Menschen für Denkmale Februar 2014

Die russische Gedächtniskirche in Leipzig wurde 100

Blätterndes Gold

Im Zarenreich entschied man sich 1913, hundert Jahre nach der verlorenen Völkerschlacht, zum Gedenken an die Opfer eine Kirche in Leipzig errichten zu lassen. Sie steht im Südosten der Stadt, dort, wo einst eine der größten Schlachten der Geschichte ausgetragen wurde.

Das Patriarchenkreuz auf der vergoldeten Zwiebelkuppel leuchtet im Sonnenlicht. Seit Ende 2012 allerdings verhüllt ein Gerüst den markanten, 55 Meter hohen Turm der St. Alexi-Gedächtniskirche zur Russischen Ehre Leipzig, wie sie mit vollem Namen heißt. Während sich Autos, Busse und Straßenbahnen über die nahegelegene Kreuzung schieben, schirmt eine von Linden gesäumte Grünfläche das Gotteshaus ab. Von hier öffnet sich ein freier Blick auf den imposanten, zweigeschossigen Sakralbau.

Ein Sicherheitsnetz schützt die Besucher vor herabfallenden Putzteilen. 
© Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Ein Sicherheitsnetz schützt die Besucher vor herabfallenden Putzteilen.

Der Standort der Kirche wurde mit Bedacht gewählt. Er liegt im Südosten Leipzigs, wo 1813 die bis dahin größte und verlustreichste Feldschlacht der Geschichte Mitteleuropas ausgefochten wurde. Zwischen dem 16. und 19. Oktober fügten die verbündeten russischen, preußischen, österreichischen und schwedischen Truppen dem französischen Heer eine vernichtende Niederlage zu, die Napoleons Vorherrschaft in Europa beendete. Zehntausende Soldaten verloren in der Völkerschlacht ihr Leben. Mit 22.000 Toten hatten die Russen als stärkste Streitmacht die meisten Opfer zu beklagen.

Erzpriester Alexej Tomjuk an der mit Metallbeschlägen verzierten Kirchentür 
© Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Erzpriester Alexej Tomjuk an der mit Metallbeschlägen verzierten Kirchentür

Fast ein Jahrhundert verging, bis beschlossen wurde, den Gefallenen ein Denkmal zu setzen. Zur 100-Jahr-Feier, die auch den Anlass zur Errichtung des Völkerschlachtdenkmals bot, entschied man sich im Zarenreich für eine Kirche als Ort des Gedenkens. Während die Stadt Leipzig das 2.500 Quadratmeter große Grundstück unentgeltlich zur Verfügung stellte, wurden die Baukosten in Höhe von einer Million Mark von russischer Seite aufgebracht - mehr als die Hälfte davon waren Spenden. Nach nur zehn Monaten waren die Arbeiten abgeschlossen. Als Vorbild diente dem Architekten Wladimir Alexandrowitsch Pokrowski (1871-1931) die Christi-Himmelfahrts-Kirche im Moskauer Stadtteil Kolomenskoje, eine von 1530-32 erbaute 16-seitige Zeltdachkirche. Seit 1994 zählt sie zum Unesco-Welterbe. "Das ist ein alter russischer Stil, den man heute nur noch sehr selten antrifft", erklärt Erzpriester Alexej Tomjuk, der die russisch-orthodoxe Gemeinde der Leipziger Gedächtniskirche seit 1995 betreut. "Dabei verjüngt sich der quadratische Grundriss schrittweise auf acht und dann auf sechzehn Ecken. Man vermutet, dass die früheren Holzkirchen in dieser Form gebaut wurden. Die Kirche in Kolomenskoje ist eine der ersten Zeltdachkonstruktionen aus Stein."

Am 17. Oktober 1913 wurde das dem Hl. Metropoliten Alexi von Moskau gewidmete Gotteshaus eingeweiht, einen Tag früher als das kaum zwei Kilometer entfernte Völkerschlachtdenkmal. Dass so prominente Vertreter wie der russische Großfürst Kyrill Wladimirowitsch Romanow und der deutsche Kaiser Wilhelm II. daran teilnahmen, spricht für die hohe Symbolkraft der Kirche als Zeichen der Versöhnung.

Unter den russisch-orthodoxen Gotteshäusern in Deutschland ist St. Alexi die einzige Gedächtniskirche. "Ihr Innenraum ist klein, aber sie ist sehr hoch, weil sie als Säule gedacht ist, die man von Weitem sieht", sagt der Erzpriester. In der Krypta sind Särge mit den sterblichen Überresten mehrerer Gefallener aufgebahrt. Sie sind Mahnung und Erinnerung zugleich - ebenso wie originale Standarten von 1813 und zahlreiche Gedenktafeln. Zwei davon wurden an der Fassade angebracht. Sie umrahmen das reich verzierte Rundbogenportal, das den Eingang zum Untergeschoss, der sogenannten Winterkirche, bildet. Ihren größten Raum nutzt die Gemeinde, die rund 300 Mitglieder unterschiedlicher Nationen vereint, für Andachten und kleinere Veranstaltungen.

