Denkmale in Gefahr Dezember 2014

Die Hamburger Villa Mutzenbecher wird zum außerschulischen Bildungsort

Denkmal in Not

Still steht sie da - umgeben vom Grün des Niendorfer Geheges, kunstvoll von Spinnennetzen umwoben. Die Villa Mutzenbecher wirkt verlassen, wie in einem märchenhaften Schlaf. Doch hinter Fenstern angebrachte Schilder mahnen: "Dieses Haus ist bewohnt". Sie stammen von dem einzigen Mieter, der trotz endloser Abrissdiskussionen dem historischen Gebäude seit Jahren treu zur Seite steht.

Die glanzvolle Zeit des Hauses begann vor etwa einhundert Jahren. Wohlhabende Hamburger Bürger entdeckten das ländliche Niendorf mit seinen reetgedeckten Bauernhäusern als Ort der Sommerfrische. Bevor 1907 die Straßenbahn gebaut wurde, sollen die vielen Kutschen der Erholungssuchenden sogar manchen Verkehrsstau verursacht haben. Nach und nach zog es einflussreiche Kaufleute in das Gebiet nördlich der Innenstadt. Wie Johann Theodor Merck, Reederei-Chef der Hamburg-Amerika-Linie, erwarben sie Grundbesitz und ließen Landhäuser bauen. So auch der Generaldirektor des Hamburger Versicherungskonzerns Albingia, Hermann Franz Matthias Mutzenbecher, der um 1900 ein Areal von beachtlichen 68 Hektar ankaufte, um darauf sein "Ferienhaus" zu bauen. Ein heute nicht mehr bekannter Architekt schuf den privaten wohnlichen Ort, der weniger der Repräsentation diente. Den angrenzenden Wald hielt Mutzenbecher weiterhin für Spaziergänger geöffnet. Kurze Zeit später engagierte er den renommierten Architekten Erich Elingius, der den zweigeschossigen Backsteinbau 1908-10 umgestaltete.

Denkmalpflegerisch besonders wertvoll: Im Inneren der Villa ist die hölzerne Ausstattung noch original erhalten.  
© ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Denkmalpflegerisch besonders wertvoll: Im Inneren der Villa ist die hölzerne Ausstattung noch original erhalten.

Unabhängig von Schäden, die vor allem daher rühren, dass viele Räume des Hauses seit langem leer stehen - nicht alle Zimmer können von dem Mieter Marc Schlesinger genutzt werden -, ist die Architektur qualitativ hochwertig. Aus denkmalpflegerischer Sicht ist die Villa Mutzenbecher besonders wertvoll, blieb sie doch nahezu original erhalten: Ihre Fassaden sind intakt, die Holzfenster, die Türen, die Veranda und viele Einbauten im Inneren sind unversehrt.

Weil der Eigentümer, die Hamburger Finanzbehörde, aber die anstehenden Kosten für eine Instandsetzung nicht aufbringen wollte und sich außerdem kein geeigneter Nutzer fand, dachte man 2012 über einen Abriss nach. Der drohende Verlust rief sogleich mehrere Akteure auf den Plan. Ihnen ist es zu verdanken, dass mit der Mutzenbecher-Villa ein typisches Beispiel Hamburger Landhausarchitektur aus der Zeit der Jahrhundertwende bewahrt bleibt.

Südostseite der Villa  
© ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Südostseite der Villa

Einer von ihnen ist Jens Uwe Zipelius von der Hamburger HafenCity Universität. Als er im Fernsehen von den Abrissplänen des seit 2007 denkmalgeschützten Gebäudes erfuhr, wandte sich der Architekturprofessor sofort an die Kulturbehörde der Hansestadt. Auf ein solches "Praxisprojekt" hatte er schon lange gewartet. Unterstützt durch das Denkmalschutzamt durfte Zipelius das Gebäude ab dem Sommersemester desselben Jahres mit 25 kleinen Studentenarbeitsgruppen aufmessen und konstruktiv untersuchen.

Alle Beteiligten waren begeistert, am Objekt zu lernen und mit ihrer Arbeit die Öffentlichkeit auf das Haus aufmerksam zu machen. Etwa zeitgleich traten vom Verein Werte erleben e. V. der Pädagoge Andreas Reichel und der Personalmanager Gerd Knop an den Professor heran. Knop engagierte sich lange Jahre im Hamburger Hauptschulmodell dafür, Jugendliche in eine Ausbildung zu bringen.

Der Raum im Obergeschoss könnte einmal eine Schreibstube werden.  
© ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Der Raum im Obergeschoss könnte einmal eine Schreibstube werden.

