Monumente Online

Ausgabe: Oktober 2010

Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Schwerpunkt: Kulturelle Einflüsse auf Architektur und Kunst

(c) Thomas Wolf, Gotha /(c) Thomas Wolf, Gotha Streiflicht

Der Affe als Höfling

Die flämischen Affenteppiche von Arnstadt

Graf Günther XLI. von Schwarzburg wünschte ein prächtiges Fest. Seinen Gästen sollte es an nichts fehlen, besonders nicht an kulinarischen Köstlichkeiten: Kannen und Krüge, gefüllt mit Wein und Bier, standen bereit, frisch erlegte Wildschweine, Rehe und Fasane, Tauben und Hasen wurden auf großen Platten und kostbaren Tellern serviert. Noch viele Vergnügungen wie Jagd, Tanz und Theater hatte der Gastgeber vorgesehen. Die Stimmung der Hofgesellschaft war bestens - so wie es die flämischen Affenteppiche von 1559 zeigen, die die Festräume des Grafen schmückten.

Nun stutzt vielleicht so mancher Leser. Eine höfische Gesellschaft wird von Affen dargestellt? Von dem Tier, das im christlichen Mittelalter zu den symbolbeladenen gehört, und zwar im schlechtesten Sinne? Der Affe steht für Sünde, Laster, Eitelkeit, Feigheit und Prunksucht. Ein Affe, der, wie auf Graf Günthers Teppichen einem Pavian ähnlich sieht, wurde sogar als die Personifikation des Teufels betrachtet: Er hat einen Kopf, aber keinen Schwanz, entsprechend dem Satan, dem als Erzengel ein Anfang, aber kein Ende zugeschrieben wurde.

 (c)  Thomas Wolf, Gotha
© Thomas Wolf, Gotha
Der aus Wolle und Seide gewirkte Teppich von 1559 unterhält den Betrachter mit höfischen "Affen beim Schmaus im Walde". Großbildansicht

Was mag den Grafen bewogen haben, der geladenen Festgesellschaft bei seiner Hochzeit 1560 mit Katharina von Nassau auf seinem neuen Schloss Neideck eine dafür erworbene Serie sechs großformatiger Tapisserien mit "Geschichten von Affen" zu präsentieren?

Der 31-jährige Graf von Schwarzburg-Arnstadt (1529-83) regierte mit seinen Brüdern über die Grafschaft Schwarzburg. Er hatte an Fürstenhöfen eine vorzügliche Ausbildung genossen, hatte - zu der Zeit noch recht ungewöhnlich - studiert, war Kriegsherr, Diplomat und kaiserlicher Vertrauter. Seine 16-jährige Braut Katharina von Nassau entstammte aus noch edlerem Hause: Ihre Mutter war Juliana von Stolberg, die Ahnfrau des Hauses Oranien-Nassau, ihr Bruder Wilhelm von Oranien (1533-84) Statthalter der Niederlande und später Begründer der niederländischen Unabhängigkeit. Günther und Wilhelm wurden nicht nur Schwäger, sie waren auch gute Freunde. Die Dienstpflicht führte den Schwarzburger Grafen oft in die unter Habsburger Herrschaft stehenden Niederlande, vor allem an den Hof in Brüssel und nach Antwerpen.

 (c)  Thomas Wolf, Gotha
© Thomas Wolf, Gotha
Das Detail zeigt Affen bei der "königlichen" Falkenjagd. Bei der Stadt im Hintergrund könnte es sich um Rom handeln. Die Art der Darstellung lässt zudem vermuten, dass die Arnstädter Tapisserien zu den ersten gehören, die Jagdszenen mit Affen präsentieren, die wie Menschen agieren. Großbildansicht

Gerade als Kunstsammler kamen ihm diese Aufenthalte zupass. In Brüssel, einer Hochburg der Teppichwirkerei, und in Antwerpen war er am Puls der Zeit und wusste, dass sich mit der Entdeckung der Welt auch der geistige Horizont erweiterte. In diesem gebildeten Umfeld entging es ihm nicht, dass der Exot Affe immer mehr von seinem religiösen Symbol-Ballast befreit und ihm stattdessen eine neue, ungemein große Wertschätzung zuteil wurde. Er, der den Menschen nachäfft und verspottet, der sie zum Bösen verleiten will, avanciert nun gleichzeitig zum Inbegriff der gottähnlichen Eigenschaften des Menschen. Jetzt vereint er in sich all die erstrebenswerten Fähigkeiten, durch die der Mensch die Natur nachahmt und vollendet - im Universum des Renaissance-Menschen sind dies die Künste und die Wissenschaften. Bereits der italienische Dichter und Renaissance-Vordenker Giovanni Bocaccio (1313-75) hatte den Affen zur Allegorie der Kunst schlechthin umgewertet. Daher bestellte Graf Günther für seine Hochzeitsfeierlichkeiten, bei denen sich eine erlesene Gesellschaft zusammenfand, die flämischen Affen-Teppiche mit Szenen des höfischen Lebens. Dazu gehörte auch die Kunst der Jagd, und zwar die "Königsdisziplin", die Falkenjagd.

Tapisserien galten damals als eines der wichtigsten Instrumente zur Repräsentation und Legitimation. Zu besonderen Anlässen des Hofzeremoniells wie Krönungen, Empfängen, Hochzeiten, Geburten und Beerdigungen wurden sie als prachtvoller Schmuck eingesetzt. Dabei war die Wahl der Themen sehr wichtig, für deren Darstellung Künstler die Vorlagen schufen. Neben den Affenteppichen hatte Günther auch neun Tapisserien geordert, die aus dem Leben des Apostels Paulus erzählen. Denn Tapisserien mit der Geschichte der Apostel wurden zu dieser Zeit an verschiedenen Fürstenhöfen bevorzugt gesammelt. Günther hatte einen selbstbewussten Sinn für die Darstellung seiner Person, seiner Familie und seines Standes. Er leistete sich und seiner Braut nicht nur das neue Schloss Neideck in Arnstadt, sondern er besaß neben zahlreichen Kunstwerken auch 75 wertvolle Tapisserien, wie ein Inventar nach seinem Tod 1583 festhielt. Zum Vergleich: 1544 gehörten Kaiser Karl V. 131 Bildteppiche.

Die mehrtägige Hochzeit von Graf Günther XLI. und Katharina von Nassau ging als das glanzvollste und aufwendigste Fest seiner Art in die thüringische Geschichte ein. Damals schon als ungewöhnliches Bildmotiv bestaunt, gelten auch heute unter den elf kostbaren Tapisserien die beiden erhaltenen Affenteppiche als die spektakulärsten Exponate des Arnstädter Schlossmuseums.

Christiane Rossner

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