Dezember 2014

Die Kathedrale als liturgischer Raum

Die St. Hedwigs-Kathedrale in Berlin

St. Hedwig ist die erste katholische Kirche, die in der Residenzstadt Friedrichs des Großen nach der Reformation gebaut werden durfte. Der dem römischen Pantheon nachempfundene Zentralbau entstand nach den Plänen von Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff und wurde unter der Bauaufsicht von Johann Boumann d. Ä. bis 1773 direkt am Forum Fridericianum, am heutigen Bebelplatz, ausgeführt.

Ein schwerer Bombenangriff im März 1943 zerstörte die St. Hedwigs-Kathedrale bis auf die Umfassungsmauern. Zuvor war das Gotteshaus mit der Gründung des Bistums Berlin im Jahr 1930 zum Bischofssitz, zur Kathedrale, erhoben worden. Nach der Teilung Berlins war der Bischof weiterhin für die gesamte Stadt zuständig, denn zum Bistum gehörten West- und Ostberlin. Der Bischofssitz, die St. Hedwigs-Kathedrale, lag im Ostteil. Im Zuge des Wiederaufbaus der Kathedrale erteilte das Bistum, noch vor dem Mauerbau, dem Düsseldorfer Architekten Hans Schwippert den Auftrag zur Wiederherstellung des Innenraums. In seinem Entwurf machte er die "Trümmerstruktur" des Gebäudes weiterhin ablesbar.

Im Inneren der St. Hedwigs-Kathedrale schuf Hans Schwippert eine offene Mitte. 
© Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Im Inneren der St. Hedwigs-Kathedrale schuf Hans Schwippert eine offene Mitte.

Die Raumschöpfung von Hans Schwippert (1955–1963)


Die Stelle, an der eine Bombe den Raum vom Gewölbe bis zur Unterkirche zerstört hatte, ein etwa acht Meter großes Loch, inszenierte Schwippert als große Wunde. Der Architekt schuf eine kreisrunde Öffnung, von der eine breite, geschwungene Treppe zur Unterkirche führt. Dort wurzelt der Hauptaltar als Stele, die bis in die Oberkirche hineinragt und auf diese Weise eine Verbindung von Ober- und Unterkirche schafft.

In der Unterkirche wurzelt der Altar als Stele, die in die Oberkirche hineinragend beide Räume verbindet. 
© Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
In der Unterkirche wurzelt der Altar als Stele, die in die Oberkirche hineinragend beide Räume verbindet.

Die Unterkirche vereint mehrere Funktionen. Werktags dient sie Gottesdiensten, darüber hinaus wird sie als Taufkapelle und Beichtort genutzt, und sie ist Grablege. Für die Bautypologie der Unterkirche - ein Andachtsraum mit Gräbern, der unterhalb des Hauptaltars in der Oberkirche angesiedelt ist - gibt es in der Architekturgeschichte prominente Vorbilder. Das Raumkonzept erinnert an eine Märtyrer-Confessio, wie man sie von frühchristlichen Kirchen und insbesondere von Sankt Peter in Rom kennt. Dort steigt man zu den Gräbern der Heiligen hinab, um diese zu verehren. Der Raum in der St. Hedwigs-Kathedrale birgt das Grab des seliggesprochenen Dompropsts Bernhard Lichtenberg, der infolge des nationalsozialistischen Terrors starb, und eine Gedenktafel an den seliggesprochenen Priester Petro Werhun, der durch die kommunistische Diktatur starb. Mit seinem Architekturzitat rückt Schwippert diese katholischen Geistlichen in die Nähe frühchristlicher Märtyrer. Die Unterkirche wird gewissermaßen zur Krypta, zum Erinnerungsort an die Berliner "Märtyrer".

Schwipperts Raumschöpfung macht die Unterkirche, die auch als Grablege der ersten Berliner Bischöfe dient, zu einer christlichen und politischen Gedenkstätte. Unter den politischen Bedingungen ihrer Entstehung in der DDR hat die Anlage einen einzigartigen Zeugniswert. Denkmalpflegern und Kunstwissenschaftlern ist es aus diesem Grund ein wichtiges Anliegen, Schwipperts Raumschöpfung zu bewahren.