Zusammen mit Reichel hatte er Pläne entwickelt, um dem Haus eine angemessene Nutzung und damit eine Zukunft zu geben. Ihre Idee: Die Villa selbst soll Unterrichtsobjekt sein, an dem Schüler aller Schulformen mit unterschiedlichem sozialen Hintergrund und verschiedenen Interessen gemeinsam lernen. Die Möglichkeit, dass Schüler an einem Denkmal arbeiten, mit der historischen Bausubstanz umgehen und ihren Wert kennenlernen, findet Andreas Reichel an dem Konzept so wichtig. Die Jugendlichen entwickelten dabei nicht nur ein Bewusstsein für Geschichte, sondern lernten auch, sich und ihre Gegenwart besser zu verstehen, so der Pädagoge.

Dass die vor sich hinschlummernde Niendorfer Villa es verdient, erweckt zu werden, meint auch Marc Schlesinger. 1987 in das Haus eingezogen, beweist er einen langen Atem. In Eigenregie -repariert er immer wieder Schäden, um dem Verfall entgegenzuwirken. Dabei ließ er sich nicht von der städtischen Immobilienverwaltung SAGA entmutigen, die die Kündigung der Wohnung signalisierte. Mit seinem Stadtteil verwurzelt, weiß der Niendorfer, dass vielen Einwohnern etwas an dem Gebäude liegt. Nicht nur, weil sie regelmäßig zum Sport oder zu Spaziergängen im Wald vorbeikommen. Manche verbinden das märchenhafte Anwesen auch mit ihrer Kindheit. In den 1950er-Jahren, als die Stadt Hamburg die Villa von der Familie Mutzenbecher erwarb, stand sie auf einer lichten Freifläche mit einer Remise an der Westseite und einem großen Rosenbeet südlich der Veranda.

Blick von der Veranda in den Wald  
© ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Blick von der Veranda in den Wald

Das außen auf den ersten Blick schlicht wirkende Backsteingebäude schmücken beim näheren Hinsehen viele dekorative Details: Sprossenfenster, pilasterartige Fensterrahmen mit konsolengestützten Brüstungen und Freigespärre, die wie Zapfen die Dachgiebel zieren. Im Inneren haben die wenigen Veränderungen das Erscheinungsbild kaum beeinträchtigt. Die Grundrissdisposition ist erhalten, obwohl an manchen Stellen Zwischenwände für die unterschiedlichen Mietparteien eingebaut wurden. Selbst im jetzigen Zustand, wo die Substanz bröckelt, ist die Eleganz der Architektur noch sichtbar. Zum Beispiel in den südlichen Erdgeschossräumen, die sich zur Veranda öffnen und miteinander durch eine breite Schiebetür verbunden sind.

Ihr Schöpfer, der Hamburger Architekt Erich Elingius, war in den Formen des Historismus bewandert. Bei einer Studienreise nach England setzte er sich außerdem mit der von der Arts-and-Crafts-Bewegung inspirierten Landhausarchitektur auseinander. Elingius' Spezialität waren Villen und Landhäuser. In seinen Entwürfen verbindet sich die klassische Ausbildung mit den Erfahrungen aus England. Die Villa Mutzenbecher ist ein typisches Beispiel: Die Räume des kompakt gebauten Landhauses sind um die Eingangshalle organisiert. Erdverbunden, ohne ein Sockelgeschoss, besitzt es einen bequemen Zugang zum Garten.

Rettung in letzter Minute kam für die Villa Mutzenbecher, als der Bezirk, die Finanzbehörde und das Denkmalschutzamt Ende 2012 ein Interessensbekundungsverfahren auslobten, um doch noch einen Nutzer für das Haus zu finden. Weil das Konzept von Andreas Reichel und Gerd Knop überzeugte, bleibt das Denkmal erhalten. Der Verein Werte erleben wird die Villa für einen geringen Betrag langfristig mieten und erklärt sich bereit, das Gebäude zu restaurieren. Kontinuierlich vernachlässigt - vor über 30 Jahren wurde es zum letzten Mal saniert -, machen sich inzwischen die Schäden bemerkbar. Mängel an der Dachkonstruktion haben zu Feuchtigkeit und Schimmel im Inneren geführt. Nach und nach sollen das Dach erneuert, das Mauerwerk instand gesetzt, die historischen Fenster und Türen, die Böden und der Stuck aufgearbeitet und die Veranda wiederhergestellt werden. Wenn bald Schulabgänger und Schüler zusammen mit Studenten der HafenCity Universität unter der Anleitung von Fachleuten die Restaurierungsmaßnahmen planen und ausführen, wird wieder Leben in die alten Mauern einkehren. In drei Jahren, so hoffen alle Beteiligten, soll die Villa im Wald Besucher empfangen. Grundsätzlich, bemerkt Andreas Reichel, stellt man sich ein offenes Haus für Bildung und Kultur vor. Jeder, der eine überzeugende Idee hat, ist eingeladen, sie hier umzusetzen. Angedacht ist beispielsweise, einen Raum zur Schreibstube zu machen, in der die Handschrift mit hochwertigen Schreibgeräten wieder auflebt. Lese- und Gesprächskreise sollen vor allem die Bewohner der umliegenden Ortsteile ansprechen. Vereinen wird es dann ebenfalls möglich sein, die Räume der Villa zu nutzen. Außerdem wird es eine Präsentation zum Gebäude geben.

