Kleine und große Kirchen Dezember 2005

Der Limburger Dom und seine Ausstattung

Im Wandel der Zeit

Kirchen sind Funktionsbauten und oft sind sie schön. In ihnen soll in einem ästhetisch ansprechenden Rahmen Liturgie gefeiert werden, doch das ästhetische Empfinden ändert sich ebenso wie die liturgischen Anforderungen im Laufe von Jahrhunderten.

Betrachtet man daher die Veränderungen des Kircheninnenraums und seiner Ausstattung im historischen Längsschnitt, so gewinnt man Informationen über vergangene oder gegenwärtige Zustände einer religiösen Gemeinschaft, über ihren Zeitgeschmack und die liturgische Praxis. Ein komplexes Beispiel für diese Wechselwirkung von Ästhetik und Liturgie bietet die Geschichte des Limburger Domes, speziell die seines Innenraums.


Zwei Vorgängerbauten errichtete man bereits auf dem Lahnfelsen, bevor im späten 12. und frühen 13. Jahrhundert die heutige Kirche SS. Georg und Nikolaus erbaut wurde. Zum Zeitpunkt ihrer Erbauung vereinte sie zwei Funktionen unter ihrem Dach. Einerseits war sie das liturgische Zentrum des Kollegiatsstiftes St. Georg, einer Klerikergemeinschaft, die der fränkische Adlige Konrad Kurzbold im Jahre 910 gegründet hatte; andererseits diente sie der Stadtpfarrei St. Nikolaus, also einer Laiengemeinde, als Pfarrkirche. Im Mittelalter fand der Gottesdienst des Stiftsklerus' in Binnenchor und Vierung statt, während die Laiengemeinde den ihrigen im Langhaus abhielt. Diese Bereiche waren baulich strikt getrennt, nämlich zwischen den westlichen Vierungspfeilern durch einen Lettner, durch Chorschranken zu den Querhäusern hin sowie möglicherweise durch Gitter zum Chorumgang.

Grundriss, mittelalterlicher Zustand 
© Bischöfliches Ordinariat Limburg
Grundriss, mittelalterlicher Zustand

Aus der Mitte des 15. Jahrhunderts hat sich ein "Direktorium" erhalten, das entlang dem Kirchenjahr die verschiedenen liturgischen Feiern beschreibt. Es liefert erstklassige Informationen über die mittelalterliche mobile Ausstattung, deren liturgische Funktion sowie die Stiftung von Altären. Innerhalb des Stiftschores waren demnach zwei Altäre aufgestellt, im Osten der dem hl. Georg geweihte Hochaltar - ein Ziborienaltar - und in der Vierung der Kreuzaltar. Darüber hinaus war für die Pfarrgemeinde ein dem hl. Nikolaus geweihter Altar im Mittelschiff westlich des Lettners aufgestellt worden. Diese Anordnung der drei Altäre stand mit der Bildkomposition der Deesis über dem Triumphbogen der Vierung in Bezug, in dem der thronende Jesus ebenfalls von dem Stiftspatron Georg und dem Pfarrpatron Nikolaus flankiert wird.

In der Vierung kam an exponierter Stelle das Stiftergrabmal Konrad Kurzbolds zur Aufstellung. Beide, Grabmal und Kreuzaltaltar, wurden auf südlicher und nördlicher Seite von den Chorschranken und dem davor befindlichen Chorgestühl flankiert und somit in die Liturgie der Stiftsherren, deren eigentliche Aufgabe das Gedenken an den Stifter war, mit einbezogen. Der Lettner besaß neben seiner trennenden Funktion wichtige liturgische Aufgaben. Auf seiner nach oben abschließenden, mit Vortragspulten (Ambonen) versehenen Bühne, auf die man durch eine Treppe vom Chor aus gelangte, fand vorrangig die Wortverkündigung für die Gemeinde statt. Mit der Funktion einer Pfarrkirche gingen die Rechte der Taufe, des Begräbnisses sowie der Pfarrseelsorge einher, für deren Ausübung der Kirchenraum entsprechend auszustatten war. Während einer Bodenuntersuchung im Frühjahr 1975 konnte man den ursprünglichen Standort des Taufbeckens mitten im Südquerhaus ausfindig machen, da im Boden ein Sickerschacht zum Vorschein kam. Die Funktion dieses Querhauses als Baptisterium fand auch im staufischen Freskenprogramm - wie der Darstellung Johannes des Täufers - ihren ikonographischen Bezug.

