Öffentliche Bauten 1850 Streiflichter

Das jüdische Krankenhaus in Berlin-Mitte

Aus dem Vergessen

In Gänze von einem Baugerüst umgeben, bietet der monumentale Ziegelsteinbau in der Berliner Auguststraße ein beeindruckendes Bild. Auch im Inneren eine Baustelle, deutet heute nichts mehr darauf hin, dass dieses von 1859 bis 1861 errichtete Gebäude ein Krankenhaus war. Damals galt es als eine der modernsten medizinischen Einrichtungen in Deutschland.

Seit Juni letzten Jahres ist der Komplex Teil eines Ensembles, das vom Bund als Kulturdenkmal von nationaler Bedeutung gefördert wird. Ein riesiges Areal, das von der Neuen Synagoge auf der Oranienburger Straße ausgeht und sich entlang der Auguststraße erstreckt. Es schließt neben Stadthäusern und der ehemaligen jüdischen Mädchenschule auch das dem Krankenhaus vorgelagerte Torhaus und das dazugehörige Siechenhaus mit ein.

Das ehemalige jüdische Krankenhaus ist ein Denkmal von besonderer Bedeutung, weil es eines der modernsten Hospitäler seiner Zeit ist, außerdem ein wichtiges Bauwerk des Architekten Eduard Knoblauch und ein starker Zeuge der jüdischen Geschichte Berlins. 
© R. Rossner
Das ehemalige jüdische Krankenhaus ist ein Denkmal von besonderer Bedeutung, weil es eines der modernsten Hospitäler seiner Zeit ist, außerdem ein wichtiges Bauwerk des Architekten Eduard Knoblauch und ein starker Zeuge der jüdischen Geschichte Berlins.

Nachdem das erste Hospital der Jüdischen Gemeinde- Berlins von 1756 zu klein geworden war, beauftragte sie Eduard Knoblauch (1801-65), den Architekten der Neuen- Synagoge, mit der Planung des neuen Krankenhauses an der Auguststraße. Er entwarf den hofseitigen Ziegelsteinbau und das separate Verwaltungsgebäude mit der Tordurchfahrt. Als sogenanntes Korridorkrankenhaus mit Zimmern, die nach Süden auf einen Garten hin ausgerichtet waren, wurde es seinerzeit als mustergültig angesehen. Frische, saubere Luft und helle Räume ließen die Patienten schneller genesen. Neu war, dass es einen Operationssaal auf -jeder der drei Etagen gab. Knoblauch gestaltete das straßenseitig gelegene Verwaltungsgebäude in spätklassizistischen Formen. Seine Toröffnung gibt den Blick auf den Haupteingang des Ziegelbaus frei. Der durch klare Formen gegliederte Mittelrisalit besitzt schmückende Terrakotta-Ornamente und wird von zwei Seitenflügeln flankiert. Er ist unverkennbar von Karl Friedrich Schinkels Berliner Bauakademie inspiriert, an der Knoblauch studierte. Durch die wachsende Zahl der Patienten, zu denen nicht nur Juden gehörten, waren die Kapazitäten des Krankenhauses bald erschöpft, und es entstand ein neues jüdisches Hospital im Wedding.

Das jüdisches Krankenhaus wurde nach dem damals fortschrittlichen Korridorsystem mit Operationssälen auf jedem Geschoss gebaut. 
© R. Rossner
Das jüdisches Krankenhaus wurde nach dem damals fortschrittlichen Korridorsystem mit Operationssälen auf jedem Geschoss gebaut.

Zunächst für verschiedene soziale und kulturelle Zwecke genutzt, wurde das Ziegelgebäude 1915 zum Flüchtlingsheim für Juden aus dem Osten Europas. Danach zog das jüdische Kinderheim "Beit Ahawah" (Haus der Liebe) ein, dessen Leiterin 1934 bis 1939 etwa einhundert jüdische Kinder retten konnte, indem sie sie außer Landes brachte. Nach ihrem plötzlichen Tod kamen die in Berlin verblie-benen Jungen und Mädchen in das Konzentrationslager Auschwitz, wo sie nicht überlebten. Die Gestapo machte das Haus bis 1943 zu einem Sammellager für Menschen, die von hier aus deportiert wurden. Nach 1945 wurde jedoch verdrängt, was hier geschehen war, bis die Jüdische Gemeinde zu Berlin das Gebäude zurückerhielt.

Weil es lange Zeit leer stand, ist die Substanz des ehemaligen Krankenhauses stark geschädigt. An den aufwendigen Sanierungsmaßnahmen, die von den Fundamenten über das Mauerwerk bis in den Dachstuhl notwendig sind, beteiligt sich neben dem Bund, dem Land und der Jüdischen Gemeinde, die einen hohen Eigenbetrag einsetzt, auch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz. Wenn die Arbeiten 2015 beendet sein werden, könnte eventuell unter der Führung der Berliner Humboldt-Universität ein Zentrum für jüdische Studien eingerichtet werden.

Baudenkmale wie das ehemalige jüdische Krankenhaus an der Auguststraße sind starke und wichtige Zeugen unserer Geschichte. Bald wird das ehemalige Krankenhaus ein lebendiger Teil von Berlin-Mitte sein, das mit seinen Bars, Restaurants und Kunstgalerien Menschen aus der ganzen Welt anzieht.

Julia Ricker

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