Öffentliche Bauten Archäologie Dezember 2006

Archäologische Grabungen in Künzing

Der Soldat Victor und das Römische Kastell

Der 18. Dezember 160 n. Chr. ist für den Fußsoldaten Victor ein großer Tag: Endlich erhält er das römische Bürgerrecht, nachdem er 25 Jahre lang in der Armee gedient hat. Seine letzten Dienstjahre verbrachte er im Kastell von Quintanis, dem heutigen Künzing, wo sogenannte auxiliare stationiert sind. Auch Victor ist auxiliar, also Angehöriger der römischen Hilfstruppen, die sich aus Soldaten von unterworfenen oder verbündeten Stämmen zusammensetzen.

Die Fundamente des Fahnenheiligtums auf dem Schulhof von Künzing 
© R. Rossner
Die Fundamente des Fahnenheiligtums auf dem Schulhof von Künzing

Dass es diesen Victor tatsächlich gegeben hat, geht aus einem Militärdiplom hervor, das bei Grabungen im niederbayerischen Künzing entdeckt wurde. Demnach war er keltischer Abstammung und hatte in der Truppe "cohors V Bracaraugustanorum" gedient. Auf diese fünfte Kohorte lässt sich vermutlich der Name des Kastells zurückführen. Aus der Wendung "ad quintanos" - beim Lager der Fünften - wurde zunächst Quintanis, im Mittelalter Quinzen und später Künzing.


Eine bedeutende Quelle zur Existenz von Quintanis stellt eine Schrift über das Leben des heiligen Severin dar, der 511 vollendeten "vita Sancti Severini". Das Handbuch der römischen Reichsverwaltung "notitia dignitatum" aus der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts nennt Quintanis ebenfalls. Erste Funde wurden hier bereits im 16. Jahrhundert gemacht. Bei einer 1830/31 durchgeführten Grabung legte man eine Badeanlage frei. Sie stand, wie man später herausfand, außerhalb der Kastellmauern und wurde von den Soldaten und den Bewohnern einer Zivilsiedlung genutzt, die um das Lager entstanden war. 1897/98 legte Franz Pichlmayr, ein Gymnasialprofessor aus München, Fundamente des Fahnenheiligtums frei. In diesem Raum des Stabsgebäudes wurden die Fahnen der Einheit, Reichsinsignien und Geld aufbewahrt. Weitere Grabungskampagnen fanden von 1958 bis 1966 und in den 1970er Jahren statt. Seit Anfang der 1980er Jahre wird nun an mehreren Stellen des Ortes die Geschichte Künzings flächendeckend ergraben.

Heute weiß man, dass das knapp zwei Hektar große Kastell um 90 n. Chr. an der von der Donau gebildeten römischen Reichsgrenze errichtet worden war.

Die Archäologen fanden diese bronzene Rossstirn.  
© R. Rossner
Die Archäologen fanden diese bronzene Rossstirn.

Rund 30 Jahre später verstärkte man die Umwehrung der aus Holzbauten bestehenden Anlage. Das Lager, das insgesamt 500 Männer aufnehmen konnte, hatte ein zentrales Stabsgebäude, ein Wohnhaus für den Kommandanten, Getreidespeicher, Lazarett und Pferdeställe sowie mehrere langgestreckte Gebäude für die Mannschaften, in denen jeweils 60 bis 80 Soldaten wohnten. Als der römische Kaiser Antoninus Pius die Grenzen der Provinzen verstärken ließ, erhielt auch das Kastell in Quintanis um 150/160 n. Chr. steinerne Außenmauern, Türme und Tore. Ob die Gebäude des Lagers in dieser Zeit ebenfalls aus Stein bestanden, lässt sich nicht mehr nachweisen. Die Leiterin des Museums Quintana, Dr. Eva Bayer-Niemeier, und der Kreisarchäologe Dr. Karl Schmotz sind sich aber einig, dass in vielen Kirchen und Gehöften Künzings und der umliegenden Dörfer Steine aus dem Kastell und der Siedlung verbaut sein könnten. Um die Mitte des 3. Jahrhunderts wurde das Kastell zerstört. Vergrabene Waffen, Werkzeuge und vieles mehr - sogenannte Hort- oder Depotfunde - weisen auf diese Zeit hin.

