Monumente Online

Ausgabe: Oktober 2011

Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Schwerpunkt: Regionen im Wandel

Sehen lernen

Stein, Blei und Kupfer

Dächer prägen das Bild von Kulturlandschaften

Materialien zur Dachdeckung gibt es viele. Neben den heute am meisten gebräuchlichen Ziegeln finden Stoffe aus der Natur wie Holz, Stroh und Reet Verwendung. Je nach Landschaft und Bedeutung eines Gebäudes nutzt man aber auch Natursteine verschiedener Art oder Metallbleche. Davon soll in diesem Beitrag die Rede sein.

 (c) G. Kiesow
© G. Kiesow
Schieferdächer prägen die Landschaft am Mittelrhein bei Assmannshausen. Großbildansicht

Im Solling, einem Mittelgebirge im Süden Niedersachsens zwischen Leine und Weser kommt ein Sandstein vor, der sich leicht in Platten brechen und damit für die Deckung von Dächern verwenden lässt. Einst waren im Weserraum nahezu alle Bauten mit Sollingplatten gedeckt, heute sind es meist nur noch die besonders wertvollen Baudenkmale wie das Haus Leck im hessischen Grebenstein bei Kassel, das 1431 erbaut wurde und die Dachhaut aus den roten Wesersandsteinplatten 1606 erhielt. Es dient wegen seiner Bedeutung seit den 1960er Jahren als Ackerbürgermuseum. Einst besaßen auch die benachbarten Fachwerkhäuser dieses schöne und landschaftstypische Dachmaterial, jetzt sind sie mit Dachpfannen aus gebranntem Ton gedeckt. Diese halten zwar nicht so lange, sind aber leichter und preiswerter.

Der Nachteil der Sollingplatten ist ihr großes Gewicht, das zu Verformungen der Dachstühle führt. Deutlich zu erkennen ist das an der großen Scheune des Schlosses Bevern an der Weser. Die ungefähr 40x50 Zentimeter großen und 2-3 Zentimeter dicken Platten haben die tragenden Latten zwischen den Sparren des Dachstuhls eingedrückt, so dass eine wellenförmige Oberfläche entstanden ist. Dadurch liegen die Sollingplatten nicht mehr glatt, sondern beginnen sich zu verkanten und könnten abrutschen. Deshalb hat man bereits ein Schutzgitter angebracht. Man sollte bald eine Reparatur durchführen, bei der alle Platten abgedeckt, die Lattung verstärkt und eine Neudeckung unter Wiederverwendung des originalen Materials erfolgen muss. Wenn jedoch alte Platten nicht mehr verwendet werden können, ist es schwer, Ersatz zu beschaffen, weil die Steinbrüche im Weserraum seit längerem geschlossen sind. Das sind die Gründe für das allmähliche Verschwinden der Sollingplattendächer aus den Ortsbildern.

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Die große Scheune des Schlosses Bevern (links) und Haus Leck in Grebenstein sind mit Sollingplatten gedeckt.

Im Altmühlgebiet und in Mainfranken findet man gelegentlich noch Dächer, die mit hellen Kalksteinplatten gedeckt sind, meist in der Verlegetechnik des Schiefers und oft mit diesem gemischt.

Damit kommen wir zum Schiefer, dem wohl am weitesten verbreiteten Natursteinmaterial. Die geeigneten Vorkommen in Deutschland werden inzwischen leider wegen der im Vergleich zu Spanien oder Portugal höheren Kosten nur noch in geringem Maße abgebaut. Einst waren alle Dächer an der Mosel, an der Lahn, am Mittelrhein, im Harz und in den thüringischen Randgebieten mit Schiefer gedeckt, so wie dies noch vor rund 50 Jahren in Assmannshausen am Mittelrhein der Fall war.

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Ein schönes Beispiel für die Altdeutsche Deckung mit Schiefer ist diese nordhessische Scheune. Großbildansicht

Kein anderes Material verlangt vom Dachdecker so sorgfältige Vorbereitungen wie der Schiefer, bei dem vor allem die Altdeutsche Deckung das Behauen jeder einzelnen Platte erfordert. Die aus dem Steinbruch gelieferten Rohtafeln müssen zunächst der Größe nach und entsprechend ihrer späteren Verwendung sortiert werden. Denn für eine Dachfläche wie bei der Scheune aus Battenfeld im hessischen Landkreis Waldeck-Frankenberg benötigt man bis zu 20 verschiedene Schieferformen. Dazu kommen weitere 13, wenn Kehlen bei Gauben einbezogen werden müssen oder die Wände kunstvoll gestaltet werden sollen. Auf der Haubrücke wird jede Platte einzeln für die vorgesehene Form mit dem Schieferhammer zugehauen. Die Grundform ähnelt beim sogenannten scharfen Hieb einem spitz nach unten zulaufenden Tropfen, während beim stumpfen Hieb die linke Krümmung schwächer ist und unten eine Gerade stehen bleibt. Ausgehend von der Trauflinie des Daches werden die Gebinde genannten Reihen schräg nach rechts ansteigend auf die Dachlatten genagelt. Dafür wurden auf der Haubrücke drei bis vier Löcher eingeschlagen. Man muss nichtrostende Nägel zum Beispiel aus Kupfer verwenden, weil Eisennägel, auch wenn sie verzinkt wurden, durch Rost zerstört werden. Die Platten sitzen dann locker und können herabfallen.