SS. Georg und Niklaus ist somit ein besonders aufwendiges Beispiel für eine mittelalterliche "Kombi-Kirche" für eine Stiftsgemeinschaft und eine Pfarrgemeinde. Lettner und Chorschranken, die beide voneinander trennten, waren sicherlich die auffälligsten Bauelemente des Kircheninnenraums.

Diese mittelalterliche Ausstattung und ihr Aussehen blieben im Wesentlichen bis zu Beginn des 17. Jahrhunderts erhalten. Erst in der Folge des Konzils von Trient (1545-63) wurde der Lettner entfernt und stattdessen um 1608/09 eine Kanzel am zweiten südöstlichen Arkadenpfeiler errichtet, um der neuen seelsorgerischen Bedeutung der Predigt gerecht zu werden. Ebenfalls erhielten das Sakrament der Beichte und die Heiligenverehrung verstärkte Bedeutung. Es ist außerdem davon auszugehen, dass eine Kommunionbank als bauliche Trennung zwischen die Pfeiler des Langhauses eingezogen wurde, da durch die katholische Konfessionalisierung der Kommunionempfang häufiger wurde und als Mittel der Kirchenzucht eingesetzt werden konnte. Auch die Konzilsforderung nach einer Aufbewahrung des Allerheiligsten am Hochalter führte zu einer baulichen Aufwertung des Tabernakels auf Kosten des erst im Jahre 1496 errichteten spätmittelalterlichen Sakramentshäuschens.

Grundriss, Zustand 18. Jahrhundert 
© Bischöfliches Ordinariat Limburg
Grundriss, Zustand 18. Jahrhundert

Die barocke Umgestaltung

Ab 1749 sah sich der Limburger Stadtpfarrer Friedrich Dornuff zu einer umfangreichen Renovierung veranlaßt, da der Zustand der Kirche nach der Plünderung durch schwedische Truppen während des Dreißigjährigen Krieges stark zu wünschen übrig ließ. Die Renovierung begann mit Sicherungsarbeiten am Vierungsturm, der Öffnung von zugemauerten Fenstern im Kuppeltambour sowie der Integration von Rundfenstern an seinen Turmeckseiten.

Anschließend barockisierte man die Ausstattung, indem das Chorgestühl in der Vierung eine neue Bekrönung und die Emporenarkaden hölzerne Balustraden erhielten.
Maßgeblich verändert wurde das tradierte Aussehen des Inneren durch eine komplett neue Ausmalung. Erstmalig war die staufische Wandfassung nach über 500 Jahren nicht mehr sichtbar, da man stattdessen die Gewölbe- und Wandflächen kräftig rosafarben, die architekturgliedernden Elemente wie Rippen, Bögen und Dienste grau-blau, die Säulenschäfte der Triforiumssäulen rot fasste und die Schlusssteine sowie die Kanten der Kapitelle vergoldete.

Bis zu diesem Zeitpunkt befand sich der Pfarraltar an seinem mittelalterlichen Standort an der Grenze zwischen Langhaus und Vierung bzw. zwischen Klerikerchor und Laienbereich. Nun rückte man ihn an den nordwestlichen Vierungspfeiler, versah ihn mit einem Tabernakel, so dass er liturgisch als Sakramentsaltar während der Karwoche dienen konnte.

