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Können Berlins historische Gaslaternen gerettet werden?

Beleuchtung mit Seele

Wenn sich die abendliche Dämmerung über den Berliner Stadtteil Charlottenburg legt, nimmt man hier und da ein leises Zischen wahr: Zwischen Schloss und Lietzensee zünden die Glühstrümpfe der historischen Gaslaternen - jede von ihnen individuell, durch einen solarbetriebenen Miniatursensor gesteuert. Ihr hellgelber Schein breitet sich sternenförmig aus und taucht die meist um 1900 entstandenen Fassaden in sanftes Licht.

Die Aufsatzleuchte kam in den 1920er Jahren auf und prägt immer noch ganze Berliner Stadtviertel. 
© B. Kujath
Die Aufsatzleuchte kam in den 1920er Jahren auf und prägt immer noch ganze Berliner Stadtviertel.

Doch drohen den alten Leuchtkörpern finstere Zeiten, sollte das 2011 von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung veröffentlichte Lichtkonzept ausgeführt werden. Es sieht vor, die Lampen bis 2020 fast komplett abzubauen und auf Elektrizität umzurüsten. Dabei sind die Berliner Gaslaternen - die allerdings nicht unter Denkmalschutz stehen - ein ganz besonderes kulturelles Erbe: Mit rund 43.500 gilt die Hauptstadt heute als das größte gasbeleuchtete Gebiet der Welt. 1826 glühten die ersten Exemplare Unter den Linden auf und eroberten die Metropole. Eine Zäsur war der Zweite Weltkrieg. Nur einer von 38 großen Gasbehältern und ein Prozent des Rohrnetzes blieben unversehrt. In Westberlin wurden Laternen und Infrastruktur schnell wieder funktionstüchtig gemacht, nach der Berlin-Blockade sogar durch eine eigene und damit unabhängige Gasversorgung. Das Ostberliner Stadtzentrum erhielt im Zuge seiner Modernisierung seit den 1960er Jahren aber eine elektrisch betriebene Straßenbeleuchtung - das Gas galt als veraltet. Außerdem fehlte es an geeigneten Zulieferern für Ersatzteile.

Schinkel-Laternen auf der Charlottenburger Danckelmannstraße 
© R. Rossner
Schinkel-Laternen auf der Charlottenburger Danckelmannstraße

Heute verleihen vier verschiedene Lampentypen den Straßenzügen, vor allem im westlichen Teil der Stadt, ihren nächtlichen Glanz. Um das Charlottenburger Schloss und am Chamissoplatz in Kreuzberg findet man die sogenannte Schinkel-Laterne, die auf Entwürfe des Architekten und Stadtplaners zurückgeht. Ab 1892 von den Berliner Gaswerken konstruiert, wurde sie auch zu prachtvollen Kandelabern mit mehreren Armen kombiniert. Mit dem zunehmenden Straßenverkehr entstanden kurze Zeit später die zierlich anmutenden Hängeleuchten. Großen Boulevards wie der Charlottenburger Schlossstraße neigen sich ihre Lampen förmlich entgegen. Den größten Anteil an den Berliner Gasleuchten machen die rund 31.000 Aufsatzleuchten mit ihren silbern glänzenden Pilzhüten aus. Sie wurden, durch das Bauhaus inspiriert, bereits in den 1920er Jahren errichtet und in der Nachkriegszeit flächendeckend eingesetzt. Nach 1951 kamen die neu entwickelten Reihenleuchten dazu, von denen es noch 8.000 gibt. Ihren Namen verdanken sie den in einer Reihe angeordneten Glühkörpern, die für eine gute Ausleuchtung der Fahrbahnen sorgen. Mit den Peitschenmasten, die sich elegant über die Straßen - wie zum Beispiel die Grunewalder Bismarckallee - biegen, sind sie ganz dem Geist der Nachkriegsmoderne verpflichtet. Mit ihrem Abbau in Steglitz-Zehlendorf soll das Ende der Gaslaternen eingeläutet werden.

Abendstimmung auf der Knobelsdorffstraße in Berlin-Charlottenburg 
© R. Rossner
Abendstimmung auf der Knobelsdorffstraße in Berlin-Charlottenburg

In der Koalitionsvereinbarung von 2011 und dem städtischen Lichtkonzept sehen CDU und SPD eine Veränderung der öffentlichen Beleuchtung vor. Aus wirtschaftlichen und ökologischen Gründen sei es notwendig, den Bestand an Gaslaternen auf Elektroleuchten umzurüsten. Die jährlichen Energiekosten der historischen Glühkörper und ihre Unterhaltung schlugen doch vier Mal so hoch zu Buche wie die der elektrisch betriebenen. Je Lampe erhofft man sich durch den Austausch eine Kostensenkung von bis zu 500 Euro im Jahr.

