Historismus Dezember 2014

St. Joseph in Mettlach wurde auf dem Wasser transportiert

Die Kapelle kam per Schiff

Einer der Höhepunkte der Gotik, die Sainte-Chapelle in Paris, hatte Céphalie Thierry inspiriert, als sie 1864 im saarländischen Wallerfangen eine Gedächtniskapelle für ihren verstorbenen Mann in Auftrag gab. Den Bau, den König Ludwig IX. im 13. Jahrhundert für die Dornenkrone Christi errichtet hatte, sah sie als geeignetes Vorbild für das Kirchlein, das neben ihrem Schloss entstehen sollte.

Ein unbekanntes Juwel: Unweit der alten Benediktinerabtei, seit dem 19. Jahrhundert Firmensitz von Villeroy & Boch, befindet sich die neugotische Josephskapelle.  
© Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Ein unbekanntes Juwel: Unweit der alten Benediktinerabtei, seit dem 19. Jahrhundert Firmensitz von Villeroy & Boch, befindet sich die neugotische Josephskapelle.

Als Architekten engagierte Céphalie Thierry, so vermutet man heute, Franz Georg Himpler, der das nur knapp fünf Meter breite Bauwerk aus rotem Sandstein in vier kreuzrippengewölbten Achsen ausführte. Das Äußere präsentiert sich aufwendig gegliedert. Zierliche Strebepfeiler wechseln mit Maßwerkfenstern, deren ockerfarbener Sandstein einen reizvollen Kontrast zur roten Wand bildet. Das dem heiligen Joseph geweihte Gebäude wurde auch von der nahegelegenen Krankenanstalt genutzt, die die Ordensschwestern des heiligen Karl Borromäus leiteten.

Ehrensache für eine Kapelle im Besitz der Familie von Boch-Galhau (Villeroy & Boch): Kunstvolle Wandfliesen- und malereien schmücken den Kirchenraum. Sie waren ein halbes Jahrhundert unter weißer Farbe verschwunden.  
© ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Ehrensache für eine Kapelle im Besitz der Familie von Boch-Galhau (Villeroy & Boch): Kunstvolle Wandfliesen- und malereien schmücken den Kirchenraum. Sie waren ein halbes Jahrhundert unter weißer Farbe verschwunden.

Kaum erbaut, verlor die Josephskapelle schon 15 Jahre später diese Funktion, denn in Wallerfangen war ein neues Krankenhaus entstanden. Ernest Villeroy, der Erbe des Sakralbaus, hatte eine außergewöhnliche Idee, um sie dauerhaft nutzen und so bewahren zu können. Er bewegte Onkel und Tante - Eugen von Boch und dessen Frau Octavie geb. Villeroy - dazu, St. Joseph nach Mettlach zu versetzen. Dort sollte sie, über einer Gruft der von Bochs errichtet, nicht nur Familienkapelle sein, sondern auch Kapelle des Krankenhauses, das die beiden wenige Jahre zuvor gegründet hatten. Das Mettlacher Hospital wurde ebenfalls von den Borromäerinnen geführt.

Das ehrgeizige Unterfangen erfolgte per Schiff über die Saar nach Mettlach, wo St. Joseph Stein für Stein wieder aufgebaut und durch neue Bauplastik ergänzt wurde. Entstanden war die Zier aus Terrakotta in der Fabrik des Keramikwarenunternehmens Villeroy & Boch, das Eugen von Boch in der vierten Generation leitete.

Seit 2003 wird die Josephskapelle restauriert. Angefangen hatte man mit der durch Witterung geschädigten Sandsteinfassade. Die Arbeiten im Inneren begannen 2009 mit einer kleinen Sensation, als Restauratoren unter mehreren Farbschichten Teile eines zwei Meter hohen Fliesensockels fanden, der auf blau-rotem Grund ein türkis-goldenes Ornamentmuster zeigt. Inzwischen sind die Keramikfabrikate komplett freigelegt und fassen den gesamten Raum in einem dekorativen Band zusammen. Von weißer Farbe wurden außerdem die prächtigen Wand- und Deckenmalereien aus der Zeit um 1880 befreit. In kräftigem Kobaltblau, Gold und Rot gehalten, nehmen sie die Farbpalette der "Mettlacher Platten" am Sockel wieder auf. Im Chor zeigen die Gemälde das Lamm Gottes zwischen den Evangelistensymbolen, im Langhaus sind Szenen aus dem Neuen Testament dargestellt.

Wieder freigelegt: Fliesen in leuchtenden Farben  
© ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Wieder freigelegt: Fliesen in leuchtenden Farben

Die Familie von Boch sah es als ihre Pflicht an, die kleine Kapelle, mit der nicht nur ihre Familiengeschichte, sondern auch die der Menschen in Mettlach verbunden ist, zu erhalten. Unterstützt wurde sie dabei vom Bund, vom Land und von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Sie half dank einer zweckgebundenen Spende und der ihr zufließenden Mittel aus der Lotterie GlücksSpirale mit insgesamt über 110.000 Euro. So konnten Luitwin Gisbert und Wendelin von Boch-Galhau im April 2013 feierlich nach Mettlach einladen: Nach insgesamt zehn Jahren war die Instandsetzung der Kapelle St. Joseph abgeschlossen. Die farbenfrohe Kapelle ist in ihrer ganzen überwältigenden historistischen Pracht - obwohl in Familienbesitz - für jeden zu besichtigen.

Julia Ricker und Beatrice Härig

Besichtigung:
Die Kapelle ist täglich, auch an Wochenenden, von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Adresse: Bahnhofstraße 9, 66693 Mettlach. Der Zugang ist über die Einfahrt zum benachbarten Krankenhaus, Saaruferstraße 10, möglich.

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