Wohnhäuser und Siedlungen Herrscher, Künstler, Architekten Oktober 2006

Wo Johann Gottfried Seume Korrektur las

"Bösewichter haben keine Lieder"

Nun sah ich zurück auf die schöne Gegend (...) und überlief in Gedanken schnell alle glücklichen Tage, die ich in derselben genossen hatte: Mühe und Verdruss sind schnell vergessen." Mit diesen Worten nimmt der Dichter Johann Gottfried Seume (1763-1810) Abschied von der sächsischen Stadt Grimma, um zu einer der berühmtesten Wanderungen der deutschen Literaturgeschichte, seinem "Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802" aufzubrechen.

Johann Gottfried Seume (Radierung von E. Kretzschmar nach einer Zeichnung von Hans Veit Schnorr von Carolsfeld) 
© ML Preiss
Johann Gottfried Seume (Radierung von E. Kretzschmar nach einer Zeichnung von Hans Veit Schnorr von Carolsfeld)

Glückliche Tage, aber auch Mühe und Verdruss hatte Seume als Korrektor und Lektor in der Grimmaer Druckerei des Göschen-Verlags durchlebt, wo er vor allem für den Druck von Werken Klopstocks, Ifflands und Wielands zuständig war.


Georg Joachim Göschen, der seit 1785 in seinem Leipziger Verlag unter anderem auch Werke von Goethe und Schiller herausbrachte, hatte seine Druckerei 1797 in die Stadt an der Mulde verlegt. Dort erwarb er sich auch bedeutende Verdienste als Förderer künstlerischer Buchgestaltung und moderner lateinischer Schrifttypen sowie als Konstrukteur von Druck- und Papierglättmaschinen. Im nördlich der Grimmaer Altstadt gelegenen Ortsteil Hohnstädt bewohnte er einen Landsitz, das heutige Göschenhaus, in dem er mit den berühmten Literaten der Zeit zusammentraf.

Seumes Arbeitsplatz bei Göschen aber war die Druckerei am Markt. Das Haus wurde um 1520 errichtet und erhielt seine heutige Form nach einem Stadtbrand 1556. Bereits 1801, nach nur vier Jahren, zog die Druckerei in ein anderes Gebäude um. Seitdem wurde das Haus auf verschiedene Weise als Wohn- und Geschäftshaus genutzt.

2001 erwarb Martin Könitz, der Betreiber des Leipziger Graphik-Antiquariats, das Gebäude. Nach der dringend notwendigen Sanierung sollte das Haus sowohl Wohnraum bieten als auch an den Verleger Göschen und seinen bekanntesten Mitarbeiter, den Dichter Johann Gottfried Seume, erinnern.

Das Seumehaus am Grimmaer Markt  
© ML Preiss
Das Seumehaus am Grimmaer Markt

Doch die Restaurierungsarbeiten, gefördert durch Mittel des Städtebaulichen Denkmalschutzes sowie des Regierungspräsidiums Leipzig, wurden im August 2002 jäh unterbrochen. Die gesamte Grimmaer Altstadt war vom Hochwasser bis zu einer Höhe von über drei Metern überflutet. Wie alle Häuser am Markt stand auch im Haus Nr. 11 das Wasser bis zur Decke des Erdgeschosses.

Bei der Beseitigung der Schäden konnte auch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz helfen: Mit insgesamt 30.000 Euro unterstützte sie die Arbeit der Restauratoren an den Wandmalereien im Erdgeschoss und im Treppenhaus.

Seit Mitte 2003 nutzt nun der Internationale Johann-Gottfried-Seume-Verein "Arethusa" e. V., der 1998 im Hohnstädter Göschenhaus gegründet worden war, das Erdgeschoss als "Begegnungsstätte lebendiger Tradition". Neben Ausstellungen finden hier Lesungen und andere Veranstaltungen statt. Aber auch die Nutzung des Hauses vor gut 200 Jahren lässt sich nacherleben: Kinder lernen hier, wie einst Bücher entstanden sind, und sie können selbst setzen und drucken.

Darüber hinaus kann man erfahren, dass ein Vers, der in verkürzter, abgewandelter Form jedermann geläufig ist, aus der Feder des Dichters Johann Gottfried Seume stammt:

"Wo man singet, lass dich ruhig nieder,
Ohne Furcht, was man im Lande glaubt;
Wo man singet, wird man nicht beraubt:
Bösewichter haben keine Lieder."

Dr. Dorothee Reimann

Weitere Informationen:

Seumehaus, Markt 11, 04668 Grimma.
Öffnungszeiten: Di-Fr 13 bis 17 Uhr und nach Vereinbarung,
Ansprechpartnerin: Annett Höhne, Tel. 03437/91 11 18.

Weitere Infos im WWW:

www.grimma.de