Monumente Online

Ausgabe: April 2010

Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Schwerpunkt: Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz feiert Jubiläum

 (c)Jens Meier, Bremen / (c) Gregor Ulsamer Streiflicht

Der alte Turm und das Meer

Der Leuchtturm "Roter Sand"

125 Jahre ist er nun schon alt und immer noch trotzt er den Stürmen, dem Salzwasser und dem tückischen Untergrund. Eine technisch sehr kühne Ingenieurleistung war sein Bau in den Jahren 1883-85, galt es doch mitten im Fahrwasser der breiten Außenweser auf Sand einen Leuchtturm zu bauen.

 (c)  Andreas Graf
© Andreas Graf
Mitten im Meer steht der Leuchtturm auf einer Sandbank aus rotem Muschelkalk - dem roten Sand. Großbildansicht

Man versenkte zunächst einen Caisson genannten Senkkasten aus Stahl auf den Meeresboden. Er hatte eine Höhe von 18 Metern, eine Länge von 14 Metern und eine Breite von elf Metern. Dann spülte man den Sand heraus, so dass sich der Caisson 15 Meter in den Untergrund hinein senkte. Der Hohlraum wurde mit Backsteinen ausgemauert, mit Beton ausgegossen, und fertig war das Fundament für den eigentlichen, 28,5 Meter hohen Leuchtturm.

Er besteht wie die modernen Schiffe ganz aus Stahl. Seine tragende Konstruktion verhüllen rot-weiß gestrichene Platten, so dass man ihn von fern wie die Kollegen auf dem Festland aus Steinen gemauert empfindet. Zu erkennen ist er an dem charakteristischen oberen Aufbau aus dem mittleren Hauptfeuer und den drei, auf geschweiften Konsolen ansetzenden Ecktürmchen mit den Nebenfeuern.

Der letzte Leuchtturmwärter ging 1964 von Bord. Man hatte jetzt moderne Navigationssysteme, für die man eigentlich große Schirme auf dem Oberteil hätte errichten müssen. Zum Glück sind aber alle mit der Seefahrt Verbundenen sehr traditionsbewusst. So mochten auch die Herren der Wasser- und Schifffahrtsdirektion Bremerhaven den Veteranen nicht durch Umbauten entstellen. Sie errichteten einen modernen Betonturm 1,5 Seemeilen entfernt und suchten einen Weg, den alten Leuchtturm vor dem Abbruch zu retten, auch wenn er jede Funktion eingebüßt hatte. Das niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege hatte ihn unter Schutz gestellt, doch das Land verweigerte unter Hinweis auf die Kosten die Übernahme - trotz des großen Einsatzes der Bürger vor Ort.

 (c)  Jens Meier, Bremen
© Jens Meier, Bremen
Nur bei gutem Wetter kann der Museumsschlepper "Goliath" am Leuchtturm anlegen. Großbildansicht

Da er nahe der Hauptfahrrinne nicht privatisiert werden konnte, um womöglich noch zu Reklamezwecken missbraucht zu werden, war die Deutsche Stiftung Denkmalschutz die Rettung für das technische Denkmal, das zugleich einen ähnlichen Symbolwert für die Küstenbewohner hat wie die Freiheitsstatue für New York. Alle Auswanderer nach Amerika erblickten ihn als Abschiedsgruß der alten Heimat und als ein erstes Willkommen, kamen sie als reiche Onkel aus Amerika zurück. Die U-Boot-Fahrer beider Weltkriege fragten sich beim Auslaufen, ob sie ihn denn je wiedersehen würden. Beim Einlaufen grüßten sie ihn - erleichtert, noch einmal überlebt zu haben. Wir haben nicht viele Nationaldenkmäler: Das Brandenburger Tor in Berlin, der Kölner Dom, die Walhalla an der Donau und der Leuchtturm Roter Sand sind Symbole unserer gemeinsam erlebten und erlittenen Geschichte.

Deshalb sahen wir als Stiftung es als unsere Pflicht an, ihn 1987 zu übernehmen, was uns der Bund leicht machte, weil er einen erheblichen Teil der hohen Kosten der Fundamentsicherung übernahm und uns außerdem noch das Kapital für eine der ersten treuhänderischen Stiftungen zur laufenden Pflege vermachte. Der sehr engagierte Förderverein "Rettet den Leuchtturm Roter Sand e. V." betreut ihn für uns vor Ort. In den Sommermonaten werden Ausflugsfahrten für Badegäste und Touristen mit dem historischen Schlepper "Goliath" durchgeführt.

 (c)  Dieter Blase
© Dieter Blase
Blick in die restaurierten Kojen. Großbildansicht

Auch kann man bis zu zwei Tage und Nächte auf dem Leuchtturm wohnen, was ich mit Freunden und meinen Kindern auch schon tat. Es war himmlisch, so allein mit Wind und Wellen weit vor der Küste zu sein. Man hatte immer das Gefühl, der Leuchtturm mache Fahrt, denn das auflaufende wie auch das ablaufende Wasser erzeugen eine Gischt.

Die alte Einrichtung der Wohnung für die wochenlang hier lebenden Wärter wurde liebevoll mit passenden Stücken rekonstruiert. Die neun Kojen, notfalls für Schiffbrüchige vorgesehen, blieben erhalten. Sie gruppieren sich in einem Raum halbkreisförmig um den inneren Kern, so dass man die Mitreisenden nicht sieht, höchstens schnarchen hört. Den ärgsten Schnarcher kann man auf ein Klappbett im Raum des früheren Hauptfeuers verbannen. Die Nasszelle mit WC liegt im Erdgeschoß, die Kojen ein Stockwerk höher, dann die Küche darüber und der Wohnraum ganz oben. Man ist viel auf der eisernen Wendeltreppe unterwegs, das erspart jedes Fitnesstraining.

Unvergessen der Abend auf der obersten Plattform rings um das erloschene Leuchtfeuer, der Sonnenuntergang über der Horizontlinie, wenn der glühend rote Ball "aufdotzt", wie wir es als Kinder immer nannten und voll Spannung erwarteten. Und dann das feierliche Einholen der Bundesflagge, zu dem man ebenso verpflichtet ist wie zu der eventuellen Aufnahme Schiffbrüchiger und zu der pünktlichen Telefonmeldung an den Seenotrettungsdienst: "An Bord keine besonderen Vorkommnisse".

Wer das alles erlebt hat, scheidet ungern und versteht die häufige Eintragung der Vorgänger im Logbuch: "Hoffentlich kommt ein Sturmtief, damit man uns nicht abholen kann!". Für uns Rentner und Pensionäre bist du, lieber Leuchtturm, die Hoffnung, auch im Ruhestand noch Freude schenken zu können.

Professor Dr. Gottfried Kiesow

Informationen zu den Ausflugsfahrten erhalten Sie bei der BIS Bremerhaven Touristik www.bremerhaven-touristik.de   

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