Wohnhäuser und Siedlungen Jugendstil / Art Déco Herrscher, Künstler, Architekten Interieur Oktober 2006

Refugium und Gesamtkunstwerk

Das "Haus Hohe Pappeln" in Weimar

Die Generation der "Weimarer Klassik" träumte im Park an der Ilm von einer besseren Welt. Von einer Welt, in der Vernunft und Verstand regieren würden, weil die Menschen durch Wissen und Bildung und durch die besten Werke der Kunst zu Selbsterkenntnis und Einsicht in die Wahrung der Schöpfungsgesetze gelangt seien.

Diese humanistischen Gedanken trafen damals tatsächlich bei den verantwortlichen Politikern auf Sympathie. Vor allem der Sohn der Herzogin Anna Amalia, der weltoffene Großherzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach (1757-1828), umgab sich mit höchst gebildeten Geistesgrößen wie Wieland, Schiller, Goethe und Herder und hörte oft auf deren Rat.


Auch der belgische Künstler Henry van de Velde (1863-1957) versteht sich wenige Generationen später ausdrücklich als Erzieher der Menschen und Erneuerer gesellschaftlicher Werte. In seinem 94 Jahre währenden Leben spricht er oft von seiner "Mission" und seinem "Kampf" für Schönheit, für soziale Gerechtigkeit, menschliche Würde und Toleranz. Wie andere Künstler vor ihm, so wird auch er im Jahr 1902 vom Weimarer Großherzog in die kleine thüringische Stadt berufen. Der Großherzog verspricht sich von dem prominenten Baumeister eine Belebung des regionalen Handwerks.

1908 baute Henry van der Velde das Haus für seine Familie. 
© E. Lixenfeld
1908 baute Henry van der Velde das Haus für seine Familie.

Henry van de Velde kommt mit seiner Familie nach Weimar und leistet mehr als zwölf Jahren intensive Aufbauarbeit an der dortigen Kunstschule. Doch mit Ausbruch des ersten Weltkrieges scheitert sein Wirken an kleinbürgerlicher Engstirnigkeit, an den Schikanen des Großherzogs und schließlich an dem öffentlich bekundeten beleidigenden Verhalten von Kaiser Wilhelm II. gegenüber seinen Entwürfen. Als Wegbereiter der Moderne aber beeinflusste Henry van de Velde maßgeblich die Entwicklung des Kunstgewerbes und der Architektur des 20. Jahrhunderts, wenn auch nicht mehr von Weimar ausgehend. Die Ideen des Bauhauses wären ohne diesen belgischen Reformer kaum denkbar. Bis zum ersten Weltkrieg galt van de Veldes Weimarer Privathaus in der Belvederer Allee 58 als Refugium vor dem Dünkel der spätfeudalistischen Gesellschaft und als weltoffen geführter Salon, in dem sich namhafte Künstlerinnen und Künstler die Klinke in die Hand gaben.

Henry an de Velde baut sein Haus auf dem Lande, außerhalb der Stadt Weimar, an der schnurgeraden Allee, die bis heute die Residenzstadt mit der damaligen großherzoglichen Sommerresidenz Schloss Belvedere verbindet. Sein Wohnhaus zählt mit der Fertigstellung 1908 zu den Kuriositäten Weimars, die man gerne den Touristen als Beispiel für die befremdliche und seltsame moderne Architektur vorführte. Das quirlige Refugium der unkonventionellen Familie van de Velde entsprach so gar nicht dem, was man sich im großherzoglichen Weimar unter einer repräsentativen Professorenvilla vorstellte und nicht zufällig war das stattliche Haus jahrzehntelang in der öffentlichen Wahrnehmung nahezu vergessen.

Das Erdgeschoss ist heute öffentlich zugänglich. 
© E. Lixenfeld
Das Erdgeschoss ist heute öffentlich zugänglich.

Während van de Velde die Weimarer Kunstschule leitet und gleichzeitig baulich erweitert, ist er auch in anderen Städten als Baumeister und Innenarchitekt tätig: Bis 1902 gestaltet er das Folkwang-Museum in Hagen, außerdem baut er verschiedene Privatvillen und Einrichtungen in Chemnitz, Berlin, Den Haag, Paris und Wiesbaden. Dazu gehören etwa die Villa Esche (ab 1902), die Villa Körner und das Tennisclubhaus in Chemnitz (ab 1906). In Weimar selber baut er das Nietzsche-Archiv um, gestaltet die maßgefertigten, teuren Wohnungseinrichtungen für Harry Graf Kessler (ab 1903), für den Baron von Münchhausen, für Else von Guaita-Lampe und entwirft die Fassade für das Haus Menzel (1906). In Paris entsteht nach seinen Plänen die luxuriöse Wohnung für das Ehepaar Golubeff (ab 1904) und in Wiesbaden die Einrichtung für Curt von Mutzenbecher (1906). Während sein eigenes Privathaus in Weimar errichtet wird, baut van de Velde in Hagen das Haus Hohenhof für Karl Ernst Osthaus und richtet das Gutshaus von Arnold Esche in Lauterbach ein.

