Renaissance Herrscher, Künstler, Architekten Juni 2014

Eine Landesausstellung widmet sich dem Maler Lucas Cranach d. J.

Aus dem Schatten des Vaters

Lucas Cranach d. J. kennt man als Maler der Renaissance. Wenige wissen, dass er - wie zuvor bereits sein Vater - als Ratsherr die Geschicke Wittenbergs lenkte. 1565 wird er zum Bürgermeister gewählt und strebt vielleicht eine politische Karriere an. Auf eigenen Wunsch legt er das Amt jedoch drei Jahre später nieder. Sein Schwager Christian Brück, einflussreicher Kanzler in Weimar, hatte den Plan eines Ritteraufstands, die sogenannten Grumbachschen Händel, unterstützt. Als dieser scheitert, wird Cranach selbst zwar nicht belangt, doch Christian Brück, wird gefoltert und getötet. 2015 feiern Sachsen-Anhalt und Thüringen den 500. Geburtstag des Renaissance-Malers.

Die Verdammten in der Darstellung des Jüngsten Gerichts auf der Rückseite des Wittenberger Reformationsaltars. Studenten haben dort ihre Namen, Initialen und Jahreszahlen eingeritzt. 
© Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Die Verdammten in der Darstellung des Jüngsten Gerichts auf der Rückseite des Wittenberger Reformationsaltars. Studenten haben dort ihre Namen, Initialen und Jahreszahlen eingeritzt.

Feine Risse durchziehen die Gesichter der Erlösten und der Verdammten. Beim genaueren Betrachten erkennt man, dass es sich um eingeritzte Buchstaben und Jahreszahlen handelt. Studenten der ehrwürdigen Wittenberger Universität Leucorea haben auf dem Reformationsaltar in der Stadtkirche ihre Namen, zum Teil nur ihre Initialen hinterlassen - einige bereits im 16. Jahrhundert. Die Bildtafel zeigt das Jüngste Gericht. Auf der Seite der Erlösten sieht man der Legende nach die Initialen der Studenten mit bestandenem Examen. Bei den Verdammten haben sich die Erfolglosen verewigt. Der eine oder andere wird sich in den schmerzverzerrten Gesichtern wiedergefunden haben.

Das die Studenten ansprechende Tafelbild wird Lucas Cranach d. J. zugeschrieben. Von ihm und der Cranach-Werkstatt stammen wohl alle Gemälde auf der Rückseite des Reformationsaltars: in der Mitte der auferstandene Christus, rechts Isaaks Opferung und links die Aufrichtung der ehernen Schlange durch Moses. Doch auch bei der Schauseite hat er sicher mitgewirkt. Man geht davon aus, dass das Konzept für den Altar von seinem Vater Lucas Cranach d. Ä. stammt, der nach wie vor als der bedeutendere Künstler dieser Malerdynastie gilt. 2015, zum 500. Geburtstag des jüngeren Lucas, möchte das Land Sachsen-Anhalt den Sohn mit einer großen Landesausstellung aus dem Schatten des Vaters holen.

