Monumente Online

Ausgabe: Februar 2013

Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Schwerpunkt: Technik und Wissenschaft

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Friesische Eremitage

Das Atelierhaus des Künstlers Rolf Dietrich Schmidt in Aventoft

Der Berliner Künstler und Architekt Rolf Dietrich Schmidt fand 1973 nach langer Suche in Nordfriesland seinen erträumten Rückzugs- und Inspirationsort. Um das 300 Jahre alte Reetdachhaus in Aventoft an der deutsch-dänischen Grenze erhalten zu können, bieten wir hier ausgesuchte Kunstwerke Schmidts zum Verkauf an. Seine Witwe, Zeit seines Lebens Seelenverwandte und künstlerische Begleiterin, hat das Denkmal und ein Teil des Oeuvres der Deutschen Stiftung Denkmalschutz überlassen.

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Ruth Schmidt-Hilbert und Rolf Dietrich Schmidt vor ihrem Friesenhaus in Aventoft Großbildansicht

"Ich lebe für die Farbe. Ich bin ein Farbenmensch", sagt Ruth Schmidt-Hilbert an einem grauen Berliner Dezembertag. Es war die gemeinsame Leidenschaft für ebendiese Farben, die vor fast 60 Jahren zwei Menschen zueinanderfinden ließ und sie - getragen von einer großen Liebe - fortan miteinander verband.

Es begann 1954 vor einem Gemälde des Expressionisten Karl Schmidt-Rottluff. "Die Farben leuchteten in voller Kraft, und da ein Strahl der Sonne darauf fiel, wurden die Farben zu Feuer." Ruth Hilbert war als junge Frau endlich ins ersehnte Berlin gekommen, kunstbegeistert zog sie von Ausstellung zu Ausstellung, als die schicksalhafte Begegnung mit Rolf Dietrich Schmidt ihr Leben verändern sollte. "Plötzlich fiel ein Schatten auf das Bild. Jemand war in den Türrahmen getreten." Er, ein hochgewachsener, ernster Mann, Kunststudent und Meisterschüler von Schmidt-Rottluff, spürt ihr Empfinden für die Kunst und ist auf der Stelle angetan. Es folgen viele weitere gemeinsame Stunden vor Gemälden in Berliner Ausstellungen - und 1958 die Hochzeit.

An das Kunststudium hatte er eine "solide" Ausbildung zum Architekten angeschlossen. Doch der Architektenberuf - zwar mit großer Sorgfalt ausgeübt, unter anderem in renommierten Büros wie denen von Hans Scharoun oder Franz-Heinrich Sobotka - war nie die wahre Passion Rolf Dietrich Schmidts. Mehrere Chefarchitektenstellen lehnte er ab. Die bildende Kunst blieb Mittelpunkt seines Denkens, seines Ringens und seiner wenigen Freizeit. "Er war echt und ehrlich. (…) Er lebte, um zu arbeiten, nicht um gut zu leben, und seine Arbeit war die Kunst, das Malen und Bilden", erinnert sich Ruth Hilbert-Schmidt. Sie war ihm dabei eine stete und kluge Begleiterin.

Diese Werke stehen zum Verkauf.

Eremitage mit Reetdach

Beide waren überzeugte Berliner, er auch dort geboren, trotzdem hatten sie lange im Norden nach einem geeigneten Ort der Ruhe geschaut. "Die friesische Landschaft in ihrer geraden und selbstbewussten Schlichtheit gefiel uns und tat uns gut." 1973 war es soweit. An der deutsch-dänischen Grenze, in der kleinen Ortschaft Aventoft nahe der Nordsee, wartete sie auf das Ehepaar, die erträumte "Eremitage". Versteckt und bescheiden, am Ende einer Sackgasse, mit weitem Blick über Wiesen und Weiden bis hin zu einem kleinen Wald. Ein friesisches Backsteinhaus, reetgedeckt, "alt, aber liebenswert, wie es langgestreckt in seinem Gemüsegarten stand." 1676 war es als Küsterhaus von Aventoft gebaut worden und blieb in dieser Funktion bis in die 1950er Jahre. Immer wurde es zudem als Schulhaus genutzt, irgendwann ein Klassenzimmer angebaut, was ihm zu dem langgezogenen Grundriss verhalf. "Wir sahen zunächst nur die idyllische Lage, die weite Sicht und die Ausstrahlung des würdigen alten Reetdachhauses und waren uns einig: Das wird unser Haus." Das "große Erwachen", wie Ruth Schmidt-Hilbert es nennt, folgt nach dem Einzug. Die Architektenseele von Rolf Dietrich Schmidt bekommt einen ordentlichen Schrecken, als das Paar die Schäden entdeckt: morsche Fenster, korrodierte Elektroleitungen, verrottete und zugeklebte Balken, löchrige Böden. Mit Freunden, mit Nachbarn und mit noch viel mehr Eigenarbeit wird in langen Jahren aus dem einfachen Haus ein liebevoll eingerichtetes Sommerhaus mit sanitären Installationen statt Plumpsklo, mit Küche und Schlafzimmern und vor allem mit einem ausgebauten Atelier unter dem Dach.

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Ein bisschen wie am Ende der Welt: Fern von jedem Großstadttrubel bietet das alte Friesenhaus in Aventoft viel Ruhe und Geborgenheit. Großbildansicht

Rastlose Ruhe in Aventoft

Immer gibt es etwas zu tun in Aventoft, nie ist der Zeitpunkt gekommen, das Haus als vollendet zu betrachten. Und doch empfindet das Ehepaar die vom Berufsalltag abgerungenen allzu kurzen Aufenthalte im Norden als Balsam für die Seele. Malt Rolf Dietrich nicht in seinem Atelier mit Blick in die Landschaft, geht er gerne in den Garten, sät und erntet Gemüse. Ruth legt im Vordergarten ein Blumenbeet in leuchtenden Farben an, "meinen Noldegarten: Rot, weiß, blau". So wie 1926 in unmittelbarer Nähe das Ehepaar Emil und Ada Nolde in Neukirchen schaffen sich Ruth und Rolf Schmidt ein halbes Jahrhundert später ihr kleines Paradies.