Chorraum mit barocker Ausstattung 
© Bischöfliches Ordinariat Limburg
Chorraum mit barocker Ausstattung

Nach einem Brand des Vierungsturms im Jahre 1774 waren sowohl der Altarbereich (in Chor und Vierung) neu auszustatten als auch anschließend entsprechend große Teile des Innenraums - möglicherweise auch der komplette Raum - erneut auszumalen. Im Bereich des Chores und der Vierung wurde ein neuer Fußboden in diagonalem Schachbrettmuster aus schwarz-rotem Marmor verlegt. Der Ziborienaltar wurde durch eine neue barocke Altaranlage aus Hochaltar und zwei Seitenaltären, an den westlichen Vierungspfeilern mit volutenartig geschweiften Retabelaufsätzen, ersetzt; das Stiftergrabmal in der Vierung hatte dieser Gruppe zu weichen und wurde in die Mitte des nördlichen Querhauses überführt.

Mit diesen barockisierenden Maßnahmen war das bis dato existente, stilpluralistische Erscheinungsbild des Sakralbaus stark verändert worden. Ein über Jahrhunderte gewachsenes bauliches und liturgisches Ensemble hatte einem neuen, konsequent barocken Raum- und Ausstattungsprogramm zu weichen.

Säkularisation, Erhebung zur Kathedrale und erste historistische Restaurierung

Mit der Säkularisation im Jahre 1803 gingen die Besitztümer des Limburger Stiftes sowie die ehemalige Stifts- und Pfarrkirche in das Eigentum des nassauischen Herzogtums über; 1827 wurde Limburg zum Bistum und damit die Kirche zur Kathedrale erhoben. Das Bauwerk hatte damit neue liturgische Anforderungen und Funktionen zu erfüllen, denen es in seiner bisherigen Ausstattung und Aufteilung nicht mehr gerecht werden konnte. Infolgedessen wurden Ausstattungsgegenstände neu geschaffen oder alte aus kurtrierischer Zeit umgearbeitet. Ein geeigneter Standort musste ebenso für die Kathedra geschaffen werden, da ihr bisheriger Platz im nördlichen Binnenchorbereich überhaupt nicht zufriedenstellend war.

Grundriss, Zustand nach der Restaurierung der 1870er-Jahre 
Grundriss, Zustand nach der Restaurierung der 1870er-Jahre
Grundriss, Zustand nach der Restaurierung der 1870er-Jahre

Im Jahre 1868 stellte der Limburger Stadtpfarrer Johann Ibach einen inneren Raumaufteilungsplan zur Platzgewinnung für die gewachsene Gemeinde auf, da vor allem bei festlichen Anlässen die räumliche Kapazität nicht mehr ausreichte. Durch die Versetzung der Chorschranken zwischen die östlich anschließenden Chorarkaden, mit der eine neue Aufstellung der Chorstühle und der Kathedra einhergehen sollte, würde sich die "veraltete" Raumkonstellation entscheidend verändern. Analog riet er zu einer Versetzung des Taufsteins aus dem südlichen sowie des Stiftergrabmals aus dem nördlichen Querschiff, um die entsprechenden Bereiche für die Gemeinde nutzen zu können. Darüber hinaus beabsichtigte man, das Platzangebot im Langhaus durch eine Vorverlegung der Kommunionbank an die westlichen Vierungspfeiler zu vergrößern und den Hochaltar in der Vierung aufzustellen.

Für dieses Konzept erstellte der Berliner Architekt Hubert Stier im Winter 1869/70 einen umfassenden Restaurierungsplan, welcher sich in drei Aufgabenbereiche unterteilte: routinemäßige Reparaturarbeiten, purifizierende Maßnahmen (um den Bau in einen "stilgerechten" Zustand zurückzuführen) sowie die Herstellung von neuen, stilistisch angemessenen Ausstattungsstücken. Im Chorbereich wurde daher die barocke Stufenanlage ebenso entfernt, wie die Altargruppe im Chor und an den Vierungspfeilern sowie die hölzernen Balustraden auf der Empore.

Da die Kommunionbank zwischen die westlichen Vierungspfeiler verlegt wurde, umfasste der neue Chorbereich nunmehr wieder Vierung und Binnenchor. In diese Fläche baute man eine neue, geometrische Podest- und Stufenanlage ein, in deren unterster Zone das Stiftergrabmal an seinem ursprünglichen mittelalterlichen Standort mittig in der Vierung zur Aufstellung kam.