Wittenberg, Marktplatz © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Wittenberg, Marktplatz © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Das ockerfarbene Haus am Wittenberger Marktplatz war ebenfalls im Besitz der Cranachs.
Wittenberg, Cranach-Haus © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Wittenberg, Cranach-Haus © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Im Erdgeschoss des Wohnhauses der Cranachs am Markt 4 wurde eine historische Buchdruckerwerkstatt eingerichtet.
© Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
© Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Restaurator Roland Enge reinigt vorsichtig das Epitaph, das Lucas Cranach d. J. für Sara Cracow schuf.
Wittenberg, Cranach-Apotheke © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Wittenberg, Cranach-Apotheke © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Blick vom Marktplatz auf das Eckhaus Schlossstraße 1, in dem die Cranachs gewohnt haben. Im Erdgeschoss befindet sich die Cranach-Apotheke.
Wittenberg, Cranach-Ausstellung © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Wittenberg, Cranach-Ausstellung © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Im nächsten Jahr feiert das Land Sachsen-Anhalt den 500. Geburtstag Lucas Cranachs d. J. mit einer Landesausstellung, die unter anderem im Wittenberger Augusteum stattfindet.
Wittenberg, Stadtkirche, Cranach-Epitaph © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Wittenberg, Stadtkirche, Cranach-Epitaph © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Das Epitaph für Lucas Cranach d. J. im Chor der Wittenberger Stadtkirche St. Marien. Der Dresdner Bildhauer Sebastian Walther schuf es 1606.
Wittenberg, Stadtkirche, Reformationsaltar © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Wittenberg, Stadtkirche, Reformationsaltar © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Die Predella des Reformationsaltars in der Wittenberger Stadtkirche St. Marien, geschaffen von Lucas Cranach d. Ä. und seinem Sohn Lucas. Rechts auf der Kanzel: Martin Luther
 
 
Wittenberg, Marktplatz © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Das ockerfarbene Haus am Wittenberger Marktplatz war ebenfalls im Besitz der Cranachs.
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Wittenberg, Cranach-Haus © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Im Erdgeschoss des Wohnhauses der Cranachs am Markt 4 wurde eine historische Buchdruckerwerkstatt eingerichtet.
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Restaurator Roland Enge reinigt vorsichtig das Epitaph, das Lucas Cranach d. J. für Sara Cracow schuf.
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Wittenberg, Cranach-Apotheke © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Blick vom Marktplatz auf das Eckhaus Schlossstraße 1, in dem die Cranachs gewohnt haben. Im Erdgeschoss befindet sich die Cranach-Apotheke.
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Wittenberg, Cranach-Ausstellung © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Im nächsten Jahr feiert das Land Sachsen-Anhalt den 500. Geburtstag Lucas Cranachs d. J. mit einer Landesausstellung, die unter anderem im Wittenberger Augusteum stattfindet.
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Wittenberg, Stadtkirche, Cranach-Epitaph © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Das Epitaph für Lucas Cranach d. J. im Chor der Wittenberger Stadtkirche St. Marien. Der Dresdner Bildhauer Sebastian Walther schuf es 1606.
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Wittenberg, Stadtkirche, Reformationsaltar © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Die Predella des Reformationsaltars in der Wittenberger Stadtkirche St. Marien, geschaffen von Lucas Cranach d. Ä. und seinem Sohn Lucas. Rechts auf der Kanzel: Martin Luther
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Hofmaler in Wittenberg

Der sächsische Kurfürst Friedrich III., genannt der Weise, hat Lucas Cranach d. Ä. im Frühjahr 1505 in seiner Residenzstadt Wittenberg als Hofmaler angestellt. Damals ist er noch "Lucas Moller" und wird sich erst später nach seiner Geburtsstadt Kronach - mittelhochdeutsch crana - nennen.

Noch zu DDR-Zeiten taten sich Bürger zusammen, um die sogenannten Cranachhöfe in Wittenberg - hier die Schlossstraße 1 - zu retten. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz unterstützte die Sanierung mit über 500.000 Euro. 
© Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Noch zu DDR-Zeiten taten sich Bürger zusammen, um die sogenannten Cranachhöfe in Wittenberg - hier die Schlossstraße 1 - zu retten. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz unterstützte die Sanierung mit über 500.000 Euro.

Cranach wohnt und arbeitet zunächst im Schloss. Erst sieben Jahre später, nach der Hochzeit mit Barbara Brengebier, einer Tochter des Gothaer Bürgermeisters, zieht er in sein erstes eigenes Haus am Wittenberger Marktplatz, in dem die Kinder Hans, Lucas, Ursula und Barbara geboren werden. Im Nachbarhaus richtet er seine Werkstatt ein.

