Wohnhäuser und Siedlungen August 2005

Zur Geschichte des Wohnens

Die "dritte Haut" des Menschen

Wohnen in all seinen Formen ist etwas Triviales und zugleich Existentielles: Hier nimmt das für jeden von uns prägende und Identität stiftende private Leben seinen Anfang ... Und dabei gilt, dass in ihrem Zuhause Menschen ihre höchste Zufriedenheit finden können, mit gleichem Recht wie die gegensätzliche Behauptung, dass man mit einer Wohnung den Menschen ebenso erschlagen kann wie mit einer Axt!" wird Heinrich Zille im dritten Band in der Enzyklopädie "Geschichte des Wohnens" (Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1997) zitiert.

Im behutsam restaurierten Stockgut in Dahnen sind viele alte Ausstattungsstücke erhalten. 
© ML PREISS
Im behutsam restaurierten Stockgut in Dahnen sind viele alte Ausstattungsstücke erhalten.

Jeder Mensch wohnt irgendwo und irgendwie. Das Thema Wohnen geht alle an. Als "dritte Haut" werden die eigenen vier Wände oft liebevoll betitelt. Die menschliche Behausung, sie ist weit mehr als ein Schutz vor der Witterung. Sie schenkt ein Gefühl von Geborgenheit, erfüllt den Geschmack der Bewohner, offenbart manchmal Träume und Sehnsüchte, dient Repräsentationsabsichten, und sie wirkt zurück auf das Lebensgefühl, heute wie gestern. Blättert man in den reich bebilderten Standardwerken zum Thema und begibt sich auf einen Streifzug durch die Geschichte des Wohnens, so wird augenfällig, wie gerade bei diesem Thema Zeitgeschmack und Mode, Geschichte und technische Neuerungen, soziale Gegebenheiten und künstlerischer Ausdruck ineinander greifen.


Einen lebendigen Eindruck der herrschaftlichen Domizile der Wohlhabenden in der Antike bietet noch heute Pompeji. Streng axiale Anlagen sind das, in denen sich die Wohnräume um ein Atrium mit rechteckiger Zisterne herum gruppieren. Die Paläste der nachfolgenden Jahrhunderte entfalten mit kostbaren Marmor- und Mosaikböden, herrlichen Fresken und Ziersäulen, spielerischen Loggien und Nymphäen im Außenbereich eine atemberaubende Pracht und Schönheit. Ein bekanntes Kuriosum unter den antiken Möbeln ist die "kline", das griechische Bett. Es ist vielseitig verwendbar und dient sowohl zum Schlafen als auch zum Speisen.
Ein einfaches Bürgerhaus im frühen Mittelalter besitzt hingegen bescheidene Räume. Wenig Licht fällt durch kleine Fensteröffnungen. Heizbar ist nur der Hauptraum mit der Herdstelle, er dient oft zum Arbeiten, Wohnen und Schlafen gleichzeitig. Derbe Zimmermannsarbeiten die Möbel: Einfache Schemel und Bänke, eine dicke Platte auf Böcken als Tisch, Truhen und schlichte Holzrahmen als Betten. Das ändert sich im 14. Jahrhundert, als sich aus dem Zimmermannsberuf das Tischlerhandwerk als eigener Zweig entwickelt, das sich fortan der Fertigung von Möbeln widmet. Als "das" Möbelstück des Mittelalters gilt die Truhe, schlicht und gut transportierbar.

Die italienische Renaissance bringt als neuen Haustyp den frei stehenden Stadtpalast hervor. Die Möbel sind hier Teil einer erlesenen Innendekorationen, die schier jeden Winkel mit einbezieht: An den Wänden üppige Malereien, Marmor- und Stoffimitationen, Holzvertäfelungen und Majolika-Kacheln, an der Decke Fresken oder Holzkassetten. Als neuer Raumtyp enteht das Studiolo, das Studierzimmer; es trägt der steigenden Anzahl an Privatbibliotheken nach dem endgültigen Durchbruch der Buchdruckerkunst Rechnung. Auch nördlich der Alpen lässt der Adel im 15. und 16. Jahrhundert sein eher unwirtliches Leben auf den Burgen hinter sich und richtet sich komfortablere ländliche und vor allem städtische Wohnsitze ein. Die Renaissance-Architektur wirkt unmittelbar auf die Möbelgestalt, wie es die kostbare Augsburger Truhe aus der Zeit um 1580 veranschaulicht. In den Behausungen ärmerer Leute bleiben die Möbel jedoch noch lange in spätgotischer Tradition; die einfachen Wohnverhältnisse der ländlichen Bevölkerung ändern sich erst allmählich in den nachfolgenden Jahrhunderten.

Die Fachwerkstadt Quedlinburg ist reich an jahrhundertealten Wohnhäusern. 
© ML PREISS
Die Fachwerkstadt Quedlinburg ist reich an jahrhundertealten Wohnhäusern.