Zahlreiche Funde erzählen vom Leben der Soldaten im Kastell. Man entdeckte vor allem Ausrüstungsgegenstände der Fußsoldaten. Daneben beweisen Schmuckelemente von Pferdezaumzeug und Pfeilspitzen, dass es bei der Kohorte in Quintanis eine Kavallerie gab. Die große Anzahl von Hacken und Spaten deutet darauf hin, dass die Soldaten auch zum Bau des Lagers und von Straßen eingesetzt wurden. Seit 1980 erforscht die Kreisarchäologie Deggendorf mit Unterstützung der Bundesagentur für Arbeit, der Gemeinde Künzing und der Deutschen Stiftung Denkmalschutz - sie stellte bislang 82.000 Euro bereit - vor allem den vicus, die Zivilsiedlung außerhalb des Kastells von Quintanis. Dort wohnten Händler, Handwerker, Ärzte, Wirtsleute - und die nicht legalisierten Familien der Soldaten. Eine Heirat war ihnen während ihrer 25jährigen Militärzeit verboten.

Funde aus dem Mithrastempel 
© R. Rossner
Funde aus dem Mithrastempel

Bei den Grabungen auf dem Gelände der Siedlung fand man unter anderem Münzen, Kochtöpfe, Tafelgeschirr, Bestecke, Glasscherben, Schreibgriffel, Wollscheren, Nähnadeln und Gewandspangen. Herstellerstempel an Amphoren geben darüber Auskunft, dass die Bewohner von Quintanis ihr Olivenöl aus Spanien bezogen.

Die Archäologen legten außerdem die Fundamente eines seltenen hölzernen Mithrastempels frei, der nur wenige Meter vom vicus entfernt lag. Die Verehrung des persischen Sonnengottes Mithras gehörte zu den bedeutendsten Geheimkulten in den römischen Militärstandorten. Neben Fragmenten eines Altars mit Weihinschrift fand man Trinkbecher, Messer und Knochen von Opfertieren, darunter außergewöhnlich viele Geflügelknochen. Für die größte Sensation sorgte aber die Entdeckung eines Amphitheaters im südlichen Bereich der Siedlung. Bislang waren die Wissenschaftler davon ausgegangen, dass es bei den eher kleinen Militärlagern in den römischen Provinzen keine Amphitheater gegeben hat. Das in Quintanis bot Platz für 800 Menschen. Ein Beleg dafür, dass sich nicht nur die Soldaten dort vergnügten, sondern auch die Zivilbevölkerung.

Blick in das Museum Quintana 
© R. Rossner
Blick in das Museum Quintana

Noch sind nicht alle Geheimnisse des Amphitheaters erforscht. Die bisher gemachten Funde sind seit 2001 in dem Künzinger Museum Quintana zu sehen. Dort ist auch die Geschichte des Ortes aus vorrömischer Zeit, über die Spätantike bis ins frühe Mittelalter dargestellt. Zum Beispiel eines der bedeutendsten metallzeitlichen Gräberfelder Süddeutschlands oder Tracht und Ausrüstung aus einem Gräberfeld der im 6. bis 8. Jahrhundert hier ansässigen Bajuwaren. Den größten Raum nehmen jedoch die Funde aus der römischen Epoche ein, darunter das Militärdiplom für den Fußsoldaten Victor. In ihm steht geschrieben, dass die auxiliare nach dem Ende ihrer Dienstzeit auch das Eherecht erhielten. Und zwar "mit den Ehefrauen, die sie zu dem Zeitpunkt hatten, als das Bürgerrecht ihnen gegeben wurde, oder mit denen, die sie danach heiraten würden, allerdings (nur) je einer".

Carola Nathan

Weitere Infos im WWW:

www.museum-quintana.de