Monumente Online

Ausgabe: Oktober 2010

Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Schwerpunkt: Kulturelle Einflüsse auf Architektur und Kunst

(c) ML Preiss / (c) ML Preiss Kleine Kulturgeschichte

Verpackt, Vergessen, Wiederentdeckt

Wie türkischer Rokoko nach Dresden kam

Marokkanische Teetabletts, Wasserpfeifen und Brettspiele aus Tunesien, persische Duftlämpchen und indische Kissen verwandeln heutzutage viele Privatgärten in ein romantisches Idyll. Kaum ein Mode- oder Einrichtungsmagazin mag auf das Ambiente des "oriental style" verzichten, das jeder kühlen Großstadtwohnung einen Hauch Fernweh verleiht. Dieses Domestizieren von Dingen aus anderen Kulturkreisen ist nichts Neues. Doch manchmal sind die Wege der Souvenirs aus dem "Orient" recht verschlungen.

Ein banales Mitbringsel von seinen Reisen durch Nordafrika und das damalige Osmanische Reich hätte Karl Ernst Osthaus, den 1874 in Hagen geborenen einflussreichen Kunstsammler, Kulturreformer und Gründer des 1902 eröffneten Folkwang-Museums, nicht interessiert. Osthaus plante in seiner Heimatstadt ein außergewöhnliches Museum. Deshalb dachte er in größerem Maßstab: Er suchte nach einem komplett erhaltenen, traditionellen Zimmer aus dem Hause eines wohlhabenden Kaufmanns in Damaskus.

 (c)  ML Preiss
© ML Preiss
Eine 200 Jahre alte Raumausstattung: Das Damaskuszimmer wurde laut Versinschrift im Jahr 1225 H angefertigt; das entspricht nach christlicher Zeitrechnung den Jahren 1810/11. Wer der Auftraggeber war, gilt es noch herauszufinden. Großbildansicht

Osthaus bestellte eine solche Raumausstattung in Damaskus, erhielt sie auch dank der Diplomatie des deutschen Konsuls Ernst Lütticke - und er bezahlte wie gewohnt die Rechnung. Erst seit 2010, seit dem Archivfund der mit dem Zimmer betrauten Restauratorin, weiß man, dass diese Rechnung am 22. März 1899 ausgestellt wurde - mithin zu einem Zeitpunkt, als Osthaus' Museum schon seit einigen Monaten im Bau war.

Doch die bei ihm in Hagen per Schiff in hundert Einzelteilen angelieferte Rarität wurde nie ausgepackt. Denn mittlerweile hatte sich das Museumskonzept dank des fruchtbaren künstlerischen Austauschs zwischen Osthaus und dem belgischen Künstler und Architekten Henry van de Velde weiterentwickelt: Anstatt ein von den Naturwissenschaften inspiriertes, islamisches Museum in Hagen einzurichten, sammelte Osthaus nunmehr systematisch zeitgenössische, moderne, damals von vielen angefeindete Malerei. Daher verschwanden die sperrigen Pakete aus Damaskus gleich bei der Anlieferung 1899 in Hagen auf dem Dachboden. Dort lagerten sie mehr als zwei Jahrzehnte, noch immer original verpackt, und schützten so die Wandvertäfelung des Damaszener Empfangsraums von 22 Quadratmetern Größe. Als Osthaus unerwartet 1921 starb, fiel sein Nachlass an eine Erbengemeinschaft.

 (c)  ML Preiss
© ML Preiss
Die Restauratorin Anke Scharrahs forscht seit fast zehn Jahren in verschiedenen Archiven und in Damaskus über die Herkunft und Herstellungstechnik des Zimmers. Großbildansicht

Glücklicherweise war einer dieser Erben der 1901 in Burgstädt bei Chemnitz geborene junge Kunstwissenschaftler Dr. Hellmuth Allwill Fritzsche. Die sächsische Residenzstadt war zu seiner Zeit noch stärker als heute von den Orient-Sammelleidenschaften der barocken Adelsgesellschaft geprägt. Nicht nur dem Stadtplan Dresdens lagen die städtebaulichen und politischen Konzepte des sächsischen Barock zugrunde; auch die großen Sammlungen, die viele Adelige in jener Blütezeit im 17. und frühen 18. Jahrhundert aus der ganzen Welt zusammengetragen - und ausgepackt - hatten, waren vor der Zerstörung Dresdens im Zweiten Weltkrieg noch vollständig erhalten.

