August 2010

Eine Dorfkirche braucht Ihre Hilfe

Der schiefe Turm von Kotelow

Günter Schmidt hat es sich nicht nehmen lassen, uns "seine" frühgotische Kirche in Kotelow selbst zu zeigen. Dabei ist der 83-jährige ehemalige Küster nicht mehr gut zu Fuß - die Knie machen ihm seit einer Operation Probleme. Stolz zeigt er uns den spätgotischen Altar, der im Landkreis Mecklenburg-Strelitz zu den wertvollsten zählt, macht uns auf das ungewöhnlich große hölzerne Kastenschloss am Südportal sowie auf Kanzel und Herrschaftsgestühl aus dem 18. Jahrhundert aufmerksam. Aber er berichtet auch von seinen Sorgen: Der Fachwerkhelm des Kirchturms neigt sich bedrohlich in südwestliche Richtung und muss dringend gesichert werden.

Blicken sorgenvoll in die Zukunft: die Küsterin Brigitte Müller und ihr Vorgänger Günter Schmidt 
© ML Preiss
Blicken sorgenvoll in die Zukunft: die Küsterin Brigitte Müller und ihr Vorgänger Günter Schmidt

Das langgestreckte Angerdorf Kotelow, das zur Gemeinde Galenbeck gehört, wirkt bei unserem Besuch wie ausgestorben. "Junge Familien", sagt die jetzige Küsterin Brigitte Müller, "haben hier keine Perspektive und ziehen weg. Das Durchschnittsalter der Kotelower beträgt 57 Jahre, die meisten Einwohner sind zwischen 70 und 80 Jahre alt." Die Männer haben Arbeit in Dänemark und den Niederlanden gefunden, sind die Woche über nicht zu Hause, und die Frauen sind vorwiegend und meist ehrenamtlich im sozialen Bereich tätig.


Das Institut für Soziologie und Demographie der Universität Rostock hat sich nicht von ungefähr die strukturschwache Gemeinde Galenbeck für eine im September 2007 abgeschlossene Studie "Daseinsvorsorge im peripheren ländlichen Raum" ausgesucht. 2003 wurde Kotelow zusammen mit acht weiteren Dörfern, die mehrere Kilometer voneinander entfernt liegen, zu dieser Großgemeinde zusammengefasst. Hier liegen seit Jahren die Sterbefälle über der Geburtenrate. Es wird prognostiziert, dass die Zahl der Bevölkerung bis 2020 um 21 Prozent schrumpft.

Ein Netz von öffentlichen Verkehrsmitteln gibt es dort ebenso wenig wie Schulen, Läden oder Gaststätten. Einkäufe, Arztbesuche und Behördengänge werden mit dem Auto erledigt, so dass die Menschen sich kaum noch begegnen.

Das Dach des Kirchenschiffs wurde bereits saniert. Nun muss dringend der Kirchturm gesichert werden, denn der Turmhelm neigt sich bedrohlich.  
© ML Preiss
Das Dach des Kirchenschiffs wurde bereits saniert. Nun muss dringend der Kirchturm gesichert werden, denn der Turmhelm neigt sich bedrohlich.

2008 sind die einzelnen Gemeinden zur Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirchgemeinde St. Marien Friedland zusammengelegt worden. Drei Pastoren teilen sich zweieinhalb Stellen, betreuen 19 Kirchen und 1.750 Kirchgemeindemitglieder. Gottesdienste können sie daher in den einzelnen Gemeinden nur im Abstand von mehreren Wochen anbieten. Das trifft auch für Kotelow zu. Die Hochzeit einer Greifswalder Rechtsanwältin in diesem Sommer, die in dem Dorf aufwuchs, gehört zu den willkommenen Ausnahmen.

Dabei steht Kotelow im Vergleich zu den anderen Dörfern noch gut da: Es gibt die Kindertagesstätte "Storchennest" - die einzige der Großgemeinde Galenbeck - und das Hotel "Jagdschloss Kotelow". Der Kaufmann Jochen Heins und seine Frau Christine erwarben das ehemalige Gutshaus der Familie von Oertzen - Patrone des Ortes bis 1945 - im Jahr 2001 und restaurierten es liebevoll. Vorwiegend ruhesuchende Städter zählen zu ihren Gästen, auch Firmen und Hochzeitsgesellschaften. Eine Außenstelle des Standesamtes befindet sich im Hotel, manche Paare lassen sich in der nahegelegenen Kirche trauen. Ihre Zahl wäre vermutlich höher, wäre die 1803 vom Wolgaster Meister David Bayer geschaffene Orgel noch bespielbar. Weil die Sicherung des Kotelower Kirchturms vorgeht, muss die Restaurierung des wertvollen Instruments warten.

