Monumente Online

Ausgabe: August 2010

Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Schwerpunkt: Macht und Repräsentation im Barock

c) Landesmedienzentrum Baden-Württemberg Denkmal im Blickpunkt

Zu Höherem berufen

Die Baden-Badener trumpfen mit Architektur

Als Ludwig Wilhelm von Baden-Baden sechs Jahre alt war, ließ ihm sein Vater, Markgraf Ferdinand Maximilian, eine Medaille prägen. Auf der Rückseite zeigt sie einen Adler, dem ein kleinerer Adler folgt. Beide fliegen der Sonne entgegen, in der eine Krone leuchtet. Über dem Motiv steht "Non Deteriora Sequendo" - "Nichts Geringeres verfolgen". Der Hintergrund dazu: 1661 bewarb sich das badische Fürstenhaus um den polnischen Königsthron und präsentierte auch Ludwig Wilhelm als Kandidaten. Das geschah insgesamt dreimal und jedesmal vergeblich: 1661, 1674 und 1697.

In den Bemühungen, den eigenen Rang zu erhöhen, sah niemand etwas Anstößiges, als sich der Absolutismus entfaltete. Jeder spielte sich so gut in den Vordergrund, wie er konnte. Die Badener aber waren geradezu besessen von diesem Ziel. Vielleicht auch, weil ihr Geschlecht einst bedeutend war. Es geht auf die Zähringer zurück, die im Mittelalter weite Teile Südwestdeutschlands und der Schweiz beherrschten.

 (c)  Landesmedienzentrum Baden-Württemberg
© Landesmedienzentrum Baden-Württemberg
Ehrenhof von Schloss Rastatt mit dem "Goldenen Mann" als Bekrönung Großbildansicht

Im Leben von Ludwig Wilhelm von Baden-Baden (1655-1707) gibt es immer wieder Schlüsselerlebnisse, die sich genau um dieses Thema drehen - um seinen großen persönlichen Ehrgeiz, der den vorgegebenen Rahmen eines kleinen deutschen Fürstentums sprengte. Er war ein glänzend organisierter, strategisch denkender Feldmarschall, der zu Überheblichkeit und Besserwisserei neigte, jähzornig war und durch undiplomatisches Handeln am Hofe auffiel. Ludwig und seine Frau waren Persönlichkeiten mit vielen Facetten; er, der für seine 57 Schlachten berühmt ist, in denen er niemals besiegt wurde und sie, die man auf ihren eigenen Wunsch als arme Sünderin im einfachen Holzsarg beisetzte. Er verlor seine Markgrafschaft und vor allem den Bestand seiner Herrscherlinie über ein Vierteljahrhundert lang nicht aus den Augen, und seine Frau tat es ihm zwanzig Jahre lang nach. Vielleicht gelingt es, das Bild vom Haudegen und seiner frommen Gattin zu entstauben.

 (c)  Landesmedienzentrum Baden-Württemberg
© Landesmedienzentrum Baden-Württemberg
Auf dem Dach des Schlosses schleudert Jupiter Blitze gen Frankreich. Großbildansicht

Der Vater Ferdinand Maximilian vermittelte Ludwig Wilhelm von Geburt an das Bewusstsein, einer der ältesten Dynastien Deutschlands anzugehören. Die eigentlich noch erlauchtere französische Herkunft wurde vom "alleinerziehenden" Ferdinand Maximilian dabei unterschlagen. Schließlich hatte sich die Mutter, Prinzessin Luise Christine von Savoyen-Carignan, eine Cousine des französischen Königs Ludwig XIV., geweigert, nach der arrangierten Vermählung im Jahr 1654 von Paris ins "neblige und kalte Germanien" zu gehen. Sie zog ein Leben als Hofdame der Königinmutter Anna in Paris dem Leben in der Kleinstadt vor. Ihr Sohn kam am 8. April 1655, sieben Jahre nach Ende des Dreißigjährigen Krieges, im Hôtel de Soissons in Paris zur Welt, einem illlustren Ort für einen Badener Erbprinzen. Der Palast war der gesellschaftliche Treffpunkt der Seine-Metropole schlechthin, in der Nähe des Louvre gelegen, eine Geburtsstätte, die herrschaftlicher nicht sein konnte. Hier im Haus der Familie Condé war der französische König Stammgast. Er wurde Pate von Ludwig Wilhelm, aber das nützte den Badenern wenig. Selbst Ludwig XIV. konnte oder wollte nicht durchsetzen, dass seine Cousine ihrem Angetrauten folgte. Die strategisch gedachte Heirat, um eine gute Nachbarschaft zu Frankreich zu begründen, scheiterte sang- und klanglos.