Der Hofmaler erhält für seine Arbeit einen guten Lohn. Der kunstsinnige Kurfürst zahlt ihm jährlich 100 Gulden und damit genauso viel wie einem Professor an der Leucorea. Ein Student muss dagegen mit 8 Gulden auskommen. Jedes Werk des Hofmalers und außerdem Farben, Pinsel sowie weiteres Material werden extra vergütet. Lucas produziert in seinem Atelier eine große Zahl von Grafiken, Holzschnitten und Gemälden, darunter immer wieder Porträts seiner Kurfürsten Friedrich der Weise, Johann der Beständige und Johann Friedrich der Großmütige. Doch er ist auch für die Ausschmückung der kurfürstlichen Schlösser zuständig, lässt Fahnen, Möbel und Schlitten bemalen, entwirft und Hofkleidung und die Ausstattung von Turnieren und Festen, hält erfolgreiche Jagden beinahe wie ein Hoffotograf fest.

Der Cranachhof, Schlossstraße 1, war Anfang der 1990er-Jahre in einem schlimmen Zustand gewesen. 
© ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Der Cranachhof, Schlossstraße 1, war Anfang der 1990er-Jahre in einem schlimmen Zustand gewesen.

Der fromme Kurfürst Friedrich gibt Cranach außerdem den Auftrag, einen Katalog seiner Sammlung von mehr als 5.000 Reliquien anzulegen. Gläubige dürfen diesen Schatz am Vorabend des Allerheiligenfestes und an bestimmten Feiertagen in der Wittenberger Schlosskirche betrachten. Sie hoffen, sich so von ihren Sünden befreien zu können. Über 100 Holzschnitte fertigt die Cranach-Werkstatt - leider sind nur wenige Exemplare dieses "Wittenberger Heiltumsbuchs" erhalten.

Es ist verständlich, dass gerade Wittenberg mit seiner großen Reliquiensammlung, die eng an das päpstliche Ablasswesen geknüpft ist, zur Stätte von Luthers Predigten gegen eben diese Ablässe wird. Erstaunlich ist jedoch, dass sich der Begründer der Sammlung, Friedrich der Weise, zum Beschützer Luthers und der anderen Reformatoren entwickelt.

Der Wittenberger Marktplatz mit den Denkmälern Martin Luthers und Philipp Melanchthons. Im Hintergrund die Stadtkirche St. Marien 
© Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Der Wittenberger Marktplatz mit den Denkmälern Martin Luthers und Philipp Melanchthons. Im Hintergrund die Stadtkirche St. Marien

Die Reformation der Kirche beginnt

Im Winter 1508 war der Augustinermönch Martin Luther nach Wittenberg gekommen, um an der sechs Jahre zuvor vom Kurfürsten gegründeten Leucorea Moraltheologie zu lehren. 1511 übernimmt er den Lehrstuhl und promoviert ein Jahr später. Nicht zuletzt Luthers Vorlesungen und Predigten bescheren dem Provinzstädtchen Wittenberg einen enormen Aufschwung. Bis zu 400 Studenten sollen damals im Großen Hörsaal an den Lippen des Reformators gehangen haben.

Gleichzeitig entwickelt sich das Buchdruckerwesen. Man erfindet eine besonders gut lesbare Schrift, die Wittenberger Type. Man nimmt an, dass zwei Drittel der arbeitenden Stadtbevölkerung im Buchdruck tätig waren. Lucas Cranach d. Ä. richtet in seinem Haus am Marktplatz ebenfalls eine Druckerei ein. Dort entsteht 1522 der 444 Seiten starke Folioband mit Luthers Übersetzung des Neuen Testaments. Sie wird in ganz Deutschland von allen Ständen gelesen, und die Auflage von 3.000 Exemplaren ist im Nu vergriffen.