Chorraum mit neogotischer Ausstattung 
© Foto Heinz / Limburg
Chorraum mit neogotischer Ausstattung

Richtung Osten lag, durch drei Stufen abgesetzt, das Presbyterium, in dessen Zentrum sich der um eine weitere Stufengruppe erhöhte Hochaltar unter dem östlichen Vierungsbogen befand. Eingefasst wurde der Chorbereich im Norden, Süden und Westen durch steinerne Kommunionbänke zwischen den Vierungspfeilern. Im Osten wurde aus den umgestellten Chorschranken eine bauliche Einfassung zum Chorumgang hin und eine Rückwand für die Kathedra und die Bestuhlung des Domkapitels gebildet. Direkt im Chorscheitel stand der neue Bischofsthron, der sich durch einen in neogotischer Form geschnitzten Baldachin auszeichnete. Die gute Sichtbarkeit war für den neuen Standort des Hochaltars relevant, so dass er vor dem Bischofsthron unter dem Bogen der östlichen Vierungspfeiler aufgestellt wurde. Er war als Doppelaltar für Chor- und Pfarrdienst konzipiert und setzte sich aus zwei von je fünf Säulen getragenen Mensen zusammen.

Stiers Vorschläge dokumentieren deutlich die zeitspezifischen Auffassungen von mittelalterlicher Stileinheit und -reinheit, die mit der Neugestaltung des Innenraums realisiert werden sollten. Diese Zielsetzung unterstrich die historistische Gestaltung der Wände, für die die staufische Wandfassung als Vorlage eines Ausmalungsprogramms diente. Parallel wurde aber auch in der Neuordnung des Chores die Bemühung deutlich, der neuen Funktion als Kathedrale gerecht zu werden. Gerade dieser Akt förderte die Identitätsstiftung der neuen Bischofskirche, negierte aber auch tradierte räumliche und liturgische Zusammenhänge, die damit als wichtige Geschichtszeugnisse verloren sind.

Die Restaurierung der 1930-er Jahre


Unter der Leitung des Architekten Willy Weyres fanden zwischen 1934 und 1935 anlässlich der 700-Jahrfeier im Jahre 1935 weitere Restaurierungsarbeiten statt. Sie zeigten im Bereich der Ausstattung deutliche Bestrebungen, das neogotische Mobiliar, dessen künstlerischen Stil man nach 60 Jahren als unzeitgemäß empfand, zu reduzieren und vereinzelt durch Neues in moderner Formensprache zu ersetzen. Neben diesen veränderten ästhetischen Vorstellungen wünschte sich das Domkapitel eine Vergrößerung der Fläche um den Hochaltar sowie die Aufstellung von Bänken im Chor für die Geistlichkeit. Für den ersten Wunsch war bereits Anfang 1928 das Stiftergrabmal in die südliche Querhauskonche der Empore transloziert worden. Dort bettete man das Haupt des Stifters allerdings nach Osten und nicht, wie eigentlich für Laien üblich, nach Westen. Mit dieser Maßnahme trennte man abermals Gebeine und Grabmal voneinander, denn im Boden der Vierung verblieb das eigentliche Grab des Stifters, dessen Standort durch eine in den Fußboden eingelassene Grabplatte markiert wurde.

Chorraum mit Ausstattung der 1930-er Jahre 
© Foto Heinz / Limburg
Chorraum mit Ausstattung der 1930-er Jahre

Die Podest- und Stufenanlage der 1870-er Jahre blieb im Wesentlichen erhalten, jedoch ermöglichte die entstandene Freifläche in der Vierung eine Vergrößerung des oberen Podestes um 90 cm nach Westen, wodurch Platz für liturgische Handlungen gewonnen wurde.

