Monumente Online

Ausgabe: August 2011

Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Schwerpunkt: Herausforderungen für die Denkmalpflege

 (c) R. Rossner / (c) R. Rossner Kleine Kulturgeschichte

Schlicht und schön

Die Baukunst der sechziger Jahre

Die Architektur der 1960er Jahre hat es nicht gerade leicht in unserer Zeit. Gemeinhin gelten ihre Errungenschaften als hässlich, seelenlos und grau. Kein Zweifel: In jenem Jahrzehnt entstanden monotone und anonyme Großsiedlungen am Rande der Städte, denn die Beseitigung der nach dem Zweiten Weltkrieg herrschenden Wohnungsnot gehörte noch immer zu den vordringlichsten Aufgaben. "Urbanität durch Dichte" war das Schlagwort für die Gestaltung der wieder aufgebauten Innenstädte. Noch heute prägen gesichtslose Zweckbauten und raumfressende Verkehrsschneisen ihr Bild. In der Bundesrepublik ging es mit der Wirtschaft weiter steil bergauf, die öffentlichen Haushalte flossen über. Man setzte auf gewaltige Bauvolumen und schuf große Stätten des Zusammentreffens wie etwa 1964 das erste Einkaufszentrum bei Frankfurt am Main.

 (c) Roland Rossner
© Roland Rossner
Architektur wird zum Zusammenklang unterschiedlicher Materialien: Platten aus Rohglas und gegossenem Aluminium bilden die Fassade des Schmuckmuseums in Pforzheim. Großbildansicht

Die Urheber dieser Bauten waren von einer Zeit geprägt, die wohl gegensätzlicher nicht sein konnte. Denn die Jahre des Aufbruchs, der ersten bemannten Raumflüge und der Bildungsreformen waren auch die Zeit schmerzlicher politischer Gegensätze, des Mauerbaus und der Proteste der außerparlamentarischen Opposition. Ihr architektonischer Widerhall ist eine raue Materialästhetik etwa in Form des gerne verwendeten Sichtbetons. Gerade das, was mit körnigen Oberflächen und filigranen Schalungsspuren eine neue Sinnlichkeit erzeugen sollte, empfindet man heute oft als unansehnlich.

Doch wagt man einen zweiten Blick auf die Architektur der 1960er Jahre, dann entdeckt man sie - die individuellen Einzelbauten, deren ästhetischer Anspruch und innovativer Geist bis heute mustergültig sind.

Zu ihnen gehört das Pforzheimer Reuchlinhaus. Das Ensemble, ein zeitgenössischer Ausdruck des kulturellen Wiederaufbaus, wurde in das Grün des Stadtparks komponiert. Der Bildhauersohn Manfred Lehmbruck (1913-92) entwarf das 1961 fertiggestellte Kulturzentrum aus rechteckigen Kuben, die sich in einem reizvollen Wechsel aus Material- und Raumbildern um einen gläsernen Eingangspavillon gruppieren. Die Baukörper des sich flügelartig in die vier Himmelsrichtungen ausstreckenden Komplexes beherbergten damals Schmuckmuseum, Heimatmuseum, Stadtarchiv und Stadtbücherei sowie Kunstverein. Nachdem 1974 das Heimatmuseum und 2002 die Stadtbibliothek ihre Räumlichkeiten verlassen hatten, ergab sich die Möglichkeit der Erweiterung des Schmuckmuseums.