Ruth Schmidt-Hilbert schmunzelt: "Als der Verkäufer, ein örtlicher Jungbauer, unsere Plackerei sah, sagte er: 'Warum reißt Ihr das alte Haus nicht ab und baut neu? Du bist doch Architekt!' Aber wir wollten die alte friesische Kultur erhalten, die gehört doch in diese Landschaft."

Vom Plan zum Raumbild

Schon früh war seine künstlerische Reise von den expressiven figürlichen Darstellungen in Anklang an Schmidt-Rottluff zur geometrischen Abstraktion gelangt. Immer wieder erforscht er bis zur radikalen Reduktion Gelb, Rot und Blau in ihren Eigenschaften. Schließlich beginnt er, sie aus der Leinwand zu holen, er gibt den Farben Plastizität und arbeitet ab den frühen 1970er Jahren an Rauminstallationen. Er, der Einsame, der kein guter Vermarkter seiner Kunst ist, sich in keiner Kunstszene aufhält, nutzt das schriftliche Wort, um detailliert seine quälende Suche nach der richtigen Form, nach der Umsetzung seiner ganzheitlichen Lebenshaltung und kunsttheoretischen Ansichten auszudrücken. Die vielen Briefe an seine Frau sind die Chronik seiner Gedanken.

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Das Atelier von Rolf Dietrich Schmidt unter dem Reetdach. Auf dem Tisch links der Entwurf eines seiner skulpturalen „Raumbilder“. Großbildansicht

Noch viel mehr Bilder hätten in Aventoft entstehen sollen. 1989, mit 59 Jahren, stirbt Rolf Dietrich Schmidt. Der "kleine Polier", wie er seine Ruth manches Mal liebevoll genannt hatte, wenn sie alleine die Baustelle in Aventoft stemmen musste, kümmert sich Jahr für Jahr um das geliebte Domizil in Nordfriesland. Nur schwer kann sie sich von diesem Stück gemeinsamer Geschichte trennen. Ihr Engagement wird belohnt. Das Gebäude, das zu den ältesten Häusern von Aventoft gehört, wird unter Denkmalschutz gestellt. Im Atelier verändert sich nichts, es soll die Wirkungsstätte Rolf Dietrich Schmidts bewahren. 2009 überlässt sie das Haus der Deutschen Stiftung Denkmalschutz so wie auch einen Teil des Œuvres. Nun übernimmt die Stiftung die Aufgabe, das Künstlerhaus und damit auch ein Stück alter nordfriesischer Baukultur zu bewahren.

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Ohne Titel, Öl auf Leinwand, 1965–70, 100 x 75 cm Großbildansicht

Einiges muss dringend saniert werden: eine Überarbeitung der Fenster, eine Ausbesserung der Dielenböden, eine neue Heizung und eine technische Überprüfung der Elektroanlage stehen an. Sehr akut ist die Reparatur des Reetdachs in alter Handwerkstechnik. Auch muss der ebenfalls denkmalgeschützte reetgedeckte Gartenschuppen, ehemals ein Stall, möglichst schnell repariert werden. Zur Zeit wird eine stimmige neue Nutzung erarbeitet: Die Überlegungen reichen von Kulturveranstaltungen bis hin zur Einrichtung einer Ferienwohnung im Erdgeschoss.

Die 87-Jährige blickt sich in ihrer Berliner Wohnung um, die über und über mit den Werken ihres Mannes und auch einigen von ihr selbst gefüllt ist. Sie zeigt Fotos aus früheren Zeiten, von nordischen Sommern und sonnigen Gartentagen. Natürlich verspürt sie Wehmut beim Betrachten der Bilder, aber noch viel mehr eine große Energie, das Lebenswerk ihres Mannes, das auch ihres ist, zu bewahren. "Ich war für seine Malerei da", sagt sie und erinnert sich an die lange künstlerische Suche zweier verwandter Seelen. Das alte friesische Haus in Aventoft ist Hüter dieser Geschichte, wahrlich ein Denkmal im besten Sinne.

Beatrice Härig

Wer das Atelierhaus Schmidt besuchen möchte, kann sich an das Stiftungszentrum der Deutschen Stiftung Denkmalschutz wenden: Heike Kühn, Tel. 0228/90 91-213

Die Galerie Petra Lange stellt Werke Rolf Dietrich Schmidts aus. Pestalozzistraße 4, 10625 Berlin, Tel. 030/25 70 08 10

Ruth Schmidt-Hilbert hat unserer Stiftung Teile des Künstlernachlasses übergeben. Bei Kaufinteresse senden wir Ihnen gerne ein Exposé der Kunstwerke zu. Kontakt: Heike Kühn, Tel. 0228/90 91-213, heike.kuehn@denkmalschutz.de. Der gesamte Erlös fließt ungemindert in die Restaurierung.   

Helfen Sie mit! Auch kleinste Beträge zählen.
Um das Ensemble zu bewahren, müssen so schnell wie möglich die Reetdächer repariert werden. Wenn Sie uns dabei unterstützen möchten, freuen wir uns über Ihre Spende an die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Konto 305 555 500, Commerzbank 380 400 07, Verwendungszweck 1008355X.
online spenden bei der Deutschen Stiftung Denkmalschutz  

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