Monumente Online

Ausgabe: Februar 2013

Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Schwerpunkt: Technik und Wissenschaft

(c)R. Rossner |(c)R. Rossner Leitartikel

Sich selbst ein Haus gegossen

Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz fördert die Sayner Hütte in Bendorf

Sie liegt etwas versteckt in einem engen Tal des Saynbachs: die älteste noch erhaltene Werkhalle, die als Eisenkonstruktion errichtet wurde. Von feingliedriger neugotischer Gestalt, hat sie nicht nur Industrie-, sondern auch Baugeschichte geschrieben. Hier gelang ab 1815 der Übergang zur industriellen Fabrikation.

Die Sayner Hütte, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts einer der bedeutendsten Standorte für die preußische Eisengussproduktion, gilt als Prototyp des modernen Industriebaus. 2010 adelte die Bundesingenieurkammer das technische Kulturdenkmal als "Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland". Sein Name stand für hochwertige Eisenverarbeitung jeder Art und Größe, von Maschinen und Geschützen bis zu filigranem Schmuck.

 (c) Thomas Naethe
© Thomas Naethe
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Wegweisend wurde das frühindustrielle Innovationszentrum vor allem durch die Herstellung leichter, weitspannender Tragwerke, die für den Bau von Brücken, Bahnhofshallen und Industrieanlagen pionierhafte Bedeutung erlangten. Ein frühes und baukünstlerisch besonders gelungenes Beispiel für die Anwendung der neuen Technologie ist die Sayner Hütte selbst. Bei der 1830 errichteten Gießhalle verwendete man erstmals seriell vorgefertigte Bauteile, die aus eigener Produktion stammten und vor Ort gegossen wurden. Mehr als sechs Meter hohe Hohlsäulen mit dorischen Kapitellen trugen eine gusseiserne Binderkonstruktion ohne Nieten und Schrauben, wie es sie zuvor noch nicht gegeben hatte. In Längs- und Querrichtung freitragend, spannte sie sich über 24 mal 29 Meter - eine technische Höchstleistung. "Eine Hütte, die sich selbst ein Haus aus Eisen gegossen hat", würdigte der Schlegelschüler und Dichter Karl Simrock den expandierenden Betrieb 1840, nur wenige Jahre nach dessen Fertigstellung. Berühmte Eisenbauten wie die Schwimmhalle des Wiener Dianabades (1842) oder der Kristallpalast in London (1851) entstanden erst später.

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© R. Rossner
Die sanierungsbedürftigen Kugellager der Schwenkkräne zählen zu den ältesten Vertretern ihrer Art in Deutschland. Großbildansicht

Dass man in Sayn, einem Ortsteil von Bendorf am Rhein, auf eine Ahnherrin des modernen Industriebaus stößt, vermutet der heutige Besucher nicht. In dem kleinen, 17.000 Einwohner zählenden Ort nahe Koblenz ziehen zunächst andere Denkmale die Aufmerksamkeit auf sich: die weithin sichtbare Stammburg der Grafen von Sayn, die sich auf einem Ausläufer des Westerwalds erhebt, das in den 1990er Jahren wieder aufgebaute Schloss derer von Sayn-Wittgenstein-Sayn mit seiner großzügigen Parkanlage sowie die mittelalterliche Prämonstratenserabtei.

Wer der schmalen Straße entlang des Saynbachs folgt, erreicht das Hüttenareal, das sich an den nördlichen Hang des Burgbergs schmiegt. Hier scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Längst steigt kein Rauch mehr aus dem Hochofen. Lärm und Schmutz gehören der Vergangenheit an, seit das Werk 1926 geschlossen wurde.

Schon im 17. Jahrhundert boten reiche Eisenerzvorkommen, viel Wald und Wasser günstige Voraussetzungen für die Eisenverhüttung. 1769 ließ der letzte kurtrierische Kurfürst Clemens Wenzeslaus ein auf Repräsentation angelegtes Ensemble erbauen: die Sayner Hütte, die das Rheinland schon bald mit Roheisen und einfachen Gusserzeugnissen versorgte.