Das erste in größerer Anzahl überlieferte Bild Martin Luthers, dessen Verbreitung der Hof zustimmte, stammt ebenfalls von Lucas Cranach d. Ä. Bis zum Tod des Reformators wird er ihn immer wieder porträtieren: mal als Junker Jörg, als der er sich auf der Wartburg versteckt, mal als Prediger, mal als Ehemann. Am 13. Juni 1525 werden Luther und die ehemalige Nonne Katharina von Bora von Johannes Bugenhagen getraut, ein enger Vertrauter und Verfasser mehrerer Kirchenordnungen. Trauzeuge ist Lucas Cranach, der Taufpate des ältesten Luthersohnes Johannes wird, Luther wiederum Pate von Anna, der jüngsten Cranach-Tochter.

Der Ausleger an der Wittenberger Cranach-Apotheke ist mit dem Wappen Lucas Cranachs d. Ä. versehen. 
© Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Der Ausleger an der Wittenberger Cranach-Apotheke ist mit dem Wappen Lucas Cranachs d. Ä. versehen.

Umzug in die Schlossstraße

Sie kommt 1520 im Haus Schlossstraße 1 zur Welt, das der Maler zwei Jahre zuvor für 2.000 Gulden erworben hat. Es bietet für die großen Arbeiten, die er zunehmend für seine Auftraggeber - Befürworter wie Gegner der Reformation - anfertigt, mehr Platz. Das Gebäude soll sehr viele beheizbare Zimmer und Küchen besessen haben und so komfortabel gewesen sein, dass Cranach dort 1523 das geflüchtete dänische Königspaar Christian II. und Isabella für einige Monate aufnehmen kann. Auch sie sind wegen Luther in die Stadt gekommen und bekennen sich zur Reformation.

Cranach richtet seine Werkstatt vermutlich in den Hofflügeln der Schlossstraße ein. Im Vorderhaus befindet sich die einzige Apotheke Wittenbergs. Der Maler besitzt seit 1520das Apothekenprivileg, darf daher durch einen Apotheker nicht nur Arznei, sondern auch Luxusgüter aller Art verkaufen. Der kurfürstliche Hof bezieht über Jahre hinweg Wein von ihm.

Aus dem unbekannten Kronacher "Moller" ist ein angesehener und einer der reichsten Bürger Wittenbergs geworden. 1519 wird er Ratsherr und übt dieses Amt mehrmals aus. 1537, 1540 und 1543 leitet er die Geschicke der Stadt als Bürgermeister. Man schätzt, dass er zusammen mit seinen Gesellen bis zu 5.000 Werke geschaffen hat, darunter bezaubernde Tierdarstellungen. Er porträtiert nicht nur die Reformatoren, sondern auch deren Familien. Durch seine Bilder wissen wir, wie Katharina von Bora aussah. Ein Abbild seiner eigenen Frau ist allerdings nicht gesichert. Einer Legende nach soll es darüber einen Ehestreit gegeben haben. Es könnte sein, dass er sie danach auf dem Taufbild des Wittenberger Reformationsaltars im eleganten Hermelinumhang - vielleicht sogar zweifach - dargestellt hat. Wahrscheinlicher ist jedoch die These, dass es sich bei dieser Dame um Sibylle von Cleve, der Gemahlin Kurfürst Johann Friedrichs des Großmütigen handelt.

Die Anzahl der Cranachschen Gesellen und Lehrlinge variiert je nach Art der Aufträge - Porträt, Historienbild, Altar oder Raumgestaltung: Mal gibt er auf seinen Rechnungen vier Gesellen, mal neun an. Vermutlich 1527 beginnt Hans Cranach eine Lehre beim Vater, zwei Jahre später soll Bruder Lucas gefolgt sein.

Das Cranach-Haus Markt 4 beherbergt eine Ausstellung zu Leben und Werk der Malerfamilie. 
© Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Das Cranach-Haus Markt 4 beherbergt eine Ausstellung zu Leben und Werk der Malerfamilie.