 (c) Roland Rossner
© Roland Rossner
Neben dem Reuchlinhaus (Foto) schuf Manfred Lehmbruck in den sechziger Jahren zwei weitere spektakuläre Museumsbauten: Das Wilhelm-Lehmbruck-Museum in Duisburg zur dauerhaften Präsentation der Skulpturen seines Vaters und das Federseemuseum in Bad Buchau, das Funde aus prähistorischer Zeit beherbergt. Großbildansicht

Es erfolgte zunächst eine aufwendige Sanierung des nach dem Humanisten Johannes Reuchlin (1455-1522) benannten Ensembles, die bis zur Restaurierung der originalen Innenausstattung reichte. Die raffinierten Treppensysteme, das Mobiliar und die Ausstellungsregale, die als leuchtende Körper von den Decken in die abgedunkelten Räume ragen, entstammen den Entwürfen Lehmbrucks. Die Außengestaltung der Baukörper spielt mit den reizvollen Kontrasten verschiedener Materialien, die auch auf deren Funktion verweisen. Mit einer Natursteinwand aus rötlichen, unregelmäßig geschnittenen Schwarzwälder Sandsteinplatten präsentiert sich an der Treppe zur Eingangsterrasse die fensterlose Wand des einstigen Heimatmuseums. Überragt wird es vom Würfel des Schmuckmuseums, dessen glänzendes Äußeres aus schachbrettartig angeordneten Aluminium- und Rohglasplatten besteht. Das kraterartige Relief der Aluminiumverkleidung steht für das Metall als rohes Element im Zustand der Erstarrung. Der dritte Kubus, eine lichte Stahl-Glas-Konstruktion, dient immer noch dem Kunstverein als Ausstellungshalle, dem der ebenso großzügig verglaste Betonbau der ehemaligen Stadtbibliothek gegenübergesetzt ist.

In seiner Formensprache und konstruktiven Logik erinnert das Reuchlinhaus an die Architektur Ludwig Mies van der Rohes, deren Raffinesse sich in der Reduktion auf mit Glas und Ziegeln ausgefachte Stahlskelettkonstruktionen offenbart. Mies van der Rohe besaß neben Walter Gropius und Richard Neutra sowie Le Corbusier Vorbildfunktion für die deutschen Architekten der Nachkriegszeit.

 (c) Roland Rossner
© Roland Rossner
Die Bonner Universitätsbibliothek: Das Gegenüber von Gebäude und Skulptur schafft ein reizvolles Zusammenspiel elementar gegensätzlicher Formen. Großbildansicht

Auch das Bibliotheksgebäude der Bonner Universität atmet den Geist der internationalen Moderne. Am Rheinufer gelegen, reiht es sich neben den repräsentativen Staatsbauten der jungen Bundesrepublik ein. 1960 nach einem gemeinsamen Entwurf von Fritz Bornemann (1912-2007) und Pierre Vago (1910-2002) vollendet, erhebt sich der kubische Baukörper auf einer weiten Rasenfläche. Vor dem Erdgeschoss werden Rundpfeiler aus Sichtbeton zu Trägern des vorkragenden Obergeschosses und verleihen diesem Leichtigkeit. Ein durchgehendes, rhythmisch gegliedertes Fensterband schafft zusätzliche Transparenz. Die ursprünglich silbrig-glänzende Fassade aus Glassteinen unterstützte diese Wirkung. Nachdem die heutige Universitäts- und Landesbibliothek vor zehn Jahren unter Denkmalschutz gestellt wurde, begannen 2004 umfassende Sanierungsmaßnahmen. Die 1978 durch Alubleche verkleideten Außenwände erhielten dabei einen helltonigen Putz mit besonderem Glimmerzusatz, der an die originale Fassung erinnert. Bemerkenswert ist auch, dass man den gleichzeitig realisierten Erweiterungsbau zum Schutz des Denkmals unterirdisch als zweigeschossigen Raum errichtete.

Die schlichte Eleganz des äußeren Kubus setzt sich im Inneren fort, wo man von einer erhöhten Eingangszone aus das gesamte Erdgeschoss mit Leihstelle, Lesesaal und Atrium einsehen kann. Im Kontrast zur Schaufassade präsentiert sich die Rheinfront komplett verglast und gegliedert durch filigrane Metallstreben.
Der rational-geometrischen Strenge des Bibliotheksgebäudes ist die Wolkenschale von Hans Arp gegenübergestellt. Eine organisch geformte, abstrakte Skulptur, die inmitten der Freifläche vor der Eingangsfassade ihren Platz gefunden hat.

