Gotik Ikonographie Juni 2012 J

Der Schnitzaltar von St. Nicolai in Kalkar

Die Wurzel Jesse als Lebensbaum

St. Nicolai in Kalkar ist eine schöne, auf den ersten Blick jedoch keine spektakuläre Kirche: außen backsteinerne, innen niederrheinisch klare Gotik in hellen Farben. Das Besondere an St. Nicolai ist nicht die Architektur, sondern die Ausstattung. Vor fast jeder Säule im Kirchenschiff, im Hauptchor und in den Nebenchören stehen Wandelaltäre, in deren Gehäuse es von Geschichten nur so wimmelt. Neun sind es heute noch, und beim Durchschreiten der Kirche muss man häufiger den Kopf einziehen, um nicht an die vielen ausgeklappten Flügel zu stoßen. Bis ins 17. Jahrhundert hinein waren es gar 17 Altäre. Sie müssen in Reihen hintereinander gestanden haben, und erstaunlicherweise hat Masse in diesem Fall die Klasse nicht verhindert.

Der schlafende Jesse in der Predella. Aus ihm keimt das Reis und wird zu einem mächtigen Baum. 
© R. Rossner
Der schlafende Jesse in der Predella. Aus ihm keimt das Reis und wird zu einem mächtigen Baum.

Mag der größte der Kalkarer Altäre-Schar, der Hochaltar, auch im Zentrum der Kirche, im Chor, stehen, ihre Königin ist zweifellos der Sieben-Schmerzen-Altar im südlichen Seitenchor. Nicht nur, weil er Maria gewidmet ist, sondern vor allem wegen seiner herausragenden Qualität.

Henrik Douwerman, begnadeter Schnitzer der niederländisch-flämischen Schule, hat den Altar von 1518 bis 1522 geschaffen. Pietà und Flügel stammen aus späteren Zeiten. Der Altarschrein ist ein Meisterwerk spätgotischer Schnitzkunst: Nicht farblich gestaltet, sondern wie es am Ende der Spätgotik populär wurde, ganz auf die Hell-Dunkel-Effekte des Holzes setzend, schafft er mit jedem Gefach eine eigene fast vollplastische Welt.

Spätgotische Schnitzkunst in virtuoser Form: Das Rankenwerk der Wurzel Jesse umfasst den Altar. 
© R. Rossner
Spätgotische Schnitzkunst in virtuoser Form: Das Rankenwerk der Wurzel Jesse umfasst den Altar.

Was aber den Sieben-Schmerzen-Altar in Kalkar zu einem Geniestreich werden lässt, ist die Holzwerdung der Wurzel-Jesse-Geschichte. Kern und Mittelpunkt ist die Predella. Zeigen spätgotische Predellen in der Regel einen Fries mit Heiligen, hat Douwerman den alttestamentlichen Jesse in ihre Mitte gerückt. Nach der Vision des Jesaja von dem "Reis", das aus der Wurzel Jesse aufgehen werde, keimt aus dem schlafenden Jesse, dem Vater Davids, das Reis als ein mächtiger Baum, in dessen Ästen die biblischen Könige und die Propheten verborgen sind. Es ist der Stammbaum Jesu. Bei Douwerman wächst aus dem schlafenden Jesse aber nicht nur ein Baum, sondern ein den gesamten Altar umrankendes Astgeflecht. Aus der Predella, die einem Urwald gleicht, sprießen die Zweige mit den Vorfahren Jesu kühn gezwirbelt um den Altarschrein und die Geschichte von Maria und Jesus herum. In der Spitze des Gesprenges huldigen Engel, der Evangelist Johannes und der Heide Kaiser Augustus der Madonna auf der Mondsichel, die den gesamten Altar bekrönt. Die Wurzel Jesse, die die Geschlechterfolge bis zu Christus symbolisiert, hat sich auf dem Weg von ihrem wilden Ursprung in der Predella bis zu ihrem Ziel im Gesprenge in eine geordnete gotische Fialenarchitektur gewandelt.

Das überaus kunstvolle Durcheinander des Rankenwerks, mit den Figuren, die von den Ranken umschlungen werden, die sich mühsam durch das Gestrüpp hangeln und dabei doch ganz hoffnungsfroh nach oben blicken, ist nicht weniger als die Veranschaulichung der Heilsgeschichte.

Beim Marienaltar für den Xantener Dom hat Douwerman das beliebte Motiv der Wurzel Jesse noch einmal aufgegriffen: In der nach 1530 entstandenen Predella schläft der Ahnvater hinter filigranen Distelranken, die sich dann um die Szenen aus dem Marienleben hinauf winden. So führt der vom Alten ins Neue Testament reichende Stammbaum auch hier sinnig vor Augen, dass das Christentum im Judentum wurzelt.

Beatrice Härig/Bettina Vaupel

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