Es war einmal
Die Grimmschen Märchen kennt jedes Kind - wer aber waren die Personen, die den Brüdern die alten Geschichten geliefert haben? Der renommierte Germanist und Märchenforscher Heinz Rölleke stellt 25 näher vor, erzählt von ihrer Herkunft und ihrer kulturellen Prägung. Da war etwa Marie Hassenpflug, die regen Kontakt mit den Grimms pflegte und ihnen zahlreiche Märchen näher brachte. Die Kasseler Schwestern Hassenpflug stammten von Hugenotten ab, die von Frankreich über die französischsprachige Schweiz nach Hessen gelangt waren. Kein Wunder also, dass Marie Hassenpflug die französischen Feenmärchen des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts so vertraut waren. Auch Dornröschen nahm auf diese Weise den Weg von Frankreich nach Hessen, wobei die Grimms manch erotisches Detail der galanten Vorlage bewusst verschleierten. Rölleke ediert die beliebten Märchen hier in der Erstfassung von 1812, die die Nähe zur Überlieferung noch erkennen lässt. Mit den aquarellierten Tuschezeichnungen von Albert Schindehütte und der opulenten Aufmachung kommt der Band darüber hinaus als bibliophiles Schmuckstück daher.
Es war einmal. Die wahren Märchen der Brüder Grimm und wer sie ihnen erzählte. Hrsg. v. Heinz Rölleke, illustriert v. Albert Schindehütte. Sonderband Die Andere Bibliothek, Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2011. ISBN 978-3-8218-6247-7, 480 S., 79 Euro.
Bettina Vaupel
Die Brüder Grimm
Es war eine ebenso ungewöhnliche wie fruchtbare Paarbeziehung: die Lebens- und Arbeitsgemeinschaft von Jacob (1785-1863) und Wilhelm (1786-1859) Grimm. Oft auf ihre Märchensammlung reduziert, zählen die ungleichen Brüder zu den bedeutendsten Persönlichkeiten der deutschen und europäischen Kulturgeschichte. Steffen Martus, Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Berliner Humboldt-Universität, stellt sie in seiner Biographie als Bibliothekare, Journalisten, Professoren, Politiker und nicht zuletzt als Urväter der Germanistik vor. Mit ihrem Eintauchen in die Sprach-, Rechts- und Religionsgeschichte versuchten sie sich in einer Phase, in der das alte Europa neu geordnet wurde, der Wurzeln zu vergewissern. Der Autor spannt den Bogen von der Kindheit und Jugend in Steinau an der Straße über die Studienjahre in Marburg, ihre Zeit in Kassel, ihre weitreichende Forschungstätigkeit und ihr politisches Engagement in der Frankfurter Paulskirche, erzählt vom weiten Weg der "Kinder- und Hausmärchen" zu einem Weltbestseller. Martus hat eine geisteswissenschaftliche Studie vorgelegt, die sich so spannend wie ein Märchen liest.
Steffen Martus: Die Brüder Grimm. Eine Biographie. Rowohlt Verlag, Berlin 2009. ISBN 978-3-87134568-5, 608 S. 26,90 Euro.
Bettina Vaupel
Johann Gottlob von Quandt
Er war Kunstkenner, Mäzen und vor allem glühender Goetheaner: Johann Gottlob von Quandt (1787-1859) hat über viele Jahrzehnte die Kunstpflege in Sachsen beeinflusst. Er förderte junge Künstler und machte sich für die Denkmalpflege stark, er war der erste Vorstand des Sächsischen Kunstvereins und Ehrenmitglied der Königlichen Akademien zu Berlin und München. Auf seinem Landsitz in Dittersbach nahe Dresden sorgte er sich aber auch um die Bildung der Bauern und gründete eine Sparkasse. Mit dem Belvedere Schöne Höhe schuf Quandt dort ab 1831 eine frühe Goethe-Verehrungsstätte, die noch zu Lebzeiten des Dichters begonnen wurde und die er von Carl Gottlieb Peschel mit Fresken zu Goethe-Balladen ausschmücken ließ. Die 2001 anlässlich des 170. Jubiläums der Grundsteinlegung auf "Schönhöhe" und der Wiedereinweihung des restaurierten Freskensaals erschienene Sammlung von Beiträgen ist dem umtriebigen Romantiker und seinem Wirken gewidmet.
