Kurioses Material August 2012

Wie Karl Junker sich seine Welt schnitzte

Die Holzorgie von Lemgo

Er hatte eine Vision. Und er brauchte viel Holz, um sie Gestalt werden zu lassen. Karl Junker (1850-1912) war ein ungewöhnlicher Künstler. So ungewöhnlich, dass er lange Zeit als Sonderling, ja sogar als Geisteskranker abgetan, sein Werk als "Fall" betrachtet wurde.

Hölzernes Gesamtkunstwerk: das skurrile Fachwerkhhaus Karl Junkers 
© Städtisches Museum Lemgo
Hölzernes Gesamtkunstwerk: das skurrile Fachwerkhhaus Karl Junkers

Zugetragen hat sich der vermeintliche Fall im beschaulichen Städtchen Lemgo im lippischen Bergland.    Der Architekturmaler, wie Karl Junker sich selbst nannte, hat sich dort ab 1889 ein Haus gebaut, das seinesgleichen sucht. Der dreigeschossige Fachwerkbau, der sich über einem Backsteinsockel erhebt, ist innen und außen mit Schnitzwerk übersät, das jegliche stilistische Einordnung verweigert. Handarbeit, bei der kein Detail dem anderen gleicht und an dessen Ausführung - neben Junker selbst - der Lemgoer Zimmermeister Heinrich Schirnecker maßgeblich beteiligt war.


Die biographischen Quellen zu Junker sind spärlich - umso phantastischer gediehen die zahlreichen Legenden, die sich um sein Leben und Wirken ranken.

Geboren wurde er in Lemgo, seine Eltern hat er früh verloren. Nach einer Tischlerlehre in seiner Heimatstadt und kurzer Wanderschaft schrieb er sich 1875 an der Münchener Akademie der Bildenden Künste ein, 1877/78 ist ein Italienaufenthalt bezeugt. 1889 stellte Karl Junker, der durch eine Erbschaft vermögend gewesen sein muss, in Lemgo den Bauantrag für ein Wohnhaus. Zwei Jahre später zog er in das Haus ein, das er bis zu seinem Tod bewohnt hat.

Karl Junker (um 1900) mit einem Modell seines Hauses 
© Städtisches Museum Lemgo
Karl Junker (um 1900) mit einem Modell seines Hauses

Das ungewöhnliche Objekt gab reichlich Anlass zur Mythenbildung: Dass es sich bei dem Haus um das "Denkmal einer unglücklichen Liebe" gehandelt haben soll, wollte ein Schild im Garten lange Zeit glauben machen. Eine Indienreise sollte die Quelle der Inspiration gewesen sein, und selbst vor der Bezeichnung "Gespensterhaus" war der Bau nicht gefeit.

Und wirklich - man traut seinen Augen kaum, wenn das Haus, das östlich des historischen Lemgoer Stadtkerns liegt, hinter den hohen Bäumen auftaucht. Die knorpeligen Schnitzereien, die die Fassade überziehen, wirken fremd, und doch erinnern die Grundformen an Vertrautes - etwa an den bauplastischen Schmuck der Weserrenaissance, der einem in Lemgo auf Schritt und Tritt begegnet.

Vestibül mit Treppenaufgang: Schnitzwerk, wohin das Auge blickt 
© ML Preiss
Vestibül mit Treppenaufgang: Schnitzwerk, wohin das Auge blickt

Der Eindruck setzt sich im Inneren fort, wo kein Eckchen dem unbedingten Gestaltungswillen Junkers entging. Das alles überziehende Dekor, das filigrane Gitterwerk im Treppenhaus muten exotisch an; zugleich gibt es bodenständige Elemente, die vom Heimatstil beeinflusst scheinen. Die rauschende Orgie aus Holz, die Junker hier feierte, wird lediglich an einigen Stellen unterbrochen durch Medaillons mit Malereien, die schwer zu deutende Szenen mit biblischen und mythologischen Anklängen zeigen.

Die Möbel sind ebenfalls überbordend geschmückt, aber erstaunlich funktional konzipiert. Auch sie hat Junker selbst entworfen und so eine Einheit von Kunst und Kunsthandwerk geschaffen, wie sie in England gerade im Zuge der "Arts and Crafts"-Bewegung um William Morris propagiert wurde.

Was den Besucher beim Rundgang erwartet, ist anrührend: Das Haus, das der Junggeselle bis zu seinem Tod allein bewohnte, war für eine mehrköpfige Familie eingerichtet. Neben dem großen Himmelbett im Schlafzimmer steht eine Wiege, im Esszimmer gibt es ein Kinderstühlchen, und selbst auf der Toilette wurde an einen kleinen Nachtstuhl gedacht.

Blick in das Esszimmer mit diversen Möbelentwürfen 
© ML Preiss
Blick in das Esszimmer mit diversen Möbelentwürfen

War dies tatsächlich Ausdruck einer "unerfüllten Liebe", hat Junker wirklich auf eine Familie gewartet, die einmal in dieses Haus einziehen sollte? Plausibler ist die Lesart, die in dem ungewöhnlichen Bau ein Musterhaus sehen will und in den Möbeln Prototypen für schöneres, besseres Wohnen - eine Lebensreform in Holz. Möglicherweise hat Junker in diesen "Vorzeigeräumen" gar nicht selbst gelebt, sondern sich in die kleinen Kammern im Dachgeschoss zurückgezogen und dort seiner Vision nachgehangen, die Einheit von Kunst und Leben zu erwirken. Schon zu Junkers Lebzeiten war das Haus eine Art privates Museum. Für 20 Pfennige führte der Künstler sein Werk interessierten Besuchern vor.

Die Denkmalpflege tat sich lange Zeit schwer mit der skurrilen Hinterlassenschaft. Erst 1991 stellte sie das Junkerhaus, seit 1960 in städtischem Besitz, unter Schutz. Mittlerweile ist es umfassend saniert und seit 2004 durch einen modernen Museumsbau mit Foyer und Ausstellungshalle neu erschlossen. Der Nachlass Junkers, der neben Möbeln und plastischen Werken immerhin fast 900 Skizzen und Gemälde umfasst, kann hier präsentiert werden.

In einen größeren Zusammenhang gestellt, lässt sich das Junkerhaus weitaus besser würdigen - als überspanntes Machwerk eines Sonderlings war es lange genug belächelt worden.

Bettina Vaupel


Kopfgrafiken - links: In die hölzernen Wände und Decken integrierte Junker Medaillons mit Malereien. Rechts: Wie aus der Zeit gefallen: die reich geschmückte Fassade

Literatur:

Ein Außenseiter in der Kunst. Karl Junker und das Junkerhaus. Hrsg. v. Jürgen Scheffler für den Arbeitskreis Karl Junker. Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2011. ISBN 978-3-89534-912-6

Junkerhaus. Künstlerhaus und Gesamtkunstwerk. Hrsg. v. Jürgen Scheffler und Gerhard Milting für den Arbeitskreis Karl Junker. Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2014. ISBN 978-3895349669

Weitere Infos im WWW:

www.junkerhaus.de

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