Vor ihrer 100-Jahr-Feier 2013 musste der Turm der Russischen Gedächtniskirche wegen gravierender Feuchtigkeitsschäden eingerüstet werden. 
© Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Vor ihrer 100-Jahr-Feier 2013 musste der Turm der Russischen Gedächtniskirche wegen gravierender Feuchtigkeitsschäden eingerüstet werden.

Die sonntäglichen Gottesdienste, an denen regelmäßig rund 100 Gläubige teilnehmen, finden in der darüberliegenden Hauptkirche statt. Sie erhebt sich turmähnlich auf dem plattformartigen Untergeschoss. Zwei Freitreppen, die von achteckigen Laternen mit dem russischen Doppeladler flankiert werden, führen zum oberen Eingang. In dem stuhllosen Innenraum, den die Gottesdienstbesucher komplett füllen, zieht eine siebenreihige, 18 Meter hohe Ikonenwand die Aufmerksamkeit auf sich. Sie ist das bedeutendste Ausstattungsstück und laut Inschrift "ein herzinniges Geschenk der Donkosaken". Die 78 religiösen Bilder - zum Teil sind sie mit Halbedelsteinen verziert - wurden mit Lackfarbe auf Zedernholz gemalt. Sie stammen vom Moskauer Künstler Luka Martjanowitsch Jemeljanow, von dessen Werken in Russland nur wenige erhalten sind, wie Alexej Tomjuk erzählt. Ein weiteres Schmuckstück ist der riesige, 800 Kilogramm schwere Bronzeleuchter mit 68 Schalen, den Zar Nikolaus II. gestiftet hat.

Die Ikonenwand in dem stuhllosen Innenraum der Kirche zieht die Aufmerksamkeit der Besucher auf sich. 
© Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Die Ikonenwand in dem stuhllosen Innenraum der Kirche zieht die Aufmerksamkeit der Besucher auf sich.

Schaut man weiter nach oben, behindert ein Sicherheitsnetz den Blick in den 40 Meter hohen Kirchenraum. Es schützt die Besucher vor kleinen Putzteilen, die seit 2005 vom stark durchfeuchteten Mauerwerk herabfallen. Als der Turm schließlich immer mehr der vergoldeten Mosaiksteinchen verlor, die ihm seinen Glanz verleihen, wurden die Schäden auch von außen sichtbar. Trotz der kontinuierlichen Restaurierungsmaßnahmen, die die Stadt Leipzig ab 1990 durchführte, hat eindringende Feuchtigkeit den Turm schwer geschädigt. Um die Stabilität der Konstruktion nicht zu gefährden, ist eine grundlegende Sanierung unumgänglich. Auch nach deren Abschluss wird man auf das Sicherheitsnetz zunächst nicht verzichten können. "Im ersten Bauabschnitt ist es unser Ziel, den Turm von außen abzudichten, damit kein weiteres Regenwasser eindringt. Aber das Mauerwerk ist ungefähr einen Meter dick und so feucht, dass immer wieder etwas Putz oder Farbe herunterfallen kann, bis es getrocknet ist", erläutert Dr. Ansgar Scholz, der beim Kulturamt der Stadt für Bauinvestitionen zuständig ist.

Zur Freude aller Beteiligten fanden sich im Vorfeld der 100-Jahr-Feier großzügige Geldgeber für die kostenintensive Instandsetzung in Höhe von einer Million Euro: allen voran die Stadt Moskau, die mit 250.000 Euro den Löwenanteil übernahm. Darüber hinaus beteiligen sich der Bund, das Land Sachsen, die Stadt Leipzig sowie die Deutsche Stiftung Denkmalschutz - ein Gemeinschaftswerk über nationale Grenzen hinaus.

Beim „Ortstermin“: Dr. Ansgar Scholz, zuständig für die städtischen Bauinvestitionen, erläutert der Leipziger Ortskuratorin Brigitte Kempe-Stecher die Maßnahmen. 
© Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Beim „Ortstermin“: Dr. Ansgar Scholz, zuständig für die städtischen Bauinvestitionen, erläutert der Leipziger Ortskuratorin Brigitte Kempe-Stecher die Maßnahmen.