Entsprechend den gewandelten ästhetischen Prämissen befreite man die vorhandenen Ausstattungsstücke des Chores vom historistischen Dekor, so dass z.B. die steinerne bzw. schmiedeeiserne Einfassung der Vierung durch eine in rechteckige Felder geteilte, hölzerne Kommunionbank ersetzt wurde oder man an der Kathedra die neogotischen Schnitzereien beseitigte. Den Hochaltar halbierte man um eine Mensa und entfernte seine historistische Leuchtergarnitur und den Baldachinaufbau.

Mit der Farbigkeit und dem Übermalungsmodus der restaurierten staufischen Wandfassung der 1930-er Jahren sollte abermals ein "authentischer" Originalzustand gezeigt werden. Die Gewölbe- und Wandfassungen waren jedoch nun vom expressionistischen Geschmack und von zeitspezifischen Mittelaltervorstellungen geprägt, die Gestaltung und Wirkung beeinflussten.

Die Restaurierung in Folge des II. Vatikanums 1969–91


Maßgeblich für die Veränderungen des Chor- und Altarbereiches in den 1970-er Jahren war das II. Vatikanische Konzil (1962-65), dessen Vorgaben insbesondere eine bewusste Teilnahme der Gläubigen an den liturgischen Handlungen beabsichtigte. Im Altarraum sollen Altar, Ambo und Vorstehersitz z.B. durch räumliche oder materialspezifische Bezüge eine gestalterische Einheit bilden, in deren Zentrum der Altar stehen soll, der von der Gemeinde nicht zu weit entfernt sein und optisch und akustisch bestmögliche Kommunikation gewährleisten soll. Parallel fand bei der Gestaltung der neuen Ausstattungsstücke der Wunsch nach modernem Formenvokabular und zeitspezifischer Ästhetik Anwendung.

Bereits im Herbst des Jahres 1971 wurde eine Kommission zur Erstellung eines Gesamtkonzepts installiert, deren Gutachten von 1973 einen neuen Fußboden, Hochaltar, Ambo und neue Priestersitze vorsah. Darüber hinaus waren die Stufenanlage im Chor, das Chorgestühl und die Kathedra zu verändern sowie eine Sakramentskapelle mit Sakramentshaus samt Abschlussgitter einzurichten. Als Gewinner des ausgeschriebenen Wettbewerbs wurde im März 1974 der Bildhauer Hubert Elsässer mit dem Auftrag betraut, der im Zeitraum von drei Jahren aus seinen Wettbewerbsmodellen das heutige Ensemble entwickelte.

Grundriss, gegenwärtiger Zustand 
© Bischöfliches Ordinariat Limburg
Grundriss, gegenwärtiger Zustand

Der heutige Altarbereich wird durch ein großes Podest mit Stufenanlage zwischen den Vierungspfeilern gegliedert, wobei der Altar seinen neuen Aufstellungsort mittig unter der Vierungskuppel hat. Abgeschrägte Stufen an den westlichen Ecken korrespondieren mit der oktogonalen Vierungskuppel sowie mit den abgeschrägten Vierungspfeilern. Eine weitere Stufe im östlichen Teil erhöht das Presbyterium. Begrenzungen durch eine Kommunionbank erfolgen in Folge des II. Vatikanums nicht mehr; ebenfalls wurde die Kanzel beseitigt und statt ihrer ein Ambo im Vierungsbereich aufgestellt, an dem die Wortverkündung erfolgt.

Der neue Altar hatte deutlich die Material- und Formästhetik des 20. Jahrhunderts zu artikulieren und sich durch die Materialwahl vom Raumdunkel seiner Umgebung abzuheben. Außerdem wählte man eine farbliche Übereinstimmung mit dem neuen Tonfliesenboden (in Lang-, Querhaus und Chorumgang) sowie mit der Podestanlage, so dass sich Stufen, Podeste und Altar in gelbem Sandstein präsentieren. Durch den rechteckigen Grundriss und die ebenfalls vier leicht abgeschrägten Ecken gewährleistet der Altar auch einen Formalbezug zu den Raumelementen wie Vierungspfeilern und -kuppel sowie den Podeststufen. Er steht gemäß der Konzilsforderung frei in der Vierung, so dass die Eucharistiefeier versus populum, also in Richtung auf die Gläubigen hin erfolgen kann.

