Interviews und Statements Juni 2009

Interview mit Prof. Philipp Oswalt

90 Jahre Bauhaus

MO: Herr Oswalt, seit dem 1. März dieses Jahres sind Sie Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau. Welche Bedeutung hat die 1919 gegründete Institution für Sie?

Prof. Philipp Oswalt: Das Bauhaus war für mich schon als Student der Architektur eine Orientierungsmarke, bezogen auf den Anspruch, Gestaltung als eine gesellschaftliche Aufgabe zu verstehen und sich den Fragen der Gegenwart mit zeitgenössischen Mitteln zu widmen. Auch das Zusammenbringen unterschiedlicher Disziplinen hat an Aktualität nichts verloren. Und das Label "Bauhaus" hat eine ungeheuere Macht, es ist ein starker Hebel, um etwas zu bewegen.

MO: Wie unterscheidet sich das heutige Bauhaus vom historischen Bauhaus?

Prof. Philipp Oswalt: Das gegenwärtige Dessauer Bauhaus ist etwas völlig anderes als das historische, sowohl institutionell als auch in Bezug auf sein Aufgabenprofil. Heute geht es zum einen um die Pflege des architektonischen Erbes: das Bauhausgebäude, die Meisterbauten und die Siedlung Törten, die 100.000 Besucher im Jahr anlocken. Es gibt außerdem eine Sammlung zum Bauhaus, deren Archivalien ausgestellt und erforscht werden. Das ist das Historische. Dann gibt es die Aufgabe, sich in Projekten vor dem Hintergrund des Bauhaus-Erbes mit der Gegenwart zu beschäftigen. Der dritte Bereich der Stiftung mit dem Kolleg widmet sich der Postgraduiertenausbildung. Die Stiftung Bauhaus Dessau ist ein Leuchtturmprojekt nationaler Kulturpolitik, der Bund zur Hälfte an der Finanzierung beteiligt.

Das Meisterhaus Kandinsky/Klee in Dessau 
© Jürgen Hohmuth 2004, Stiftung Bauhaus Dessau
Das Meisterhaus Kandinsky/Klee in Dessau

Meines Erachtens ist das Bauhaus historisch gesehen eine Reaktion auf das humanitäre Desaster des Ersten Weltkriegs. Solch einen dramatischen Einschnitt wie den Ersten Weltkrieg haben wir heute zum Glück nicht. Die entscheidenden Prozesse ereignen sich schleichend, vor allem der Klimawandel und der demografische Wandel, die jetzt schon deutlich werden, aber vor allem längerfristig wirken. Ich glaube, dass wir zwar übermäßig auf medial dramatisch inszenierbare Ereignisse wie zum Beispiel Terror-Anschläge reagieren, dass wir aber eine mangelnde Sensibilität für sehr langfristige Prozesse haben. Insofern möchte ich die Rhetoriken, die am historischen Bauhaus verwendet wurden, heute nicht bemühen, was nicht heißen soll, dass wir nicht doch in vielen Bereichen einen sehr starken Wandel bräuchten.

MO: Welche der alten Bauhaus-Utopien sind in unserer Zeit immer noch zukunftsfähig?

Prof. Philipp Oswalt: Zeitlos ist zum einen die radikale Interdisziplinarität, die Idee, verschiedene Professionen zusammenzubringen, um neue Dinge zu entwickeln. Das zweite ist die soziale Verpflichtung von Gestaltung - Gestaltung also als eine Aufgabe zum Erreichen besserer Lebensverhältnisse zu sehen. Außerdem würde ich trotz aller Widersprüchlichkeit, die das beinhaltet, auch die Bereitschaft, radikal neu zu denken, dazuzählen. Problematisch hingegen ist die Idee des Gesamtkunstwerks, also einer ganzheitlichen Gestaltung des Lebensalltags. Das ist etwas, was wir doch nach der Erfahrung der Moderne sehr kritisch beurteilen. Hier zeigt sich eine totalitäre Dimension, die im Widerspruch zu dem sich entfaltenden Individualismus in der Moderne und dem Freiheitsversprechen der Aufklärung steht.