Der 1996 gegründete Quandt-Verein Dittersbach zur Förderung der Künste e. V. hat auch die Wiedererschließung des sogenannten Lieblingstals vorangetrieben - ein Landschafts- und Denkmalensemble, das unmittelbar mit Quandt verbunden ist. Zwei weitere Hefte stellen das Tal sowie den Dittersbacher Schlosspark vor.
Johann Gottlob von Quandt. Goetheverehrer und Förderer der Künste. 1787-1859. Hrsg.: Quandt-Verein Dittersbach zur Förderung der Künste e. V., 2002. ISBN 3-9807860-3-X, 126 S., 5 Euro.
Historische Kulturlandschaft. Lieblingstal Dittersbach. Hrsg.: Quandt-Verein Dittersbach zur Förderung der Künste e. V., 2009. 72 S., 6 Euro.
Die Parkanlagen am Schloss Dittersbach. Ein Rundgang. Institut für Landschaftsarchitektur der TU Dresden/Gemeinde Dürrröhrsdorf-Dittersbach, 2. Aufl. 2008, 90 S., 6 Euro.
Alle drei Publikation sind zu beziehen über den Quandt-Verein, Wünschendorfer Weg 5, 01833 Dürrröhrsdorf-Dittersbach, Tel. 035026/9 10 46, peter.elbersdorf@gmx.de (Versandpauschale 2,50 Euro).
Bettina Vaupel
Die Schönfelder Gutskirche
Viele Jahre war die ehemalige Gutskirche in Bismark-Schönfeld in Vergessenheit geraten. Zuletzt stand das wertvolle Gebäude sogar auf der Abrissliste des Kirchenkreises. Doch 2010 schlossen sich engagierte Menschen zum Verein "Freunde der Gutskirche Schönfeld" zusammen und kauften die Kirche.
Uta-Barbara Riecke, eine der beiden Vorsitzenden des Vereins, hatte damals gerade ihre Masterarbeit im Fach Denkmalpflege über die Kirche vorgelegt. Bei ihren Recherchen entdeckte sie, dass der bedeutende Architekt und Begründer der Hannoverschen Schule, Conrad Wilhelm Hase, die Pläne für den neugotischen Backsteinbau geliefert und kein Geringerer als Hermann Schaper sie ausgemalt hat.
Aus der Masterarbeit ging eine reichbebilderte Broschüre mit einer ausführlichen kunsthistorischen Einordnung der Kirche und Informationen über das Wirken Hases hervor. Außerdem beschreibt die Autorin das Dorf Schönfeld und würdigt das soziale Engagement der Bauherrin Elisabeth von Rundstedt.
Uta-Barbara Riecke: Die Schönfelder Kirche von Conrad Wilhelm Hase. Bismark-Schönfeld 2011. 47 S. Zu beziehen gegen eine Spende von 15 Euro zzgl. Porto über www.gutskirche-schoenfeld.de
Carola Nathan
Kloster Ilsenburg
2003 wurde das Kloster im Harzstädtchen Ilsenburg 1.000 Jahre alt. Aus diesem Anlass veranstaltete der Harz-Verein für Geschichte und Altertumskunde zusammen mit der Gesellschaft der Freunde und Förderer des Klosters Ilsenburg und der Stiftung Kloster Ilsenburg eine wissenschaftliche Tagung, die sich mit der bewegten Geschichte der ehemaligen Benediktinerabtei, aber auch mit ihrer Stellung innerhalb des Bistums Halberstadt beschäftigte.
