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50 Jahre Gerhart-Hauptmann-Haus

Der Mönch der Poesie

Wiese und Meer! Meer und Wiese und Wind! Wind, Sturm und ewig brandende, rauschende, donnernde Flut! (...) Diese Eindrücke zwingen die Seele zur Einfachheit. Alles Gekünstelte, alles Städtisch-kulturell-aufgedrängte fällt von ihr ab", schrieb Gerhart Hauptmann 1896 über die Insel Hiddensee.

Man darf ihn wohl als ihren Entdecker ansehen. Als er Hiddensee 1885 das erste Mal betritt, ist die ärmliche Fischerinsel vor der Nordwestküste Rügens noch völlig abgeschieden von der Welt. Er verbringt seine Hochzeitsreise dort, nimmt gemeinsam mit dem Bruder und mit Freunden die damals noch recht beschwerliche Bootsfahrt über den Bodden auf sich. Es sollte noch eine Weile dauern, bis aus Hiddensee ein "Capri der Ostsee" wurde, es ihm viele andere Künstler nachtun und die Insel in das "geistigste aller deutschen Seebäder" verwandeln, wie Hauptmann es später einmal auf den Punkt bringt.

Unberührte Landschaft: Blick über die Insel Hiddensee 
© ML Preiss
Unberührte Landschaft: Blick über die Insel Hiddensee

Der Zweiundzwanzigjährige ist bereits gefangen von dem kleinen Eiland - den sanften Hügeln, der Stille und der Einsamkeit. Noch in der ersten Nacht auf Hiddensee, einer lauen Julinacht, verarbeitet er seine Eindrücke in dem Gedicht "Mondscheinlerche". Dabei steckt der Schlesier als Literat sozusagen noch in den Kinderschuhen. Er tut sich nicht leicht damit, seine wahre Berufung zu entdecken und bezeichnet sich selbst zu diesem Zeitpunkt als "Bildhauer".

Am 15. November 1862 hatte Gerhart Hauptmann im niederschlesischen Ober-Salzbrunn das Licht der Welt erblickt. Der Sohn eines Hotelbesitzers besuchte in Breslau die Realschule. "Sein Betragen war gut, der Fleiß genügend", hieß es in seinem mittelmäßigen Schulabgangszeugnis von 1878. In vielen Fächern hatte er nur ein "genügend" erhalten, darunter auch "im Deutschen" und in "Naturbeschreibung". Aber bekanntlich geben Schulnoten nicht immer Aufschluss über die wirklichen Begabungen - immerhin wurde Hauptmann zum bedeutendsten Vertreter des deutschen Naturalismus.

Es folgen Jahre der Suche: Hauptmann soll zunächst Landwirt werden, besucht dann Bildhauer- und Zeichenklassen verschiedener Akademien, und versucht sich auch kurz an einem Studium der Geschichte. Nebenbei widmet er sich immer wieder der Dichtung. Nach seiner Heirat mit Marie Thienemann 1885 lebt Hauptmann in Erkner bei Berlin. Er findet Zugang zu Berliner Dichterkreisen, insbesondere zu den Naturalisten Arno Holz und Johannes Schlaf. Seine Frau, die aus einer reichen Kaufmannsfamilie stammt, sichert derweil den Lebensunterhalt.

Der Dichter 1935 beim Diktat in Haus Seedorn 
© Gerhart-Hauptmann-Stiftung
Der Dichter 1935 beim Diktat in Haus Seedorn

1889 kann Hauptmann einen durchschlagenden Erfolg verbuchen: Sein erstes Theaterstück "Vor Sonnenaufgang" wird von der Freien Bühne Berlin uraufgeführt. Der Griff "hinein ins volle Menschenleben" ist es, den Theodor Fontane an diesem Drama bewundert. Über 45 Stücke werden folgen. Hauptmann ist ein Meister der milieugetreuen Schilderung und stellt das soziale Drama in den Mittelpunkt seines Schaffens. Ab 1890 werden seine Werke, darunter auch Novellen und Versepen, von Samuel Fischer verlegt.

Im wilhelminischen Zeitalter rufen Hauptmanns Bühnenstücke die Zensur auf den Plan: 1892 wird die Aufführung der "Weber" am Deutschen Theater "aus ordnungspolizeilichen Gründen" verboten. Als das Drama, das den Aufstand der schlesischen Weber im Jahr 1844 zum Thema hat, 1894 im selben Haus gezeigt werden darf, kündigt der Kaiser seine Loge.

Auch der Privatmann Gerhart Hauptmann bleibt zunächst ruhelos. Er beginnt eine Liaison mit Margarete Marschalk, kann sich lange Zeit nicht zwischen ihr und seiner Ehefrau entscheiden. 1904 schließlich lässt er sich von Marie scheiden und heiratet Margarete, mit der er bereits einen weiteren Sohn hat. Seine erste Frau ist mit den drei älteren Söhnen nach Dresden gezogen, Hauptmann lässt sich in Agnetendorf im Riesengebirge nieder. 1901 ist das "Haus Wiesenstein" bezugsfertig, das er bis zu seinem Tod bewohnen wird.

Der Dichter ist auf dem Höhepunkt seines Erfolges. Seine Werke erscheinen in anderen Sprachen, er wird mit Ehrungen und Preisen überhäuft und erhält im Jahr 1912 den Literaturnobelpreis. Mittlerweile hat er sich der Neuromantik zugewandt, wenn er sozialkritische Themen auch nie ganz aus den Augen verliert.