Mit der neuen Ausstattung und Umstrukturierung des Vierungs- und Binnenchorbereichs erfüllte sich der geforderte Wunsch nach Monumentalität und Einheitlichkeit. Gleichzeitig erfolgte eine Adaption der historischen Raumkonstellation durch bewusste Bezugnahme auf den Stiftsherrenbereich oder durch den neuen Standort des Altars im Zentrum der Vierung, da dieser ungefähr mit dem historischen Standort des Kreuzaltars übereinstimmt.

Im Zuge der Erneuerungsmaßnahmen und der liturgischen Vorgaben erhielt der Vierungsbereich neben dem Ambo sechs Altarleuchter, ein Vortragekreuz und Sedilien durch den Künstler. Die Aufstellung der neuen Kathedra (ebenfalls von Elsässer) orientiert sich am Standort der vorangegangenen im Scheitel des Binnenchores und wird ebenso wie diese vom Chorgestühl flankiert.

Chorbereich mit gegenwärtiger Ausstattung 
© Bischöfliches Ordinariat Limburg
Chorbereich mit gegenwärtiger Ausstattung

Das Stiftergrabmal erhielt abermals einen neuen Standort, jedoch nicht am historischen Aufstellungsort in der Vierung, da durch die Neuordnung von Chor und Vierung dieser Bereich in die Liturgie integriert wurde. Es wurde letztendlich im Nordquerhaus aufgestellt, im Schnittpunkt der Mittelachse des Querschiffs und der nordöstlichen Kapelle, in der Nähe seines Standpunktes von 1777. Am 30. Juni 1976, dem Todestag des Stifters, wurde die Umbettung durchgeführt, so dass heute Gebeine und Grabmal Konrad Kurzbolds wieder vereint im Nordquerhaus zu finden sind.

Der ursprüngliche mittelalterliche Standort des Taufbeckens wird heute im Südquerhaus lediglich durch eine dunkle runde Platte im Fußboden markiert, da der Taufstein 1965 von seiner Aufstellung in der Halle des nördlichen Westturms in die Erasmuskapelle am südlichen Seitenschiff transloziert wurde und somit ebenfalls nicht an seine ursprüngliche Stelle zurückkehrte.

Als Ergebnis dieser Maßnahmen präsentiert sich der Limburger Dom abermals als frisch restaurierter Raum mit neuer liturgischer Ausstattung, die per se ein neues Denken der katholischen Kirche nach dem II. Vatikanischem Konzil zum Ausdruck bringen sollte. Die helle Farbigkeit des Altarbereichs korrespondiert mit der pastellartigen Erscheinung der restaurierten Wände, deren Farbsubstanz aufgrund der Freilegungstechniken während der vorangegangenen Restaurierungen stark gelitten hatte. Unterstrichen wird dieser zarte Farbeindruck durch den Ausretuschierungsmodus der Fehlstellen mit kleinen Punkten.

Fazit

Die renovierenden und restaurierenden Eingriffe der letzten 700 Jahre im Limburger Dom erweisen sich als Zeugnisse für das Wechselspiel aus historischen, ästhetischen, denkmalpflegerischen, kirchenpolitischen und theologischen Vorstellungen. Sie verweisen auf die Zeitgebundenheit von liturgischen Anforderungen, ästhetischem Zeitgeschmack und auf spezielle Vorstellungen einer jeden Zeit, wie eine mittelalterliche Kirche auszusehen habe. Epochen der Kirchengeschichte wie Konzilien oder Bistumsgründungen spiegeln sich in ihnen ebenso wie die politischen Veränderungen gerade der jüngeren deutschen Vergangenheit. Der Kirchenraum und mit ihm die liturgischen Ausstattungsstücke werden so zu einem Medium der Erinnerung, in dem sich als anschaulichem Zeugnis der Vergangenheit zeittypische Inhalte und Botschaften manifestieren.

Jennifer Verhoeven

Kopfgrafiken: Der Limburger Dom (Fotos: ML Preiss)