Kleine und große Kirchen

Der Turm der evangelischen Pfarrkirche

Die "Zibbelkapp" von Ottweiler

Er ist das Wahrzeichen von Ottweiler: Über der kleinen Stadt an der Blies mit ihren malerischen Plätzen und verwinkelten Gassen - eine der wenigen gut erhaltenen historischen Altstädte im Saarland - thront der rund 48 Meter hohe mittelalterliche Alte Turm. Heute ist er der Kirchturm der evangelischen Pfarrkirche. Bei den im September abgeschlossenen Sanierungsarbeiten hat man festgestellt, dass seine bewegte Geschichte wohl noch weiter zurückreicht als bisher angenommen.

Stattliche 48 Meter hoch ist der Alte Turm, inzwischen Glockenturm der evangelischen Pfarrkirche – hier während der Restaurierung. 
© R. Rossner
Stattliche 48 Meter hoch ist der Alte Turm, inzwischen Glockenturm der evangelischen Pfarrkirche – hier während der Restaurierung.

Fast 500 Jahre haben die Grafen von Nassau-Saarbrücken in Ottweiler geherrscht. Der Höhepunkt dieser Epoche war erreicht, als 1550 Graf Johann IV. die Verleihung der Stadtrechte durch Kaiser Karl V. erwirkte. Die Bürger bauten sich daraufhin eine Befestigung, wozu der Turm im westlichen Mauerzug als Wehrturm gehörte. Die Stadtbefestigung wurde Anfang des 18. Jahrhunderts niedergelegt, der Turm vielfach umgebaut und schließlich zum Glockenturm der Kirche umfunktioniert - so nahm man an.

Bauhistorische Untersuchungen haben nun ergeben, dass der Turm schon ab 1410 errichtet worden sein muss. 1442, also in derselben Bauperiode, kam der Turmhelm mit den vier Wichhäuschen dazu. Er ist damit die älteste erhaltene Holzkonstruktion des Saarlandes. Der Turm entspricht eher einem mittelalterlichen Bergfried, wahrscheinlich gehörte er zur nicht näher bekannten Burg der Nassauer, was für die Burgenkunde eine Sensation bedeutet. Zudem bekommt die Forschung zur Typologie mittelalterlicher Turmdächer eine neue Grundlage.

Steht nach der Restaurierung Besuchern offen: der Alte Turm in Ottweiler 
© Gerrit Oestreich
Steht nach der Restaurierung Besuchern offen: der Alte Turm in Ottweiler

Trotz korrigierter Datierungen ist aber eines geblieben: die außergewöhnliche und reizvolle Nutzung des Rundturms aus Sandsteinquadern als Glockenturm der kleinen Saalkirche aus dem 16. Jahrhundert. Wegen des guten Rundumblicks von der Wehrplattform, an der noch Teile der massiven Pechnasen erhalten sind, hat die Stadt den Turm für den Publikumsverkehr geöffnet. Zuvor jedoch mussten Dach und Mauerwerk dringend saniert werden. Der Mast der Wetterfahne hatte sich wegen starker Fäulnisschäden an der Helmkonstruktion bereits deutlich zur Seite geneigt. Die evangelische Kirchengemeinde Ottweiler wurde in ihren Anstrengungen, den Turm zu retten, unterstützt von der Stiftung KiBa, dem Land, dem Landkreis, der Kommune, von Saartoto und der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Damit Ottweiler weiterhin stolz sein kann auf seinen Alten Turm mit dem spitzen Helm - oder wie der Saarländer sagt, die "Zibbelkapp".

Beatrice Härig

Von April bis Oktober werden sonntags Gruppenführungen angeboten.

Weitere Infos im WWW:

www.ottweiler.de