Die geplante Umgestaltung des Innenraums


Der Kirchenraum und sein liturgisches Konzept sollen im Zuge der anstehenden Sanierung der St. Hedwigs-Kathedrale über die notwendigen baulichen Maßnahmen hinaus verändert werden. Denn der ehemalige Berliner Erzbischof Rainer Maria Woelki hatte kritisiert, dass der Raum eine Liturgie nach den Vorgaben des Zweiten Vatikanums verhindere, weil der Priester,- der gemäß dem Konzil zwar zu den Gläubigen zelebriert, die große Öffnung direkt vor Augen habe. Die in zwei Hälften geteilte Gemeinde sei dagegen weit von ihm abgerückt.

Das Modell von Sichau & Walter Architekten 
© Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Das Modell von Sichau & Walter Architekten

Im Rahmen eines Wettbewerbs, an dem sich rund 169 Architekturbüros beteiligt hatten, entschied sich die Jury am 30. Juni 2014 für den Entwurf von Sichau & Walter Architekten GmbH in Fulda. Er sieht vor, die charakteristische zentrale Bodenöffnung vor dem Altar zu schließen. Um die gefühlte Trennung von Gläubigen und Priester zu überbrücken, schlagen Sichau & Walter eine liturgische Versammlung in Form eines kreisrunden Communio-Raumes vor. Die Gläubigen versammeln sich im Modell der Fuldaer Architekten in konzentrischen Kreisen um den Altar, der im Zentrum des Raumes - über der geschlossenen Mitte und unterhalb des Kuppelscheitels - platziert wird. Das Communio-Modell setzt das Verständnis der Kirche als Gemeinschaft (lat. communio = Gemeinschaft) voraus - eine zentrale Idee des Zweiten Vatikanischen Konzils.



Elliptischer Communio-Raum als Alternative


Eine Vermittlung zwischen der Position des Bistums und der Position der Denkmalpflege liefert - bisher allerdings ohne nachhaltige Beachtung - ein Konzept von Albert Gerhards und Andreas Odenthal (siehe: Christ in der Gegenwart 6.2014). Die Liturgiewissenschaftler erachten Schwipperts Schöpfung als sehr innovativ. Sie besitze zwar die Schwierigkeit, dass die verschiedenen Ansprüche an den Raum miteinander verbunden werden müssten, die Autoren sehen darin aber eine Herausforderung. Sie schlagen einen Communio-Raum in Form einer Ellipse vor. Ihr Modell hat den Vorteil, dass es mit wenig Aufwand Schwipperts freie Mitte bewahrt und gleichzeitig Gläubige und Priester wieder näher zusammenbringt: Eine Ambo-Anlage würde am Treppenabgang zur Unterkirche platziert. Der Altar bleibt an seinem Standort. Dieserart aufgestellt, befänden sich Altar und Ambo in den Brennpunkten einer Ellipse, während sich die Gemeinde in einem sanften Bogen, als Langseite der Ellipse, versammele. Die Eucharistie am Altar wäre, so die Liturgiewissenschaftler, über die leere Mitte hinweg zu feiern, die als Ort der Transzendenz frei bliebe. Sie sei Gott vorbehalten, nicht den Menschen.

Altarraum der St. Hedwigs-Kathedrale 
© Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Altarraum der St. Hedwigs-Kathedrale

Dem elliptischen Communio-Modell entsprechend wurden in letzter Zeit schon andernorts historische Kirchen neu gestaltet: zum Beispiel im Jahr 2000 die 1959 nach den Entwürfen von Karl Band fertiggestellte St. Franziskus-Kirche in der Bonner Nordstadt sowie 2011 die barocke Augustinerkirche in Würzburg. Als Neubau übernimmt beispielsweise die 1999 fertiggestellte Kirche St. Christophorus in Westerland auf Sylt dieses liturgische Konzept. 

Den Raumbedingungen in der St. Hedwigs-Kathedrale entsprechend, wird die von Schwippert geschaffene, kreisrunde Öffnung von Gerhards und Odenthal nicht nur bewusst als freie Mitte in das Communio-Modell einbezogen, sondern in diesem Sinne auch theologisch umgedeutet.

Julia Ricker



Weitere Literatur:  
Das Münster. Zeitschrift für christliche Kunst und Kunstwissenschaft (2.2014) - Schwerpunktheft: Die St. Hedwigs-Kathedrale in Berlin 

Rudolf Stegers: Entwurfsatlas Sakralbau. Birkhäuser Verlag 2008. ISBN 978-3-7643-6684-1.

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