August 2011

Im brandenburgischen Sieversdorf soll ein Bauernhaus der Gemeinschaft dienen

Dem Abriss knapp entkommen

Einen alten Baum verpflanzt man nicht, heißt es. Wer sich in Dörfern der Uckermark, im Saarland oder am Harzrand umsieht, muss erkennen, dass die Menschen in die Städte fliehen. Viele Orte schrumpfen, und manche sterben sogar aus. Die junge Generation im Osten verlässt schon seit der politischen Wende ihre Heimat gen Westen, jetzt aber folgen notgedrungen auch die Alten. Denn wohin mit ihnen, wenn sie ihre Häuser und Gärten nicht mehr bewirtschaften können? Ihre Kinder und Enkelkinder sind fortgezogen, und nur selten gibt es Seniorenheime in den kleinen Ortschaften.

Nicht restauriert und restauriert – die Ernhäuser Dorfstraße 4 und 2 
© Roland Rossner
Nicht restauriert und restauriert – die Ernhäuser Dorfstraße 4 und 2

Im brandenburgischen Sieversdorf blieben mit den alten Häusern auch alte Menschen zurück. Das nur 600 Einwohner zählende, 1334 erstmals urkundlich erwähnte Sieversdorf ist gepflegt. Eine geschwungene Straße durchzieht den Ort, dessen Gärten weit in die Tiefe reichen. Vor jedem Haus gibt es viel Platz. Das Grün wird sorgsam gemäht. Wollte man Berlinern einen Anreiz geben, hinaus aufs Land zu ziehen, wäre Sieversdorf ein passendes Fotomotiv, die perfekte Grundlage für eine Broschüre über stadtnahes, idyllisches Wohnen inmitten von Wiesen und Feldern. Nahezu alle Gebäude sind von ihren Eigentümern hergerichtet. Sieversdorf kann sich sehen lassen. Am Ortseingang, an der Dorfstraße 2, steht ein gut erhaltenes, reetgedecktes Ernhaus, gegenüber ein herrschaftlicheres Bauernhaus. Wäre da nicht, gleich neben diesem Vorzeige-Haus der Familie Knaak, das Gebäude Dorfstraße 4. An ihm sind alle Bemühungen spurlos vorübergegangen. In seiner schmucken Umgebung fällt das baufällige Wohnstallhaus aus dem frühen 18. Jahrhundert ganz besonders negativ auf. Schon seit 2005 steht es leer. Annerose und Bodo Knaak kauften es 2008 und gründeten ein Jahr später den Verein "Wohnen im Ernhaus e. V.". Für das Ernhaus hatte bereits eine Abrissgenehmigung vorgelegen. Die lief im vergangenen Jahr aus, und die Vereinsmitglieder zögerten nicht, ein Konzept für eine künftige Nutzung vorzulegen. Denn die Knaaks und ihre Mitstreiter möchten erreichen, dass das Leben auf dem Dorf weitergeht und lebenswert bleibt.

Es ist fünf vor zwölf: Im Erdgeschoss verfaulen die Balken. 
© Roland Rossner
Es ist fünf vor zwölf: Im Erdgeschoss verfaulen die Balken.

Bodo Knaak wurde 1952 in Sieversdorf geboren und ist, wie sein Vater es schon war, Dorfchronist mit Leib und Seele. Während der Vater noch 8-mm-Schmalfilme drehte, die inzwischen zeitgeschichtliche Dokumente geworden sind, fotografiert und filmt der Sohn heute digital und hält so die wichtigsten Ereignisse für die Nachkommen fest. Seine Frau Annerose, die aus einem der Nachbardörfer stammt, unterrichtet als Lehrerin im nahegelegenen Neustadt (Dosse).

Mit dem eigenen Haus haben es die Knaaks vorgemacht, und nun soll das Nachbarhaus mit vereinten Kräften ebenso instand gesetzt werden. Noch zeigt es den Passanten aber seinen verrottenden, sich gefährlich neigenden Giebel und gewährt tiefe Einblicke in den offenen Dachstuhl. Eigentlich müsste man zur Warnung ein Schild aufstellen: "Vorsicht, einsturzgefährdet!". Zahllose Steine des gemauerten Schornsteins fielen kürzlich herunter, verbeulten die Wellblechdeckung und rissen sie mit. Es regnet hinein in das teils fensterglaslose, anderthalbgeschossige Fachwerkgebäude. Die Kaminsteine stürzten auch auf die Holztreppe zum Dachboden, Balken verfaulen im Erdgeschoss, Tapete hängt in Fetzen von den Wänden, und es riecht muffig. Der rückwärtige Anbau ist komplett ruinös und ohne Dach.

