Technik Menschen für Denkmale April 2006

Schüler auf Spurensuche in Aachen

denkmal aktiv

Wer sich in Aachener Tuche hüllte, der demonstrierte Wohlstand und Qualitätsbewusstsein - so war es zumindest in früheren Zeiten. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein waren die edlen Stoffe, die in den unzähligen Fabriken in und um Aachen hergestellt wurden, auf dem internationalen Markt gefragt.

Schüler des Aachener Kaiser-Karls-Gymnasiums bei der Vorbereitung einer Ausstellung 
© ML Preiss
Schüler des Aachener Kaiser-Karls-Gymnasiums bei der Vorbereitung einer Ausstellung

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es immerhin noch rund hundert Betriebe - 2005 hat das letzte renommierte Familienunternehmen Konkurs angemeldet. Damit ist eine über tausendjährige Tradition der Textilherstellung zu Ende gegangen. In Zeiten von Massenproduktion und Billigimporten könnte diese leicht in Vergessenheit geraten. Dafür, dass das wichtige Kapitel der Stadtgeschichte nicht achtlos zugeschlagen wird, sorgen schon seit einigen Jahren Schüler des Aachener Kaiser-Karls-Gymnasiums.


Bereits im frühen Mittelalter hatte sich das Tuchgewerbe im heutigen Dreiländereck entwickelt. Die vielen kleinen Bäche mit ihrem sauberen, weichen Wasser und die Anbindung an wichtige Handelsrouten boten beste Voraussetzungen. So siedelten sich immer mehr Wollwasch- und Walkmühlen, Spinnereien und Färbereien an. Auch bei der Industrialisierung nahmen die Aachener Tuchfabriken eine Vorreiterrolle ein: 1816 kam hier bereits die erste Dampfmaschine zum Einsatz. Naturgemäß florierten in der Region auch die Zulieferbetriebe, die vom Schermesser bis zur Webmaschine die nötige Ausrüstung herstellten.

Gefördert von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und angespornt von Jochen Buhren, Lehrer für Deutsch, Politik und Sozialwissenschaften am KKG, haben sich mehrere Schülergenerationen mit den Grundlagen der Industriedenkmalpflege auseinander gesetzt und Zeugnisse der Textilherstellung in der Euregio aufgespürt. Seit 2002 beteiligen sie sich an "denkmal aktiv", der bundesweiten Schulaktion der Stiftung. So erschloss eine Klasse der Jahrgangsstufe 10 eine textilgeschichtliche Route entlang des Wildbaches und der Soers nahe Aachen-Laurensberg. Mit Hilfe eines Faltblattes können Spaziergänger nun die Entwicklung der Mühlen zu Färbereien und Spinnereien nachvollziehen.

2007 soll das ehrenamtlich betriebene Textil-Museum in der Komericher Mühle eröffnet werden. 
© ML Preiss
2007 soll das ehrenamtlich betriebene Textil-Museum in der Komericher Mühle eröffnet werden.

Als ehrgeizigstes Projekt verfolgen Schüler des KKG tatkräftig den Aufbau des Textilmuseums Aachen. Träger ist der 2003 gegründete "Verein zur Pflege der Aachener Textilindustrie-Geschichte e. V.", der vom Rheinischen Industriemuseum fachlich unterstützt wird. Mit der idyllisch gelegenen Komericher Mühle in Aachen-Brand wurde ein erster authentischer Standort gefunden: Die im 18. Jahrhundert zur Walkmühle umgebaute Anlage beherbergte zuletzt die 1960 geschlossene Streichgarnspinnerei Kutsch. Die Fabrikgebäude hat der neue Eigentümer inzwischen restauriert, die Wasserturbine und Teile der Transmissionsanlage sind noch vorhanden.

Die zu Beginn des 20. Jahrhunderts errichtete Shedhalle bietet Platz für eine Ausstellung verschiedener Spinn- und Webmaschinen. Unter der Anleitung von ehemaligen Textiltechnikern haben die Gymnasiasten bei der Restaurierung und Montage der historischen Stücke mitgewirkt. Auf die Krempelmaschine aus der Zeit um 1810, eine der ersten auf dem europäischen Festland, ist man besonders stolz. Darüber hinaus haben die Jugendlichen maßgeblich dazu beigetragen, die Sammlung zur Textilgeschichte der Region aufzubauen, indem sie in Firmenarchiven Werkzeuge, Musterbücher und Stoffproben aufstöberten.

Dieses Stoffmusterbuch stammt aus der Königlichen Höheren Webeschule Aachen. 
© ML Preiss
Dieses Stoffmusterbuch stammt aus der Königlichen Höheren Webeschule Aachen.

Im vergangenen Jahr haben KKG-Schüler in Kooperation mit Schulteams am Aachener Geschwister-Scholl-Gymnasium sowie am Sintermeertencollege im holländischen Heerlen für "denkmal aktiv" Bauten der Wolltuchindustrie in Aachen, Eupen und Verviers erkundet und dokumentiert. Auch in Verviers ist die Textilproduktion längst im Niedergang begriffen: Das belgische Grenzland ist heute eine Gegend mit zum Teil hoher Arbeitslosigkeit. Die Schüler erhielten wichtige Hinweise vom dortigen Textilmuseum, konnten in verlassenen Fabriken aber auch eigene Entdeckungen machen, aufschlussreiche Dokumente aufstöbern und manch seltene Maschine aus der Versenkung holen. Die Ergebnisse haben sie in einer Ausstellung zusammengefasst, die erst in Aachen und anschließend in Verviers zu sehen war. Bei dem Projekt wurde das Aachener Schulteam auch von einer belgischen Schule in Verviers unterstützt.