Erinnert sei an dieser Stelle nur an das mittlerweile wiederhergestellte Dresdner Schloss und den Zwinger, wo etliche Säle mit wertvollen Kunstwerken aus chinesischem Porzellan ausgestattet sind und wo im Grünen Gewölbe feinste Edelsteinpretiosen funkeln; man denke auch an die asiatisch geschwungenen Dächer von Schloss Pillnitz, an das 1907 in Gestalt einer Moschee errichtete Tabakkontor Yenidze und vieles mehr.

Vor diesem Hintergrund lag es für Fritzsche nahe, die Erbengemeinschaft davon zu überzeugen, das Damaskuszimmer dem Völkerkundemuseum seiner Heimatstadt zu schenken; dadurch befindet sich das Zimmer noch heute im Besitz dieser Einrichtung. Fritzsche selbst starb 1942 an seinem 41. Geburtstag an der Front in Russland.

Und in Dresden wurde das wertvolle Souvenir noch immer nicht ausgepackt - glücklicherweise, kann man rückblickend feststellen! Denn sonst wäre der Raum aus Holz wahrscheinlich im Zwinger aufgebaut worden und 1945 verbrannt. Nach dem Krieg hatten Museumsleute, Denkmalpfleger und Restauratoren jahrzehntelang Wichtigeres zu tun. Aus Mangel an Geld und Ausstellungsfläche schlummerten die alten Pakete aus Damaskus weiterhin im Museumsdepot.

 (c)  ML Preiss
© ML Preiss
Die Bilder zeigen, was die Restauratorin bereits durch Reinigung der verschmutzen Oberflächen an Farbenreichtum sichtbar machen konnte. Großbildansicht

Erst die Ethnologin Annegret Nippa, von 1997 bis 2003 Direktorin des Museums, suchte im Depot nach dem Zimmer, von dessen Existenz sie durch eine Fußnote in einem Fachaufsatz wusste. Nippa war es, die es 1997 auspacken ließ. Als dann die Holzpaneele und Deckenteile im selben Jahr im Völkerkundemuseum zum ersten Mal öffentlich gezeigt wurden, war dies für die Fachwelt zwar eine Sensation - doch für manchen Museumsbesucher eher unspektakulär. Denn was man damals, vor 13 Jahren, sehen konnte, das waren schlichtweg düstere Bretter: Graubraunes, seit zwei Jahrhunderten nicht gereinigtes, verstaubtes Holz, das bei manchem Betrachter Erinnerungen an eigene verzweifelte Stunden mit einem Regalbausatz aus dem Möbelhaus hervorrief. Wozu sollte man dieses Puzzle überhaupt reinigen, wozu es zusammenbauen, wenn doch niemand wusste, wie es - in Gänze zusammengesteckt - aussehen würde? Von dem heute allmählich erkennbaren Schmuckreichtum war damals wenig zu ahnen.

Drei Frauen, die Restauratorin Anke Scharrahs und die Architekturstudentinnen Ulrike Siegel und Antje Werner, wagten sich an das Puzzle ohne Vorlage. Scharrahs suchte in Archiven nach den personellen Verbindungslinien zwischen Hagen und Damaskus und fand die eingangs erwähnte Rechnung von 1899. Inzwischen kann sie auch die Herstellungstechniken nachvollziehen und hat viele Teile vorsichtig gereinigt. Dadurch werden allmählich die schillernden Farben sichtbar. Scharrahs fand heraus, wie aufwendig die Verzierungen gearbeitet sind: Sie bestehen aus vielen verschiedenen Materialien wie poliertem Blattgold und Blattkupfer, gemahlenem blauen Glas, aus silberner Zinnfolie mit transparentem grünen Lack, glitzerndem gelben Auripigment und kräftig leuchtender orangefarbener Mennige. Die farbenprächtige Ornamentik erzeugt durch das Spiel des Lichts auf den kontrastierenden Oberflächen fast den Eindruck einer textilen Wanddekoration. Die raffinierte Komposition aus Farben, Formen und der architektonischen Gliederung zeugt von einer hohen Kunstfertigkeit, die heutzutage unerreichbar scheint.