MO: Welche Akzente wollen Sie bei Ihrer Arbeit setzen?

Prof. Philipp Oswalt: Es wird sicherlich einen stärkeren Bezug zum historischen Bauhaus und seiner Programmatik geben. Dazu wird auch die Hinwendung zur Bauhausstadt Dessau gehören. Diese lag früher in einer boomenden High-Tech-Region, einem Silicon Valley der zwanziger Jahre - das tut sie inzwischen nicht mehr. Wir wären sicherlich nicht mehr in der Lage, einen Kandinsky oder Gropius, heute vielleicht einen Gerhard Richter oder Rem Koolhaas, über Jahre an unser Haus zu binden. Für mich bedeutet das, dass wir in anderen Zeitrhythmen arbeiten müssen. Ich möchte mich eher darum bemühen, die Stiftung zu einer Plattform zu machen, die Leute für Tage, Wochen oder auch Monate hierher holt. Das Kolleg bietet eine einjährige, postgraduale Fortbildung. Die Sommerschule widmet sich in diesem Jahr vor Ort einer Neubetrachtung der Bauhaus-Architektur, womit solche Anknüpfungspunkte gegeben sind. Was es bisher noch nicht gibt, ich aber anrege, ist ein Artist-in-Residence-Programm. Hier sind auch Kooperationen mit internationalen Hochschulen oder anderen Einrichtungen denkbar.

Das Dessauer Bauhausgebäude: Blick auf den Haupteingang und die transparente Ecke des Werkstattflügels 
© Kirsten Baumann 2005, Stiftung Bauhaus Dessau
Das Dessauer Bauhausgebäude: Blick auf den Haupteingang und die transparente Ecke des Werkstattflügels

MO: Welche Projekte werden Sie in naher Zukunft - auch in Zusammenhang mit dem Bauhausjubiläum - umsetzen?

Prof. Philipp Oswalt: Bei der großen Berliner Ausstellung im Martin-Gropius-Bau, die im Rahmen des 90-jährigen Bestehens des Bauhauses von Berlin, Dessau und Weimar gemeinsam organisiert wird, bemühe ich mich zusammen mit den Partnern darum, dass neben dem historischen Material auch eine heutige Perspektive auf die Bauhausideen formuliert wird, und zwar durch eine künstlerische Arbeit und ein Interviewprojekt. Für Dessau habe ich in recht kurzer Zeit eine filmische Ausstellung konzipiert, welche die künstlerisch-gestalterische Produktion am historischen Bauhaus im Bauhausgebäude lebendig erfahrbar macht.

Am programmatischsten ist das Buch "Bauhaus Streit": Hier werden die wichtigsten Konflikte um das Bauhaus von 1919 bis 2009 dargestellt. Damit ist es nicht nur eine Bauhausgeschichte, sondern auch eine Geschichte des Verhältnisses von Kultur und Politik. Wie kaum ein anderes Kulturprojekt wurde das Bauhaus seit seinem Bestehen von rechts wie von links politisch instrumentalisiert, bis heute. Heute gilt es als nationals Kulturgut und wird in Identitätspolitiken wie auch zu Vermarktungszwecken genutzt.

Im Oktober findet eine Konferenz in Dessau statt, die sich thematisch der Gegenwart zuwendet und sich dem Verhältnis von Finanzmarkt(krise) und Baugeschehen widmet.

MO: Die Stiftung Bauhaus Dessau führt gemeinsam mit der Sachsen-Anhaltinischen Landesentwicklungsgesellschaft die Internationale Bauausstellung Stadtumbau Sachsen-Anhalt 2010 (IBA) durch, die Modelle der Stadtentwicklung unter den Bedingungen des demografischen Wandels erarbeitet. Ein Thema, mit dem Sie sich bereits als Leiter des Projekts Schrumpfende Städte auseinandergesetzt haben. Welche sind die Kernpunkte beider Vorhaben?