Hans ist dafür bestimmt, die Werkstatt zu übernehmen. Doch es kommt anders: 1537 bricht er zu einer Bildungsreise nach Italien auf und stirbt am 9. Oktober desselben Jahres in Bologna. "Lieber Meister Luca, haltet stille! Gott will euren Willen brechen, denn er greift gern einen da an, da es ihm am wehesten tut …", versucht Luther den Freund zu trösten. Von Hans sind wenige gesicherte Gemälde und ein Skizzenbuch mit Sinnsprüchen und Zeichnungen überliefert, das er auf seiner Italienreise mitführte.

Ob das Cranach-Wappen in dieser Zeit aus Trauer über den Tod von Hans verändert wird, oder weil der jüngere Lucas mehr Verantwortung in der Werkstatt übernimmt, ist unklar. Friedrich der Weise hatte es 1508 verliehen: "ein gelen (gelbes) Schild, darinnen eine schwarze Schlange, habend in der Mitte zwei schwarze Fledermausflügel, auf dem Haupt eine rote Krone und in dem Mund ein gülden Ringlein, darinnen ein Rubinsteinlein". Seit 1537 signieren die Cranachs ihre Werke mit Vogelschwingen anstelle der Fledermausflügel, die nicht mehr zuversichtlich in die Höhe zeigen, sondern enger am Körper der Schlange anliegen.

Blick vom Marktplatz auf das Cranach-Haus Markt 4, das sich durch seine ockerfarbene Fassade von den Nachbargebäuden abhebt. 
© Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Blick vom Marktplatz auf das Cranach-Haus Markt 4, das sich durch seine ockerfarbene Fassade von den Nachbargebäuden abhebt.

Unruhige Zeiten

Cranach d. Ä. erhält 1532 in Wittenberg mit Johann Friedrich I., dem Großmütigen (1503-54), zum dritten Mal einen neuen Dienstherrn. Wie seine beiden Vorgänger fördert der neue Kurfürst die Reformation und stellt sich an die Spitze des Schmalkaldischen Bundes. 1546 kommt es zum Krieg, der in der Schlacht bei Mühlberg am 24. April 1547 mit einer Niederlage für die Protestanten endet. Johann Friedrich verliert die sächsische Kurwürde, wird zunächst zum Tode verurteilt, dann gefangen gehalten, 1552 begnadigt und verbringt seine letzten Lebensmonate in Weimar. Cranach d. Ä. folgt seinem Dienstherrn 1550 in die Gefangenschaft, danach in dessen neue Residenzstadt, wo er noch ein Jahr im Haus seiner Tochter Barbara Brück wohnt. Am 16. Oktober 1553 stirbt er in Weimar und wird auf dem dortigen Jakobsfriedhof beerdigt.

Spätestens mit dem Wegzug des Vaters übernimmt Lucas Cranach d. J. die Wittenberger Malerwerkstatt. Als ihr Mitglied ist er seit 1535 bezeugt. Zwei Jahre später wird sein Vater das erste Mal zum Bürgermeister gewählt, und man kann davon ausgehen, dass der Sohn ab diesem Zeitpunkt mehr Verantwortung für die Aufträge und die Mitarbeiter übernimmt.

Der jüngere Cranach tritt auch als Ratsherr in die Fußstapfen des Vaters. 1556 schließt er sich mit sechs weiteren Bürgern Wittenbergs zu einer "Röhrwassergewerkschaft" zusammen. Sie lassen vor den Toren der Stadt eine Quelle erschließen und eine Rohrleitung mit natürlichem Gefälle bis zum Marktplatz anlegen. So gelangt frisches Quellwasser in die Höfe ihrer Wohnhäuser, auch zum Cranach-Anwesen in der Schlossstraße. Diese Leitung ist bis heute funktionstüchtig.

