Monumente Online

Ausgabe: Februar 2010

Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Schwerpunkt: Restaurierungstechniken

(c) ML. Preiss / (c) ML. Preiss Streiflicht

Wie der heilige Veit nach Stuttgart kam

Stuttgarts älteste Kirche braucht Hilfe

Hilfe für Veitskapelle. Scheck von ­Deutscher Stiftung Denkmalschutz und Toto-Lotto": So und ähnlich lauteten Ende September 2009 die Nachrichten in der Stuttgarter Presse. Dazu gab es Fotos mit strahlenden Gesichtern und mittendrin die kämpferische Pfarrerin Charlotte Sander, die am 21. September 2009 einen symbolischen Scheck über 85.000 Euro in die Kamera hielt. Mit ihr freuten sich die ehrenamtlichen Mitstreiter der evangelischen Gemeinde, der örtliche Förderverein und das Ortskuratorium Stuttgart der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Denn mit Hilfe dieser ersten, medienwirksamen 85.000 Euro konnte die Rettung der mehr als 600 Jahre alten vormaligen Patronatskirche, heute Pfarrkirche der Veitsgemeinde, beginnen. Diese Zuwendung verdankt die Kirche ungezählten Käufern von GlücksSpirale-Losen, von denen viele nicht wissen, dass sie mit ihrem Loskauf zugleich Gutes tun. Denn die DSD unterstützte durch die Rentenlotterie von Lotto allein im Land Baden-Württemberg mittlerweile die Sanierung von mehr als 135 Baudenkmalen.

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Blick in den Chor der Veitskapelle Großbildansicht

Hier könnte die freudige Meldung enden, denn dank dieser Spende kam endlich Hilfe für die kleine Veitskapelle, die der Pfarrgemeinde seit Jahren Sorgen bereitet, weil jede Kirchengemeinde heute mit einem gotischen Baudenkmal diesen Ranges allein völlig überfordert ist. Der Scheck ist eben nur eine erste Hilfe! Dabei hatte die Veitskapelle ungewöhnlicherweise den Zweiten Weltkrieg nahezu unbeschädigt überstanden. Die Bewohner des Stadtteils Mühlhausen waren dankbar dafür, dass ihnen dieses baugeschichtliche Kleinod als neue Pfarrkirche angeboten wurde, nachdem ihr eigentliches Gotteshaus im Krieg zerstört worden war. Wer heute in die Veitskapelle kommt, erlebt eine engagierte Gemeinde, die im Stuttgarter Raum für Konzerte, ambitionierte Theateraufführungen und Vorträge bekannt ist.

Volker Wurst vom Ingenieurbüro Grau ist für die Sanierung verantwortlich. Er erläutert uns, warum die Gemeinde trotz des ers­ten Fördervertrages über 85.000 Euro noch immer in so großer Sorge ist: "Es stimmt schon: Das Kirchengebäude ist nicht sehr groß. Langhaus und Chor sind insgesamt nur etwa 23 Meter lang und elf Meter breit. Außerdem haben wir hier das große Glück einer sehr tatkräftigen Pfarrgemeinde. Aber wir wissen jetzt erst, in welch katastrophalem Zustand das gesamte Dach ist!"

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Wo Mauern kaputtgehen, sterben Fresken. Salzplacken sind erkennbar, und wer es wagt, vorsichtig auf die Malereien zu klopfen, erzeugt ein Rieseln von der Oberfläche. Großbildansicht

Grundsätzlich sind überraschende Schadensbilder an alten Kirchendächern keine Seltenheit. Denn erst dann, wenn zum ersten Mal nach mehreren Generationen ein Baufachmann einen jahrhundertealten Dachstuhl genau analysiert, kann das Ausmaß der Schäden zutage kommen. Was kaputt ist, verbirgt sich oft unter Verputz und an den Mauerkronen. Auch in diesem Falle war das alte Dach desolater als befürchtet, und das durchfeuchtete Dachtragwerk der Veitskapelle bot über viele Jahre einen Nährboden für Fäulnis, Insekten- und Pilzbefall. Die Folge: Nun drückt die Mauerkrone die Außenmauern weiter nach außen. Für alle sichtbar sind feine Risse im Mauerwerk, die vor allem im Chor und an den gotischen Fensterscheiteln deutlich zu sehen sind. Hinzu kommt, dass auch der Kirchenfußboden feucht ist. Wenn aber bereits die Raumhülle aus Naturstein Feuchtigkeit aufgenommen hat, dann leidet umso mehr die Ausstattung der Kirche: Kunstwerke, die der Raum seit Generationen birgt - und dazu gehören in der Veitskapelle wertvolle Wandmalereien.

Verbindungen zwischen Stuttgart und Prag

Der größte Schatz der Veitskapelle ist aus den beschriebenen Gründen akut gefährdet: Atemberaubend schön ist die erhaltene Wand- und Gewölbemalerei aus dem 14. bis frühen 15. Jahrhundert, deren Farbenpracht dem Raum eine festliche, ja, eine reiche Atmosphäre verleiht. Haben die Augen sich erst einmal an das gedämpfte Licht im Innenraum gewöhnt, kommen außergewöhnliche Bilder zum Vorschein. Auch bei dieser Kirche steigert sich die Pracht der Ausstattung zum Chor hin, zum liturgisch wichtigsten Raum jeder gotischen Kirche. Der von hohen Fens­tern belichtete Chor ist mit den schönsten und aufwendigs­ten Darstellungen ausgemalt. In zwölf Wandfeldern wird eine Legende erzählt - die Geschichte des heiligen Veit, wobei die Mühlhausener selbst die lateinische ­Urversion des Namens bevorzugen und von ihrem "Vitus" reden.

