Landschaften, Parks und Friedhöfe Archäologie Dezember 2006

Eine Zeit-Reise durch Europas größtes Bodendenkmal

Der Limes, das leise Welterbe

Es war ein Spektakel der besonderen Art, mit dem sich Kaiser Wilhelm II. am 11. Oktober 1900 mitten im Taunus als Nachfolger antiker Imperatoren feiern ließ. Anlass war die Grundsteinlegung der Saalburg nördlich von Bad Homburg v. d. Höhe. Reste des einstigen Römer-Kastells am obergermanischen Limes hatte man zuvor ausgegraben und wissenschaftlich untersucht - nun sollte es wiederaufgebaut werden.

Das Haupttor der Saalburg mit der Statue des Antoninus Pius  
© Archäologischer Park Saalburg
Das Haupttor der Saalburg mit der Statue des Antoninus Pius

Die Einweihungszeremonie war ein Paradebeispiel kaiserlicher Selbstinszenierung. Unzählige Statisten in altrömischer Tracht säumten den Triumphzug des Monarchen. Die Mitglieder des Homburger Turnvereins mimten Römer und Germanen, die sich 1.800 Jahre zuvor am Grenzwall gegenüberstanden. Die Rüstungen der Römer hatte man aus diversen Hoftheatern herbeigeschafft, die Germanen traten im Bärenfell an. Befehle und Huldigungen waren selbstverständlich in lateinischer Sprache abgefasst - die internationale Presse sparte nicht mit Spott. 1907 war der Wiederaufbau als Museum und Limes-Forschungseinrichtung vollendet. 


Die Grenze, die vom Ende des 1. Jahrhunderts an für gut 160 Jahre das Römische Reich von den germanischen Stammesgebieten trennte, wurde erst im 19. Jahrhundert systematisch erforscht. Im Kaiserreich hatte man die Grabungen entlang der antiken Befestigungslinie, die sich vom Mittelrhein bis zur Donau zog, schließlich zur nationalen Aufgabe erklärt. Die 1892 gegründete Reichslimeskommission sollte die Hinterlassenschaften aus der Zeit der römischen Besatzung archäologisch auswerten und den Limes so erstmals als ein zusammenhängendes Kulturdenkmal dokumentieren. Die Arbeiten an der Saalburg waren für den Kaiser Chefsache: Unter seinem Einfluss geriet das Projekt zum wilhelminischen Gesamtkunstwerk. Wenn die Rekonstruktion daher auch nicht in allen Bereichen als authentisch gelten kann, so ist die Saalburg bis heute doch das einzige vollständig aufgebaute Römerkastell.

Auch am 17. Juli 2005 wurde hier mit Hunderten von begeisterten Besuchern ein Römerfest gefeiert, diesmal ganz spontan und ohne verklärenden Pomp. Zwar gab man wieder eine lateinische Parole aus ("habemus unesco hereditatem mundi") - doch bejubelten die Beteiligten jetzt die Ernennung des Obergermanisch-Raetischen Limes zum Welterbe der Menschheit. Zwei Tage vorher hatte das UNESCO-Komitee die Entscheidung bekannt gegeben.

Das Imposante der 31. deutschen Welterbestätte ist ihre Ausdehnung und nicht die Silhouette, wie sie der Dom zu Speyer oder die Altstadt von Lübeck aufbieten. Mit 550 Kilometern Länge ist der Limes das größte Bodendenkmal Europas. Und das ist die eigentliche Besonderheit: Die ehemalige Grenze markiert die erste wirklich länderübergreifende Welterbestätte. Denn mit der Ernennung erfolgt zugleich die Erweiterung des bereits 1987 eingetragenen Hadrianswalls in Großbritannien. Unter der Bezeichnung "Grenzen des Römischen Reiches (Frontiers of the Roman Empire)" bilden beide Denkmale die ersten Teilabschnitte eines "transnationalen Weltkulturerbes", das einmal mehr als 20 moderne Staaten umfassen soll - dies ist allerdings noch Theorie.

So verlief der Obergermanisch-Raetische Limes etwa ab 160. 
© G. Preuß, Landesamt für Denkmalpflege Hessen
So verlief der Obergermanisch-Raetische Limes etwa ab 160.

Tatsache ist, dass sich Spuren der Außengrenzen des Imperium Romanum, das seine größte Ausdehnung im 2. Jahrhundert erreicht hatte, zwischen der Nordsee und dem Schwarzen Meer, bis in den Nahen Osten und nach Nordafrika verfolgen lassen. Aber eben nur Spuren. Das Problem bleibt die Kulisse, die es nicht gibt. Der Limes ist ein leises Denkmal, das mit Muße entdeckt werden will, weil seine Schätze zu einem großen Teil unter der Erde liegen. Das erhabene Monument, das auch den Laien sofort vor Bewunderung erschauern lässt, sucht man vergeblich.

Es braucht schon einiges an Vorwissen, damit man erkennt, dass der Obergermanisch-Raetische Limes, der heute durch die Bundesländer Rheinland-Pfalz, Hessen, Baden-Württemberg und Bayern verläuft, weit mehr als eine Grenze, nämlich eine Kulturleistung ersten Ranges war. Umfasst er doch keineswegs nur Befestigungen und Militäranlagen: Im Hinterland entstand eine hoch entwickelte Infrastruktur aus Städten, Dörfern und Landgütern mit entsprechender Verwaltung, die in vielen Bereichen wie Schrift, Recht oder Münzwesen bis in unsere Zeit nachwirkt.

Die Reichsgrenze als undurchdringliches Bollwerk, römische Soldaten bewaffnet bis an die Zähne und stets bereit, Barbaren niederzumetzeln - diese Vorstellung vom Limes ist längst als Mythos entlarvt. In Wirklichkeit gab es vielfältigen Austausch zwischen den Soldaten und den Bewohnern auf der anderen Seite. Phasenweise lebte man durchaus friedlich nebeneinander. Auch ist die Bezeichnung Limes, die in den Quellen erst später auftaucht, im eigentlichen Sinn nicht als Grenze, sondern als Schneise zu verstehen.

In Holz rekonstruierter Wachtturm bei Lorch 
© ML Preiss
In Holz rekonstruierter Wachtturm bei Lorch

Nachdem die von Varus angeführten römischen Legionen im Jahr 9 n. Chr. so vernichtend geschlagen worden waren, zogen sich die Römer, die Germanien eigentlich bis zur Elbe hatten erobern wollen, an Rhein und Donau zurück. Im heutigen West- und Süddeutschland errichteten sie neue Provinzen: Das Alpenvorland wurde unter Claudius (41-54) der Provinz Raetien mit der Hauptstadt Augsburg zugeschlagen; unter Domitian (81-96) entstanden im Gebiet um Rhein, Main und Neckar die Provinzen Germania inferior und superior (Nieder- und Obergermanien) mit den Hauptstädten Köln und Mainz. Traian war es, der um 100 n. Chr. zum Schutz vor möglichen Einfällen der Germanen erste Patrouillenwege entlang der Grenze anlegen ließ - der Beginn des Limes. Zunächst handelte es sich um eine von Türmen aus überwachte Schneise. Ab 120 kamen Palisaden aus Eichenholzstämmen hinzu, die in Obergermanien später durch Erdwälle und Gräben sowie im raetischen Teil durch eine Steinmauer verstärkt wurden.