Sehen und Erkennen

Der Pilgerweg nach Santiago de Compostela

Auf den Spuren der Jakobsmuscheln

Hoch oben am Ostchor der Paulskirche in Worms entdeckt man an einer Lisene zwischen den Fenstern zwei aus dem Werkstein herausgearbeitete Muscheln und fragt sich, was sie wohl zu bedeuten haben. Einmal auf dieses Motiv aufmerksam geworden, findet man es häufiger und an verschiedenen Stellen, so an einer Säulenbasis im Langhaus von St. Georg im elsässischen Haguenau

Brunnenhaus vor der Kirche Santiago el Real im spanischen Logroño 
© G. Kiesow
Brunnenhaus vor der Kirche Santiago el Real im spanischen Logroño

Könnte hinter diesen Beispielen vielleicht noch ein reines Schmuckmotiv der romanischen Architektur vermutet werden, so kommt man bei der Betrachtung der Fassade des Hostal San Marcos in der spanischen Stadt León (s. Kopfgrafik links) zu dem Schluss, dass die Muschel etwas mit dem Pilgerweg nach Santiago de Compostela zu tun haben muss, denn dieses Gebäude diente vor allem den Pilgern als Herberge. Die ganze Fassade ist hier mit Muscheln überzogen. Auf dem langen, beschwerlichen Fußmarsch weit in den Westen Europas mussten die Pilger häufig rasten, ihren Durst löschen und ihre brennenden Füße kühlen. Dafür legte man in Logroño vor der Kirche Santiago el Real ein stattliches Brunnenhaus an, an dem im rechten Wappen erneut die Muscheln auftauchen. Schließlich auf dem Pilgerweg nach Oviedo gelangt, erblickt man am Portal der Kathedrale die Statue des heiligen Jakobus des Älteren, dessen Hutkrempe eine Muschel ziert.

Man erinnert sich daran, dass eine besonders schmackhafte Meeresfrucht Jakobsmuschel genannt wird. Namensgeber ist der Apostel Jakobus der Ältere, der nach dem zu Pfingsten erteilten göttlichen Auftrag in Samaria und Jerusalem das Evangelium verbreitete, bis ihn König Herodes im Jahre 44 n. Chr. durch das Schwert enthaupten ließ, wie die Apostelgeschichte in Kapitel 12, Vers 2 berichtet. Eine der vielen Legenden, mit denen die mittelalterlichen Gläubigen die Überlieferung des Neuen Testamentes ausschmückten und weitererzählten, lässt die Gebeine des heiligen Jakobus auf wundersame Weise über das Meer nach Spanien gelangen, wo man sie in der Zeit um 820 an der Stelle entdeckt zu haben glaubte, die vom 11. Jahrhundert an zu einer der berühmtesten Wallfahrtstätten des gesamten Mittelalters wurde.

Jakobus als Pilger in der ihm geweihten Kirche in La Coruña 
© G. Kiesow
Jakobus als Pilger in der ihm geweihten Kirche in La Coruña

Aus dem selbstempfundenen Bedürfnis nach Buße oder aufgrund einer für schwere Sünden verordneten Strafe begab sich manch einer auf eine Pilgerreise, deren erhoffte Wirkung um so größer war, je mühevoller und gefährlicher sie sich gestaltete. Das Heilige Land war dafür das ideale Ziel, befand sich jedoch in der Gewalt des Islam. Die Kreuzzüge richteten sich auf die Befreiung der christlichen Stätten im Heiligen Land. Gewissermaßen eine Unterstützung dieses Unternehmens war die Vertreibung der Mauren von spanischem Gebiet, welche jedoch erst 1492 gelang. Die Rückeroberung der iberischen Halbinsel vom Islam - Reconquista genannt - wurde durch König Ramiro I. von Asturien mit dem Apostel Jakobus d. Ä. verbunden: Der Heilige soll dem König in der Schlacht bei Clavigo am 23. März 844 schwertschwingend auf einem weißen Ross erschienen sein, worauf das christliche Heer den verdutzten Mauren den seitdem traditionellen Schlachtruf "Santiago" entgegendonnerte und den Sieg errang. Jakobus trägt deshalb den Beinamen "Maurentöter" und ist zum Schutzpatron Spaniens geworden, später dann auch zu dem der unzähligen Wallfahrer zu seinem Grab nach Santiago de Compostela und schließlich der aller Pilger. Als ein solcher wird er häufig mit Mantel, Wanderstab und Kürbisflasche dargestellt, so in der ihm geweihten Kirche in La Coruña.

Warum die Muschel zu seinem Attribut wurde, ist nicht überliefert. Vielleicht benutzte er sie zur Taufe der Bekehrten wie seinerzeit Johannes der Täufer und später der heilige Silvester (314-35). Die Muschel jedenfalls wurde zum Zeichen aller Pilger. Sie trugen sie sichtbar an der Kleidung zum Schutz vor Gefahren aller Art und brachten sie als Dank für die glückliche Heimkehr an ihren Kirchen an. Bei St. Paul in Worms geschah dies wohl nach der Rückkehr von einem Kreuzzug aus dem Heiligen Land, denn die ungewöhnliche Bekrönung der Westtürme geht auf Vorbilder armenischer Zentralbauten im Vorderen Orient zurück. Im Inneren der Kirche ist auf einem Werkstein der Nordmauer ein Schiff mit einem Kreuz am Mast eingeritzt, das mit dem sogenannten "Deutschen Kreuzzug" in den Jahren 1195-98 in Verbindung gebracht wird, an dem die Wormser nachweislich teilnahmen. Dabei krönte Erzbischof Konrad von Mainz den kleinarmenischen Fürsten Leo II. zum König von Armenien.

Nach armenischen Vorbildern gebaut: die Bekrönung des Westturms der Wormser Paulskirche (links), Detail vom Ostchor (rechts) 
© G. Kiesow
Nach armenischen Vorbildern gebaut: die Bekrönung des Westturms der Wormser Paulskirche (links), Detail vom Ostchor (rechts)

So zeigt auch die unscheinbare Muschel hoch oben am Chor, dass es gerade die kleinen, wenig beachteten Details sind, die Spuren zu interessanten Zusammenhängen mittelalterlicher Geschichte legen.

Professor Dr. Dr.-Ing. E. h. Gottfried Kiesow


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