Eisenverarbeitung von Geschützen bis zum Kunstguss

1815 ging die Anlage an den preußischen Staat über. Wegen ihrer räumlichen Nähe zu Koblenz gewann sie rasch an Bedeutung, denn die Rheinfestung sollte zu einer der größten Militäranlagen in Europa ausgebaut werden. Entsprechend hoch war der Bedarf an Munition, Geschützen, Maschinen und Leitungsrohren. In den folgenden 50 Jahren baute man die Hütte neben den schon bestehenden königlichen Eisengießereien im oberschlesischen Gleiwitz und in Berlin zu einer der modernsten Preußens aus. Nicht nur ihre Gießtechnik, sondern auch eine hochwertige Kunstgussproduktion brachten dem kreativen Zentrum eine Auszeichnung als Musterbetrieb ein.

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Blick auf die Tragekonstruktion Großbildansicht

Maßgeblichen Anteil an der Blütezeit hatte ein Mann, mit dessen Namen die Sayner Gießhalle bis heute verbunden ist: Carl Ludwig Althans (1788-1864), der 1818 als gerade 30-Jähriger die Leitung des Werks übernahm. Obwohl er Mathematik und Mechanik studiert hatte und kein Architekt im herkömmlichen Sinn war, wurde er mit dem Bau einer neuen Hütte beauftragt. Feuersicher und großflächig sollte sie sein. Da es für eine Industrieanlage von solcher Dimension in Mitteleuropa kein Vorbild gab, musste der gebürtige Bückeburger nach anderen Anregungen suchen. Man kann davon ausgehen, dass ihn Kirchen und Bauten wie die erste gusseiserne Brücke der Welt im englischen Coalbrookdale inspiriert haben. Und für die künstlerische Gestaltung seiner Eisen-Glas-Konstruktion dürfte das große Maßwerkfenster Pate gestanden haben, das die Fassade des von David Gilly in Berlin erbauten Exerzierhauses schmückte. Sich steil kreuzende Rippen charakterisieren auch die Westfront der Sayner Hütte.

Kathedrale der Arbeit

1828 konnten die Bauarbeiten beginnen, und schon 1830 war die gesamte Gießhalle fertiggestellt. Carl Ludwig Althans, eine Art technisches Universalgenie, hatte ein architektonisch faszinierendes Bauwerk geschaffen: eine als dreischiffige Basilika angelegte Industriehalle in Gusseisenkonstruktion. Aus diesem Gegensatz von sakral und profan speist sich die Wirkung des Gebäudes. An eine gotische Kirche erinnert das hochgezogene Mittelschiff, aus dessen Oberlichtern der Rauch abziehen konnte. Auch der Grundriss und die Rundbogenfenster an den Längsseiten verweisen auf einen Sakralbau. Im Kontrast dazu befinden sich in der "Apsis" der Hochofen, in den "Querarmen" die Darrkammern, in denen die Gussformen getrocknet wurden, sowie im "Langhaus" und den beiden "Seitenschiffen" die Werkhalle. Über ihre gesamte Länge führte eine Transportstraße, die an den Bindern des "Obergadens" aufgehängt und durch Diagonalstreben zusätzlich versteift wurde. An den Rundsäulen waren schwenkbare, auf Kugeln gelagerte Kräne befestigt. Sie hievten die Gussteile in die "Seitenschiffe", wo sie weiterverarbeitet wurden.

 (c) Barbara Friedhofen
© Barbara Friedhofen
Die Wendeltreppe in der Kapelle von Schloss Stolzenfels stammt aus der Sayner Produktion. Großbildansicht

Zeitgleich mit der Planung der neuen Hütte begann Carl Ludwig Althans mit der Herstellung von Eisenkunstguss, der weltberühmt werden sollte. Ziseleure und Bildhauer arbeiteten an einer enormen Produktpalette, die von Öfen, Töpfen, Gittern und Grabkreuzen bis zu Wendeltreppen und filigranem Schmuck reichte. Wie kreativ die Werkstatt war, zeigt das Rheinische Eisenkunstguss-Museum in Bendorf an Exponaten und Musterbüchern, den Vorläufern der heutigen Versandkataloge.

