Monumente Online

Ausgabe: April 2010

Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Schwerpunkt: Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz feiert Jubiläum

(c) ML Preiss Leitartikel

Das Wunder von Wismar

St. Georgens Auferstehung - allen Spendern sei Dank

"Die paar Schritte zwischen St. Marien
und St. Jürgen in Wismar (...)
Wo noch sind auf zweihundert Meter
so gewaltige Dome zusammengedrängt,
Zeugnisse überquellender bürgerlicher Kraft
und stolzer Frömmigkeit,
in rascher Folge aufgestellt und schließlich
am zu großen Wollen ermattend (...)"
Theodor Heuss, 1920

Unter dem Titel "Die Freude teilen" zeigen wir Ihnen, wie in den vergangenen 25 Jahren Kirchen, Schlösser und Bürgerhäuser gerettet werden konnten - dank der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und ihrer bisher 190.000 Förderer. Unter den Beispielen fehlt ganz bewusst das erste und größte Projekt der Stiftung in den östlichen Bundesländern: die Georgenkirche in der Hansestadt Wismar. Fast genau zwanzig Jahre nach dem Wintersturm, der im Januar 1990 den Giebel des nördlichen Querhauses auf zwei benachbarte Häuser niederbrechen ließ, haben wir uns aufgemacht, die Baustelle zu besuchen. Und wir haben Großartiges gesehen - das Wunder von Wismar!

 (c)  ML Preiss
© ML Preiss
Blick von Südosten auf Chor und Querhaus bei unserem Besuch im winterlichen Wismar Großbildansicht

Als wir Anfang Februar in die Stadt an der Ostsee kommen, hat sie der Winter fest im Griff. Schneemengen, wie man sie in unseren Breiten nur selten antrifft, bereiten Fußgängern und Autofahrern in den engen Altstadtstraßen große Probleme. Dennoch sind wir erstaunt, wie sich Wismar gewandelt hat: Zum Ende der DDR-Zeit eher grau und trostlos, geben die größtenteils restaurierten Häuser heute ein beeindruckendes Bild ab. Das Leben ist in die Stadt zurückgekehrt, auch zu dieser Jahreszeit, in der es kaum Touristen gibt, die die vielfältigen Geschäfte und Gaststätten bevölkern. Unser erster Weg führt uns von der Lübschen Straße mit ihren Giebelhäusern zum Marktplatz mit dem klassizistischen Rathaus und der alten Wasserkunst. Vorbei am Turm von St. Marien und an der Neuen Kirche, die Otto Bartning 1951 als Not­kirche errichtete und die seitdem der Marien- und Georgengemeinde als Gotteshaus dient, erreichen wir unser Ziel, die gewaltige gotische Backsteinkirche St. Georgen. Der Blick wandert zum nördlichen Querhausgiebel empor, der mit seinen Treppentürmchen wieder in alter Schönheit erstanden ist. Die beiden durch das Unglück zerstörten Häuser sind in traditionellen Formen, aber modern wieder aufgebaut. Beim ersten Rundgang um die Kirche können wir sehen, was an der einstigen Ruine geleistet wurde: Die Dächer sind geschlossen, die Fenster eingesetzt. Nur auf der Westseite sind noch Bauarbeiten im Gange. An der Chorfassade weisen Tafeln auf die vielen Helfer hin, die den Wiederaufbau möglich gemacht haben - allen voran die Deutsche Stiftung Denkmalschutz und ihre treuen Förderer.

Die grösste Kirchenruine Deutschlands

Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs, in der Nacht vom 14. auf den 15. April 1945, wird St. Georgen, genauso wie das Gotische Viertel um St. Marien, durch Luftminen schwer beschädigt. Dächer und Gewölbe von Langhaus und Querschiff der bereits durch vorherige Angriffe fensterlosen Kirche stürzen ein, das Obergeschoss des Westturms wird zerstört. Doch die gewaltigen Mauern halten stand, auch Dach und Gewölbe des Chores sind nahezu unversehrt. Der Wiederaufbau kurz nach dem Krieg wäre möglich gewesen, doch alle Bemühungen bleiben leider auch in den folgenden Jahrzehnten erfolglos.

 (c)  ML Preiss
© ML Preiss
Vierung und südlicher Querhausflügel von St. Georgen. Durch die hohen Fenster fällt viel Licht in den riesigen Raum. Großbildansicht

So schreitet der Verfall zur Ruine voran. 1990 ist das Gebäude schließlich bis auf das stark baufällige Chordach völlig ungeschützt, nur die Gewölbe im Mittelschiff des Chors und in einem Seitenschiffjoch sind erhalten, aber erheblich geschädigt. Es gibt keine Fenster und Türen mehr, der Dachreiter droht herabzustürzen. Die Sakristei an der nördlichen Chorwand ist abgerissen worden. Büsche, Gras und Brennnesseln wachsen im Kirchenschiff, Tauben nis­ten in Mauernischen. Ein Stützpfeiler im Chor hat an Tragfähigkeit verloren, der Einsturz muss befürchtet werden.

Als am 25. Januar 1990 die Steinmassen des Nordgiebels herabstürzen, werden die Menschen in und außerhalb Wismars aufgerüttelt. Der damalige "Runde Tisch" der Stadt leitet die ersten notwendigen Maßnahmen ein.

In jenen Tagen gehen Hilferufe von Dieter Ernstmeier aus Herford und vom Lübecker "Förderkreis St. Georgen zu Wismar" bei der Deutschen Stiftung Denkmalschutz ein. Um in der DDR tätig werden zu können, ändert die Stiftung sogar ihre Satzung und kann so bereits vor der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 helfen. Professor Dr. Gottfried Kiesow und Friedrich Ludwig Müller gelingt es, in Zusammenarbeit mit dem ZDF etwa 500.000 Mark aus dem Erlös einer Benefiz-Schallplatte für die Sicherung der Ruine zur Verfügung zu stellen. Gemeinsam mit der Hansestadt Wismar und ihrer Bürgermeisterin Dr. Rosemarie Wilcken treibt die Stiftung seitdem das gewaltige Vorhaben des Wiederaufbaus voran.

