Monumente Online

Ausgabe: Juni 2010

Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Schwerpunkt: Religiosität und Baukunst

(c) R. Rossner / (c) R. Rossner Leitartikel

"Lass reisen, wer will"

Mit dem Fahrrad auf Luthers Spuren

Erst auf mein zweites Klingeln wird die Tür zum Gemeindebüro aufgerissen. Dennoch traue ich mich, die Frage nach einem Stempel für meinen Pilgerpass zu stellen. Eine Mitarbeiterin schnappt sich den Ausweis und verschwindet ins Haus. Hereingebeten werde ich nicht.

Ich bin mit dem Fahrrad unterwegs auf dem Lutherweg, und zwar auf der nördlichen Route von Wittenberg über Dessau, Zerbst und Bernburg nach Eisleben. Die südliche verläuft von dort über Halle nach Wittenberg zurück. Der Pilgerweg ist insgesamt 410 Kilometer lang, besteht aus 40 Stationen und wurde am 28. März 2008 im Rahmen der Lutherdekade eröffnet. Die Veranstaltungsreihe begann fünfhundert Jahre, nachdem Martin Luther 1508 in Wittenberg angekommen war. Sie setzt jedes Jahr einen Themenschwerpunkt - in diesem geht es anlässlich des 450. Todestages von Philipp Melanchthon um Reformation und Bildung - und endet 2017 mit dem Reformationsjubiläum.

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Der Lutherweg verläuft teilweise auf der Route des Elbe-Radwegs. In Coswig führt er am Schloss vorbei. Großbildansicht

Der Lutherweg, der von der Lutherweg-Gesellschaft und dem Regionalen Tourismusverband "TourismusRegion Wittenberg" betreut wird, führt zu den wichtigsten Wirkungsstätten des Reformators in Sachsen-Anhalt. Es lohnt sich sehr, ihn zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu erwandern, obwohl er noch in den Kinderschuhen steckt und die Infrastruktur nicht überall funktioniert. Man gelangt zu wichtigen touristischen Zielen des Landes, wie dem UNESCO-Welterbe Dessau-Wörlitzer Gartenreich, und zu vielen Förderprojekten der Deutschen Stiftung Denkmalschutz.

Cranach in Wittenberg

In Wittenberg hat unsere Stiftung bereits Anfang der 1990er Jahre die Sanierung der beiden Cranach-Höfe unterstützt und sie so vor dem Verfall bewahren können. Lucas Cranach der Ältere, der von Kurfürst Friedrich dem Weisen 1505 nach Wittenberg geholt worden war, zählt zu den engen Weggefährten Luthers. Über 45 Jahre lebte der Künstler in der Stadt und baute dort eine der erfolgreichsten Malerwerkstätten seiner Zeit auf. Er war Ratsherr und wurde mehrfach zum Bürgermeister gewählt. In den beiden Cranach­Höfen wohnte er zusammen mit seiner Familie, malte, betrieb eine Apotheke und gründete eine Druckerei, in der er Luthers Übersetzung des Neuen Testaments illustrierte und verlegte. Sein Sohn Lucas Cranach der Jüngere führte das Werk des Vaters in Wittenberg fort.

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Der Cranach-Hof in Wittenberg, Schlossstraße 1, 1991. Großbildansicht

Beide Höfe waren Ende der 1980er Jahre in einem derart schlechten Zustand, dass sie abgerissen werden sollten. Engagierte Bürger verhinderten dies. Heute werden die Häuser von Vereinen und Werkstätten belebt. Im Haus Markt 4 finden Wechselausstellungen statt, und in der Schlossstraße 1 gibt es seit letztem Jahr die Cranach-Herberge, die vor allem Zimmer für Gruppen und Familien anbietet.

Die Orte, an denen man in Wittenberg die Geschichte der Reformation erleben kann, sind durch rote Markierungen im Pflaster miteinander verbunden. Sie führen zum Beispiel zum ehemaligen Wohn- und Sterbehaus Philipp Melanchthons, in dem sein Leben und sein Werk in einer Ausstellung gewürdigt werden.

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Der Cranach-Hof heute Großbildansicht

Melanchthon wohnte in unmittelbarer Nähe zu den Luthers, die nach ihrer Hochzeit 1525 in das ehemalige Schwarze Kloster gezogen waren. Bis zu vierzig Personen sollen zeitweise mit ihnen dort gelebt haben - Familienangehörige, stellenlose Prediger, geflohene Nonnen und weitere Hausgäste. Das Lutherhaus ist seit 1883 ebenfalls Museum, in dem man auch Einblicke in den Alltag Katharina von Boras bekommt. Sie brachte dort sechs Kinder zur Welt und organisierte den großen Haushalt.