Andreas Reichel vom Verein Werte erleben (l.) und der Bewohner Marc Schlesinger freuen sich, dass die Villa endlich restauriert werden kann. Andreas Reichel vom Verein Werte erleben (l.) und der Bewohner Marc Schlesinger freuen sich, dass die Villa endlich restauriert werden kann.  
© ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Andreas Reichel vom Verein Werte erleben (l.) und der Bewohner Marc Schlesinger freuen sich, dass die Villa endlich restauriert werden kann. Andreas Reichel vom Verein Werte erleben (l.) und der Bewohner Marc Schlesinger freuen sich, dass die Villa endlich restauriert werden kann.

Dass die Villa weiterhin von Lehrern und Schülern genutzt wird, versteht sich von selbst. Schulen der Umgebung benötigen Räume für den Ganztagsbetrieb, und zusammen mit der Stadtteilschule Niendorf werden fest im Stundenplan verankerte Lernprojekte vor Ort stattfinden. Nur die hinteren Räume des Hauses bleiben privat. Erfreut über die aktuellen Entwicklungen, will Marc Schlesinger natürlich weiterhin hier wohnen.

Bis es so weit ist, müssen alle Beteiligten die Kräfte bündeln, um ihr ambitioniertes Projekt gemeinsam stemmen zu können. Einen Teil der Kosten werden zwar das Denkmalschutzamt der Stadt und die Schulen tragen, eine große Summe müssen jedoch die Ehrenamtlichen selbst auf-bringen. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz möchte sie dabei unterstützen. Es ist ihr nicht nur ein Wunsch, das bedeutende Zeugnis der Hamburger Villenarchitektur zu bewahren, sondern auch den pädagogischen Ansatz des Projekts zu fördern. Jungen Menschen die Freude am Denkmalschutz in der praktischen Arbeit am Objekt zu vermitteln und ihnen einzelne Berufsbilder in der Denkmalpflege nahezubringen, ist der Stiftung seit vielen Jahren ein Anliegen. Sie verfolgt es selbst mit ihren Jugendbauhütten und dem Schulprogramm denkmal aktiv. Dieser Ansatz, die Begeisterung der Hamburger Akteure für die Niendorfer Villa und ihr Konzept hat die Stiftung überzeugt. Denn wenn die richtigen Menschen zum richtigen Zeitpunkt zusammenkommen und gemeinsam Ideen entwickeln, kann längst verloren Geglaubtes mit neuem Leben erfüllt werden. Helfen Sie mit!

Julia Ricker

© Helene Willink, Hamburg
© Helene Willink, Hamburg
Vor der Veranda an der Südseite gab es viel Platz für einen Rosengarten.
© Helene Willink, Hamburg
© Helene Willink, Hamburg
Zur Hochzeitsfeier der Familie Willink im Mai 1911 war die Veranda der Villa mit Blumengirlanden geschmückt.
© ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
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Heute ist die Villa Mutzenbecher von Bäumen umgeben.
© ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
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Die Veranda heute
© ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
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Fein ausgearbeitete Zierformen an der Holzkonstruktion der südlich gelegenen Veranda erinnern an glanzvollere Zeiten.
© ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
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Die historische Treppe im Erdgeschoss
© ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
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Studenten der Hamburger HafenCity Universität haben an einigen Stellen die Farbschichten untersucht.
© Helene Willink, Hamburg
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Die historische Aufnahme der Villa Mutzenbecher zeigt, dass das Gebäude einmal auf einer sonnigen Freifläche stand.
 
 
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Vor der Veranda an der Südseite gab es viel Platz für einen Rosengarten.
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Zur Hochzeitsfeier der Familie Willink im Mai 1911 war die Veranda der Villa mit Blumengirlanden geschmückt.
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Heute ist die Villa Mutzenbecher von Bäumen umgeben.
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Die Veranda heute
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Fein ausgearbeitete Zierformen an der Holzkonstruktion der südlich gelegenen Veranda erinnern an glanzvollere Zeiten.
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Die historische Treppe im Erdgeschoss
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Studenten der Hamburger HafenCity Universität haben an einigen Stellen die Farbschichten untersucht.
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Die historische Aufnahme der Villa Mutzenbecher zeigt, dass das Gebäude einmal auf einer sonnigen Freifläche stand.
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Die Villa Mutzenbecher, Bondenwald 110a, 22453 Hamburg, ist über einen kurzen Gehweg vom Parkplatz "Revierförsterei Niendorf" aus zu erreichen.

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