Kurioses Herrscher, Künstler, Architekten Interieur Oktober 2005

Eine Kajüte im Schloss Cecilienhof

Auf Hoher See im märkischen Sand

Die Morgensonne scheint durch die Schiffsfenster und taucht die weißgetäfelte Kajüte in ein mildes Licht. Kronprinzessin Cecilie hat sich am kleinen runden Tisch niedergelassen, um ihr Frühstück einzunehmen. Dass sie seekrank wird, braucht sie nicht zu befürchten: Die Kajüte befindet sich im Potsdamer Schloss Cecilienhof, standsicher, wenn auch auf märkischem Sand erbaut.

1905 hatte Cecilie von Mecklenburg-Schwerin (1886-1954) den ältesten Sohn des letzten deutschen Kaisers, Kronprinz Wilhelm von Preussen, geheiratet. Geprägt von ihrem Elternhaus, fuhr sie leidenschaftlich gern zur See. Das junge Paar bezog zunächst im Marmorpalais Quartier, das Friedrich Wilhelm II. im Potsdamer Neuen Garten hatte bauen lassen. Später gestattete Kaiser Wilhelm II. die Errichtung einer neuen Residenz.

Bis auf den Boden ist im Kajütenzimmer alles original erhalten. 
© Stiftung Preussische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg
Bis auf den Boden ist im Kajütenzimmer alles original erhalten.

Paul Schultze-Naumburg entwarf Schloss Cecilienhof als Landsitz im englischen Stil. 1913 wurde im Norden des Neuen Gartens, in idyllischer Lage zwischen Jungfernsee und Heiligem See, mit dem Bau begonnen. Im Jahr darauf besichtigte Cecilie die "Columbus", einen neuen Luxusdampfer des Norddeutschen Lloyd. Für das Interieur zeichnete Paul Ludwig Troost verantwortlich, der die Innenausstattungen für die Linienschiffe des Unternehmens entwarf, bevor er ab 1931 für die NSDAP baute. Die Kronprinzessin war so angetan von seinem Stil, dass sie den Architekten sofort mit der Einrichtung der Privaträume im Cecilienhof beauftragte.

Die "Schiffstreppe" führt ins Obergeschoss. 
© Stiftung Preussische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg
Die "Schiffstreppe" führt ins Obergeschoss.

Ein Kabinett sollte ihr ganz persönliches Refugium werden, sollte die Erinnerung an die glückliche Jugend im Mecklenburgischen wachhalten. Was lag also näher, als sich von Troost eine Kajüte auszubitten. Er verlieh dem Raum durch weißes Holz und blau-weiß gemusterten Stoff eine maritime Atmosphäre. Ein Mast stützt die leicht gewölbte Decke; die drei Fenster mit Kurbelmechanismus stammen wahrscheinlich von einem echten Schiff. Bis ins kleinste Detail wurde die Imitation einer Kajüte ausgeführt. Schon das Entree ist mit Bedacht inszeniert: Vom Obergeschoss, in dem die übrigen Privaträume liegen, gelangt man in das Zimmer über eine enge, gedrungene Treppe, die vorgibt, sich im Bauch eines Passagierdampfers zu befinden. In den Türen sollen Wasserschenkel eine bei vermeintlichem Seegang drohende Durchflutung verhindern. Bis auf den Tisch und die Stühle sind sämtliche Möbel fest installiert. Die beliebte Behauptung, ein Motor im Keller habe Schiffsgeräusche simuliert, oder es habe gar eine technische Vorrichtung gegeben, die das ganze Zimmer in authentisches Schaukeln versetzen konnte, gehört allerdings ins Reich der Legende. Die Vermutung, die Kajüte stamme aus der ausgedienten Kaiserjacht, lässt sich ebenso wenig bestätigen.

Ihre Briefe schrieb die Kronprinzessin an diesem Sekretär. 
© Stiftung Preussische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg
Ihre Briefe schrieb die Kronprinzessin an diesem Sekretär.

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges verzögerte das Bauvorhaben. Obwohl das Schloss noch nicht vollständig fertig war, drängte Cecilie darauf, im August 1917 einziehen zu können. Sie wollte ihr sechstes und letztes Kind, Prinzessin Cecilie, im neuen Domizil zur Welt bringen. Das Kajütenzimmer erfüllte den Zweck eines Zufluchtsortes wohl nachhaltiger, als Cecilie sich dies gewünscht haben dürfte. Sie verbrachte oft viele Stunden in ihrem Kabinett. Dass die Ehe mit Wilhelm nicht glücklich war, blieb kein Geheimnis - gemeinsam trat das Paar nur noch bei gesellschaftlichen Anlässen auf. 1918 sorgte die Novemberrevolution ohnehin für andere Verhältnisse: Während Wilhelm sofort ins holländische Exil ging, blieb Cecilie zunächst im Marmorpalais und zog dann ins schlesische Oels. Von 1923 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges konnte die Familie den Landsitz im Neuen Garten nochmals nutzen.

Schloss Cecilienhof von Osten 
© Stiftung Preussische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg
Schloss Cecilienhof von Osten

1945 wurde in Schloss Cecilienhof deutsche Nachkriegsgeschichte geschrieben. Am 2. August unterzeichneten die Siegermächte dort das Potsdamer Abkommen. Direkt neben dem ehemaligen Kabinett der Kronprinzessin thronte nun Stalin an einem schweren Schreibtisch. In den fünfziger Jahren wurde in den Privaträumen des Kronprinzenpaares die Gedenkstätte zur Potsdamer Konferenz eingerichtet; der übrige Teil des Gebäudes dient seit 1960 als Hotel. Der intime Rahmen des Kajütenzimmers war dem SED-Kader für kleine politische Zusammenkünfte vorbehalten.

Nach der Wiedervereinigung nahm die UNESCO den Neuen Garten zusammen mit den Parks und Schlössern von Sanssouci, Babelsberg und Sacrow sowie, auf Berliner Seite, der Pfaueninsel und Glienicke als einzigartiges Ensemble in die Liste des Weltkulturerbes auf. Seit 1995 sind die Privaträume des letzten Hohenzollernschlosses, nach umfassender Restaurierung, für die Öffentlichkeit zugänglich. Das Kabinett der Cecilie stellt auch in denkmalpflegerischer Hinsicht ein Kleinod dar: Er ist der einzige Raum im Schloss, dessen Ausstattung original erhalten blieb. Kein Wunder - schließlich waren die Möbel ja auch zu allen Zeiten fest mit der Wand verankert.

Dr. Bettina Vaupel

Kopfgrafiken: Schloss Cecilienhof mit dem Kajütenzimmer (beide Fotos: Stiftung Preussische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg)

Weitere Infos im WWW:

www.spsg.de
Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg