Monumente Online

Ausgabe: Februar 2012

Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Schwerpunkt: Sagenumwobene Kulturdenkmale

(c) Wikimedia Commons / (c) Wikimedia Commons Interview

Leben und Werk der Brüder Grimm

Interview mit Dr. Bernhard Lauer

MO: Sie sind Direktor des Grimm Museums in Kassel, das einen ganz besonderen Schatz hütet: die Erstausgabe der Kinder- und Hausmärchen mit Notizen der Brüder Grimm. Seit 2005 gehört sie zum Weltdokumentenerbe der UNESCO. Momentan ist zu beobachten, dass sich die Erzählungen einer ganz besonderen Popularität erfreuen. Neben dem großen Hollywoodfilm "Scheewittchen" vom letzten Jahr erschienen seit 2009 jeweils zu Weihnachten vier hochkarätig besetzte deutsche Neuverfilmungen als ARD-Märchenreihe. Außerdem wurde im Sommer eine der ersten Ausgaben der Märchensammlung für eine sechsstellige Summe in New York versteigert. Wie lässt sich die Aufmerksamkeit für die Brüder Grimm erklären und denken Sie, dass diese auch in der Zukunft weiter andauern wird?

 (c)  Grimm Museum
© Grimm Museum
Von Hermann Biow, einem der bekanntesten Portätfotografen seiner Zeit, entstand 1847 dieses Bild der Brüder Grimm. Großbildansicht

Dr. Bernhard Lauer: Jacob und Wilhelm Grimm haben auf der Grundlage zahlreicher schriftlicher und mündlicher Quellen alle ihnen erreichbaren Zeugnisse populärer Erzähltraditionen zu Beginn des 19. Jahrhunderts zusammengetragen und mit der ihnen eigenen sprachschöpferischen Kraft zu einem der erfolgreichsten Bücher der Weltliteratur gemacht. Ihre 1812 und 1815 in zwei unscheinbaren Bänden ohne jede Illustration erschienenen "Kinder- und Hausmärchen" sind seit zweihundert Jahren der internationale Dreh- und Angelpunkt sowohl der weltweiten Begeisterung für populäre Erzählformen als auch der wissenschaftlichen Forschung, die sogenannte Literarische Volkskunde. Auf Antrag der Brüder Grimm-Gesellschaft sind die Kasseler Handexemplare der Grimmschen Märchensammlung mit zahlreichen handschriftlichen Verbesserungen und Anmerkungen beider Brüder zu Recht von der UNESCO als "Welterbe" der Menschheit anerkannt worden. Sie werden nunmehr wieder in der Dauerausstellung zu Leben und Werk der Brüder Grimm im sanierten Brüder Grimm-Museum in Kassel an der Schönen Aussicht im Original präsentiert.

MO: Neben modernen Figuren wie Harry Potter und Spiderman sind die Protagonisten der Grimm-Märchen noch immer in vielen Kinderzimmern vertreten. Woran liegt es, dass die Erzählungen des 19. Jahrhunderts trotz ihrer "alten Sprache" eine scheinbar immerwährende Aktualität besitzen?

Dr. Bernhard Lauer: Die "Kinder- und Hausmärchen" der Brüder Grimm stellen die klassische Märchensammlung der Weltliteratur dar und umfassen alle bedeutenden Märchenstoffe, zum Beispiel Elemente aus der klassischen Antike wie "Amor und Psyche" des Apuleius, der altindischen Tradition wie das "Pantscha-Tantra" oder "Hitopadescha", der großen persisch-arabischen Sammlungen wie "1001 Nacht" und "1001 Tag" oder schließlich die ersten europäischen Bearbeitungen von Straparola (16. Jahrhundert) und Basile (17. Jahrhundert) in Italien bis zu Perrault und den französischen "Feenmärchen" (Ende des 17. und zu Beginn des 18. Jahrhundert).

Gleichzeitig haben Jacob und Wilhelm Grimm aus mehr als fünfzig mündlichen Quellen geschöpft und jedes ihrer Märchen aus all diesen Quellen quasi neu erschaffen, ohne jedoch den inneren Gehalt der Geschichten zu verfälschen. Der große Erfolg ihrer Märchensammlung beruht einerseits auf der Reichhaltigkeit der verschiedenen Erzählstoffe, andererseits aber vor allem auf dem wunderbaren romantischen Erzählton, auf den die Märchen gestimmt sind, wofür vor allem Wilhelm Grimm verantwortlich gewesen ist, der schließlich die Märchen weiter bearbeitet und von Auflage zu Auflage immer weiter sprachlich verfeinert hat.