Der Wiederaufbau ist gelungen

Nach nunmehr zwanzig Jahren ist viel geschafft, wie wir vor allem auch im Inneren bewundern können. Während draußen der Schneesturm tobt, empfängt uns der Kirchenraum angenehm temperiert. Unter den Backsteinen des neuen Fußbodens ist eine Heizung verlegt, die den Raum jetzt im Winter auf etwa sechs Grad erwärmt. Aber was uns ganz besonders überrascht und während des Besuches immer wieder ins Schwärmen bringt: Der Raum ist trotz des grauen Wetters von Licht durchflutet. Es fällt durch die riesigen bleiverglasten Fenster auf die Backsteinmauern und die gewaltigen Pfeiler mit den vielfältigen Spuren ihrer langen Geschichte.

 (c)  Hanjo Volster
© Hanjo Volster
Die Ruine 1991 Großbildansicht

Durch das Portal in einer Seitenkapelle betreten wir den Chor, von dem aus sich der Kirchenbau am besten erschließen lässt. Auf den neuen Bronze-Türflügeln des Portals hat der in Wismar geborene Künstler Karl Henning Seemann das biblische und immer wieder aktuelle Thema Flucht und Vertreibung eindrucksvoll dargestellt. Im Inneren finden die Besucher, für die St. Georgen täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet ist, erste Informationen zur Backsteingotik und zum Wiederaufbau der Kirche. Während die Fotografin sich - begeistert vom Gesamteindruck des Raumes - sofort an die Arbeit macht, bin ich neugierig und suche nach den Spuren dessen, was ich über die Baugeschichte von St. Georgen ge­lesen habe.

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© Hanjo Volster
1998 ist bereits die Fassade des südlichen Querhauses restauriert, und der Chor hat ein neues Dach. Großbildansicht

Der dreischiffige basilikale Chor mit dem geraden Abschluss im Osten stammt aus der Zeit des zweiten Baus der Kirche und wurde im ersten Viertel des 14. Jahrhunderts errichtet. An den Pfeilern zwischen Chor und dem später errichteten dritten Bau sind noch Reste der ersten Kirche zu erkennen, die 1260-70 entstand und vermutlich eine dreischiffige Hallenkirche mit einfachem Rechteckchor war. Es wird angenommen, dass es in dieser Zeit auch einen Westturm ge­geben hat. Bei archäologischen Untersuchungen ist man auf die Fundamente des Langhauses und der Pfeiler gestoßen. Ihre Lage im Boden ist jetzt durch eine unterschiedliche Pflasterung sichtbar gemacht.

Doch zurück zum Chor: In der Fensterlaibung im nördlichen Seitenschiff ist noch zu erkennen, dass hier von 1516 bis ins 18. Jahrhundert ein Gang zum gegenüberliegenden Fürstenhof führte. Durch eine Tür in der nördlichen Chorwand gelangt man in die 1495 am Chor angebaute ehemalige Sakristei, deren 1961 abgerissenen Außenwände wieder aufgemauert sind. Heute finden dort ein Versammlungsraum sowie die technischen Anlagen ihren Platz.

 (c)  Hanjo Volster
© Hanjo Volster
2000 ist das Kirchenschiff überdacht. Großbildansicht

1404 wurden die Fundamente des Turmes an der Westseite gelegt. Man begann von hier aus mit dem sogenannten dritten Bau. Vorgesehen war es wohl zunächst, eine Hallenkirche zu errichten. Die Arbeiten wurden aber bereits um 1410 wieder unterbrochen. Erst etwa 1445 - offenbar flossen die finanziellen Mittel jetzt reichlicher - ging es weiter. Allerdings wurde der Plan geändert, und man trieb den Bau einer Basilika voran. Zwei damals für die Region bedeutende Bau­meister waren hier am Werk, zunächst Hermann von Münster, nach dessen Tod um 1460 Hans Martens.

Bis etwa 1478 entstand unter ihrer Leitung dieses ungewöhnlich große Kirchengebäude mit dem hohen, aber schmalen Mittelschiff, den breiten Seitenschiffen und dem gewaltigen Querschiff. Mächtige, achteckige Pfeiler tragen die Kreuzrippengewölbe, die wir heute wieder in alter Schönheit bewundern können.

 (c)  Hanjo Volster
© Hanjo Volster
2002 sind auch alle Fenster eingesetzt. Großbildansicht

Am Übergang zwischen den drei Jochen des Chors und dem späteren Bau ist noch zu erkennen, dass die Fortführung des Neubaus hier im späten 15. Jahrhundert - mit dem Ende der ­Blütezeit der Hanse - zum Erliegen kam. Auch der geplante Turm blieb unvollendet und erhielt erst um 1540 eine Glockenstube und einen provisorischen Abschluss.

Deshalb ist heute auch nicht - wie bei so vielen anderen Kirchen - der Turm das herausragende Merkmal des Gebäudes, sondern seine alles überragenden Querhausgiebel. Ihre Schauseiten mit den spitzbekrönten, achteckigen Treppentürmen und den hohen Fenstern, größer als in vielen anderen gotischen Kirchen, lassen jeden Betrachter staunen. Weithin sichtbar erheben sie sich über der Stadt. Gesimse und Portalbögen sind reich mit glasierten Terrakotten verziert. Sie stellen Heilige dar, aber auch Löwen, Skorpione und Drachen.

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