1865 kaufte die Firma Krupp die Sayner Hütte, und wenig später wurde der Hochofen stillgelegt. Um angeliefertes Roheisen zu verarbeiten, ließ man noch eine weitere Werkhalle, die sogenannte Krupp'sche Halle, bauen. 1926 jedoch wurde die Anlage, die abseits günstiger Transportwege lag, geschlossen.

Wechselnde Nutzungen, Leerstand und zahllose Eingriffe prägten die folgenden Jahrzehnte, in denen das Areal zusehends verfiel. Bürgerschaftliche Wachsamkeit verhinderte 1973 buchstäblich in letzter Minute den bereits beschlossenen Abriss. "Wegen des immensen Sanierungsbedarfs hat die Stadt Bendorf 2003 den Komplex nur schweren Herzens übernommen", erklärt Rehlinde Glöckner, die mehr als 40 Jahre im Amt für Wirtschaftsförderung beschäftigt war. Um die Stadt bei dieser Herkulesaufgabe zu unterstützen, gründete sich im selben Jahr der 300 Mitglieder zählende Freundeskreis Sayner Hütte, und Rehlinde Glöckner übernahm nach ihrer Pensionierung im letzten Jahr dessen Vorsitz.

Bei unserem Besuch führt sie uns über das Hüttengelände. Nach den Vorstellungen des Freundeskreises könnte die Krupp'sche Halle als Besucherzentrum und Ausstellungsraum genutzt werden, während sich die Gießhalle als Veranstaltungsort anböte. "Wir haben die unterschiedlichsten Anfragen. Das Spektrum reicht von Konzerten bis zur Ausstellung hochwertiger Fahrzeuge", so die Vorsitzende. Eine touristisch-kulturelle Nutzung ist von Seiten der Stadt nach intensiver Arbeit an einem Konzept jedenfalls geplant.

 (c) R. Rossner
© R. Rossner
Die Fenster der Gießhalle erinnern an gotisches Maßwerk Großbildansicht

Dafür müssen das Gesamtbild beeinträchtigende Ein- und Umbauten rückgängig gemacht, Korrosionsschäden behoben, Tragwerke, Dächer und Fenster erneuert oder restauriert werden. Obwohl die Anlage als Ensemble zu betrachten ist, steht die historische Gießhalle im Mittelpunkt. Ihre Instandsetzung, an der sich neben dem Land und der Stadt auch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD) beteiligt, soll in drei Abschnitten erfolgen. Der erste Bauabschnitt wurde bereits abgeschlossen. Seitdem sind Teilbereiche der Gießhalle im Rahmen von Führungen für die Öffentlichkeit zugänglich.

Im Herbst 2012 gründeten das Land Rheinland-Pfalz, der Landkreis und die Stadt Bendorf eine Stiftung, in deren Besitz das Denkmalareal überging. Um es zusätzlich aufzuwerten, ist langfristig eine dem historischen Vorbild folgende Einbindung in das Gesamtensemble von Burg, Schloss und Abtei beabsichtigt. Glöckner und ihre Mitstreiter haben dafür gesorgt, dass das Gebäude schon jetzt abends angestrahlt wird. Damit lässt sich das Denkmal prachtvoll in Szene setzen. "Wir haben Geld gesammelt und die Beleuchtungskörper gespendet. Der Hang hinter der Hütte bietet einfach eine phantastische Kulisse."

Friedegard Hürter

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Kommentare anderer Leser

  • Name: Oliver Spilker 14.05.2014

    Einfach etwas zum Träumen - nicht der harten Arbeit wegen, aber des Ergebnisses welches man heute noch mancherorts bewundern darf.

    Ich sammele selber Gusseisen-Treppen und deren Teile, wenn da jemand noch etwas liegen hat, so bitte ich, mit mir in Kontakt zu treten.

    017680049757

  • Name: Rainer Lemcke 06.02.2013

    Ein wunderbarer Beitrag besonders für Freunde des deutschen Guss-Zeitalters. Alles das aus einer der romantischsten Gegenden Deutschlands. Aber für Kenner auch das große Kerngebiet der Industrialisierung.

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