Wenige Wochen vor Eröffnung der Ausstellung zur Textilindustrie im belgischen Grenzraum besuchten wir die Arbeitsgruppe, die im Keller des Kaiser-Karls-Gymnasiums zusammengekommen war, um die Bildauswahl für die Tafeln zu treffen. Zur Disposition standen auch historische Fotos von mittlerweile abgerissenen Fabriken in Verviers. Lehrer Buhren gab zu bedenken, dass diese Dokumente bei den belgischen Nachbarn vielleicht nicht gut ankommen. Die Schüler sahen das allerdings ganz anders: "Warum sollen wir das nicht zeigen? Schließlich forschen wir in der Vergangenheit!" - "Und wenn sie sich angegriffen fühlen ... Hier wurde kulturelles Erbe zerstört, das müssen wir doch anprangern!" Es entbrannte eine Diskussion, die zugleich einen Erfolg der Aktion "denkmal aktiv" markiert: Die Bewusstseinsbildung hat ganz offensichtlich funktioniert. Längst haben die Schüler ein sicheres Gespür für den Wert von Denkmalen entwickelt. Und was noch schöner ist: Sie möchten es weitergeben!

Bei den bundesweiten denkmal-aktiv-Treffen tauschen die Schüler in Workshops ihre Erfahrungen mit anderen Schulen aus. 
© Archiv DSD
Bei den bundesweiten denkmal-aktiv-Treffen tauschen die Schüler in Workshops ihre Erfahrungen mit anderen Schulen aus.

Auch im laufenden Schuljahr 2005/2006 wird das Kaiser-Karls-Gymnasium von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz gefördert. Diesmal hat Projektleiter Jochen Buhren eine ganze Klasse eingespannt. In den Unterrichtsfächern Politik und Kunst setzt sich die 10c mit musealer Umnutzung von historischen Industriebauten auseinander. Drei Industriegeschichts- und Technikmuseen der Euregio nehmen die Schüler genauer unter die Lupe: Am Beispiel des Industriemuseums Zinkhütter Hof in Stolberg sowie den Textilmuseen in Euskirchen und Verviers analysieren sie, wie sich die Baudenkmale gewandelt haben und wieviel Originalsubstanz jeweils bewahrt werden konnte.

Vermittelt von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz tauschen sich die Aachener dabei federführend mit zwei weiteren Gymnasien im Bundesgebiet aus: Unter dem Verbundtitel "Authentizität und/oder Funktionswandel" arbeitet das KKG mit dem Julius-Motteler-Gymnasium im sächsischen Crimmitschau, ebenfalls ein traditionsreicher Textilindustrie-Standort, und der Berliner Gauß-Oberschule zusammen. Die Aachener Schüler besuchten im Dezember die Partnerschule in Sachsen, um sich dort über die zu untersuchenden Baudenkmale und den Fortgang der Projektarbeit zu informieren. Die Ergebnisse der Recherchen werden in einer gemeinsamen Broschüre veröffentlicht.

Solche Netzwerke, an denen auch Schulen aus dem europäischen Ausland beteiligt sind, haben sich mittlerweile bewährt. Denn, je weiter der Blick über den Tellerrand geht - um so besser lässt sich mit Kulturerbe Schule machen.

Dr. Bettina Vaupel

Das Team vom Kaiser-Karls-Gymnasium in Aachen 
© KKG
Das Team vom Kaiser-Karls-Gymnasium in Aachen

Die Bedeutung des Denkmalschutz der Öffentlichkeit nahe zu bringen, ist eines der Ziele, das sich die Deutsche Stiftung Denkmalschutz in ihre Satzung geschrieben hat. Ein besonderes Augenmerk liegt auf den Kindern und Jugendlichen, denn alle heutigen Anstrengungen für den Denkmalschutz bleiben fruchtlos, werden sie nicht von den folgenden Generationen fortgeführt. Deswegen hat die Stiftung unter der Schirmherrschaft der Deutschen UNESCO-Kommission "denkmal aktiv" ins Leben gerufen und bietet einer Anzahl von Schulen finanzielle und personelle Hilfeleistung. Ziel des Projekts "denkmal aktiv - Kulturerbe macht Schule" ist es, Schüler mit den Aufgaben des Denkmalschutzes vertraut zu machen - sowohl in der Schule als auch an den Denkmalstätten selbst. In Zusammenarbeit mit Museen und Fachleuten aus Natur- und Denkmalschutz sollen sich die Schulteams fächerübergreifend mit einem Kulturdenkmal in ihrer Nähe beschäftigen. Gefördert wird "denkmal aktiv" vom Ministerium für Bauen und Verkehr Nordrhein-Westfalen, von den Kultusministerien Sachsen-Anhalts und Thüringens sowie vom Auswärtigen Amt. Durch die Unterstützung des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz können auch Einrichtungen der Lehrerausbildung und -fortbildung in die Schulverbünde eingebunden werden. Machen Sie mit!