1568 ist das Jahr, in dem man ihm erneut den Weinschank verbieten möchte. Sein Vater soll sich, so die Begründung, das Privileg dazu erschlichen haben. Empört wehrt er sich gegen diesen Vorwurf. Die kurfürstlichen Räte selbst hätten doch jahrelang "Rheynischen und andere frembde Weine" gekauft. Das zieht, und Cranach d. J. behält das lukrative Privileg zum Ausschank und Verkauf.

Ausschnitt aus dem Hauptbild des Wittenberger Reformationsaltars: Während des Abendmahls reicht der Mundschenk – es soll sich um Lucas Cranach d. J. handeln – einem Jünger den Kelch. Dieser trägt das Antlitz von Junker Jörg alias Martin Luther. 
© Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Ausschnitt aus dem Hauptbild des Wittenberger Reformationsaltars: Während des Abendmahls reicht der Mundschenk – es soll sich um Lucas Cranach d. J. handeln – einem Jünger den Kelch. Dieser trägt das Antlitz von Junker Jörg alias Martin Luther.

Er tut sich als selbstbewusster und einflussreicher Bürger Wittenbergs hervor. Als Maler erwirbt er sich in seiner Zeit ein hohes Ansehen. Viele Altarbilder, ausdrucksstarke Porträts und Holzschnitte sind vom jüngeren Lucas erhalten. Da beide Cranachs und die Gesellen der Werkstatt dasselbe Signet verwenden, ist eine Zuordnung oft schwierig. Man ging beispielsweise davon aus, dass der Altar in der Weimarer Stadtkirche St. Peter und Paul auf einen Entwurf Lucas Cranachs d. Ä. zurückgeht. Dieser war allerdings bereits zwei Jahre vor Fertigstellung hochbetagt gestorben. Daher wird seit langem angenommen, dass der jüngere Cranach Urheber des Werks ist. Jüngste Beobachtungen an den Vorzeichnungen mittels Infrarot-Technik haben dies bestätigt.

Meisterwerke des jüngeren Cranach

In der Wittenberger Stadtpfarrkirche sind einige seiner wichtigsten Tafelbilder erhalten. Außerdem hängt hier das Epitaph für Nikolaus von Seydlitz, das seinem Sohn, Augustin Cranach, zugeschrieben wird. Er führt die Malerwerkstatt weiter und gibt sie an seinen Erstgeborenen, Lucas Cranach III. (1586-1645) weiter. Von diesem sind keine Werke bekannt.

Lucas Cranach d. J. wurde vermutlich in der Wittenberger Stadtpfarrkirche getauft. Das bronzene Taufbecken, 1457 von Hermann Vischer gegossen, gibt es immer noch. Der Maler starb 1586 siebzigjährig und wurde in der Kirche beigesetzt.

Der Künstler schuf für den Chor mehrere Epitaphgemälde: beispielsweise für Johannes Bugenhagen, den ersten evangelischen Pfarrer der Stadtpfarrkirche, für dessen Tochter Sara Cracow, für den Ratsherren Caspar Niemeck. Ein ganz besonderes Epitaph führte er um 1569 für Paul Eber, Theologe, Kirchenlieddichter und Nachfolger Bugenhagens aus. Für die Darstellung wählte er das neutestamentliche Gleichnis "Weinberg des Herrn".

Er bezieht sich dabei auf eine Bannandrohungsbulle gegen Luther, erlassen 1520 durch Papst Leo X. Es seien Füchse aufgestanden, heißt es dort, die sich anschickten den Weinberg des Herrn zu verwüsten, und ein Wildschwein wolle ihn aus dem Wald verscheuchen. Auf seinem Bild dreht Cranach den Spieß um: Hier sind es die Papsttreuen, die Reben herausreißen und Steine für den Brunnen sammeln, um ihn unbrauchbar zu machen. Im Gegensatz dazu werden die Reformatoren bei emsiger Gartenarbeit gezeigt.

