische Kachel mit Tapetenmuster aus dem 16. Jahrhundert.

Während der einfache, glasierte Kachelofen mit dem Ausgang des Mittelalters auch in den Bauernstuben Einzug hielt, waren reich verzierte Kachelöfen lange Zeit nur in Häusern wohlhabender Bürger und Adeliger anzutreffen. Die ältesten erhaltenen Exemplare stammen aus dem ausgehenden 15. Jahrhundert. Ihre architektonische Gliederung - der größere beheizbare Feuerkasten wurde von einem schmaleren, turmartigen Aufbau bekrönt - blieb lange Zeit verbindlich. In der Spätgotik war man bereits in der Lage, verschiedene Glasuren auf einer Kachel zu kombinieren und so einzelne Partien unterschiedlich einzufärben. Der berühmte Prunkofen in der Goldenen Stube der Festung Hohensalzburg (1501) enthält über 100 farbige Reliefkacheln, von denen jede ein anderes Motiv zeigt. Für die Heiligendarstellungen und Wappen dienten - wie so oft - Kupferstiche als Vorlage.

Heute haben vollständig erhaltene Öfen Seltenheitswert. Meistens sind nur Fragmente oder einzelne Schmuckkacheln überliefert, die immerhin eine Ahnung von der Vielfalt der Motive vermitteln können. Aufschluss über Aufbau und Gestaltung von Kachelöfen zu jener Zeit geben daher auch Druckgraphiken und Gemälde, die Einblicke in Ratsstuben, Rittersäle, Wirtshäuser, Spinn- oder Badestuben gewähren. Mit der Renaissance änderte sich zunächst nur die Art der Verzierung: Bei den prachtvollen Exemplaren schlugen sich die künstlerischen Errungenschaften jener Zeit natürlich auch auf den größer werdenden Kacheln nieder. Die Figuren, sogar ganze Szenen, wurden nun bevorzugt in perspektivisch dargestellte Architekturen eingebunden, und die Öfen waren nicht selten Träger ausgeklügelter humanistischer Bildprogramme.

Kachel vom Steckborner Ofen in Salem, 1733 für die ehemalige Zisterzienserabtei angefertigt. 
© ML Preiss
Kachel vom Steckborner Ofen in Salem, 1733 für die ehemalige Zisterzienserabtei angefertigt.

Inspiriert von der italienischen Majolika-Technik kamen im 16. Jahrhundert zunächst in Südtirol und bald auch nördlich der Alpen die Fayenceöfen auf. Sie wurden nicht aus Reliefkacheln, sondern aus Kacheln mit glatter Oberfläche zusammengesetzt. Eine weiße Zinnglasur diente als Malgrund - und ermöglichte bildliche Darstellungen, die nicht mehr an Kachelformate gebunden waren. Ihre wahre Blütezeit erlebten diese bemalten Öfen erst später: Vor allem die Schweizer Töpfer, auch Hafner genannt, lieferten im 17. und 18. Jahrhundert meisterlich bemalte Fayenceöfen. Die berühmten Exemplare aus Winterthur oder Steckborn schmückten manchen Prunksaal in Schlössern und Klöstern.

Fayenceofen im Grünlackierten Zimmer (1769–72) der Würzburger Residenz. 
© Bayerische Schlösserverwaltung/Schöning Verlag, Lübeck
Fayenceofen im Grünlackierten Zimmer (1769–72) der Würzburger Residenz.

Auch der geläufige Aufbau des Kachelofens war im Barock nicht länger verbindlich, und der Wärmespender büßte seine Stellung als Solitär im Raum ein. Architekten und Bildhauer überließen die Entwürfe jetzt nicht mehr den Hafnern, sondern gestalteten die höfischen Öfen als einen Teil der Inneneinrichtung. Sie wiesen ihnen Ecken oder eigene Nischen zu und ordneten die Verzierungen dem Gesamtentwurf unter.


Sehr viel freiere Entwürfe ermöglichte ab Mitte des 18. Jahrhunderts eine ganz neue Technik im Ofenbau: Der sogenannte Umschlag- oder Überschlagofen konnte wie eine Plastik in schwellenden Formen gestaltet werden und hatte mit dem Kachelofen im eigentlichen Sinn nur noch wenig gemein - dem verspielten Rokoko kam dies nur entgegen. Über einem Holzgerüst modellierte der Ofenbauer eine Tonschicht, zerschnitt das fertige Gebilde dann in Stücke, brannte diese und setzte sie wieder zusammen. Dabei verstrich er die Fugen zwischen den einzelnen Teilen so, dass der Ofenkörper wie aus einem Guss erschien. Sehr beliebt waren glattweiße Fayence-Glasuren, die feines Porzellan vortäuschten und mit vergoldeten Stuckornamenten versehen wurden.

Klassizistischer Kachelofen im Orientzimmer des brandenburgischen Schlosses Branitz. 
© ML Preiss
Klassizistischer Kachelofen im Orientzimmer des brandenburgischen Schlosses Branitz.