 (c)  Grimm Museum
© Grimm Museum
"Sterntaler" von Viktor P. Mohn, 1882 Großbildansicht

MO: Nicht nur in Europa, sondern auch in anderen Kulturkreisen - besonders in Japan - sind die Kindermärchen beliebt. Warum werden sie gerade dort so sehr geschätzt und wann ist die Begeisterung für die "deutschen" Erzählungen in Japan entstanden?

Dr. Bernhard Lauer: Japan war bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts ein weitgehend verschlossenes und unzugängliches Land und hat sich erst mit den Reformen des Kaisers Meiji seit 1867 für Einflüsse aus dem Westen geöffnet. In vielen Bereichen hat man sich dabei an der damals führenden europäischen Macht, dem seit 1870/71 zunehmend erstarkenden Deutschen Reich, angelehnt - etwa im Bildungsbereich. So hat man beispielsweise den von den Schülern Johann Friedrich Herbarts in Deutschland entwickelten "Märchenunterricht" fast unverändert für die japanischen Schulen übernommen.

Seit 1887, als die erste japanische Übersetzung eines Grimm-Märchens in Tokio erschien, hält die japanische Begeisterung für die Brüder Grimm an. Jedes Jahr besuchen sehr viele Japaner die Ausstellungen im Brüder Grimm-Museum. Und auch wir selbst sind schon in vielfältiger Weise mit märchenhaften Ausstellungen im Land der aufgehenden Sonne tätig gewesen, zuletzt mit einer sehr großen und hochrangigen Ausstellung auf mehr als 1.000 qm während der Expo2005 in der japanischen Stadt Nagoya.

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© Grimm-Gesellschaft e.V.
Die Märchen der Brüder Grimm erfreuen sich auch in Äthiopien, Japan und der Ukraine großer Beliebtheit. Großbildansicht

MO: In unserer jüngeren Vergangenheit mit ihren wechselnden politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen änderte sich vermutlich auch der Blick auf die Märchen der Grimms. Wurden sie zum Beispiel in der Zeit des Nationalsozialismus anders rezipiert - oder sogar instrumentalisiert - als zu Beginn des 20. Jahrhunderts und heute?

Dr. Bernhard Lauer: Die Nationalsozialisten haben nicht nur versucht, die Grimmschen Märchen für ihre Zwecke zu instrumentalisieren, sondern beispielsweise auch Jacob Grimms "Deutsche Mythologie", ein bis heute grundlegendes Werk zur germanischen Religionsgeschichte. Das hat unter anderem dazu geführt, dass die Grimmschen Märchen in den westlichen Besatzungszonen in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg teils verfemt waren und nicht gedruckt werden durften. In der polnischen Publizistik nach 1945 hat man sogar behauptet, das Verbrennen der Hexe in dem Märchen von "Hänsel und Gretel" führe direkt in die Gaskammern von Auschwitz. Davon kann natürlich heute keine Rede mehr sein, denn Ursache und Wirkung können so nicht zusammengestellt werden. Gerade heute werden in Polen und in Israel die Grimmschen Märchen ebenso vielfältig rezipiert, adaptiert und illustriert wie in vielen anderen Ländern. Und im Übrigen gibt es in der französischen Märchentradition bei Charles Perrault noch viel grausamere Geschichten, denkt man an seinen "Ritter Blaubart" oder seinen "Däumling".

MO: Die Brüder Grimm waren auch politische Persönlichkeiten. Sie waren Mitglieder der Göttinger Sieben, Jacob Grimm Abgeordneter der Deutschen Nationalversammlung in Frankfurt am Main. Sind ihre Ideen noch heute von Relevanz?

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© Grimm-Gesellschaft e.V.
Kolorierter Umschlag der Großen Ausgabe der Grimmschen Märchen von 1843 Großbildansicht

Dr. Bernhard Lauer: Ohne Rücksicht auf die eigene Person und Familie haben Jacob und Wilhelm Grimm für die Zeit höchst fortschrittliche politische Positionen eingenommen, als sie sich zum Beispiel am Göttinger Professorenprotest beteiligten und in der Folge nicht nur ihre Ämter an der Universität verloren, sondern stellungslos und ohne Einkommen nach Kassel zurückkehren mussten. Ihre Teilnahme am "Protest des Gewissens" kann auch heute noch vorbildhaft sein. Jacob Grimms Vorschlag zu den Grundrechten des Deutschen Volkes, den er 1848 im Paulskirchenparlament in Frankfurt am Main formulierte, hat bis heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt: "Das Deutsche Volk ist ein Volk von Freien, und Deutscher Bogen duldet keine Knechtschaft. Fremde Unfreie, die auf ihm verweilen, macht er frei". Dieses Gedankengut klingt vielleicht auch bis heute durch, wenn man an die Wiedervereinigung der Deutschen 1989, die Parole "Wir sind das Volk" und die große Wertschätzung für die Brüder Grimm in beiden deutschen Staaten denkt.