Das bürgerliche Wohnen im 17. Jahrhundert können wir gut nachvollziehen, denn ein Teil unserer erhaltenen Altstädte stammt noch aus dieser Zeit. Das Haus einer gut gestellten Familie ist nun größer und teilt sich in Repräsentations-, Wirtschafts-, und Schlafbereich. Das barocke Interieur eines Palais oder Schlosses liebt Raumillusionen: Die Erfindung des Spiegelguss im späten 17. Jahrhundert bietet die Möglichkeit, auch größere Formate für Galerien und Kabinette herzustellen. Der Barock schwelgt in Prunk und Pracht, in festlich gestalteten Räumen mit golddurchwirktem Brokat und reich verzierten Möbeln, deren Funktion mitunter vor Ornamentfülle kaum noch erkennbar ist. Mit dem Aufkommen der China-Mode hält die Papiertapete Einzug, wie sie in Ostasien schon lange gebräuchlich ist. Das Rokoko hingegen bevorzugt beschwingte Leichtigkeit. Stuck, hell gestrichenes Holz, Silberglanz und pastellfarbene Seide tritt an die Stelle barocker Schwere. Der Schreibschrank verwandelt sich zum zierlichen Schreibtisch, die Kommode verdrängt als Aufbewahrungsmöbel nun endgültig die Truhe.

Inbegriff des Biedermeier ist die "gute Stube". Hier findet sich die Familie in beschaulicher Eintracht zusammen, wie es auf zahlreichen Gemälden dargestellt ist. Die Ausstattung der Zimmer mit Sofa, gerafften Vorhängen, Teppichen und Kissen offenbart eine Sehnsucht nach Schlichtheit, Häuslichkeit und Geborgenheit - und auch nach Natur: Mit Mustern aus Streublümchen, Ranken, Sträußchen und Kränzchen auf Tisch- und Bettdecken, Vorhängen und Kissen durchweht eine heitere Atmosphäre die Räume. Die Erfindung des Jacquard-Webstuhls macht die neuen Stoffmuster möglich. Und: Die Topfblume hält Einzug in die Zimmer. Das Biedermeier findet keinen Niederschlag in der Architektur - der Begriff bezeichnet lediglich die Inneneinrichtung einer breiten bürgerlichen Schicht zwischen 1815 und 1860.

Das späte 19. Jahrhundert wird landläufig mit dem Schlagwort "gründerzeitlicher Pomp" abqualifiziert. Tatsächlich schillern die überladenen Interieurs nun in dunklen Farben und frönen einer wahren Lust an Stilmischungen: Neurenaissance-Möbel neben gotischen Stühlen, Orientteppiche, purpurne Plüschsofas mit Kissenbergen, dazwischen chinesische, orientalische oder antike Zierstücke. Die Nachbildung historischer Stile verteilt sich mitunter auch auf mehrere Zimmer: Neugotik für das Esszimmer, für das Herrenzimmer die Renaissance, für Salon und Wohnraum den Neubarock. Dunkle Räume sind "in", teils setzt man sogar Buntglas ein, um den Lichteinfall zu verringern. Doch längst nicht alle Innenräume sind so überfrachtet, konnte sich diese aufwändige Ausstattung doch nur ein Teil der Bevölkerung leisten.

Obwohl von sozialreformerischen Ideen getragen, arbeiten auch die Jugendstilkünstler fast ausschließlich für eine elitäre Schicht. Dabei setzen Sie sich zum Ziel, das alltägliche Leben mit Schönheit zu füllen. Vom Türgriff bis zur Lampe, einfach alles lässt sich gestalten und verschmilzt zum großen Gesamtkunstwerk. Zarte Pastelltöne an den Wänden, wenige helle Möbel, Verwendung von Schildpatt und Glasuren - der Jugendstil bricht mit dem überbordenden Stil von Historismus und Gründerzeit. Er bevorzugt natürliche Formen und stilisiert sie zum dekorativen Ornament. Bei der Möbelgestaltung strebt man danach, Schönheit und Nützlichkeit, Form und Funktion zu verbinden - ein weit ins 20. Jahrhundert weisender Ansatz.

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Wohnungsnot und elende Lebensbedingungen für die ärmeren Bevölkerungsschichten führen in den Zwanziger Jahren zur Entstehung des "sozialen Wohnungsbaus" und moderner Siedlungen. Radikal und zukunftsweisend ist auch das moderne Möbeldesign. Die funktionalen Entwürfe des Bauhaus sind streng reduzierte Konstruktionen ohne jede Dekoration. Schwarz-Weiß-Kontraste oder einfache Farbflächen, entwickelt aus eigenen Farbtheorien, kommen zum Einsatz. Für Stahlrohrmöbel, Lampen und andere Einrichtungsstücke experimentieren die Bauhäusler mit ganz neuen Materialien, wie etwa poliertem Metall. Sie sehen in Serienanfertigungen und Standardisierungen eine Möglichkeit der Überwindung sozialer Schranken. Der Nationalsozialismus setzte diesen progressiven Ansätzen ein jähes Ende. Bauhaus und Internationaler Stil kamen über den Umweg Amerika erst nach Jahrzehnten nach Deutschland zurück und prägen Inneneinrichtung und Möbeldesign bis in die heutige Zeit.

Hanna Hilger

Kopfgrafiken: Villa Georg im sächsischen Bad Liebenstein und Haus am Horn in Weimar (beide Fotos: ML Preiss)

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