Die Feldsteinkirche gab es bereits, als das Angerdorf 1382 unter dem Namen Contelowe in einer Urkunde erwähnt wurde. Rund 100 Jahre später wölbte man das ursprünglich flache Dach des Kirchenschiffs. Vielleicht erhielt die Kirche damals auch einen Turm. Es gibt Hinweise, dass ein solcher 1666 abgebrannt sein soll. Der heutige Kirchturm erhielt seine Form zum Ende des 18. Jahrhunderts, die Wetterfahne trägt die Jahreszahl 1780. Auf einem massiv gemauerten Unterbau, der genauso breit ist wie das Kirchenschiff, sitzt ein achteckiger Fachwerkhelm mit Welscher Haube und Laterne.

Als Mitglied des Gemeindekirchenrats hat Günter Schmidt seit den 1970er Jahren, als er aus Berlin wieder nach Kotelow zurückgekehrt war, dafür gesorgt, dass die Kirche gepflegt wurde. Als Anerkennung für seine langjährige Gemeindearbeit erhielt er 1985 vom Superintendenten 11.000 Ostmark, die er sogleich wieder spendete. Mit dem Geld wurde einerseits die einfache Verglasung im Kirchenschiff durch farbige Fenster ersetzt und andererseits das Südportal saniert.

Die Kirche in dem kleinen Ort Kotelow überrascht mit einer wertvollen Ausstattung aus mehreren Jahrhunderten.  
© ML Preiss
Die Kirche in dem kleinen Ort Kotelow überrascht mit einer wertvollen Ausstattung aus mehreren Jahrhunderten.

Eine besondere Freude war für Günter Schmidt, als 2008 die beendete Sanierung des Dachs mit einem Gottesdienst gefeiert wurde. Es war in den letzten Jahrhunderten immer wieder geflickt worden, die Handwerker hatten sich allerdings nie die Mühe gemacht, Mörtelreste, kaputte Ziegel und altes Holz zu entsorgen. Sie ließen den Bauschutt einfach auf die Gewölbekappen fallen, von wo er in die Zwickel rutschte. Vermutlich führten Schneeverwehungen dazu, dass das Material über die Jahre immer feuchter wurde und letztendlich die Decke des Kirchenschiffs schädigte. Bei der Sanierung des Daches wurden daher zunächst Tonnen von Schutt entfernt.

Der Kirchturm hat ebenfalls durch Feuchtigkeit Schaden genommen. Zum Ende des Zweiten Weltkriegs fanden in Kotelow Kämpfe statt, bei denen eine Ecke der Welschen Haube durch Schüsse zerstört wurde. In den 1950er Jahren sicherte man sie zwar, doch es stand nur das viel zu weiche Kiefernholz zur Verfügung. Es konnte dem Schlagregen, der seinen Weg außerdem durch die stetig poröser werdenden Fachwerkgefache fand, auf Dauer nicht standhalten. Der Turm ist inzwischen massiv gefährdet.

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Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz möchte nun dazu beitragen, dass der Turm gesichert wird. Dazu muss der Turmhelm abgenommen und müssen die Fachwerkkonstruktion sowie das Mauerwerk saniert werden. Außerdem soll die Welsche Haube eine neue Schiefereindeckung bekommen. Erst nachdem der Helm wieder auf dem Mauerwerk sitzt, kann in einem weiteren Schritt mit der Restaurierung des Kirchenraums, der Orgel und der Ausstattung begonnen werden.

Doch daran denkt die Gemeinde im Augenblick noch gar nicht. Für Günter Schmidt und Brigitte Müller wäre es schon eine Beruhigung, wenn der Turm wieder sicher stünde.

Dass dies gelingen möge, darum bitten wir Sie herzlich! Damit die Kirche noch existiert, wenn sich die prognostizierte düstere demographische Entwicklung abwenden lässt. Wiederbelebungen von Dörfern sind in der Gegend übrigens nichts Neues: Nach dem Dreißigjährigen Krieg waren viele Orte unbewohnt, wurden später wieder besiedelt - auch, weil es dort noch die Kirchen gab.

Carola Nathan

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