Das Epitaph für den Theologen Paul Eber, unten rechts mit aufgeschlagener Bibel im Kreis seiner Familie und oben rechts als Prediger dargestellt, der die Reben schneidet 
© Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Das Epitaph für den Theologen Paul Eber, unten rechts mit aufgeschlagener Bibel im Kreis seiner Familie und oben rechts als Prediger dargestellt, der die Reben schneidet

Der Blick fällt zunächst auf Martin Luther, der Unkraut, Gestrüpp und Steine zusammenharkt. Ihm gegenüber schöpft Philipp Melanchthon Wasser aus einem Brunnen, mit dem der Bibelübersetzer Johannes Forster die Pflänzchen gießt. Johannes Bugenhagen lockert den Boden, und über ihm kümmern sich drei Prediger liebevoll um die zarten Reben.

Doch der größte Schatz, den der Chor der Wittenberger Stadtkirche birgt, ist zweifelsohne der Reformationsaltar, geschaffen von beiden Cranachs. Ausgerechnet am Tag der Schlacht bei Mühlberg soll er an die Gemeinde übergeben worden sein.

Auf der Schauseite sehen wir erneut Wittenberger Prominenz: Bei der Darstellung des Abendmahls reicht ein Mundschenk - immer wieder mit Lucas Cranach d. J. in Verbindung gebracht einen vollen Becher an Junker Jörg alias Luther. Im rechten Seitenflügel sehen wir Melanchthon, der nie als Pastor ordiniert wurde, hier aber ein Kind tauft. Cranach d. Ä. steht neben ihm und hält das Tauftuch. Auf dem rechten Flügel nimmt ein ernster Johannes Bugenhagen die Beichte ab. In der Predella spricht Luther zur Gemeinde, darunter seine Frau Katharina und ein keck schauendes Mädchen, das wohl Luthers früh verstorbene Tochter Magdalena zeigt.

Der Reformationsaltar in der Wittenberger Stadtkirche St. Marien 
© Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Der Reformationsaltar in der Wittenberger Stadtkirche St. Marien

All diese wichtigen Werke Lucas Cranachs d. J. sind am authentischen Ort erhalten. Daher wird die Stadtkirche Teil der Landesausstellung, die sich im nächsten Jahr dem Maler widmet. "In der Reformationsdekade und in Vorbereitung des 500. Geburtstages Lucas Cranachs des Jüngeren", so Dr. Bettina Seyderhelm, Kunstreferentin der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands, "haben wir die große Chance, aber auch die Verpflichtung, den einzigartigen Reformationsaltar und die Epitaphien in der Wittenberger Stadtkirche konservieren und restaurieren zu lassen." In weiteren mitteldeutschen Kirchen sind ebenfalls Werke aus der Cranach-Werkstatt zu sichern. Die Landeskirche und deren Kirchliche Stiftung Kunst- und Kulturgut in der Kirchenprovinz Sachsen haben viel Geld für eine gründliche Vorbereitung des Projekts durch einen Fachbeirat investiert. "Es wird keine Luxusrestaurierungen geben", ist der Kunstreferentin wichtig zu betonen. Die Tafelbilder sollen lediglich vorsichtig gesichert und gesäubert werden. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz möchte die Arbeiten finanziell begleiten.

Die Rückseite des Reformationsaltars war viele Jahrzehnte zugemauert. Erst 1883 entdeckte man, dass der Altar ursprünglich klappbar war. Der Fachbeirat hat das Votum des Landesdenkmalamtes bestätigt, die Buchstaben und Zahlen auf den Gesichtern der Erlösten und der Verdammten zu belassen. Sie sind Zeugnisse einer studentischen Tradition, die, so merkwürdig sie vielleicht für unser heutiges Verständnis auch sein mag, bewahrt werden muss.

Carola Nathan

Umfangreiche Informationen über neueste Forschungen zu den Gemälden der Malerdynastie erhalten Sie auf der Seite: www.lucascranach.org
Interessant ist außerdem die Seite www.wege-zu-cranach.de

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