Es ist verständlich, dass diese kunstreiche Handwerksarbeit ihren Preis hat. Dennoch hat man bis zum 20. Jahrhundert sogar bei einfachen Wirtschaftsbauten den finanziellen Mehraufwand nicht gescheut, um wie bei der erwähnten Scheune auch die Wände in kunstvollen Mustern zu gestalten.

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Auf englische Weise gedeckt: das Trerice House bei Newquay (oben) und das Gutshaus von Calberwisch in der Altmark. Großbildansicht

In England hat man die Altdeutsche Deckung nicht anwenden können, weil hier der Schiefer schwerer zu brechen ist und in dickeren Platten - fast wie bei den Sollingplatten - vorkommt, die nur rechteckig zugehauen werden können. Wie völlig anders die englische Schieferdeckung wirkt, zeigt das Dach von Trerice House südlich von Newquay in Cornwall. Diese Art war in England seit der Römerzeit üblich, griff dann im 19. Jahrhundert auch auf Deutschland über, da sie wesentlich billiger herzustellen ist. Als englischer Schiefer durch die niedrigen Transportkosten von Eisenbahn und Fährschiffen eingeführt worden war, begann man auch die englische Deckungsart mit deutschem Schiefer herzustellen, weil die rechteckigen Platten sehr einfach mit Schablonen zugehauen werden können. Während der englische Schiefer in unterschiedlichen, eher bräunlichen, rötlichen und grauen Tönen ein wechselhaftes Farbspiel aufweist, wirkt die englische Deckungsart mit deutschem Schiefer oft uniform, wie man beim 1875 erbauten Gutshaus von Calberwisch im Landkreis Stendal bemerken kann.

Besonders haltbar sind Dachdeckungen aus Metall. Dabei werden Bleiplatten schon sehr lange verwendet. Für die Dome in Aachen und Köln sind Bleidächer bereits bei den karolingischen Bauten des 9. Jahrhunderts überliefert. Auch die kleine, aber als Eigenkirche des Bischofs Sigward von Minden sehr kostbare Dorfkirche von Idensen bei Hannover (erbaut 1120-29) besaß anfangs ein Bleidach, das aber 1670 aus finanziellen Gründen verkauft und durch Steinplatten ersetzt wurde. Heute ist der Turm wieder mit Blei gedeckt.

Der hohe Materialpreis ist auch der wichtigste Grund, warum so wenige Bleidächer erhalten sind. So wurden in England im Jahr 2007 zahlreiche Diebstahlmeldungen bei den Versicherungen eingereicht, als die Bleipreise von etwa 500 Dollar pro Tonne im Jahr 2002 auf 3.000 Dollar im Jahr 2007 angestiegen waren. Die hohen Kosten einer Bleideckung werden aber durch die lange Haltbarkeit ausgeglichen. Sie beruht auf der raschen Bildung einer silbergrauen Korrosionsschicht, die wasserundurchlässig ist und das Blei vor weiterer Sauerstoffzufuhr schützt. So können Bleidächer durchaus mehrere Jahrhunderte halten, zum Beispiel beim 1569 erbauten nördlichen Turmhelm der evangelischen Pfarrkirche St. Nikolai in Lemgo, der erst jüngst erneuert werden musste.

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Mit Bleiplatten gedeckt: der Turm von St. Nikolai in Lemgo (links) und eine der Kuppeln von San Marco in Venedig

Nachteil der Bleidächer sind das Gewicht der durch Stehfalze miteinander verbundenen Platten und die hohe Wärmeleitung. Diese wurde zum Beispiel den Gefangenen in den Bleikammern genannten Zellen unter dem Blechdach des Dogenpalastes von Venedig zum Verhängnis. Andererseits sind Bleche aus Blei sehr geschmeidig und lassen sich durch Falzen und Löten auch bei komplizierten Formen wie den Laternen auf den Kuppel von San Marco in Venedig sehr gut abdichten und auch relativ einfach reparieren.

Wenn dennoch Kupferdächer bekannter und beliebter sind, so wegen ihrer leuchtend grünen Patina, wie sie das Obere Belvedere in Wien, 1721-23 für den Prinzen Eugen erbaut, auszeichnet. Das mir bekannte früheste Vorkommen einer Kupferdeckung wird 1524 für die Stadtkirche St. Anna in Annaberg (Erzgebirge) überliefert, diese wurde jedoch schon 1604 durch den Brand des Kirchendaches vernichtet und nicht erneuert.

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Das Obere Belvedere in Wien ist ebenso wie der Lübecker Dom mit Kupferblech gedeckt.

Kupfer lässt sich durch Falzen, Kanten, Biegen und Treiben gut verarbeiten. Jedoch schützt die im Volksmund fälschlich Grünspan genannte Patina das Kupfer nicht so dauerhaft, so dass schneller als beim Blei Reparaturen anfallen. Die nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg erneuerte Kupferdeckung der Turmhelme des Lübecker Doms macht deutlich, dass sich die grüne Patina auf den zunächst rötlich glänzenden, dann schwarz werdenden gewölbten Flächen erst nach längerer Zeit bildet und so Reparaturen als schwarze Flecken erscheinen lässt. Es gibt zwar Mittel, die Patina durch chemische Behandlung sofort zu erzeugen, was jedoch ein zu gleichmäßiges Bild ergeben würde und die Haltbarkeit reduziert.

Prof. Dr. Dr.-Ing. E. h. Gottfried Kiesow

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