Landschaften, Parks und Friedhöfe Streiflichter Juni 2012

Der jüdische Friedhof in Hamburg-Ohlsdorf

Alle Toten sind gleich

Wenn Mal'ach ha-Mawet, der Todesengel, gekommen ist und die Seele zu ihrem Schöpfer in die Ewigkeit gebracht hat, wird die Chewra Kadischa tätig. Sie sorgt sich voll Ehrfurcht um den Toten und kümmert sich um alle Belange der Beerdigung, um die Angehörigen zu entlasten und zu trösten.

Eine der wichtigsten Aufgaben für eine Chewra Kadischa, die fromme Beerdigungsvereinigung, die es in jeder jüdischen Gemeinde gibt und die aus zehn Personen besteht, ist die sorgfältige Waschung des Leichnams. Danach wird ein letztes Mal von dem Toten, der in ein schlichtes Leinenhemd gekleidet und in einen einfachen Kiefernsarg gebettet ist, Abschied genommen, begleitet von den Gebeten des Kantors.

Der Andachtsraum ist durch die schwarz-weiße Farbgebung charakterisiert. 
© ML Preiss
Der Andachtsraum ist durch die schwarz-weiße Farbgebung charakterisiert.

Auf dem jüdischen Friedhof in Hamburg-Ohlsdorf - einem separaten Teil des großen Hamburger Zentralfriedhofs und im Vergleich zu diesem winzig in seinen Ausmaßen - kann die Chewra Kadischa seit 120 Jahren ihren rituellen Pflichten in einem neoromanischen Gebäude nachgehen. Die Trauerhalle, die im Gegensatz zu anderen kultischen Gebäuden das Dritte Reich überstanden hat, sagt viel aus über die Selbsteinschätzung der Juden im Jahr 1883 in Hamburg, der größten jüdischen Gemeinde damals in Deutschland. Denn auf den ersten Blick ist sie nicht zu unterscheiden von den vielen christlichen Kapellen auf dem Ohlsdorfer Friedhof, die in dieser Zeit in eklektizistischen Stilen errichtet wurden. Man fühlte sich Deutschland zugehörig. Die zu dieser Zeit sehr geschätzte Neugotik wurde allerdings als Baustil von Synagogen und anderen jüdischen Einrichtungen nicht gewählt. Aber man meinte sich im Rundbogenstil der Neoromanik, ausgeführt im örtlich üblichen Ziegelstein, gut aufgehoben.

Die Trauerhalle auf dem Jüdischen Friedhof in Hamburg-Ohlsdorf wurde im Jahr der Friedhofseinweihung 1883 von August Piper erbaut. Im linken Flügel befindet sich das Leichenhaus zur Waschung und Vorbereitung der Toten, im rechten sind Wohn- und Büroräume untergebracht. 
© ML Preiss
Die Trauerhalle auf dem Jüdischen Friedhof in Hamburg-Ohlsdorf wurde im Jahr der Friedhofseinweihung 1883 von August Piper erbaut. Im linken Flügel befindet sich das Leichenhaus zur Waschung und Vorbereitung der Toten, im rechten sind Wohn- und Büroräume untergebracht.

Auf dem Friedhof herrscht jene spezielle Atmosphäre, die jüdischen Begräbnisstätten eigen ist. Denn eines der zahlreichen Gesetze des Talmuds besagt, dass die Ruhe der Toten nicht gestört werden darf. Gräber dürfen nicht aufgelöst werden, und die Gleichheit aller Toten verbietet aufwendige Grabmäler. Fällt ein Grabstein um, wird er so belassen. Außer mit Efeu oder Bodendeckern werden die Gräber nicht bepflanzt. Aber Vegetation, die sich von alleine am Grab aussät, wird nicht beschnitten. So ist der Jüdische Friedhof in Hamburg eine grüne, lebendige Schönheit mit vielen Rhododendren und alten Bäumen. Dem Toten gehört für immer die Erde, in die er gebettet wurde. Und damit auch alles, was dort wächst. Mitten aus dem ältesten Grab des Friedhofs, das des Ehepaars Rosenberg aus dem Jahr 1883, wächst seit Jahrzehnten ein Baum. Auf Hebräisch heißt Friedhof Beth Hachajim, Haus des Lebens.

Beatrice Härig / Friedegard Hürter

Info:
Samstag und an jüdischen Feiertagen geschlossen. Männer sollten auf jeden Fall eine Kopfbedeckung tragen, um die Würde der Verstorbenen nicht zu verletzen.

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