Dieses Wohnstallhaus, mit der typischen Ern, die fränkische Bezeichnung für einen zentralen Flur- und Herdraum, präsentiert sich zwar in einem bedauernswerten, dafür aber ursprünglichen Zustand. Alle anderen Ernhäuser im Dorf wurden im Laufe der Jahre mehrfach und manche leider bis zur Unkenntlichkeit umgebaut. An der Dorfstraße 4 hingegen ist das mitteldeutsche Ernhaus mit der sogenannten langen Abseite noch gut zu erkennen. Während man an der einen Längsseite des Hauses stehenden Fußes mit der Hand das Dach erreicht, beginnt dieses auf der Hofseite um etliches höher. Das ermöglicht den direkten Zugang zum Boden über Luken. Dort wurden Vorräte, Stroh und Heu gelagert. Die Raumhöhe im Haus beträgt durchweg zwei Meter, der Eingang liegt an der Hofseite, von dem man aus in den Flur mit dahinterliegender Küche gelangt. Links geht es zu den Stuben und Kammern, rechts in die Stallungen. Als noch am offenen Feuer gekocht und gelebt wurde, gab es keine Zwischendecke. Der Rauch zog aus der "schwarzen Küche" nach oben unter das Dach und über Öffnungen in den Giebelseiten nach draußen ab.

Teile des Kamins stürzten auf die Treppe. 
© Roland Rossner
Teile des Kamins stürzten auf die Treppe.

Darüber, was einmal aus dem Ernhaus werden könnte, beratschlagte der Verein bereits. Der ehemalige Wohnteil soll nach der denkmalgerechten Sanierung für alle offenstehen, die sich das Ernhaus anschauen möchten. Außerdem könnten Gesellschaftsräume als Treffpunkt für künftige Mieter und Bewohner des Ortes eingerichtet werden. Für den Stall wünscht man sich eine neue Nutzung. Ein Entwurf sieht vor, ihn zu altersgerechtem Wohnraum umzugestalten. Zwei größere und zwei kleinere Wohnungen würden im Anbau Platz finden. Der fränkische Haustyp eignet sich besonders gut für ältere Menschen, weil er ebenerdig zugänglich ist. Den Grundriss könnte man leicht diesem Zweck anpassen und sogar schon Pflegebetten einplanen. So wäre es denkbar, dass die Menschen, selbst wenn sie medizinische Leistungen in Anspruch nehmen müssen, bis zu ihrem Lebensende in ihrem bekannten Umfeld wohnen bleiben. Außerdem sind an der langen Abseite Vorgärten vorgesehen. Ideal ist das große Grundstück mit einem schönen, alten Walnussbaum in der Mitte, der auf jeden Fall an Ort und Stelle bleibt. Darunter lädt eine Bank zum Ausspannen ein.

Einem 92-jährigen Ortsbewohner, der Sieversdorf nicht verlassen möchte, gefiel diese Aussicht auf seinen Lebensabend sehr. Er ließ sich und seine Ehefrau als Mieter für die Dorfstraße 4 vormerken und hofft, dass die Pläne schnell verwirklicht werden.

Diesen Wunsch hegt auch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, denn die Substanz des für die Volkskunde bedeutenden Ernhauses hält dem Wetter und der Zeit bald nicht mehr stand. Es muss dringend etwas passieren, damit das Fachwerkgebäude nicht einstürzt und für immer verlorengeht.

Original, aber heruntergekommen: Die Raumaufteilung ist noch abzulesen, aber das Bauernhaus muss dringend saniert werden. 
© Roland Rossner
Original, aber heruntergekommen: Die Raumaufteilung ist noch abzulesen, aber das Bauernhaus muss dringend saniert werden.

Die Vereinsmitglieder sind zuversichtlich. Die Arbeiten sollen möglichst noch 2011 beginnen. EU-Mittel aus dem Förderprogramm LEADER gewähren eine solide Starthilfe. Ziel von LEADER ist es, die ländlichen Regionen auf dem Weg zu einer eigenständigen Entwicklung zu unterstützen. Lokale Gruppen wie etwa der Verein in Sieversdorf sind aufgerufen, Konzepte für ihre Region maßzuschneidern.

Eine Gruppe Jugendlicher erklärte sich bereit, ehrenamtlich das rund 3.200 Quadratmeter große, verwilderte Grundstück freizuschlagen und aufzuräumen.

Das Asbestdach muss entsorgt und der Dachstuhl untersucht werden, ehe es richtig losgehen kann. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz würde der Dorfgemeinschaft gern unter die Arme greifen, besonders auch deshalb, weil der Verein "Wohnen im Ernhaus e. V." sich nicht allein für Belange der Denkmalpflege einsetzt, sondern darüber hinaus alte, hilfsbedürftige Menschen unterstützt, die in ihrer angestammten Heimat bleiben möchten.

Wenn auch Sie sich dafür erwärmen können, in einem umfassenden Sinn zu helfen und ein Stück praktischen Heimatschutz zu betreiben, würden wir uns sehr über Ihre Spende freuen. Mit Ihrem und dem Engagement der Menschen am Ort können Dörfer lebendig bleiben!

Christiane Schillig

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