Sehen und Erkennen Handwerk Dezember 2005

Von der Kongenialität der Bildschnitzer und Maler

Die Kunst der Fassmaler

In der gotischen Bildschnitzerkunst wurde Holz nur in seltenen Ausnahmefällen ohne eine farbige Fassung gelassen. Letztere war allerdings nicht die Aufgabe des Holzschnitzers, sondern die des Fassmalers, der zugleich auch die Flügel des Wandelaltars mit Tafelgemälden ausstattete. Das mittelalterliche Handwerk war nämlich sehr spezialisiert und streng nach Zünften geordnet. Ein Mitglied der Bildschnitzerzunft durfte sich deshalb nicht als Maler betätigen, ein Maler seinerseits nicht Werke der Schnitzkunst erschaffen.

Der kunstvoll geschnitzte Kopf eines Bischofs auf einem Altar der Marburger Elisabethkirche ist ebenso kunstvoll bemalt. 
© G. Kiesow
Der kunstvoll geschnitzte Kopf eines Bischofs auf einem Altar der Marburger Elisabethkirche ist ebenso kunstvoll bemalt.

In den meisten Fällen ist weder der eine noch der andere namentlich überliefert, jedoch kennen wir bei Altären in der Marburger Elisabethkirche die Namen der Künstler. Es sind beim sogenannten Sippenaltar und beim Elisabethaltar aus der Zeit um 1513 Ludwig Juppe als Bildschnitzer und Johann van Leyten als Fassmaler und Maler der Flügelgemälde. Es ist müßig, darüber zu streiten, wer der bedeutendere von beiden ist, es handelt sich um kongeniale Künstler. Der Altar hätte weder ohne das Können des Ludwig Juppe eine so hohe künstlerische Qualität erreicht, noch ohne den genialen Fassmaler, wie man besonders am Detail des Kopfes eines Bischofs aus dem Relief "Exhumierung der Gebeine der heiligen Elisabeth" ersehen kann. Erst durch die Bemalung der Augen mit Pupille, Iris, Wimpern, dem roten Fleck in den inneren Augenwinkeln und den roten äußeren Rändern der Lider konnte ein so intensiver, lebendiger Ausdruck entstehen. Dazu kommt die Fleischfarbe des Gesichts - Inkarnat genannt - mit den roten Lippen und Wangen sowie dem auch nach der Rasur schwarz durchschimmernden Bart um Kinn und Oberlippe, der durch oxydiertes Silber erzeugt worden ist.

Eine gotische Farbfassung wird in mehreren Arbeitsgängen sorgfältig vom Holzkern aus aufgebaut. Dabei trägt man als erstes auf das Holz einen Kreidegrund auf, ohne den man keine brauchbare Malschicht für die Temperafarben gewinnen würde. Nachdem dieser geglättet und geschliffen worden ist, werden die Farben aufgetragen beziehungsweise wird die Vergoldung vorgenommen.

Bei letzterer wird auf den Kreidegrund, der auch die plastisch aus dem Lindenholz geschnitzten Ornamente von Krone und Mantelsaum überzieht, der sogenannte Bolus aufgetragen, eine Schicht aus rotem Ocker, die dem Gold den rötlichen Ton verleiht und im feuchten Zustand den Haftgrund für das Gold bildet. Dann legt man vorsichtig das hauchdünne Blattgold auf. Nachdem dieses mit einem Achat poliert wurde, ist die sogenannte Polimentvergoldung fertig.

Temperafarben, deren Bindemittel aus Eigelb gewonnen wurde, und Polimentvergoldung sind unter normalen klimatischen Bedingungen recht widerstandsfähig und dauerhaft. Doch zu hohe Luftfeuchtigkeit, Staub und nachträgliche Übermalungen sowie gebräunte Überzugsschichten können eine Farbfassung sehr entstellen, wie man beim Altar aus der evangelischen Kirche von Heuchelheim (nahe Gießen, Hessen) im Zustand vor der Restaurierung erkennen kann. Die sehr feuchte Kirche ließ den Holzkern aufquellen, wodurch Blasen entstanden, die zunächst mit dem Heizspachtel niedergelegt wurden, nachdem sie zuvor mittels einer Injektionsspritze mit Leim hinterspritzt worden waren.

Auf dem Relief mit der "Geburt Christi" sind sehr deutlich auch die Schäden durch Wurmfraß zu erkennen, die teilweise zu einer inneren Zerstörung geführt haben, so dass eine Holzfestigung erfolgen musste. Danach konnten die Restauratoren vorsichtig mit chemischen Lösungsmitteln und dem Skalpell jüngere Übermalungen und die gebräunten Überzugsschichten entfernen. An dem fertig restaurierten Relief mit der "Anbetung der Könige" ist die ursprüngliche Schönheit der Farbfassung zu erkennen, durch die die etwas derben Schnitzereien aus der Zeit um 1500 veredelt worden sind.

Das linke Relief zeigt noch den braunen Überzug, während das rechte bereits sorgfältig restauriert wurde. 
© G. Kiesow
Das linke Relief zeigt noch den braunen Überzug, während das rechte bereits sorgfältig restauriert wurde.

Als in Ober-Auroff, einem kleinen Dorf im Taunus unweit von Wiesbaden, vor etwa 40 Jahren der Einsturz eines Gewölbes den Orgelprospekt schwer beschädigte, fand man in den Trümmern zwei sehr qualitätvolle Engelsfiguren. Sie stammen von einem spätgotischen Altar aus dem frühen 16. Jahrhundert, der irgendwann nach der Reformation auseinandergenommen wurde. Einige Teile gelangten in das Landesmuseum nach Wiesbaden, andere blieben in Ober-Auroff. Den Engeln, die einst das Blut aus den Handwunden Christi mit Schalen auffingen, drückte man im Barock Posaunen in die Hand und brachte sie am Orgelprospekt an. Bei der neuen Farbfassung wandte man die Lüstertechnik an. Bevor zum Beispiel die blaue Farbe aufgebracht wurde, legte man auf den Kreidegrund in der gleichen Technik wie bei einer Polimentvergoldung eine hauchdünne Silberfolie auf, was nun dem Blau einen wundervollen, leicht metallischen Glanz verleiht.

Dieser Engel wurde einst mit der Lüstertechnik bemalt, wie man am Blau auf dem Detail noch gut sehen kann. 
© G. Kiesow
Dieser Engel wurde einst mit der Lüstertechnik bemalt, wie man am Blau auf dem Detail noch gut sehen kann.

Einst erstrahlten alle mittelalterlichen Schnitzaltäre im Glanz ihrer Polimentvergoldungen und Farbfassungen. Erst mit dem Ende der Gotik verzichtete man, zum Beispiel bei den Werken von Tilman Riemenschneider, auf die Farbfassung und zeigt nun das Lindenholz in seiner natürlichen Schönheit. Die Farbfassungen des Mittelalters hatten jedoch die Aufgabe, das Kunstwerk als Objekt der Anbetung zu entmaterialisieren und ihm einen überirdischen Glanz zu verleihen.

Professor Dr. Dr. Ing-E. h. Gottfried Kiesow

Kopfgrafiken: Details des Altars in der evangelischen Kirche von Heuchelheim bei Gießen. (beide Fotos: G. Kiesow)

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