Monumente Online

Ausgabe: Juni 2011

Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Schwerpunkt: Neue Nutzung von Sakralräumen

Kleine Kulturgeschichte

Heilige im Rankenmeer

Akanthusaltäre in der Oberpfalz

Wie eine überdimensionale Monstranz mutet der Hochaltar von St. Katharina im oberpfälzischen Reuth bei Erbendorf an. Kunstvoll verflochtene Akanthusranken rahmen das Gemälde der Kirchenpatronin sowie das Bild der Heiligen Sippe darüber. Die aufgesetzten, lüsterfarben gefassten Blüten erscheinen von ferne wie funkelnde Edelsteine. Das filigrane Schnitzwerk, durch das vom rückwärtigen Chorfenster Licht einfällt, lässt das Gebilde fast schwerelos erscheinen. Im Vordergrund umranken weitere Akanthusblätter den Tabernakel, der als Herz Jesu mit Flammen und Dornenkrone gestaltet ist.

 (c) ML Preiss
© ML Preiss
Schnitzwerk in Vollendung: der Vierzehn-Nothelfer-Altar von Thumsenreuth Großbildansicht

Das 1717 als Schlosskirche errichtete Gotteshaus beherbergt einen der prächtigsten Akanthusaltäre der Region. Sein Schöpfer war vermutlich der Schulmeister, Organist und Bildhauer Johann Christoph Windisch. Er schenkte der Nachwelt ein wahres Meisterwerk dieser für die Oberpfalz typischen Sonderform hochbarocker Altäre.

Der Akanthus zählt zu den bekanntesten Ornamenten in der europäischen Kunst. Nach dem Vorbild der im Mittelmeerraum beheimateten Staudenpflanzen fanden die großen, gezahnten Blätter in stilisierter Form schon in der Antike breite Verwendung und wurden zum Hauptmerkmal des korinthischen Kapitells. Bereits im Hellenismus war das Rankenmotiv ausgeprägt, das die Epochen überdauern sollte. Eine neue Hochzeit erlebte das Ornament im Barock und wurde erst um die Mitte des 18. Jahrhunderts durch die Rocaille, das typische Muschelornament des Rokoko, abgelöst.

 (c) ML Preiss
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Der Altar von St. Katharina in Reuth gilt als Werk von Johann Christoph Windisch Großbildansicht

Beim Akanthusaltar vermisst man den klassischen architektonischen Aufbau: Der Aufsatz wird gleichsam zum monumentalen Ornament, in das Gemälde oder Schnitzfiguren integriert sind. Das Rankengeflecht kann die Gestalt eines Baumes, eines Herzens oder einer Mandorla annehmen. Diese ungewöhnlichen Altäre finden sich aber nicht nur in der Oberpfalz, sondern zahlreich auch im benachbarten Böhmen sowie in Niederbayern, in Österreich, vereinzelt in Schlesien, Ungarn und Slowenien. Die meisten Beispiele entstanden zwischen 1680 und 1720 abseits der großen Zentren - geschaffen nicht etwa von berühmten Künstlern, sondern meist von örtlichen Handwerkern.

Wo der Typus seinen Ausgang genommen hat und welche Ideen ihm zugrunde liegen, ist nicht eindeutig zu bestimmen. Im Barock bestand ein enger künstlerischer Austausch zwischen Ostbayern und Böhmen, die katholischen Regionen verschmolzen zu einem Kulturraum. Bedeutende Handelswege wie die Goldene Straße, die seit dem Mittelalter von Nürnberg nach Prag führte, begünstigten wechselseitige Impulse.

Einer der ältesten datierbaren Akanthusaltäre der Oberpfalz steht in der Wallfahrtskirche St. Quirin bei Ilsenbach. Den Hochaltar für das 1687 geweihte Gotteshaus stifteten Fürst Ferdinand August von Lobkowitz und seine Gemahlin, die Markgräfin zu Baden-Baden. Das zentrale Gemälde zeigt das Pfingstwunder. Vom Stifterwappen bekrönt und von Engeln flankiert, ist es in einen vollplastischen Akanthuskranz eingestellt, der hier wie eine Mandorla geformt ist. Aus dem Blattwerk herausragende Blüten steigern die plastische Wirkung noch.

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Blick in den Chor der Katholischen Filialkirche Vierzehn Nothelfer in Hirschau Großbildansicht

In der Nothelferkirche von Hirschau wuchern die Ranken so in die Fläche, dass der um 1710 entstandene Akanthusaltar mit den vierzehn Nothelfern die gesamte Chorwand ausfüllt. Er war eine Stiftung des Stadtschreibers Johann Jakob Weinzierl für die einstige Wallfahrtskirche, die regelmäßig Pilgerscharen anzog. Der fromme Mann hatte dem Bildhauer Johann Hirschl genaue Vorgaben gemacht, wen er auf welche Weise verewigt sehen wollte: "der seligen Mutter Gottes Statua, Mannsgröße, dann auch der heilige Sebastiani, Rochi und Floriani Bildnisse, jedes von vier Schuh hoch". Die vollplastischen Figuren stehen jeweils auf einem Akanthuspodest mit Namensschild.

Wenig später hatte die "Mode" der Akanthusaltäre ihren Zenit auch schon überschritten. Dennoch schuf Sigmund Windisch um 1750, als man andernorts schon in Rocaillen schwelgte, einen Vierzehn-Nothelfer-Altar in den gewohnten Formen für die ehemalige, 1923 profanierte Veitskirche in Erbendorf. Vielleicht folgte der Schreiner und Bildhauer einfach der Familientradition: Er war der Sohn von Johann Christoph Windisch, dem der Reuther Hochaltar zugeschrieben wird. Heute steht der jüngste Akanthusaltar der Oberpfalz in der 1935 erbauten Katholischen Pfarrkirche von Thumsenreuth. Kleinteiliges Blattwerk umgibt die zentrale Nische mit der um 1500 entstandenen Figur des heiligen Vitus. Darauf sind die Büsten der übrigen Nothelfer samt Schriftbändern angeordnet. Wie auf einer himmlischen Bühne scheinen die Heiligen hier als Fürsprecher zu agieren.

Ob die Akanthusaltäre nun als Mandorla oder Herz gestaltet sind oder mit emporstrebenden Rankengebilden zuweilen an die spätmittelalterlichen Wurzel-Jesse-Altäre erinnern - die fehlende architektonische Bodenhaftung sowie der Goldschimmer und die Lichteffekte des durchbrochenen Laubwerks lassen sie häufig wie eine schwebende Gloriole erscheinen. Die andächtige Versenkung der Gläubigen mag dies nur verstärken.

Bettina Vaupel

Literatur:
Wolf-Dieter Hamperl und P. Aquilas Rohner: Böhmisch-oberpfälzische Akanthusaltäre. Verlag Schnell + Steiner, Regensburg 1984 (2. Aufl. 1999)  

Kopfgrafik rechts: Heiligenfiguren auf dem Vierzehn-Nothelfer-Altar von Thumsenreuth

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