 (c) Roland Rossner
© Roland Rossner
Eingangsbereich der Bonner Universitätsbibliothek Großbildansicht

Hauchdünn und Federleicht

Jenseits der modernen "Würfel" der internationalen Nachkriegsarchitektur schwingt am Ostseestrand in Warnemünde ein luftiges Dach dreimal auf und ab, die Wellenbewegungen des Meeres fortführend. Es gehört zum Teepott, einem runden Pavillon, den 1968 Ulrich Müther (1934-2007) erbaute und der seither ein Ensemble mit dem alten Leuchtturm bildet. Dass die DDR-Architektur der sechziger Jahre mehr zu bieten hat als triste Plattenbauten, beweisen gerade die Werke Müthers. Sie alle besitzen virtuose, organisch bewegte Dachkonstruktionen. Nach mathematischen Prinzipien gebaut, bestehen die sogenannten Hyperschalen aus einem dichten Stahlgeflecht, in das Spritzbeton eingebracht wurde. Trotz ihrer geringen Stärke - beim Teepott sieben Zentimeter - verfügt die Betonschicht über die notwendige Stabilität. Nach 1989 verloren viele der Gebäude ihre ursprüngliche Funktion und standen leer, ihre Bausubstanz nahm Schaden und sie wurden teilweise abgerissen. Manche von ihnen wie das Schwimmbad in Baabe auf Rügen sind jedoch inzwischen vorbildlich wiederhergestellt. Vor einigen Jahren konnte auch der drohende Abriss des Teepavillons in Warnemünde verhindert werden. Da sich ein Investor entschloss, ihn umfassend zu sanieren, kann man dort heute wieder einkehren.

 (c) Roland Rossner
© Roland Rossner
Der Teepott ist ein typisches Beispiel für Ulrich Müthers Betonschalen. Sie waren ein Exportschlager. Müther entwarf und baute zum Beispiel auch die Kuppel des Zeiss-Planetariums in Wolfsburg. Großbildansicht

Das kühne Experimentieren mit organischen Formen aus hauchdünnem Schalenbeton ist typisch für die Architektur der 1960er und der 1970er Jahre. Frei Otto (*1925) nahm sich andere Prinzipien der lebenden Natur zum Vorbild, zum Beispiel die Zelle. Seine fein gespannten, federleichten Membrankonstruktionen wurden zu Meilensteinen der Architekturgeschichte. Die Nähe zur Natur bewegte Otto dazu, ökologische Ideen, zum Beispiel bei der Energiegewinnung, in seine Architektur einfließen zu lassen, und das in einer Zeit, in der Umwelt- oder gar Klimaschutz noch nicht Teil der gesellschaftlichen Diskussion waren.

Schlicht und schön

Auch Egon Eiermann (1904-70) beschäftigte sich in den sechziger Jahren mit den Möglichkeiten eines natürlichen Klimasystems. Die Ausführung der Fassaden, insbesondere seiner Verwaltungsbauten, sollte sich auf die Qualität der Innenräume günstig auswirken, indem sie für blendfreies Licht, gute Belüftung und Temperierung sowie Sonnenschutz zu sorgen hatten. Eingeholt wurden seine Überlegungen jedoch schon wenige Jahre später von der voranschreitenden technischen Entwicklung, die mittels thermischer Trennung ein optimales Raumklima zu erzeugen vermag.