Die Schilder mit dem grünen gotischen "L", die auf den Lutherweg hinweisen, führen mich bei strahlendem Sonnenschein aus der Wittenberger Altstadt hinaus. Entlang der Elbe komme ich zunächst zur Gartenstadt nach Piesteritz. Sie wurde 1916-19 für die Beschäftigten eines Stickstoffwerkes errichtet und in den 1990er Jahren auch mit Mitteln der Deutschen Stiftung Denkmalschutz saniert. Als ich einige Kilometer durch das angrenzende Industriegebiet neben einer recht befahrenen Straße zurücklegen muss, sehne ich mich nach der beschaulichen Ruhe zurück, die in der autofreien Siedlung herrscht und ihr einen dörflichen Charakter verleiht. Weite Blicke über die Elbauen entschädigen mich aber schon bald für den Lärm.

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Auf der Predella des Reformationsaltars in der Wittenberger Stadtkirche hat Lucas Cranach d. Ä. Luther als Prediger dargestellt. Großbildansicht

Der Lutherweg verläuft ein gutes Stück parallel mit dem Elbe-Radweg, dem beliebtesten Fernradweg Deutschlands. Daher sind die Radfahrer, mit denen ich ins Gespräch komme, auch zwischen Bad Schandau und Cuxhaven unterwegs.

In Coswig treffe ich dann die erste Pilgerin, die sich nicht mit dem Rad, sondern zu Fuß auf Luthers Spuren begibt. Sie ist Wittenbergerin und nimmt sich jedes Jahr eine dreiwöchige Auszeit vom Alltag. "Ich habe bereits den St. Jakobus-Pilgerweg in mehreren Etappen nach Santiago de Compostela zurückgelegt und freue mich, dass ich nun die Möglichkeit habe, meinen Weg sozusagen vor der Haustür zu beginnen." Sie kennt viele Stationen, die am Lutherweg liegen, hat diese aber mit dem Auto besucht. Sie ist wie ich von der unglaublich schönen Landschaft des Biosphärenreservats Mittelelbe begeistert, die man viel intensiver wahrnimmt, wenn man sich in einem gemächlichen Tempo bewegt.

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St. Nicolai in Coswig ist eines der Förderprojekte der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, die am Lutherweg liegen. Großbildansicht

Gemeinsam holen wir uns im Gemeindebüro von St. Nicolai Stempel für unsere Pilgerpässe und besichtigen die Kirche. Eine Mitarbeiterin präsentiert uns stolz die Gemälde Lucas Cranachs des Jüngeren und die steinerne Taufe, die der Schweizer Baumeister und Stuckateur Giovanni Simonetti 1701 schuf. Er war viele Jahre als Hofbaumeister des Anhalt-Zerbster Fürstenhofes tätig und wohnte in dem heute nach ihm benannten Simonetti-Haus in Coswig. Man vermutet, dass die phantasievollen Decken-Stuckaturen in dem Gebäude ebenfalls von ihm stammen.

Für mich geht es nun mit dem Rad weiter, vorbei am Coswiger Schloss, dessen Größe von der Zeit erzählt, als es Witwensitz des Hauses Anhalt-Zerbst war. Von 1874 an wurde es als Gefängnis genutzt, und während des Nationalsozialismus waren dort bis zu 900 Häftlinge untergebracht. Viele starben an den unmenschlichen Haftbedingungen.

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Auf einer Gierseilfähre überquert man bei Coswig den Lutherweg. Großbildansicht

Der Weg führt nun auf der anderen Seite der Elbe weiter, und eine motorlose Gierseilfähre, die den Druck der Strömung nutzt, bringt mich über den Fluss. Schon bald erreiche ich den Wörlitzer Park, der zwar in keinem Zusammenhang mit Luthers Leben oder Wirken steht, aber wegen seiner Bedeutung die achte Station des Pilgerwegs bildet. Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau ließ diese einzigartige Schöpfung im 18. Jahrhundert anlegen. Sie gehört zu den frühesten Landschaftsgärten nach englischem Vorbild auf dem europäischen Kontinent und ist zugleich die Keimzelle des Klassizismus und der Neugotik in Deutschland.

Ich sehe vom Rad aus in der Ferne Seen, Brücken und das fürstliche Schloss. Ich hätte große Lust, hier meine Reise für einige Stunden zu unterbrechen. Aber ich möchte an diesem Tag noch bis Zerbst kommen. Daher setze ich meinen Weg fort und erreiche wenig später den Sieglitzer Park. Er ist wie der Wörlitzer Park Teil des Dessau-Wörlitzer Gartenreichs und nur zu Fuß oder mit dem Rad zu erkunden. Die Natur ist hier vorherrschend, der dichte, aus jahrhundertealten Eichen bestehende Wald lässt aber immer wieder Blicke auf Parkarchitekturen - einen palladianischen Dianentempel, Statuen und Tore - zu.

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