Im Oktober 2012 begannen die Arbeiten, die stetig vorangehen und vermutlich Ende des Jahres 2014 abgeschlossen sein werden. "Wir brauchten ein besonders aufwendiges Gerüst, weil wir jede Stelle des Turms erreichen müssen. Deshalb konnte es nicht am Mauerwerk verankert werden, sondern ist oben freistehend", erklärt Scholz, während uns der Lastenaufzug in luftige Höhen transportiert.

Um den Turm komplett abdichten zu können, wurde das Goldmosaik, das sich aus rund 300.000 kleinen Steinen zusammensetzt, von der Oberfläche gelöst. Viele Plättchen waren beschädigt oder bereits abgefallen. Neue müssen hinzugekauft, mit den erhalten gebliebenen gemischt und auf 30 mal 30 Zentimeter große Matten geklebt werden. Auch die Fenstereinfassungen und die Sandsteinrippen mussten vorübergehend weichen, damit eine Dichtungsschlämme aufgebracht werden kann, die den Turm in Zukunft schützt. Dass selbst die vergoldete Verblendung der Zwiebelkuppel abgenommen werden muss, war nicht geplant. Doch hatten Hagelschäden ihr noch zu DDR-Zeiten so zugesetzt, dass sie nicht vor Ort instand gesetzt werden kann. Ihre Sanierung übersteigt allerdings das zur Verfügung stehende Budget. Finanziell ebenfalls noch nicht gesichert ist der zweite Bauabschnitt, für den Arbeiten am Turmschaft geplant sind, unter anderem die Restaurierung der Fenstergitter, eine Erneuerung der Dächer am Glockenturm und ein Fassadenanstrich.

Friedegard Hürter

Russische Gedächtniskirche, Philipp-Rosenthal-Str. 51a, 04103 Leipzig, Tel. 0341 8781453

Öffnungszeiten März bis November: 10 bis 17 Uhr, Dezember bis Februar: 10 bis 16 Uhr, Mittagspause: 13.15 bis 14.00 Uhr.

Weitere Infos im WWW:

www.russische-kirche-l.de

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

  • Die Wiedergeburt historischer Küchengärten 08.11.2012 Küchengärten Erdbeeren im März

    Erdbeeren im März

    Jede adelige und klösterliche Hofhaltung besaß einen eigenen Küchengarten. Die meisten dieser historischen Nutzgärten sind heute nicht mehr erhalten. Einige von ihnen werden aber seit einigen Jahren wiederbelebt.

  • Zur Entstehung botanischer Gärten 08.11.2012 Eine Muskatnuss an der Uhr Eine Muskatnuss an der Uhr

    Eine Muskatnuss an der Uhr

    Im letzten Jahr wurden zwei denkmalgeschützte Tropenhäuser nach mehreren Jahren der Restaurierung wiedereröffnet: Grund genug für uns, einmal der Entstehung botanischer Gärten in Deutschland nachzugehen.

  • Die Besichtigung der Festung Ehrenbreitstein lohnt nicht nur zur Bundesgartenschau 08.11.2012 Festungsbau Zur Eroberung freigegeben

    Zur Eroberung freigegeben

    Aus der Vogelperspektive betrachtet, sind sie oft sternförmige Gebilde, die uns ihre gesamte baukünstlerische Perfektion offenbaren. Ihre Konstruktion geht auf eine ausgeklügelte und über Jahrhunderte entwickelte Ingenieurstechnik zurück. Dennoch wurden die Festungsanlagen in Deutschland lange Zeit nicht als Kulturdenkmale wahrgenommen und im Gegensatz zu Burgen und Schlössern eher gering geschätzt. Die Festung Ehrenbreitstein ist einer von drei Ausstellungsorten der diesjährigen Bundesgartenschau (BUGA) in Koblenz.

Service

Monumente Probeheft

Probeheft jetzt anfordern!


Zeitschrift abonnieren
Magazin für Denkmalkultur in Deutschland



Möchten Sie ausführlicher über aktuelle Themen aus der deutschen Denkmallandschaft lesen? 


Dann abonnieren Sie Monumente!  


 
 
Monumente Probeheft

Probeheft jetzt anfordern!


1
Zeitschrift abonnieren
Magazin für Denkmalkultur in Deutschland
2
Monumente Abo



Möchten Sie ausführlicher über aktuelle Themen aus der deutschen Denkmallandschaft lesen? 


Dann abonnieren Sie Monumente!  


3

Newsletter

Lassen Sie sich per E-Mail informieren,

wenn eine neue Ausgabe von Monumente

Online erscheint.

Spenden für Denkmale

Auch kleinste Beträge zählen!

 
 
 
0 Kommentare

0 Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar!

Antwort auf:  Direkt auf das Thema antworten

 
 

© 2015 Deutsche Stiftung Denkmalschutz • Monumente Online • Schlegelstraße 1 • 53113 Bonn