MO: Von Hanau bis Bremerhaven setzen Orte und Regionen entlang der Deutschen Märchenstraße auf die Erzählungen der Brüder Grimm als Marke. Ist sie ein gutes Beispiel dafür, wie ein breites Publikum an das Thema herangeführt werden kann?

Dr. Bernhard Lauer: Bei den "Kinder- und Hausmärchen" der Brüder Grimm handelt es sich um ortsunabhängige und in vielfacher Hinsicht zeitlose Erzählstoffe. Jacob und Wilhelm Grimm haben sie nicht mit "Deutsche Märchen" betitelt und in ihren Kommentaren stets auf die völker- und ortsübergreifende Tradition dieser Erzählungen hingewiesen. Abgesehen vielleicht von "Frau Holle", die sowohl als Märchen (ohne jeden konkreten Ortsbezug) als auch als Sage (mit belegbaren Bezügen zum Beispiel auf den Hohen Meißner bei Kassel) tradiert wurde, gibt es quasi keine authentischen Märchenorte. Rotkäppchen hat ebenso wenig mit der hessischen Schwalm zu tun, wie Dornröschen von der Sababurg stammt. Dennoch kann man an der 1975 gegründeten "Deutschen Märchenstraße" die authentischen Wohn- und Wirkungsorte der Brüder Grimm in Hanau, Steinau, Marburg, Kassel und Göttingen wirklich erleben wie auch die Wirkungsorte mancher Märchenbeiträge zum Beispiel auf der Knallhütte bei Kassel, von wo die "stockhessische" Märchenfrau Dorothea Viehmann stammt. Die populären Wirkungen der Märchen der Brüder kann man auch in einer speziellen Abteilung der neuen Dauerausstellung des Brüder Grimm-Museums in Kassel studieren.

MO: Das Grimm Museum im Kasseler Palais Bellevue wurde saniert und hat gerade wiedereröffnet. Wurde die Präsentation und Vermittlung der Exponate in diesem Zusammenhang neu konzeptioniert?

 (c)  R. Rossner
© R. Rossner
Das Brüder Grimm-Museum in Kassel Großbildansicht

Dr. Bernhard Lauer: Im nunmehr sanierten Palais Bellevue - seit 1972 Sitz des Brüder Grimm-Museums - sind in einer auf zehn Räume erweiterten Dauerausstellung zu Leben und Wirken der Brüder Grimm die wichtigsten Abschnitte ihres Lebens in neuer Form dargestellt.

Die 2005 von der UNESCO als Weltdokumentenerbe anerkannten Kasseler Handexemplare der "Kinder- und Hausmärchen" stehen im Zentrum der Ausstellung und sind anlässlich des zweihundertsten Jubiläums ihres Erscheinens in einer speziellen Panzerglasvitrine wieder im Original ausgestellt.

Dem Jubiläum der Grimmschen Märchensammlung ist die Sonderausstellung "Als das Wünschen noch geholfen hat - Zweihundert Jahre Kinder- und Hausmächen" im Erdgeschoss gewidmet. Diese von der Brüder Grimm-Gesellschaft konzipierte Schau geht an ausgewählten Beispielen in ihrem ersten Teil der Frage nach, woher die Märchen kommen, wie sie vor der Sammlung der Brüder Grimm in der Antike, in Arabien, Italien, Frankreich und Deutschland tradiert wurden und in welcher Weise sie Eingang in die moderne Märchenrezeption gefunden haben. In einem zweiten Teil wird die Rezeptionsgeschichte verschiedener Märchen (unter anderem Dornröschen, Aschenputtel, Rumpelstilzchen und der Froschkönig) in der Illustrations- und Wirkungsgeschichte farbenprächtig dargestellt.

MO: Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Julia Ricker

Kopfgrafiken - links: Briefmarke mit Rotkäppchen am Bett der Großmutter, in dem der verkleidete Wolf liegt (aus der Serie: Wohlfahrtsmarken 1960: Rotkäppchen) rechts: Die Müllerstochter aus dem Märchen vom Rumpelstilzchen, Illustration von Walter Crane (1886)

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Dr. Bernhard Lauer ist Leiter des Brüder Grimm-Museums in Kassel und Geschäftsführer der Internationalen Brüder Grimm-Gesellschaft.

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