Der alte Teil von Haus Seedorn, den Hauptmann erweitern ließ 
© ML Preiss
Der alte Teil von Haus Seedorn, den Hauptmann erweitern ließ

Hiddensee wird neben Schlesien zu seiner zweiten Heimat. Seit seinem ersten Besuch fühlt er sich zu der Insel hingezogen und kehrt regelmäßig dorthin zurück. Vor Sonnenaufgang läuft er meditierend am Strand entlang, stilisiert sich - angetan mit einer Franziskanerkutte - zum "Mönch der Poesie". Alfred Kerr hat die Sehnsucht einmal als den "tiefsten Grundzug im Wesen Gerhart Hauptmanns" charakterisiert.

Mit Vorliebe schart er einen Kreis von Freunden um sich. 1924 folgt Thomas Mann einer Einladung Hauptmanns nach Hiddensee. Die Hauptmanns und die Manns logieren in derselben Pension, was sich jedoch als nicht unproblematisch erweist. Schließlich ist Hauptmann der König der Insel, der keinen Potentaten neben sich ertragen kann - wie Katia Mann in ihren Aufzeichnungen schildert. Der Besuch findet seinen Nachhall in Manns 1924 vollendetem "Zauberberg": Hauptmann ist Vorbild für die Figur des wein- und schnapsseligen Mynheer Peeperkorn, der Nichtigkeiten so beeindruckend in große Reden zu kleiden vermag. "Dieses idiotische Schwein soll Ähnlichkeit mit meiner geringen Person haben", schreibt er bei der Lektüre entrüstet an den Rand.

1930 erwirbt Hauptmann Haus Seedorn in Kloster, dem nördlichsten der drei Inseldörfer. Er lässt das zehn Jahre alte Gebäude von Arnulf Schelcher um einen Anbau erweitern und verbringt von dieser Zeit an die Sommermonate in seinem Refugium am Meer. Kunstwerke und Antiquitäten, die Hauptmann gesammelt hat, verleihen dem Haus Atmosphäre, der stets gut gefüllte Weinkeller tut sein Übriges. Von seinem großen Schreibtisch aus kann der Dichter auf die Ostsee blicken. Hiddensee ist für ihn vorrangig ein Arbeitsort, wo er sein tägliches Pensum absolviert. Bis auf die abendlichen Gespräche am Esstisch mit ausgesuchten Gästen bleibt das Ehepaar lieber unter sich. Hauptmann versteht das Plattdeutsch der Hiddenseer nicht und hat wohl auch nie Kontakt zu den Inselbewohnern gesucht.

1943 ist der Dichter zum letzten Mal auf seiner geliebten Insel. Am 6. Juni 1946 stirbt Hauptmann in seinem Haus in Agnetendorf und wird am 28. Juli auf dem kleinen Friedhof von Kloster beerdigt - auf eigenen Wunsch vor Sonnenaufgang und in seiner Mönchskutte.

Ort ruheloser Nächte: Hauptmanns Schlafzimmer 
© ML Preiss
Ort ruheloser Nächte: Hauptmanns Schlafzimmer

Betritt man heute Haus Seedorn, könnte man glauben, der Dichter würde gleich von einem Spaziergang zurückkehren. Das Anwesen, das seit nunmehr 50 Jahren als Gedenkstätte zu besichtigen ist, konnte so bewahrt werden, wie es die Hauptmanns hinterlassen haben. Zu DDR-Zeiten stand es auf der Zentralen Denkmalliste und wurde immer gut gepflegt. Von den Lichtschaltern bis zu den Ausstattungsstücken ist noch alles original erhalten.

Allerdings ist die Instandhaltung des Gebäudes und des 7.000 Quadratmeter großen Grundstücks äußerst arbeits- und kostenintensiv. Zwischen 1992 und 2000 stellte die Deutsche Stiftung Denkmalschutz 47.000 Euro für Restaurierungsarbeiten zur Verfügung. Etwa 40.000 Besucher kommen im Jahr, der Verkauf von Büchern und Postkarten ermöglicht weitere Einnahmen. 1994 konnte die Gerhart-Hauptmann-Stiftung gegründet werden, da Annalise Hauptmann, eine Schwiegertochter des Dichters, ihren Anteil an dessen Nachlass großzügig einbrachte.

Jeden Sommer wird ein anspruchsvolles Kulturprogramm mit Lesereihen, Ausstellungen und Konzerten organisiert. Ein kleines, 1986 auf dem Grundstück errichtetes Gästehaus beherbergt die Künstler, die an den Veranstaltungen mitwirken. So bleibt das Sommerdomizil des Nobelpreisträgers, dessen Stücke auf deutschsprachigen Bühnen nach wie vor beliebt sind, auch als kultureller Ort lebendig.

"Von Tag zu Tag werden wir frischer, heiterer. (...) der größte Teil unseres Kummers, unserer Sorgen kann nicht an uns heran", schrieb Hauptmann bei einem seiner ersten Besuche in Kloster. Mehr als ein Jahrhundert danach kann die autofreie Insel dieses Versprechen noch immer einhalten. Was den Dichter an Hiddensee faszinierte, ist leicht nachzuvollziehen. Auch wenn man von Haus Seedorn aus längst keinen freien Blick mehr aufs Meer hat.

Dr. Bettina Vaupel


Literatur

Rüdiger Bernhardt: Gerhart Hauptmanns Hiddensee. Ellert & Richter Verlag Hamburg, 3. Aufl. 2004, ISBN 3-89234-598-8, 143 S., 11,95 Euro