Während das Damaskuszimmer nun langsam und abhängig vom finanziellen Spielraum restauriert wird, können Besucher diesen Prozess im Völkerkundemuseum selbst beobachten. Das Museum ist im Japanischen Palais untergebracht, einem stattlichen Barockbau mit fernöstlich anmutendem, geschwungenem Kupferdach am rechten Elbufer. Dieses Palais wurde 1715 für den Grafen von Flemming gebaut, einen Günstling von Kurfürst Friedrich August I., meist August der Starke genannt. Flemming präsentierte seine eigene umfangreiche Porzellansammlung seit 1722 im Japanischen Palais. 1953 zog das Völkerkundemuseum in das nach den Kriegsschäden wiedererrichtete Gebäude.

 (c)  ML Preiss
© ML Preiss
Großbildansicht

Das Museum würde das Damaskuszimmer gern wieder vollständig aufstellen. Doch das geht nicht ohne Drittmittel, ohne Spender und Sponsoren. Mehr als 5.000 Arbeitsstunden hat Anke Scharrahs inzwischen investiert. Je mehr sie restauriert, je mehr sie zeigen kann, desto deutlicher schält sich aus den alten Brettern ein arabisch-osmanisches Kleinod heraus, wie es mittlerweile selbst in Damaskus nur selten erhalten ist. Deshalb sind nun umgekehrt auch Denkmalpfleger und Restauratoren aus Damaskus an dem Raum in Dresden interessiert und kommen ins Museum, um sich über die Herstellungstechniken auszutauschen.

Eines ist mittlerweile klar geworden: Das Dresdner Damaskuszimmer ist eine Rarität, denn es ist nicht aus mehreren Räumen ähnlicher Art zusammengekauft und neu arrangiert. Derartige zusammengestellte arabisch-osmanische Zimmer gibt es beispielsweise in Honolulu in der Doris Duke Foundation for Islamic Art oder in Kuala Lumpur im Museum for Islamic Art oder sogar in Potsdam, wo das sogenannte Arabicum in der Villa Gutmann eingebaut ist. Vollständig erhaltene Zimmer sind hingegen nur wenige bekannt: Eines im Metropolitan Museum of Art in New York, eines im Museum für Islamische Kunst auf der Berliner Museumsinsel - dies ist das berühmte Aleppo-Zimmer, das auf 1601 datiert ist - und das dritte ist das hier vorgestellte Zimmer. Diesem exotischen und dabei doch so modernen Raum wäre es zu wünschen, wenn man ihn wieder in voller Schönheit erleben könnte.

Angela Pfotenhauer

Das Damaskuszimmer ist ausgestellt im Japanischen Palais, dem Museum für Völkerkunde Dresden, Palaisplatz 11, 01097 Dresden, geöffnet Di-So von 10 bis 18 Uhr.

Die Sanierung des Japanischen Palais wurde im Jahr 2003 unter anderem von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz gefördert.  

Ihr Kommentar

Ihr Leserbrief
Absenden

Kommentare anderer Leser

  • Name: Bernd Nowack 25.11.2010

    Ich bin immer auf der Suche nach Informationen über Dr. Fritzsche. Wer ein Foto von Dr. Fritzsche ansehen möchte, dem empfehle ich meinen Blogbeitrag: http://barrynoa.blogspot.com/2008/03/bn-und-hellmuth-allwill-fritzsche.html

Die Redaktion behält sich die Prüfung, Bearbeitung und Kürzung von Kommentaren vor, bevor sie online gestellt werden.

Artikel zum Thema
Streiflichter
Kleine Kulturgeschichten aller Ausgaben
  • Kleine Kulturgeschichten aller Ausgaben
Denkmale in der Nähe

Erkunden Sie Denkmale in der Nähe. Gehen Sie einfach auf die Markierungen in der Karte, um weitere Informationen zu erhalten und klicken Sie, um die entsprechenden Artikel aufzurufen.

Newsletter

Einfach und bequem

Lassen Sie sich per E-Mail informieren, wenn eine neue Ausgabe von Monumente Online erscheint.

Deutsche Stiftung Denkmalschutz