Vertikale und horizontale Stäbe lassen die von Eiermann entworfenen Gebäude der 1968 bis 1972 errichten Olivetti-Zentrale in Frankfurt am Main-Niederrad filigran erscheinen. In ihrer Aufgelöstheit erwecken die mit Sonnenjalousien bespannten 11- und 13-geschossigen Türme den Eindruck schwebender Leichtigkeit. Als voluminöse Skulpturen wachsen sie wie Blütenkelche in den Himmel. Die Olivetti-Türme flankieren zwei Flachbauten, in denen Empfang, Werkstätten, sowie Verkaufs-, Ausstellungs- und Schulungsräume mit Cafeteria unterbracht waren. 1995 bis 2000 wurde das Ensemble - damals noch nicht unter Denkmalschutz gestellt - mit viel Feingefühl modernisiert und von Asbest befreit. Noch heute überzeugt die Ästhetik der prägnanten Baukörper, die inzwischen an verschiedene Nutzer vermietet sind. Viele andere Gebäude in Niederrad stehen dagegen leer, was die Stadt Frankfurt durch die Umstrukturierung des Büroviertels in ein Arbeits- und Wohnquartier ändern will.

 (c) Pielok Marquardt Architekten, Offenbach am Main
© Pielok Marquardt Architekten, Offenbach am Main
Trotz ihrer einheitlichen Rasterstruktur wirken die aufgelösten Fassaden Eiermanns, wie die der ehemaligen Olivetti Zentrale nicht starr, sondern schwebend, grazil und transparent. Großbildansicht

Nicht alle Denkmale der Nachkriegsmoderne sind in der glücklichen Lage, weiterhin in ihrer ursprünglichen Funktion genutzt oder auch nur instand gehalten und gepflegt zu werden. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz möchte für mehr Verantwortungsbewusstsein und Sensibilität im Umgang mit den Bauten der 1950er und 1960er Jahre werben und dabei helfen, unser jüngstes kulturelles Erbe für die Zukunft zu bewahren. Denn es gibt sie überall, die schützenswerten architektonischen Perlen der Nachkriegsarchitektur. Man muss nur den Blick schärfen und manchmal die Perspektive wechseln, um sie zu finden.

Julia Ricker

Berliner Festspiele feiern
Das von Fritz Bornemann entworfene und 1963 eröffnete Theater der Freien Volksbühne beherbergt heute die Berliner Festspiele. Pünktlich zum 60. Geburtstag der Berliner Festspiele wird auch die denkmalgerechte Modernisierung des Gebäudes abgeschlossen sein und mit einem großen Fest am 27.08.2011 gefeiert. www.berlinerfestspiele.de

50 Jahre Reuchlinhaus
In diesem Jahr wird das Reuchlinhaus 50 Jahre alt. Aus diesem Anlass gibt es am 23.10.2011 ein buntes Veranstaltungsprogramm aus Achitekturführungen, Theaterinszenierungen, Workshops für Kinder und Musik aus den 1950er/1960er Jahren. Außerdem wird eine Dauerausstellung über den Architekten Manfred Lehmbruck eröffnet. Der Eintritt ist an diesem Tag frei. www.pforzheim.de   

Vielen Dank an Pielok Marquardt Architekten, die die Olivetti Türme modernisiert haben, für das Bereitstellen der Bilder.

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Kommentare anderer Leser

  • Name: Frau Welter 01.06.2013

    Danke! 50er Jahre-Bauten sind nicht nur trostlose Häuser, die schnell und günstig hochgezogen werden mußten, um den Bedarf zu decken. Die Bundesmonopolverwaltung in Offenbach ist für mich ein echtes highlight, die vom gleichen Architekten erbaute Beethovenschule dagegen leider abgerissen.

  • Name: Martin Weber 15.08.2011

    Leider ist derzeit wieder ein bedeutender Bau von Egon Eiermann vom Abriss bedroht: das ehemalige Verseidag-Gebäude in Krefeld, das der Stadt gehört und systematisch vernachlässigt wurde. Es soll einem neuen Gebäude für die Stadtverwaltung Platz machen?

    Mit besten Grüßen

    Martin Weber,

    Vorstandsmitglied der

    Egon-Eiermann-Gesellschaft e.V.

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