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Ausschnitt aus dem Veitszyklus: Der heilige Veit wird vom eigenen Vater vor den Richter Valerian geführt. Großbildansicht

Vitus war ein auf Sizilien geborener Senatorensohn, der in der Regierungszeit des römischen Kaisers Diokletian lebte. Die Legende berichtet, dass durch Vitus bereits in Kindertagen viele Menschen kraft seines unerschütterlichen Glaubens geheilt wurden. Nach abenteuerlichen Reisen starb Vitus etwa im Jahr 303 für seine christliche Überzeugung. Unmittelbar nach seinem Martyrium wurde Vitus, ausgehend von seinem engeren Wirkungsraum um Sizilien und Sardinien, an vielen Orten auch nördlich der Alpen verehrt. In mehr als 150 Kirchen werden bis heute Veitsreliquien aufbewahrt, so vor allem in Prag: Der große tschechische Nationalheilige Václav - das ist die historische Persönlichkeit Wenzeslaus, Fürst von Böhmen und Prag - erwarb aus dem Kloster Corvey im 10. Jahrhundert eine Armreliquie des heiligen Vitus. Für dieses wertvolle Glaubenszeugnis ließ er in Prag eine Kirche bauen. Die Prager Veitskirche wurde im Laufe von Generationen erweitert und ist heute als der auf den Kathedralbau Europas ausstrahlende gotische Veitsdom bekannt, den die berühmte, aus Schwaben stammende Architekten- und Bildhauerfamilie Parler maßgeblich prägte.

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Die gotische Veitskapelle in Stuttgart-Mühlhausen wurde 1380 von Mühlhausener Ortsadeligen gestiftet. Großbildansicht

Peter Parler, einer der größten Dombaumeister des 14. Jahrhunderts, wurde um 1330 in Gmünd geboren und von Kaiser Karl IV. 1356 als Dombaumeister nach Prag berufen. Als er dort 1399 hochangesehen und wohlhabend starb, konnte er gewiss sein, dass die männlichen Mitglieder seiner Familie als Architekten, Bildhauer und Dombaumeister in ganz Europa gefragt waren. So sehr Vitus als einer der 14 Not­helfer verehrt wird, so ungewöhnlich ist sein ­Patrozinium für eine Kirche im Stuttgarter Raum. Es erklärt sich nur aus den engen persönlichen Verbindungen des hiesigen Adelshauses mit der Stadt Prag: Wie die Inschrift über dem Nordportal der Veitskapelle mitteilt, war es Reinhard von Mühlhausen, der diese Kirche im Jahr 1380 stiftete. Reinhard und sein Bruder Eberhard lebten im Umfeld des Kaiserhofes Karls IV. in Prag, wo sie im Dienste der Grafen von Württemberg standen. Reinhard ist in Prag als Ratsherr, Richter und mehrfacher Hausbesitzer bezeugt. Aus Prag, der blühenden Handelsmetropole am Schnittpunkt der Via Regia, zu Reinhards Zeit das politische wie wirtschaftliche Zentrum Mitteleuropas, verpflichtete der ausgewanderte Mühlhausener Adelige die besten Handwerker und Künstler für seine Kirchenstiftung. Vermutlich waren dies sogar Meister aus der mitt­lerweile legendären Prager Dombauhütte unter Leitung der europaweit tätigen Künstlerfamilie Parler.

Auf unsere Nachfrage bei der Pfarrerin, wie es in diesem Jahr mit der Sanierung weitergehen soll, antwortet sie skeptisch: "Die Schäden an unserer Kirche sind, wie Sie selbst sehen können, leider gravierender als befürchtet! Dank der Hilfe vieler können wir seit November 2009 nun erst einmal die Gebäudehülle reparieren. Der Architekt hat es uns ja gezeigt: Die Dachsanierung läuft bestens, die kaputten Abdeckungen der Chorstrebepfeiler sind erneuert." Dann seufzt sie: "Wir hoffen sehr, dass unser bei der DSD für 2010 beantragtes Geld doch bewilligt werden kann."

Von der eigentlichen Restaurierung der gotischen Malereien kann man in Stuttgart-Mühlhausen vorerst nur träumen. Denn selbst für die Trockenlegung der Kirche fehlt noch sehr viel Geld, auch wenn bereits die großzügige Mithilfe von Landeskirche, Bund und Land gesichert ist. Ob es nach der Gebäudesanierung überhaupt mit der Festigung der wertvollen Fresken weitergehen kann, hängt davon ab, wie viele Menschen sich nach der eingangs erwähnten, hoffnungsvoll stimmenden Scheckübergabe vom September 2009 als Mitstreiter gewinnen lassen.

Angela Pfotenhauer

Die Kirche ist auf Anfrage geöffnet.
Ev.Pfarramt@veitskapelle.de

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Für die Sanierung der Veitskapelle bitten wir um Spenden in jeder Höhe!

Um gezielt für die Trockenlegung der Kirche zu sammeln, hat die Deutsche Stiftung Denkmalschutz ein Spendenkonto eingerichtet: Commerzbank Bonn, BLZ 380 400 07, Konto-Nr. 305555500 unter der Kennung "1005157M Veitskapelle".

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