Die Lust an der Täuschung bescherte dem barocken Kachelofen eine Sonderform: Experimentierfreudige Ofenkünstler ahmten zuweilen Kommoden und Schränke nach. Ein besonders originelles Beispiel ist der Spottofen im Salzburger Museum Carolino Augusteum, der wohl aus dem Stift Mattsee stammt. Gekonnt nachgebildete Buchrücken verleihen dem Unterbau die Gestalt eines Bücherschrankes. Allerdings steht die Detailverliebtheit hier im Dienste einer politischen Botschaft, denn die Aufschriften auf den Rücken weisen die Folianten als Werke protestantischer Gelehrter aus. Die Inschrift "Bibliotheca Vulcano Consecrata" (dem Gott Vulkan geweihte Bibliothek) verweist auf das Innenleben und verbannt die Schriften somit gnadenlos in die Hölle. Im Klassizismus wird der irdene Wärmelieferant - in Ermangelung konkreter antiker Vorbilder - wie ein Monument gestaltet: Bei den herrschaftlichen Öfen des ausgehenden 18. Jahrhunderts bekrönen Vasen und Figuren eckige Postamente, Obelisken oder kannelierte Säulenstümpfe.


Großer Einfluss auf die Entwicklung der Öfen ging in jener Zeit von Berlin aus. Hier wurde eine neue Form des Tonofens hervorgebracht, die sich schnell über Norddeutschland ausbreitete.

Ein Schmuckstück des Stadtmuseums Miltenberg ist der Neorenaissanceofen von 1897. 
© R. Rossner
Ein Schmuckstück des Stadtmuseums Miltenberg ist der Neorenaissanceofen von 1897.

Auch in den preußischen Schlössern ersetzte man immer mehr Kamine durch glattweiße Kachelöfen auf rechteckigem Grundriss. Führend bei der Produktion war die Berliner Tonwarenfabrik Höhler & Feilner, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts eng mit Karl Friedrich Schinkel zusammenarbeitete. Er lieferte Entwürfe für einfach aufgebaute, sparsame Öfen, deren Verzierung sich auf wenige, bewusst platzierte Ornamente oder Schmuckbänder beschränkte. Daraus entwickelte man schließlich den weit verbreiteten Typus des "Berliner Ofens". Die Schmelzkachelöfen waren der Verkaufsschlager für die bürgerliche Wohnung. Massenhaft produziert wurden die schlichten Kuben mit der glänzend weißen Oberfläche in Velten. Der nördlich von Berlin gelegene Ort stieg aufgrund seiner reichen Tonvorkommen zur bedeutenden Ofenstadt auf: 1835 wurde dort die erste Kachelofenfabrik gegründet, bis 1905 wuchs die Zahl der Firmen auf fast 40 an. Zu dieser Zeit verließen jährlich mehr als 100.000 Öfen die Veltener Tonindustrie und sorgten nicht nur in Berliner Wohnzimmern für wohlige Wärme.

"Damenzimmerofen" (Entwurf Franz Schleiß), 1926 in München produziert. 
© R. Rossner
"Damenzimmerofen" (Entwurf Franz Schleiß), 1926 in München produziert.

Während die Berliner Öfen in der Nachfolge Schinkels ihr dezentes Äußeres bewahrten, lebten im Historismus die unterschiedlichsten Stilarten noch einmal auf. Ob gotischer Turmofen, überladenes Renaissance-Ungetüm oder verspieltes Rokoko-Öfchen - im ausgehenden 19. Jahrhundert feierten sie alle, wenn auch mittlerweile mit maschinell hergestellten Kacheln, ihre Wiedergeburt. Mit den in der Gründerzeit besonders beliebten altdeutschen Öfen, die den holzfressenden Prunköfen des 16. Jahrhunderts nachempfunden waren, wurden heiztechnische Errungenschaften allerdings wieder in den Hintergrund gedrängt. Hier setzten die künstlerisch gestalteten Öfen des frühen 20. Jahrhunderts an: Beeinflusst von Werkbund und Bauhaus lieferten auch namhafte Architekten Entwürfe für funktionale wie formschöne und zeitgemäße Kachelöfen, unter ihnen Peter Behrens, Alfred Grenander oder Richard Riemerschmid. "Es werden geschmackvolle Entwürfe zu Kachelöfen für einfache, bessere und feinste Räume gewünscht", schrieb der Deutsche Werkbund noch 1925 einen Ofen-Wettbewerb aus. Doch die große Zeit der Einzelöfen war bereits vorbei: Die Zentralheizung versprach jetzt den wahren Komfort, und so wurden tönerne oder eiserne Heizapparate im modernen Wohnungsbau zunehmend von zweckmäßigeren Radiatoren abgelöst.  


In den letzten Jahrzehnten haben Öfen eine Renaissance erlebt. In Zeiten, in denen Heizöl immer teurer wird, preisen viele den Kachelofen mit seiner wohltuenden Strahlungswärme als Alternative. Heute muss man keineswegs auf moderne Technik verzichten, um die Wärmequelle wie in früheren Zeiten in den Blickpunkt zu rücken: Kachelöfen können mittlerweile nicht nur mit Holz oder Briketts befeuert, sondern sogar an die zentrale Öl- oder Gasheizung angeschlossen werden. Neben rustikalen Exemplaren, die im ländlichen Bereich nie ausgestorben sind, gibt es vereinzelt auch wieder Künstleröfen. Literarische Wertschätzung hat der Kachelofen ohnehin oft erfahren - wem käme nicht die berühmte Zeile von Joachim Ringelnatz in den Sinn: "Ich habe dich so lieb! Ich würde dir ohne Bedenken eine Kachel aus meinem Ofen schenken."

Dr. Bettina Vaupel


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