Bauhausgebäude, Blick von der Werkstatt zur Brücke 
© Jutta Stein 2005, Stiftung Bauhaus Dessau
Bauhausgebäude, Blick von der Werkstatt zur Brücke

Prof. Philipp Oswalt: Aus meiner Sicht ist es notwendig, ein neues Akteursverständnis zu entwickeln. Wir haben seit den 1970/1980er Jahren das Leitbild der unternehmerischen Stadtplanung als einer Art von Wirtschaftspolitik zur Anziehung von Investoren. Auch vor der derzeitigen Finanzkrise hat man gesehen, dass das Modell an seine Grenzen gestoßen ist und nur an bestimmten Standorten funktioniert, nämlich da, wo Investoren überhaupt auftauchen, also vor allem in reichen Großstädten wie Hamburg oder München. In vielen ostdeutschen Kommunen ist inzwischen verstanden worden, dass man auch auf kleinere Akteure setzen muss, die sich vernetzen.

In Dessau gibt es eine ganze Reihe von Immobilien, die kulturhistorisch von hohem Wert und denkmalgeschützt sind. Diese wurden von genossenschaftlich organisierten Initiativen engagierter Bürger aufgekauft und einer neuen Nutzung zugeführt. Das Problem ist, dass solche Entwicklungen unterbewertet werden. Die Politik erwartet nach wie vor den klassischen Investor mit dem großen Bankkredit. Das sind aber nicht die Akteure, auf die Sie in diesen Orten bauen können. Sie haben es mit schwächeren Akteuren zu tun, aber in einer größeren Zahl. Sie arbeiten, haben Wissen angesammelt und sind mit diesen ganz anderen Ressourcen in der Lage, die Dinge in die Hand zu nehmen.

MO: Wie bringt sich das Bauhaus in diesen Zusammenhang ein?

Prof. Philipp Oswalt: In den 1990er Jahren entwickelte das Bauhaus zum Beispiel die Idee des industriellen Gartenreichs für Dessau-Wörlitz. Ein Versuch, sich in die lokalen Belange einzumischen. Das hat Früchte getragen, etwa mit dem Projekt Ferropolis. Ein Nachteil war damals eher, dass neben diesem lokalen Engagement die internationaler Orientierung der Stiftung zu kurz kam. Unter der Leitung von Omar Akbar (1998-2008) hat das Bauhaus eine Kehrtwende vollzogen und die Internationalität betont. Die lokalen Bezüge sind später durch die IBA wieder mit hinzugekommen. Das Bauhaus als Institution hat die Doppelaufgabe, lokal zu wirken und international aufzutreten, und das ist auch allen Beteiligten klar. Ein Thema, mit dem ich den lokalen Bezug konkret umsetzen möchte, ist etwa der Ausbau des Architektur- und Bildungstourismus nach Dessau. Da besteht noch ein riesiges Potential.

Das Interview führte Julia Ricker

Zur Person:
Nach dem Studium der Architektur arbeitete Philipp Oswalt, Jahrgang 1964, als Redakteur der Architekturzeitschrift Arch+ sowie im Architekturbüro von Rem Koolhaas in Rotterdam. Seit 1998 ist er selbständiger Architekt in Berlin. Im selben Jahr erhielt Philipp Oswalt den 1. Preis im internationalen Wettbewerb für die Gestaltung der Gedenkstätte des ehemaligen Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück, 2000-2002 war er Gastprofessor für Entwerfen an der Technischen Universität Cottbus, Initiator und Leiter des Forschungsprojekts Urban Catalyst in den Jahren 2001 bis 2003 und Leiter des Projekts Schrumpfende Städte von 2002 bis 2008. Philipp Oswalt ist Autor und Herausgeber zahlreicher Publikationen zur zeitgenössischen Architektur und lehrt seit 2006 als Professor für Architekturtheorie und Entwerfen an der Uni Kassel. Seit März 2009 ist er Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau.

Kopfgrafiken: Bauhausgebäude Dessau, Jutta Stein 2005, Stiftung Bauhaus Dessau

Weitere Infos im WWW:

www.bauhaus-dessau.de

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