Bei den privaten Initiativen, die sich seit einiger Zeit für die Erhaltung der Gaslaternen engagieren, stößt diese Begründung auf Kritik. Agnete von Specht, Geschäftsführerin des Vereins Denk-mal-an-Berlin, betont, dass das Lichtkonzept einen hervorragenden Überblick über die Beleuchtungssituation der Stadt gebe und unter Berücksichtigung ökologischer, gesundheitlicher, energetischer und wirtschaftlicher Aspekte entwickelt worden sei. In Bezug auf die historischen Leuchten müsse es jedoch überdacht werden. Die Gasbeleuchtung sei ein weltweit einmaliges Flächendenkmal, die der Berliner Verein im letzten Jahr zum "besonderen Denkmal" erklärte. Das kulturhistorische Erbe zu erhalten ist nicht billig, aber notwendig, darin sind sich auch die Mitstreiter Heike Pieper vom Berliner Kuratorium der Deutschen Stiftung Denkmalschutz sowie die Vereine Gaslicht Kultur und Pro Gaslicht einig.

Auf Berlins Straßen zu finden: Hängeleuchte mit Jugendstilaufsatz 
© B. Kujath
Auf Berlins Straßen zu finden: Hängeleuchte mit Jugendstilaufsatz

Die Initiativen halten der Kosten-Nutzen-Rechnung entgegen, dass die Gaslaternen zwei- bis dreimal langlebiger seien, weil das durchströmende Gas sie von innen konserviere. Es entstünden außerdem Zusatzkosten, wenn sie stadtweit demontiert, Elektroleuchten neu produziert, installiert und mit eigenen Leitungssystemen versorgt werden müssten. Die von der Regierung vorgebrachten klimapolitischen Gründe überzeugen die Kritiker gleichermaßen wenig. Es sei unstrittig, dass Gas CO2 erzeuge. Der Betrag liege aber bei lediglich 0,17 Prozent des Gesamtausstoßes in der Stadt. Daneben sei Biogas eine feste Option für die Zukunft. Anstatt es zur Erzeugung von elektrischem Strom einzusetzen, könne man es auch direkt in Licht umwandeln. Dass die Farbtemperatur des Gases sich außerdem positiv auf Menschen und Tiere auswirkt, bestätigen Mediziner und Biologen.

Mit den gleichen Argumenten kämpfen derzeit in Düsseldorf, Frankfurt am Main und Dresden engagierte Bürger gegen den Abbau historischer Gaslaternen. Nach Berlin haben sich in den drei Städten die größten durch Gas beleuchteten Flächen erhalten.

Prachtvolle Kandelaber zieren den Bereich vor dem Charlottenburger Schloss. 
© R. Rossner
Prachtvolle Kandelaber zieren den Bereich vor dem Charlottenburger Schloss.

Die Berliner Gaslicht-Freunde befürchten, dass es in der Hauptstadt bald nur noch in wenigen Dorf¬angern und am Charlottenburger Schloss einsame Solitäre historischer Beleuchtung geben wird. Denk-mal-an-Berlin forderte daher die Stadt zusammen mit Gaslicht Kultur und Europa Nostra zu einem Moratorium auf. Die Zeit sollte genutzt werden, um die Kosten der Gasbeleuchtung und die der Umrüstung auf Elektrolampen abzuwägen und dabei auch den besonderen kulturhistorischen Wert der Laternen mit einzubeziehen. Außerdem müsse über eine Weiterverwendung des alten Materials nachgedacht werden. Dass es größere Gebiete geben muss, in denen die Gasbeleuchtung flächendeckend erhalten bleibt, steht für die Initiativen außer Frage. Schließlich ist sie ein wichtiger Teil der Berliner Geschichte. Das im Tiergarten eingerichtete Gasleuchten-Freilichtmuseum mit Lampen europäischer Städte aus der Zeit von 1826 bis 1956 kann kein Ersatz für die historisch gewachsenen Ensembles sein.

In Berlin haben die Proteste der Bürger bewirkt, dass Mitarbeiter der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, der Senatsbaudirektorin und des Landesdenkmalamts wieder Gespräche zum Thema Gaslaternen führen. Das Landesdenkmalamt arbeitet nun besondere städtische Bereiche aus, die bereits als Flächendenkmale eingetragen sind. In diesen soll die Vielfalt der Beleuchtung erhalten bleiben. Als ihren Erfolg dürfen sich die Initiativen anrechnen, dass jetzt auch die Reihenleuchte als typische Berliner Erfindung bewahrt werden soll. In anderen Arealen aber werden die historischen Exemplare verschwinden und gegen moderne LED-Laternen ersetzt werden, die sowohl den alten Mast, als auch das Gaslicht imitieren. Den Gaslicht-Freunden wird das nicht gefallen, schließlich lässt sich ein Original nicht einfach durch eine Kopie ersetzen.

Es bleibt zu hoffen, dass sich die Stadt dafür entscheidet, mehr als - wie bisher geschätzt - fünf Prozent der historischen Gaslaternen mitsamt ihrem Leuchtstoff zu erhalten. Denn einmal abgebaut, sind sie für alle Zeit verloren. Immerhin bezeugen nicht nur die historischen Gebäude unsere Vergangenheit und geben den Straßen ihr unverwechselbares Gesicht, sondern auch die Lampen, die sie beleuchten.

Julia Ricker

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