Die Ergebnisse der Tagung und seiner jahrelangen Recherchen hat der Leiter der Fachkommission "Rechtsgeschichte des Harzraums und seiner Umgebung" im Harz-Verein, Dr. Dieter Pötschke, in einem Buch zusammengetragen, das alle Facetten der Geschichte beleuchtet. Ein Kapitel beschäftigt sich mit dem Sachsenspiegel Eike von Repchows, einem der wichtigsten Rechtsbücher des späten Mittelalters. Der Autor geht der Frage nach, ob die Urschrift im Skriptorium des Klosters Ilsenburgs entstanden sein könnte.
Dieter Pötschke: Kloster Ilsenburg. Geschichte, Architektur, Bibliothek. Lukas Verlag Berlin und Harz-Verein für Geschichte und Altertumskunde e. V., 2004. ISBN 978-3-936872-14-9. 230 S., 25 Euro.
Carola Nathan
Von der Lust am Schlittenfahren
Das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg hat es sich zur Aufgabe gemacht, Zeugnisse der deutschen Kultur zu sammeln, zu erforschen und zu präsentieren. Die wichtigsten Resultate werden in der Reihe "Kulturhistorische Spaziergänge" veröffentlicht. Dazu gehört auch die Publikation "Heiße Kufen", die sich anschaulich und reich bebildert mit der "Kultur des Schlittenfahrens im deutschen Sprachraum von der Renaissance bis zur Gegenwart" auseinandersetzt. Den sogenannten Prunkschlitten und der höfischen Gesellschaft mit ihrer Lust am Schlittenfahren sowie ihrem damit verknüpften Repräsentationswillen, vor allem im Barock, wird dabei großer Raum gegeben.
Doch auch andere Aspekte des Schlittens werden beleuchtet: So der klassische als Transportmittel und Lastenträger, als Gefährt winterlichen Freizeitvergnügens, sein Anteil am Schneetourismus oder die besondere, weil erzieherische Rolle der Schlittenumzüge bei den studentischen Maskenfesten des 19. Jahrhunderts.
Frank Matthias Kammel: Heiße Kufen. Schlittenfahren: Repräsentation, Vergnügen, Sport. Kulturhistorische Spaziergänge Bd.10, Hrsg.: Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg, 2007, ISBN 978-3-936688-22-1, 176 S.
Christiane Rossner
Dem Volk zur Schau
Kein Museum der Welt kann mit einer derart großen Sammlung an Prunkschlitten aufwarten wie das Württembergische Landesmuseum in Stuttgart. Die meisten Schlitten stammen aus dem Haus der Herzöge von Württemberg. Zum Teil überreich verziert mit Holzschnitzereien, edlen Stoffen, Edelsteinen, Gold- und Silberfäden, Federn sowie Figuren aus Pappmaché, liegt es in der Natur der Sache, dass nur wenige dieser einst so beliebten Prunkschlitten erhalten sind. Einerseits empfindlich im Material, andererseits stark beansprucht und oftmals umgestaltet, sind die erhaltenen 25 Prunkschlitten aus der Renaissance und dem Barock sowie aus dem 19. Jahrhundert mit mehreren Kummeten und Geläuten für die Zugpferde besondere Zeugnisse des höfischen Lebens und der hohen Qualität der damaligen Hofkünstler.
Seit 2002 wird die Schlittensammlung im Schloss Urach südlich von Stuttgart in ihrer Gesamtheit dauerhaft ausgestellt. Begleitend dazu erschien ein Katalog mit großformatigen Fotografien, der über die Sammlung und die Kulturgeschichte des Schlittenfahrens berichtet.
Dem Volk zur Schau. Prunkschlittens des Barock. Die Schlittensammlung des Württembergischen Landesmuseums Stuttgart. Bearbeitet von Fritz Fischer, mit Beiträgen von Bettina Beisenkötter und Elisabeth Krebs. Hrsg.: Württembergisches Landesmuseum Stuttgart. Hirmer Verlag München 2002, ISBN 3-7774-9710-X, 159 S.
Christiane Rossner