Die Markgrafschaft Baden-Baden
Die Markgrafschaft Baden-Baden entstand 1553 wie die Markgrafschaft Baden-Durlach durch Erbteilung der Markgrafschaft Baden und gehörte zu den kleineren Territorien des heiligen Römischen Reiches. Ihr rechtsrheinisches Kerngebiet reichte von Ettlingen bis Steinbach. Neben den Ländereien am mittleren Oberrhein mit Baden als Residenz gehörten ihr auch Gebiete an Mosel und Nahe. Baden-Baden wurde zweimal rekatholisiert, während sich in Baden-Durlach der Protestantismus durchsetzte. Als Ludwig Wilhelm 1677 die Regierung antrat, umfasste sein Herrschaftsgebiet rund 2.000 Quadratkilometer mit etwa 96.000 Einwohnern. Nachdem dieses und die Residenzstadt Baden im Pfälzischen Erbfolgekrieg total zerstört waren, verlegte Ludwig Wilhelm seinen Sitz 1705 nach Rastatt und baute dort die erste Barockresidenz am Oberrhein. Als er 1707 an einer Kriegsverletzung starb, war das Schloss noch nicht vollendet. Seine Gattin Sibylla Augusta von Sachsen-Lauenburg (1675-1733) regierte von 1707 bis 1727 vormundschaftlich für ihren Sohn Ludwig Georg (1702-61) das Land Baden-Baden. Sie ließ ab 1710 das Lustschloss Favorite errichten und gestaltete seit 1728 ihren Witwensitz in Ettlingen neu. Nach dem Tod seines Bruders Ludwig Georg regierte der kinderlose August Georg (1706-71) die Markgrafschaft. Die Linie Baden-Baden endete mit Augusts Tod. Um das Erbe nicht an die evangelische Linie Baden-Durlach fallen zu lassen, mit der es zur badischen Wiedervereinigung kam, wurden die Hinterlassenschaften des Baden-Badener Zweiges Kaiserin Maria Theresia übertragen.  

Traum von der Kurwürde

Auf das Kind scheint Luise Christine keinen Wert gelegt zu haben. Aber Ludwig Wilhelm fehlte es nicht an Bezugspersonen, als er im Neuen Schloss in Baden-Baden ohne seine Mutter aufwuchs. Der Vater tat für ihn, was er konnte und stellte einen dezidierten Ausbildungsplan zusammen. Der Markgraf wünschte, dass sein Sohn in sechs Sprachen, darunter einer slawischen, unterrichtet würde. Auch Philosophie, Bibellektüre und Politik sollten ihm von einem adligen Hofmeister, einem "cavalier", keinem "pedant", nahegebracht werden. Die ritterlichen Exerzitien - das Reiten, Fechten und Tanzen sowie Übungen zum Festungsbau - gehörten in dieser Instruktion gleichfalls dazu wie der Besuch von Ratssitzungen. Er pochte darauf, Ludwig "in der oeconomihe nicht zu einer leidlichen erbsenzehlerei sondern firstlicher oeconomia .... (zu) erziehen." So legte Ferdinand Maximilian in seinem Sohn früh das Selbstbewusstsein an, das sich zu Eigendünkel auswachsen sollte.

 (c)  Landesmedienzentrum Baden-Württemberg
© Landesmedienzentrum Baden-Württemberg
Im Rastatter Schloss stellte der „Türkenlouis“ seine Kriegserfolge zur Schau, hier gefesselte Osmanen mit Kriegsgerät Großbildansicht