Allein diese Aufträge zeigen, dass van de Velde im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts ein außerordentlich gefragter Architekt ist. Trotz dieser guten Auftragslage lebt er selber in Weimar zunächst zur Miete und mutet seiner Familie sogar vier Umzüge zu. Lapidar erinnert sich er sich in seiner Biografie später an sein Haus: "Ohne mir über die Zukunft meines Schaffens Gedanken zu machen, beschloss ich nach einigen Jahren meines Aufenthaltes, mir außerhalb der Stadt ein Haus zu bauen. Ich wählte einen Platz in Ehringsdorf, auf dem sich eine Gruppe ungewöhnlich hoher, majestätischer Pappeln befand. Sie gaben dem Haus den Namen. 'Das Haus unter den hohen Pappeln', so betitelte eines Tages mein Sohn Thyl unsere Wohnstätte. Seitdem wurde unser Haus unter diesem Namen bekannt. Ich habe ihn oft aus dem Mund erstaunter und auch schockierter Spaziergänger gehört, die sich über seine ungewohnte architektonische Form aufregten, während ich mich, ihnen unsichtbar, im Garten befand. Die Kutscher benannten das Haus so. Wenn sie mit Fremden auf der Besichtigungsfahrt durch Weimar zu dem Haus kamen, hielten sie oft an, weil die Straße steil ansteigt, reihten das Haus unter die Kuriositäten der Stadt ein und erzählten in lakonischen und stereotypen Sätzen einiges über mein Leben und meine Rolle in Weimar." Im Sommer 1906 kauft er das Grundstück in Ehringsdorf, das damals noch nicht eingemeindet war. Ein Jahr später reicht er die Baupläne ein, und sieben Monate nach Baubeginn, Ende März 1908, können Henry und Maria van de Velde mit ihren fünf Kindern die Villa beziehen.

Das großzügige Speisezimmer mit Blick in den Garten. 
© E. Lixenfeld
Das großzügige Speisezimmer mit Blick in den Garten.

Mit seinem eigenen Haus will der Künstler und Architekt in erster Linie ein Zuhause für sich und seine Familie schaffen, das den Wünschen seiner Frau nach mehr Natur und Freiheit für die Kinder, den praktischen Bedürfnissen der Bediensteten und dem Raumbedürfnis der Kinder entspricht. In seiner Biografie beschreibt er das Leben im Haus Hohe Pappeln rückblickend: "In diesem Haus wuchsen meine fünf Kinder heran in der Unschuld und Fröhlichkeit eines sorglosen Lebens ohne Krankheiten, ohne konventionellen Zwang und ohne von allzuviel Arbeiten gequält zu werden, in der Fülle ihrer Kräfte und in der freien Entwicklung ihres Wesens." Diese Leichtigkeit sollte sich tragischerweise nach zwölf arbeits- und erfolgreichen Jahren ändern: Henry van de Velde wird als Belgier mit Beginn des ersten Weltkrieges in Weimar immer mehr schikaniert. Aus dem 'verehrten Herrn Professor' wird der 'feindliche Ausländer'. Am 25. Juli 1914 reicht er gezwungenermaßen sein Entlassungsgesuch ein. Der Arbeitsvertrag wird zwar bis zum 1. Oktober 1915 verlängert, aber "am 15. Juli 1915 wurde die Schule geschlossen, ein Ereignis, das mich stark bewegte."

Salon und Treppenhaus bilden eine räumliche Einheit. 
© E. Lixenfeld
Salon und Treppenhaus bilden eine räumliche Einheit.

Der Großherzog verpflichtet van de Velde, sich dreimal täglich bei der Polizei in Weimar zu melden. Ein absurdes Procedere, das zum Tagesprogramm wird, weil es keine öffentlichen Verkehrsmittel gibt und der Architekt zu Fuß gehen muss. Nur mit Hilfe einflussreicher Freunde wie Wilhelm von Bode, dem Generaldirektor der Berliner Museen, gelingt es ihm 1917, in die Schweiz ins Exil gehen. Doch der Familienvater muss seine geliebte Familie zurücklassen. Eine furchtbare Leidenszeit beginnt, für den nur vordergründig in Sicherheit lebenden Familienvater und für die hungernde Familie, die in Weimar nur mit Hilfe weniger Freunden überleben kann. Der Großherzog lässt nun von Kriminalbeamten das Haus durchsuchen und den Pass von Maria van de Velde einziehen. Dadurch hat die Familie bis zum Kriegsende keine Chance, Deutschland zu verlassen und lebt armselig, hungernd und frierend in jenem Haus, das vor wenigen Jahren noch als weltoffener Treffpunkt für Schriftsteller und Maler galt. Erst 1918 trifft die Familie wieder vollzählig zusammen und bleibt bis 1921 in der Schweiz. "Bald nach der Kapitulation kam meine Frau mit den Kindern in Romanshorn an, (…). Aus ihren abgezehrten, harten Zügen, in den erloschenen Augen, aus den abgebrauchten Kleidern konnte man die traurigen Umstände lesen, denen sie endlich hatten entrinnen können."

Dass van de Veldes Haus nach den wechselvollen Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts nun wieder in den von ihm geschaffenen Zustand versetzt ist, verdankt sich ausschließlich dem jahrelangen, unermüdlichen Bemühen einiger Einzelpersönlichkeiten, die um die Bedeutung des Hauses wussten, und die nach der politischen Wende mit einem Verein verhindern konnten, dass die Immobilie in interessanter Lage als Spekulationsobjekt veräußert wurde. Das Besondere an diesem Künstlerhaus sind die vielen erhaltenen Details aus der Bauzeit.