Technische Denkmale Herrscher, Künstler, Architekten Verkehr Februar 2006

Der Focke-Windkanal in Bremen

Denkmal für den Vater des Hubschraubers

Weihnachten 1997: Der Ingenieur Kai Steffen liest die Memoiren des Bremer Flugpioniers Henrich Focke (1890-1979). Zum ersten Mal erfährt er dabei etwas von einem Windkanal, den sich Focke in den 1960er Jahren in Bremen eingerichtet hat. Neugierig geworden, geht er auf die Suche.

Er nimmt Kontakt zur Familie Focke auf und stößt schließlich in einem Hinterhof, nicht weit vom Bremer Hauptbahnhof, auf ein schuppenähnliches Gebäude. Alles in diesem Labor ist noch an seinem Platz, so wie Henrich Focke es als 85-jähriger verlassen hat. Doch das Gebäude ist in einem katastrophalen Zustand: Die Glasdächer sind kaputt, Nässe ist eingedrungen, auch die Aufzeichnungen Fockes sind fast unbrauchbar.

Mit ein paar Freunden macht sich Kai Steffen an die mühsame Arbeit, die authentische Hinterlassenschaft des "Vaters des Hubschraubers" zu retten. Ende 2002 erscheinen erste Berichte in der Presse. Der Förderverein Focke-Windkanal e. V. wird gegründet, das Bauwerk zum Kulturdenkmal erklärt. 2003 nimmt die Finanzierung der Rettungsaktion Gestalt an. Beteiligt sind schließlich die Bremer Stiftung Wohnliche Stadt, das Bremer Airbus-Werk, der Bremer Senator für Bildung und Wissenschaft, der Kaufmann Friedo Berninghausen und die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, die 2004 die Sanierung der Oberlichter, Türen, Fenster und Fußbodenbeläge unterstützt hat.

So konnte mit diesem wohl einzigen vollständig erhaltenen Labor eines der großen deutschen Flugzeugkonstrukteure buchstäblich in letzter Minute ein Denkmal gerettet werden, auf das man gerade hier besonders stolz sein sollte - nennt sich Bremen mit seiner traditionellen Luft- und Raumfahrtindustrie doch "Stadt der Wissenschaft".

Henrich Focke mit dem Modell des von ihm entwickelten zweirotorigen Hubschraubers FA 223.  
© Focke Familienarchiv
Henrich Focke mit dem Modell des von ihm entwickelten zweirotorigen Hubschraubers FA 223.

Henrich Focke hat bereits in jungen Jahren - ab 1909 - erste Flugversuche unternommen, zunächst am Weserdeich, später auf dem Exerzierplatz "Neuenlander Feld", wo sich noch heute der Bremer Flughafen befindet. Mit seinem Freund Georg Wulf konstruiert er bald funktionsfähige Flugzeuge. Er studiert Maschinenbau und gründet 1924 zusammen mit Wulf die Focke-Wulf Flugzeugbau-AG in Bremen. Bis 1933 entstehen hier etwa 140 Flugzeuge verschiedener Typen. Doch dann weigert sich Focke, für die Nazis Kampfflugzeuge in Großserie zu bauen und wird deshalb aus der Firma gedrängt. Fortan wendet er sich vor allem der Entwicklung von Hubschraubern zu. Mit der zweirotorigen FW 61, die er in seiner gemeinsam mit dem Kunstflugweltmeister Gerd Achgelis gegründeten Firma in Delmenhorst baut, erregt er ab 1936 beachtliches Aufsehen.

Nach dem Krieg arbeitet er zunächst in Frankreich, den Niederlanden und Brasilien, wo er weitere Hubschraubertypen entwickelt, bis er 1956 endgültig nach Bremen zurückkehrt. Bei der Firma Borgward konstruiert er den Hubschrauber Kolibri, der 1958 erstmals fliegt und ganz ohne Elektronik in allen Fluglagen stabil in der Luft bleibt.

Als Borgward 1961 in Konkurs geht, richtet sich der 71-jährige Focke sein privates Labor ein, um hier im eigenen Windkanal Langsamflugeigenschaften zu untersuchen und das Stabilitätsproblem des Hubschraubers zu lösen.

Nach der Restaurierung ist der Windkanal nun wieder so hergerichtet, wie Focke ihn bis Mitte der siebziger Jahre für seine Forschungen nutzte. Jetzt können hier Schulen und Hochschulen wissenschaftliche Versuche unternehmen. Bei Besichtigungen kann man außerdem erleben, dass Einfallsreichtum und Improvisationsgabe zu bedeutenden wissenschaftlichen Ergebnissen führen können - ganz ohne Computer. Küchenwaagen dienen zum Messen der im Windkanal wirkenden Kräfte, Ofenrohre lenken und Gardinenlagen entwirbeln den Luftstrom.

Ein zu testender Rotorflügel in der Versuchsanlage des Windkanals.  
© R.Rossner
Ein zu testender Rotorflügel in der Versuchsanlage des Windkanals.

Und auf dem Schreibtisch im Büro steht noch eine leere Sinalco-Flasche, so als wolle der unermüdliche Henrich Focke gleich wieder hereinkommen.

Dr. Dorothee Reimann

Dem Förderverein Focke-Windkanal e.V. und seinem Vorsitzenden Dr. Kai Steffen wurde am 21. November 2005 die Silberne Halbkugel des Deutschen Preises für Denkmalschutz verliehen. Sie erhielten die Auszeichnung für ihren "außergewöhnlichen, selbstlosen Einsatz zur Rettung eines einzigartigen technischen Kulturdenkmals".

Focke-Windkanal, Emil-Waldmann-Straße 4, 28195 Bremen. Das Fluglabor befindet sich im Garten des Hauses (Kellereingang rechts) und kann an jedem ersten Sonntag im Monat besichtigt werden. Führungen von 12 Uhr bis einschließlich 17 Uhr zu jeder vollen Stunde.

Kopfgrafiken: Die Turbine hält die Luft im Windkanal in Bewegung (links). Das sanierte Gebäude des Labors von Henrich Focke in Bremen (rechts, beide Fotos: R. Rossner).

Weitere Infos im WWW:

www.focke-windkanal.de