Nachdem Kaiser Leopold I. 1664 beide badischen Häuser mit dem Titel "Durchleuchtigst" für Siege gegen die Türken ausgezeichnet hatte, begann das Geschlecht, von der Kurwürde zu träumen. Zehn Jahre später trat der 19-jährige Ludwig folgerichtig selbst ins österreichische Heer ein. Er eroberte das Vertrauen des Kaisers im Sturm: Er siegte gegen Frankreich im heimischen Philippsburg (1676) und schlug 1683 fast ohne Verluste die türkischen Truppen vor Wien zurück. Der Kaiser belohnte ihn mit der Ernennung zum General der Kavallerie. 1689, kurz vor dem Zenit seiner militärischen Laufbahn, der 1691 gewonnenen Schlacht von Slankamen, "belohnte" der Kaiser den 34-jährigen ein zweites Mal: Ludwig Wilhelm kam nicht nur seinem Wunsch, im Stand erhöht zu werden, ein Stück näher, sondern durch die Vermittlung einer Braut bescherte ihm Leopold - eher ungewollt - das größte Lebensglück. Als Vormund über zwei äußerst begüterte lauenburgische Prinzessinnen, deren Vater gestorben war, gestattete Leopold I. es, dass Ludwig um die Hand einer der beiden Damen anhielt. Am 10. Januar 1690 traf Ludwig Wilhelm im böhmischen Schlackenwerth bei Anna Maria Franziska und Sibylla Augusta ein. Er wandte sich spontan der jüngeren, erst 14-jährigen zu und verlobte sich schon vier Tage später mit ihr. Seine Methode war wie beim Militär offensiv und wirkungsvoll.

Der Kaiser hätte es zwar lieber gesehen, die vier Jahre ältere Anna unter die Haube zu bringen und die jüngere an Ludwigs Cousin Prinz Eugen von Savoyen zu geben. Aber die Hochzeit wurde eilig auf den 27. März 1690 gelegt, und niemand wagte es, sich den Turtelnden entgegenzustellen. Nicht einmal Sibyllas Brautkleider, die Ludwig Wilhelm in Paris bestellt hatte, waren rechtzeitig zur Hochzeit eingetroffen.

 (c)  Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg
© Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg
Das Markgrafenpaar im Kostüm orientalischer Sklaven, Darstellungen Tempera auf Pergament, um 1700/06. Großbildansicht

Bis 1690 blieb Ludwig wenig Zeit zum Regieren, geschweige denn sich niederzulassen. Er hatte zwischen 1683 und 1691 die Türken aus fast ganz Ungarn, Siebenbürgen, Teilen Serbiens und der Walachei verdrängt. Und auch mit Sibylla Augusta verbrachte er die ersten Jahre der Ehe meistens unterwegs. Wie damals durchaus üblich, zogen sie mit dem gesamten Mobiliar und einem Teil des Personals umher. Ihre neun Kinder in den zwölf Jahren Ehe gebar Sibylla in Günzburg, Augsburg, in Nürnberg, Aschaffenburg und in Rastatt. Weil sie ihren Gatten sehr liebte, folgte sie ihm sogar ins Feldlager. 1697 aber waren die Jahre der Unruhe und der Wanderschaft zu Ende. Inzwischen hatte der Cousin Prinz Eugen Ludwigs Nachfolge im Krieg gegen die Osmanen angetreten - und ging an seiner Stelle als Türkenbesieger in die Geschichte ein. Ludwig trug, vom Kaiser an die "heimische Front" zurückgerufen, bis 1697 maßgeblich zur Vertreibung der Franzosen aus dem Linksrheinischen bei. Er war ein famoser Schanzenbauer und errichtete seit 1692 die rund 550 Kilometer lange defensive "Schwarzwaldlinie", die im Süden in Bad Säckingen beginnt.

Rastatt wird Residenz

Sein Land lag in Schutt und Asche, und der Herrschersitz, das Neue Schloss in Baden-Baden, war zerstört. Trotz der Erfolge verwehrte der Kaiser ihm den Aufstieg zum Hochadel. Der "Türkenlouis" war außer sich und setzte sich in seiner Art zur Wehr. Er wählte den Marktflecken Rastatt zur neuen Residenzstadt und ließ dort ein alle Rahmen sprengendes Schloss nach dem Vorbild von Versailles errichten. Wenn man ihm schon keinen Titel verlieh, verhalf er sich selbst zu Ansehen: Er verpflichtete den Italiener Domenico Egidio Rossi als Baumeister, den er am kaiserlichen Hof in Wien kennengelernt hatte. Schon im Herbst 1705 bezog die markgräfliche Familie das noch nicht ganz fertiggestellte Schloss, aber Ludwig Wilhelm konnte seine Residenz nur noch ein gutes Jahr genießen, ehe er den Verletzungen eines neuerlichen Gefechts am Schellenberg - das er dann doch wieder für den Kaiser ausfocht - erlag.

Das Schloss diente der Verherrlichung des badischen Hauses. Ludwigs Zeitgenossen, gewöhnt an Allegorien und mythologische Inhalte, konnten in seinen Fresken und Stuckplastiken mühelos wie in einem Buch lesen. Der Mittelbau der imposanten Dreiflügelanlage im wienerischen und italienischen Geschmack wird von einem überlebensgroßen Jupiter bekrönt, der seine Blitze unmissverständlich gen Westen ins nahegelegene Fort Louis schleudert. Im Treppenhaus des Corps de Logis - Aufgang und Festsaal zugleich - erfährt man von der segensreichen Regentschaft des "Türkenlouis": Er lässt sich wie sein Patenonkel als Apoll, den Sonnengott, darstellen, dem alleine es gelingt, den Feuerwagen über das Himmelsgewölbe zu lenken, begleitet von Personifikationen des Reichtums und der Staatskunst.

 (c)  Landesmedienzentrum Baden-Württemberg
© Landesmedienzentrum Baden-Württemberg
Im Ahnensaal, wo die Portraits der markgräflichen Familie hängen, wurden viele Feste gegeben. Großbildansicht

Im Ahnensaal fanden rauschende barocke Feste, vor allem Maskenbälle statt. Ludwig Wilhelm und seine Frau Sibylla Augusta liebten die Verkleidung und traten besonders gern als türkisches Sklavenpaar in Kostümen aus der Kriegsbeute auf. 56 kleinformatige Gemälde auf Pergament, die um 1700 entstanden, sind erhalten. Sie zeigen die Markgrafen mal als Mohr und Mohrin oder mit ihren Kindern als Jäger, Diana, Musikanten und Kaminfeger. Der Festsaal ist mit Gold und Kriegstrophäen aus Stuck phantasiereich geschmückt. Ausgezehrte osmanische Krieger kauern als vollplastische Figuren unter dem Deckengewölbe, das sie voller Schmerzen zu tragen scheinen. Seine Erhöhung gipfelt im zentralen Fresko, der Apotheose des Herkules. Hier wird der "Türkenlouis" als Held mit dem starken und tugendhaften Jüngling gleichgesetzt, der von Putten getragen in den leuchtenden Himmel der Unsterblichen aufsteigt. Opulente Stuckrahmen an den Wänden nehmen die Ahnengalerie auf. Vieles davon ließ Ludwig Wilhelm schaffen, als sein Kriegsruhm verblasst war, er an einer unheilbaren Wunde litt und Karikaturen den gegen Frankreich nur mittelmäßig Erfolgreichen als "Kleinen Ludwig" verspotteten. Er hatte zwar zeitlebens alle politischen Anforderungen als katholischer Reichsfürst, kaiserlicher Generalleutnant und erfolgreicher Kämpfer gegen die Türken erfüllt, aber am Ende des 17. Jahrhunderts verließ ihn sein militärisches Glück. Mangelnde finanzielle Unterstützung durch Leopold I. (1640-1705) führte zu einem schlechten Verhältnis zum Kaiserhaus, und der "Türkenlouis" wartete vergeblich auf Entschädigung für sein zerstörtes Land.

Artikel zum Thema
Streiflichter
Denkmale im Blickpunkt aller Ausgaben
  • Denkmal im Blickpunkt aller Ausgaben
Denkmale in der Nähe

Erkunden Sie Denkmale in der Nähe. Gehen Sie einfach auf die Markierungen in der Karte, um weitere Informationen zu erhalten und klicken Sie, um die entsprechenden Artikel aufzurufen.

Newsletter

Einfach und bequem

Lassen Sie sich per E-Mail informieren, wenn eine neue Ausgabe von Monumente Online erscheint.

Zeitschrift

Monumente

Erscheinungsweise
sechsmal jährlich,
80 Seiten, ISSN
0-941-7125. Zu beziehen im Abonnement,
Förderer erhalten
das Magazin kostenfrei.

Deutsche Stiftung Denkmalschutz